K. Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus

Cover
Titel
Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er-1920er Jahre


Autor(en)
Kerl, Kristoff
Erschienen
Köln 2016: Böhlau Verlag
Umfang
374 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Taubitz, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Welche Umstände schaffen es, einen Mordfall an einer jungen Arbeiterin – nicht etwa an einem Zaren oder Kronprinzen – noch 100 Jahre nach der Tat zu einem umstrittenen Ereignis zu machen? Mary Phagan wurde 1913 in Atlanta vergewaltigt und ermordet. Angeklagt und verurteilt wurde der jüdische Fabrikleiter Leo Frank. Nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft wurde er im Jahr 1915 von einem Mob aus dem Gefängnis gezerrt und gelyncht. Dass sein Lynching sich nicht nahtlos in die geschätzten 3.500 Lynchmorde an Afroamerikanern nach dem Bürgerkrieg einreihte, zeigt seine außergewöhnliche Wirkungsgeschichte: thematisiert in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, nachgespielt in Miniserien, Spielfilmen und einem Broadway Musical und noch heute diskutiert auf Blogs und Websites. Der zwei Jahre währende Fall Leo Frank läutete die zweite Ära des Ku-Klux-Klan ein, führte zur Gründung der „Anti Defamation League“ und zum Exodus von 3.000 Juden aus Atlanta.

Kristoff Kerls Buch, das auf seiner an der Universität zu Köln verfassten Dissertation basiert, beschäftigt sich jedoch nicht mit den Auswirkungen und der Rezeption des Vorfalls, sondern mit dessen Vorgeschichte. Das Geschehnis wird als Schlüsselereignis beschrieben, in dem sich aus dem Rassismus des amerikanischen Südens sowie der durch soziökonomische und soziokulturelle Entwicklungen in der Nachkriegszeit in die Krise geratenen angloamerikanischen hegemonialen Männlichkeit der moderne Antisemitismus synthetisierte.

Der Titel des Buches wie auch Franks Foto auf dem Buchdeckel lenken deshalb etwas in die Irre, denn nur in der Einleitung und im ersten Kapitel beschäftigt sich der Text dezidiert mit Leo Frank selbst. Im weiteren Teil der Arbeit ist der Fall der Kulminationspunkt, auf den verschiedene antisemitische Diskurse, die sich nach dem Ende des Bürgerkriegs entfalteten, zusammenlaufen.

Im zweiten Kapitel nimmt Kristoff Kerl Bezug auf die Figur des „Carpetbeggars“. Carpetbeggar war ein politischer Kampfbegriff im amerikanischen Süden, mit dem Nordstaatler bezeichnet wurden, die nach dem Bürgerkrieg die wirtschaftliche, politische und kulturelle Transformation in den Staaten der Konföderation vorantrieben. Als Mitglieder oder Anhänger der Republikanischen Partei konnten sie oft hohe Ämter besetzen und wurden von ihren politischen Gegnern als „Seuche des Südens“ diffamiert (S. 105ff). Kristoff Kerl beschreibt, wie Zuschreibungen, die in der Ära der Reconstruction den Yankees galten, zunehmend auf Juden übertragen wurden.

Im dritten Kapitel wird mit dem „Yeoman“ die Gegenfigur zum Carpetbeggar eingeführt. Yeoman waren unabhängige Farmer, die ihren eigenen Boden bewirtschafteten und seit der Gründung der USA als Ideal amerikanischer Lebensführung galten. In der positiven Selbstdarstellung der angloamerikanischen Südstaatler nahmen sie eine wichtige Rolle ein. Nach dem Bürgerkrieg stürzten sie in eine wirtschaftliche Krise und fanden in Yankees und Juden die Verantwortlichen für die ökonomischen und sozialen Veränderungen und ihren wirtschaftlichen Niedergang.

