Sammelrezension: Grenzobjekte in der Diskussion: In memoriam Susan Leigh Star

Gießmann, Sebastian; Taha, Nadine (Hrsg.): Grenzobjekte und Medienforschung. Susan Leigh Star. Bielefeld : Transcript – Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis  2017 ISBN 978-3-8376-3126-5, 534 S. € 29,99. Url: http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3126-5/grenzobjekte-und-medienforschung

Bowker, Geoffrey C.; Timmermans, Stefan; Clarke, Adele E.; Balka, Ellen (Hrsg.): Boundary Objects and Beyond. Working with Leigh Star. London : The MIT Press  2015 ISBN 9780262528085, VII, 548 S. $ 40.00, £ 30.00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Höhler, Division of History of Science, Technology and Environment, KTH Royal Institute of Technology, Stockholm

Susan Leigh Star, Wissenschafts- und Techniksoziologin, -anthropologin und -historikerin, Ethnographin und Feministin, verstarb 2010 unerwartet und inmitten laufender Arbeiten. Ihre gesamte Beschäftigung mit der Frage, wie Wissenssysteme und -bestände Gesellschaften in-formieren, blieb im Grunde work in progress. Einem größeren akademischen Publikum „vermachte“ sie 1989 zusammen mit James Griesemer die „Boundary Objects“[1], die zu einem einschlägigen Konzept der Science, Technology and Society Studies (STS) geworden sind. Diese „Grenzobjekte“ des Wissens bezeichnen lokal verortete Objekte, die in unterschiedlichen sozialen Kontexten unterschiedlich gedeutet und genutzt werden. Solche Grenzobjekte sind so robust wie anpassungsfähig; sie zirkulieren und vermitteln zwischen verschiedenen Praxisgemeinschaften und ermöglichen so die Kohärenz eines Forschungsfeldes über disziplinäre Grenzen hinweg.

Star arbeitete in Grenzbereichen, in denen die technowissenschaftliche Praxis aus dem Labor in Arbeitsroutinen, bürokratische Ordnungen oder medizinische Tätigkeiten übersetzt wurde und die Selbst- und Fremdzuschreibungen von Menschen bestimmte. Im Zentrum ihrer Studien steht das ambivalente Wirken der forschungsadministrativen Klassifikationssysteme und ihrer Werkzeuge, der Repositorien, Formulare, Programme und Protokolle. Kategorisierungen erweisen sich als äußerst funktional, denn sie produzieren Ordnungen und Sichtbarkeiten, aber zugleich auch Hierarchien und Verwerfungen.[2] Star wollte die Alltagsarbeit der Informationsverarbeitung nicht nur analysieren, sondern auch verändern. Auch im deutschsprachigen Raum inspirierte sie eine wachsende STS-Gemeinde mit ihren politischen, sozialen und ethischen Fragen nach der inkludierenden und exkludierenden Macht technowissenschaftlicher Organisation.

In den letzten Jahren sind zwei umfängliche Bände erschienen, welche die Arbeiten Stars neu lesen und kommentieren und über die engere STS-Gemeinde hinaus bekannt machen sollen. Während die Bände hinsichtlich der Auswahl ihrer Schriften zwischen 1988 und 2010 auf den ersten Blick sehr ähnlich ausfallen, könnten Anlass und Ausrichtung unterschiedlicher nicht sein. Der englischsprachige Band Boundary Objects and Beyond. Working with Leigh Star von 2015 ist eine Hommage der langjährigen Weggefährten aus der englischsprachigen Wissenschafts- und Technikforschung an ihre Zusammenarbeit mit Star. Er ist auch eine Reminiszenz an ihren unkonventionellen und aktivistischen Arbeitsstil und ihre kreativen Publikationsformate. Herausgegeben wurde der Band von ihrem Partner Geof Bowker sowie ihren Freunden und Kollegen Stefan Timmermans, Adele Clarke und Ellen Balka. Der Band Susan Leigh Star. Grenzobjekte und Medienforschung von 2017 hingegen ist weniger um die Erinnerung an die Person Stars bemüht als um die programmatische Rezeption ihres Erbes. Einige ihrer Texte liegen hier erstmalig gesammelt in deutscher Übersetzung vor, um sie für die hiesigen Medienwissenschaften zu erschließen. Die Herausgeber/innen Sebastian Gießmann und Nadine Taha sind Medienwissenschaftler/innen an der Universität Siegen.

