B. Schmidt: Visualizing Orientalness

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Titel
Visualizing Orientalness. Chinese Immigration and Race in U.S. Motion Pictures, 1910s–1930s


Autor(en)
Schmidt, Björn A.
Erschienen
Köln 2016: Böhlau Verlag
Umfang
399 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Amenda, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück

Das neue Medium Film faszinierte im frühen 20. Jahrhundert die Menschen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer konnten sich in den Kinosälen zerstreuen und in unbekannte Welten eintauchen. Wichtige Sujets im frühen Film bildeten Exotik und „Fremde“, die in den bewegten Bildern ausgebreitet und inszeniert wurden. In den USA traten, vor dem Hintergrund der chinesischen Einwanderung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, häufig „chinesische“ Figuren in Filmen auf und verkörperten für ein weißes Publikum eine kulturelle und „rassische“ Fremdheit. Chinesische Migranten bildeten eine besondere Gruppe, denn 1882 schlossen die Vereinigen Staaten die Einwanderung chinesischer Arbeiter mit dem „Chinese Exclusion Act“ aus und erklärten damit erstmals eine Gruppe als unerwünscht.

Welche Inhalte transportierten die filmischen Repräsentationen chinesischer Migranten aber genau und welche Veränderungen vollzogen sich dabei zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Diesen Fragen geht Björn A. Schmidt in seiner an der Universität zu Köln entstandenen Dissertation nach, die explizit historische Film- und Migrationsforschung miteinander verbinden und gegenseitig nutzbar machen möchte. Es kann vorweggenommen werden, dass ihm dieses sehr gut gelingt und die von ihm untersuchten Filme kenntnisreich mit Blick auf die chinesische Migrationsgeschichte gedeutet werden. Seine Analyse von 85 Produktionen aus den 1910er- bis 1930er-Jahren bettet Schmidt in umfangreiche theoretische Reflexionen ein. So bezieht er sich, worauf bereits der Titel hinweist, auf die spezifische Konstruktion des Anderen im Orientalismus. In den USA galten Chinesen als orientals, wie auch im deutschen Sprachraum um 1900. Chinesische Figuren und Schauspieler liest und interpretiert er insbesondere als visuelle Quellen, stellten die einschlägigen Filme doch „a unique and highly influental medium“ (S. 16) für populäre Vorstellungen von chinesische Migranten dar. Etwas überraschend verzichtet er auf die nähere Untersuchung der beiden populärsten chinesischen Filmrollen jener Epoche – der chinesischen Schreckensfigur Fu Manchu und des im Vergleich dazu sympathischen Kriminalkommissars Charlie Chan, da diese bereits ausführlich erforscht seien (S. 34). Nicht zuletzt beruft sich der Verfasser auf Michel Foucault und die Produktion von Wissen und Herrschaft mittels Diskursen und Dispositiven, die er als zentrales theoretisches Rüstzeug anführt.

Aufgeteilt ist die Studie in vier größere Teile, die jeweils einen thematischen Komplex, ein diskursives Feld behandeln: die Praxis der „rassischen“ Maskerade (yellowface), den urbanen Raum der Chinatown, die Adaption an den US-amerikanischen Lifestyle (Americanization), und schließlich die Grenze als symbolische Demarkationslinie von „illegaler“ Einwanderung. Das blackface hatte in den USA eine lange Geschichte und zementierte rassistische Vorstellungen in der Unterhaltungskultur. Nach diesem Vorbild spielten weiße Schauspielerinnen und Schauspieler in Filmen wie „Mr. Wu“ (1927), „The Hatchet Man“ (1932) oder den besagten Fu Manchu-Filmen mit dem Schauspieler Boris Karloff chinesische Migranten und ironisierten bis skandalisierten diese damit. Seinen Höhepunkt, den „zenith of visualizing racial difference for mainstream audience“ (S. 59), erreichte das yellowface im Film in den 1920er- und 1930er-Jahren. Aufschlussreich sind die detaillierten Informationen über das Schminken und veröffentlichte Anweisungen, die das making up von Chinesen sprichwörtlich erst möglich machen. Schmidt zeichnet zudem den Wandel von Schauspielerinnen wie Loretta Young und Myrna Loy nach, die in Fortgang ihrer Karriere zunehmend positiv besetzte Frauenrollen spielten, die sich mit den Werten der „weißen“ Gesellschaft deckten.