Das vierte Kapitel analysiert die Urbanisierung, die unter anderem mit der verstärkten Erwerbstätigkeit von Frauen in der Industrie einherging, als weitere Krisenursache. Der wirtschaftliche Abstieg ging somit mit einem moralischen Niedergang einher, da traditionelle Familien- und Geschlechternormen herausgefordert wurden. Kristoff Kerl zeigt, wie auch hier Juden zu Wegbereitern und Profiteuren der als Bedrohung wahrgenommenen Industrialisierung und Urbanisierung des amerikanischen Südens erklärt wurden.

Die Synthese dieser antisemitischen Strömungen bildet der Leo-Frank-Fall. Das letzte Kapitel befasst sich mit der Neugründung des Ku-Klux-Klan als erster antisemitischer Massenorganisation in den USA. Juden wurden als Bedrohung der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung betrachtet, indem zuvor „unverbunden nebeneinander bestehende antisemitische Elemente zu einer umfassenden antisemitischen Weltsicht vereint wurden“ (S. 297). Kristoff Kerl zeigt eindrucksvoll, wie sich antisemitische Bilder und Vorstellungen zu mächtigen diskursiven Formationen verdichteten und an bereits bestehende negativ besetzte Figuren – wie etwa den Carpetbeggar oder Yankee – angedockt wurden.

Die überzeugende Schilderung einer neuen Form des Antisemitismus in den USA lässt auch verschmerzen, dass über weite Teile des Buches keine Beschäftigung mit Leo Frank selbst stattfindet und man nur wenig über Mary Phagan, den afroamerikanischen Hauptbelastungszeugen James Conley und den antisemitischen Agitator Thomas Watson erfährt. Die Akteure werden vielversprechend eingeführt und dann aus den Augen verloren. Dies ist insofern zu verkraften, als der Fall nicht die „Smoking Gun“ ist, die im Archiv entdeckt wurde, sondern bereits viel Wissen über den Fall existiert. Dass der Historiker nicht zum zigsten Mal den Gerichtsfall im Stil einer der beliebten „True-Crime Documentaries“ neu aufrollt und versucht, den Mörder eindeutig zu identifizieren, ist somit eine Stärke des Buches.

An manchen Stellen ist die Entfernung zum Fall jedoch zu groß. So wird in lediglich einem Satz darauf hingewiesen, dass die Gründungsmitglieder des zweiten Ku-Klux-Klan sich fast ausschließlich aus Männern zusammensetzten, die am Lynching Leo Franks beteiligt waren (S. 276). Hier hätte ich mir gewünscht, dass näher auf die Akteure eingegangen worden wäre, um das Beziehungsgeflecht zwischen dem Fall und dem Ku-Klux-Klan darzustellen. Hier hätte auch die Analysekategorie Männlichkeit plastischer herausgearbeitet werden können.

Und das ist dann auch mein Hauptkritikpunkt. Kristoff Kerl wiederholt mantraartig, dass die Krise der hegemonialen Männlichkeit die geschilderten Prozesse verstärkte beziehungsweise hervorrief. Es wird jedoch nicht ausbuchstabiert, wie genau sich die Krise der Männlichkeit manifestierte. Um es deutlicher zu formulieren: Es gibt keinen herkulischen John Rambo, der vom Krieg traumatisiert und von der Gesellschaft ausgeschlossen die krisengeschüttelte Männlichkeit zwischen testosterongesättigter physischer Unüberwindbarkeit und tiefen psychischen Verletzungen symbolisiert, so wie dies etwa für die US-amerikanische Zeitgeschichte der Fall ist. Die Quellen, die Kristoff Kerl präsentiert, lassen nicht ausreichend nachvollziehen, warum krisenhafte Männlichkeitsdiskurse im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Schlüssel sind, um die Entstehung eines modernen Antisemitismus im Zuge des Leo-Frank-Falls zu verstehen.

Zitation
Jan Taubitz: Rezension zu: : Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er-1920er Jahre. Köln  2016 , in: H-Soz-Kult, 24.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26576>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.10.2017
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