Der englischsprachige Band ging aus einem Workshop an der University of California, San Francisco im Jahre 2011 hervor und macht den Werkstattcharakter zum Programm. Kreativ, fantasievoll und sehr persönlich breiten die Beitragenden ihre Do-it-yourself-Methoden zur Rezeption Stars aus. Auf ein Vorwort von Bowker folgt eine zwar luzide, aber merkwürdig knapp geratene Einleitung. Auf neun Seiten kondensiert Timmermans die Hauptanliegen von Stars Arbeiten. Wer eine Einführung in die Beiträge oder gar in ein neues Themenfeld erwartet hatte, wird enttäuscht sein. Das Buch zeigt anschließend in erster Linie die methodische Vielfalt auf, zu der die Lektüre von Stars Texten anregen kann. Die vier Teile „Ökologien“, „Grenzobjekte“, „Marginalitäten“ und „Infrastrukturen“ bilden die wesentlichen Stränge von Stars Forschung ab. Ein Augenmerk liegt auf ihrer Soziologie des systematischen Aussortierens von Menschen und Dingen durch Klassifikationen. Stars Anliegen war es, die „residual categories“ (S. 5), die Restgrößen also, zu untersuchen und sowohl die mit ihrem Ausschluss verbundene wissenschaftliche Disziplinierung als auch das von ihnen ausgehende menschliche Leid zu artikulieren.

Der Band enthält neun von Star verfasste oder mitverfasste Originalbeiträge und eine den Band abschließende posthum publizierte Notiz von ihr. Ein Überblick über die Textauswahl fehlt, die Texte selbst sind spärlich bzw. gar nicht annotiert. Star und ihre Mitautor/innen aus 20 Jahren mischen sich sozusagen nahtlos unter die anderen Autor/innen des Bandes, sodass die Frage nach der Chronologie und Genealogie der Beiträge in den Hintergrund tritt. Auch das Autorenverzeichnis ist inklusiv, es umfasst sämtliche lebenden und verstorbenen Verfasser/innen im Band. Die Leserin soll eintauchen in das Experiment, das die STS als eine gemeinschaftliche und generationenüberschreitende Arbeit versteht.

Der „Marginalitäten“-Abschnitt beginnt mit Stars bekanntem „Zwiebel-Aufsatz“, in dem sie ihre Zwiebelallergie zum Anlass nimmt, die Macht gesellschaftlicher Standards im kollektiven Konsumverhalten – hier von Fast Food – und die schmerzhaften Grenzen individueller Anpassung aufzuzeigen. Stars ethnografische Methode der „Triangulation from the Margins“ (S. 339), so John Leslie King in seinem Beitrag, referiert auf das geometrische Verfahren der Landvermessung, das von den Rändern aus operiert, um die Aspekte sichtbar zu machen, die von der Mitte aus unsichtbar bleiben. Entscheidungen darüber, was etwa ein gehaltvoller Burger, stichhaltiger Eignungstest oder legitimes militärisches Ziel ist, beinhalteten immer auch „moral choices“ (S. 316), wie Jutta Weber und Cheris Kramarae hervorheben. Stars Aufsatz ist auch eine Auseinandersetzung mit der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), wie sie von Bruno Latour und Michel Callon in den 1990er-Jahren propagiert wurde. Einerseits informierte die ANT Stars Arbeiten, andererseits provozierte sie ihren Widerstand aufgrund ihres „managerial or entrepreneurial model of actor networks“ (S. 263), also der aggressiven unternehmerischen Rede des Mobilisierens, Aufstellens und Verbündens, die die Feministin Star nach alternativen Formen von Multiplizität in den STS suchen ließ.

Im „Infrastruktur“-Teil darf Stars Aufsatz „The Ethnography of Infrastructure“ von 1999 nicht fehlen. Infrastrukturen und ihre Routinen erscheinen uns als „mundane to the point of boredom“ (S. 473), sie verlieren ihre Banalität erst im Moment ihres Zusammenbruchs, der ihre verborgenen inneren Strukturen und Mechanismen zum Vorschein bringt. Star wollte wissen, wie Infrastrukturen in gesellschaftliche Strukturen eingebettet sind, auf welche Weise sie gesellschaftliche Konventionen materialisieren und wie sie sich von konkreten Orten aus zeitlich und räumlich inkrementell ausbreiten. Ihr Konzept der „distributional justice“ (S. 459) untersucht die integralen und relationalen Eigenschaften von Infrastrukturen auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit hin. Wer hat Anschluss? Diese Frage stellt sich in Bezug auf komplexe Infrastrukturen des Transports ebenso wie auf alltägliche Mobilität, die Jane Summerton in ihrem Beitrag untersucht. Stars Thema der Kollektivität kommt auch im Nachwort mit dem Titel “On the Distributedness of Leigh” zur Sprache. Helen Verran beschreibt darin, wie Star Möglichkeiten umfing und kultivierte, den gesellschaftlichen Zwängen des sich Sammelns, Individuierens und Vergleichens zu entkommen.