Um 1850 entstand in San Francisco, später auch in anderen US-amerikanischen Städten, eine Chinatown und trug maßgeblich zur erhöhten Sichtbarkeit der vergleichsweise kleinen Gruppe chinesischer Migranten bei. Die Chinatowns weckten sofort eine touristische Neugierde, die später in Filmen wie „The Tong Man“ (1919), „A Tale of Two Worlds“ (1921) oder „Chinatown Nights“ (1929) bedient wurde. „Virtually everyone could visit chinatown just by going to the movie theater.“ (S. 109). Die Filme visualisierten die Diskurse über eine vermeintliche chinesische Unterwelt und notorische Verbrechen, was wiederum die touristische Attraktivität erhöhte. Björn A. Schmidt kann Wechselwirkungen zwischen den Chinatowns und dem Film aufzeigen, so ahmten frühe Streifen geführte Touren nach, während vor Ort die „Authentizität“ und Gefährlichkeit gegenüber Touristen künstlich in Szene gesetzt wurde.

Dass chinesische Migranten in den USA aber nicht für ewig als nicht assimilierbare Fremde galten, beleuchtet das dritte Kapitel über Akkulturation und Amerikanisierung. In den 1930er-Jahren und nicht zuletzt im Zweiten Weltkrieg, in dem die Chinesische Republik ab 1941 auf Seiten der Alliierten stand, verbesserte sich das Bild chinesischer Migranten merklich. Eine Reihe von Filmen wie „Old San Francisco“ (1927) und abermals „The Hatchet Man“ (1932) mit Anna May Wong, die auch auf dem Buchtitel zu sehen ist, beinhalteten weibliche Rollen der „Chinese flapper“ und bildeten die Anpassung an den US-amerikanischen Lifestyle ab, ohne dabei auf „rassische“ Grenzziehungen vollends zu verzichten.

Die Grenze, vor allem die zu Mexiko, behandelt schließlich das vierte und letzte Kapitel. Das US-amerikanische Migrationsregime betriebt einen großen Aufwand, um eine „illegale“ Einwanderung nicht zuletzt chinesischer Migranten zu verhindern. Letztere antworten darauf auf unterschiedliche Weise, sei es mit heimlichen Grenzübertritten oder mit falschen Papieren. Filme wie „Sky High“ (1922) und „Riding Speed“ (1934) behandelten die Kontrolle und Bewachung und verherrlichten den Einsatz der Grenzwächter, deren Mut und Männlichkeit über die Hinterlist der Schmuggler triumphiert.

Die Studie von Björn A. Schmidt bietet zahlreiche weitere Details und Lesarten von Filmen und beeindruckt insgesamt aufgrund der Quellenbasis und einer durchgängigen theoretischen Reflexion. Überzeugend wird dargelegt, wie filmische Repräsentationen ein diskursives Wissen produzierten und verstärkten und wie sich dieses auch außerhalb der cineastischen Welt niederschlug. Filme beeinflussten zweifelsfrei die Wahrnehmung chinesischer Migranten, aber sie taten dies neben anderen Medien wie der Unterhaltungsliteratur (pulp fiction) und weiteren visuellen Erzeugnissen wie Spielzeugen und Comics, die zumindest als Kontext stärker berücksichtigt hätten werden können. Auch der Blick auf Transfers von außerhalb der USA wären aufschlussreich gewesen. Die fiktionale und später in den USA so populäre Figur des Fu Manchu entsprang in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg etwa der Fantasie des englischen Journalisten Arthur Ward, bekannter unter dem martialischen Pseudonym Sax Rohmer. So naheliegend es auch sein mag, die Visualität von Filmen zu untersuchen, so sehr sind diese doch auch audiovisuelle Quellen. Stimmen und Geräusche werden zwar an wenigen Stellen erwähnt, hätten aber meines Erachtens mehr Raum verdient.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Björn A. Schmidts Studie sehr überzeugend Film als Quelle der Geschichtswissenschaft erschließt und einen wichtigen Beitrag leistet, die Geschichte chinesischer Migrantinnen und Migranten in den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts näher zu beleuchten, indem sie viele bislang kaum untersuchte Filme vorstellt und deutet.

Zitation
Lars Amenda: Rezension zu: : Visualizing Orientalness. Chinese Immigration and Race in U.S. Motion Pictures, 1910s–1930s. Köln  2016 , in: H-Soz-Kult, 21.02.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26575>.
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Veröffentlicht am
21.02.2018
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