Auch der deutschsprachige Band, der open access ist[3], wurde mit einem persönlichen Vorwort Bowkers gleichsam als Star-Nachlass autorisiert. Hervorgegangen ist er aus einem 2015 in Siegen abgehaltenen Workshop. Was der amerikanische Band vermissen lässt, stellt der deutsche Band eindrucksvoll zur Schau: sorgfältige Edition, Übersichtlichkeit, Stringenz und Lesefreundlichkeit. Die fast 70 Seiten starke Einleitung der Herausgeber/innen sticht besonders heraus. Gießmann und Taha verknüpfen darin Stars Biographie und Bibliographie zu einer Gesamtschau, die nicht fürs Archiv verpackt, sondern einer medienwissenschaftlichen Lektüre zugeführt wird. Obwohl die Forschungsfelder, in denen sich Stars Arbeiten verorten lassen, „ohne einen starken Medienbegriff“ (S. 31) auskamen, ging es bei den von ihr analysierten Labels, Listen, Plänen und Systemen der Klassifikation doch immer um vermittlungsorientierte, praxistheoretische und infrastrukturelle Medien, deren Bestandsaufnahme den „Practice Turn in der Medienforschung“ (ebd.) beflügelten. Der Band betreibt „ein dreifaches Übersetzungsvorhaben“ (S. 15), das neben der sprachlichen Übertragung ins Deutsche und der interdisziplinären Würdigung auch auf eine verstärkte medienwissenschaftliche Adaption von Stars Arbeiten abzielt.

In den drei Teilen des Bandes – „Grenzobjekte“, „Marginalität und Arbeit“ sowie „Infrastrukturen und Praxisgemeinschaften“ – werden elf Beiträge, die Star allein oder mit anderen verfasst hat (davon sechs auch im hier besprochenen englischsprachigen Band), auf ihre medientheoretische und -ethnografische Verfasstheit gelesen. Die Autor/innen sind in den deutschsprachigen Medien- und Filmwissenschaften, Geschichts- und Sozialwissenschaften tätig. Sie verdeutlichen, dass Grenzobjekte nicht nur marginale Objekte, sondern auch marginale Medien oder „Grenzmedien“ („Boundary Media“, S. 117) sind und deshalb die Praxis des „Infrastrukturierens“ (S. 55–57) als medialer Prozess betrachtet werden sollte. Ob Apparate der Administration und Bürokratisierung oder der technischen Abläufe und Organisation: Infrastrukturierung bezeichnet raumzeitliche Prozesse der Medialisierung. Auf Grenzobjekten beruhende Standardisierungsprozesse bilden „Grenzinfrastrukturen“ (S. 41), die sich „als koordinative und zugleich gestaltbare Medien“ (S. 42) auffassen lassen. Stars Arbeiten seien, so Monika Dommann in ihrem Beitrag, gewissermaßen als Aufrufe zum „Entziffern der Packungsbeilagen des Informationszeitalters“ (S. 443) zu verstehen. Ein Telefonbuch und seine Zusammenstellung könnten als ein solcher „Beipackzettel“ ebenso aufschlussreich sein wie die tatsächlichen Beipackzettel, die Gebrauchsinformationen von Medikamenten.

Stars Arbeiten erfahren in diesem Band jedoch auch Widerspruch. Der Artikel „Dies ist kein Grenzobjekt“, den Star 2010 kurz vor ihrem Tod verfasste, wird von den Herausgeber/innen als „wissenschaftstheoretische Rückrufaktion“ (S. 27) bezeichnet. In ihrem Text erläutert Star, dass bei der Untersuchung von Geltungsbereichen eines Grenzobjektes neben der umstrittenen interpretativen Flexibilität auch dessen Struktur und Größenordnung bzw. Granularität zu berücksichtigen sei. Ihre Erklärung ermögliche zugleich eine Erweiterung des Konzeptes, die das Grenzobjekt auch in neuen Wissens- und Praxisgemeinschaften ohne Konsens zirkulieren lassen sollte. Medienwissenschaftlich lasse sich die „Strukturierung der Grenzobjekte“ (S. 233) nach Erhard Schüttpelz jedoch auch als Beweis der Konsistenz des ursprünglichen Konzeptes lesen, die gerade in den Eigenschaften der Modularisierung und Ergänzungsfähigkeit des Grenzobjektes beschlossen liege.

In ihrem mit Bowker und Laura Neumann 2003 verfassten Aufsatz „Transparenz jenseits individueller Größenordnungen“ untersucht Star die Zugänglichkeit und „Transparenz“ großangelegter Informationssysteme durch Gemeinschaftsschnittstellenfunktionen, die durch die “Konvergenz“ von Wissen und Ressourcen sowie von Datenverarbeitungswerkzeugen und Praxisgemeinschaften entstehe. Star verband mit verbesserter Nutzbarkeit und Teilhabe die Hoffnung auf eine „soziale Informatik“ (S. 468). Der Band bringt hingegen den Einwand des Etikettenschwindels vor, denn Stars Deklaration der „Gebrauchstauglichkeit“ eines Informationssystems verfehle es, zwischen der Deskription einer Anwendung und ihrer Präskription, also den in der Anwendung aufgehobenen Zielen und Zwecken, zu unterscheiden, wie Bernhard Nett in seinem Beitrag hervorhebt. Eben diese in die Nutzbarkeit eingeschriebenen Zielrichtungen gelte es, medienwissenschaftlich sichtbar zu machen.

Zwei Bände, zwei Ausrichtungen: Dies kann selbst als Zeichen für Stars Vielfältigkeit gelesen werden. Beide Bände sind etwa 500 Seiten stark, beide sind mit einem Register versehen und warten mit prominenten Vertretern und Vertreterinnen der jeweiligen wissenschaftlichen Praxisgemeinschaft auf. Während die Textauswahl und -ordnung Überschneidungen aufweisen, sind bis auf Star selbst, ihren Partner Bowker und ihre Mitautor/innen keine der Beitragenden identisch. Geographisch und erkenntnistheoretisch handelt es sich um unterschiedliche Wissensgemeinschaften. Wollten wir eine Buchbesprechung im Sinne Stars als eine Sichtbarmachung wissenschaftlicher Arbeit verstehen, so sei gesagt, dass der deutschsprachige Band mehr „schafft“. Er ist nicht nur leserlicher, sondern hinsichtlich der Programmatik der Übersetzung von Stars Arbeiten in ein neues Feld auch lesenswerter. Der englischsprachige Band hingegen ist sicherlich ansprechender für die wachsende multi- und transdisziplinäre Gemeinschaft der STS-Forschenden, da er auf unkonventionelle und experimentelle Weise das Forschungsfeld umreißt und erweitert.

Der englischsprachige Band bietet als Zugabe ein Verzeichnis von Stars Schriften. Möge diese Liste selbst als ein wissenschaftstypisches Grenzobjekt zwischen Fachgebieten und Kontinenten zirkulieren, vermitteln und in immer neuen Zusammenhängen interpretiert und kreativ ergänzt werden. Es bleibt viel zu tun.

Anmerkungen:
[1] Susan Leigh Star / James R. Griesemer, Institutional Ecology, ‚Translations’ and Boundary Objects. Amateurs and Professionals in Berkeley’s Museum of Vertebrate Zoology, 1907–39, in: Social Studies of Science 19 (1989), S. 387–420. Der Text befindet sich in beiden hier besprochenen Sammelbänden.
[2] Siehe Geoffrey C. Bowker / Susan Leigh Star, Sorting Things Out. Classification and Its Consequences, Cambridge, Mass. 1999.
[3]https://www.oapen.org/download?type=document&docid=6404330433 (25.05.2019).

Zitation
Sabine Höhler: Rezension zu: Gießmann, Sebastian; Taha, Nadine (Hrsg.): Grenzobjekte und Medienforschung. Susan Leigh Star. Bielefeld  2017 / Bowker, Geoffrey C.; Timmermans, Stefan; Clarke, Adele E.; Balka, Ellen (Hrsg.): Boundary Objects and Beyond. Working with Leigh Star. London  2015 , in: H-Soz-Kult, 13.06.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26566>.