S. Pielhoff u. a.: Im Hause Krupp

Cover
Titel
Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel


Autor(en)
Pielhoff, Stephen; Murauer-Ziebach, Waltraud
Erschienen
Umfang
224 S., 216 Abbildungen
Preis
€ 12,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Joris, Zürich

Nachdem die drei ersten schmalen und elegant gestalteten Bände der "Kleinen Reihe Villa Hügel“ den Park, das Haus und das Historische Archiv Krupp behandelten, fokussiert sich der vierte reich bebilderte Band auf die vor dem Ersten Weltkrieg bis zu 650 Personen zählenden Beschäftigten: von Kammerzofen, Kindermädchen und Erzieherinnen über Köche, Stallmeister und Bibliothekare bis zu Sekretärinnen, Gärtnern und Bierbrauern. Darunter waren auch einige wenige Selbständige, wie der Verwalter der Bierhalle oder der Frisör. Wegen der unglaublichen Zahl von Beschäftigten, der Fürsorgeeinrichtungen und der affiliierten Landwirtschafts- und Gewerbebetriebe weist die Villa Hügel weit über typische großbürgerliche Haushalte mit mehrheitlich im selben Haus wohnenden Hausangestellten hinaus. Der „Hügel“ entsprach mit den vielfältigen Gebäuden und Anlagen gleichermaßen einer adligen Residenz wie einem Wirtschaftsunternehmen. Der Luxus und der Aufwand im Leben auf dem Hügel sei, so der Autor und die Autorin, wohl am ehesten vergleichbar mit der Lebensweise der Rothschild in England und Frankreich oder der Rockefeller in den USA gewesen, die "Bedienstetenkultur dieser superreichen Wirtschaftselite" sei aber noch kaum Gegenstand der Forschung geworden (S. 26).

Die für ein breiteres Lesepublikum konzipierte Darstellung umfasst die Zeit von der Planung der Villa um 1870 bis zu deren Auflösung als Wohnsitz der Industriellenfamilie 1945. Einzig das im einleitenden Kapitel definierte Verständnis von “Paternalismus“ verweist auf einen theoretisch-methodischen Ansatz. Die Autoren sehen Paternalismus als System lebenslanger Tauschbeziehungen zwischen sozial sehr ungleichen Partnern – Lohn, Sicherheit und soziale Leistungen auf der einen, Disziplin, Loyalität und Fleiß auf der anderen Seite – und damit implizit als eine das Verhältnis zwischen Herrschaft und Bedienstete prägende Kategorie. Doch bedürfte in diesem Kontext der Begriff “Tauschbeziehungen“ einer kritischeren Hinterfragung, sind doch in diesen Beziehungen zwischen ungleichen Partner gesamtgesellschaftliche Machtverhältnisse eingeschrieben, deren sich Stephen Pielhoff als Spezialist für Formen bürgerlichen Paternalismus während des Kaiserreichs wohl bewusst ist.

Dem Historiker Pielhoff und der Kulturjournalistin Murauer-Ziebach standen umfangreiche und vielfältige Quellen aus dem Historischen Archiv Krupp zur Verfügung, neben Briefen, Verträgen, Arbeitszeugnissen, Listen von Beschäftigten, Werbematerialien und Zahlungsbelegen ein riesiger Fundus an Fotografien. Letztere dienen primär der Illustration der nach thematischen Schwerpunkten aufgebauten Kapitel, sie ließen sich aus bildtheoretischer und fotogeschichtlicher Perspektive weit differenzierter analysieren. Doch ein solch analytischer Zugang würde wohl die publikumsspezifische Ausrichtung des Bandes sprengen. Während die Texte die Situation der Beschäftigten einbeziehen, kommt in den Fotografien vor allem die herrschaftliche Perspektive zum Ausdruck, die Selbstinszenierung einer einflussreichen Industriellenfamilie mit allen Attributen einer großbürgerlichen Lebensführung, die auch die Fürsorge für die Angestellten nicht ausschließt. Die Bilder zeigen aber ebenso die engen Verflechtungen der Familie mit den politischen Machträgern im Kaiserreich und im Nationalsozialismus. Gleichzeitig zeugen die Porträts von Beschäftigten aufgrund von Frisuren, Kleidung und Haltung von der Hierarchie unter den Angestellten und der Geschlechterordnung. Frauen tragen eher schön gebügelte weiße Schürzen, die Männer häufiger Uniformen. Während diese Kleidung der Männer in einem eigenen Unterkapitel ausführlich dargestellt wird, wird der diesbezügliche Unterschied zu den weiblichen Beschäftigten nicht thematisiert, die Bedeutung männlicher Uniformierung aber ebenso wenig gesellschaftspolitisch kontextualisiert. Allgemein definieren die Bildlegenden lediglich die abgebildeten Personen und Situationen und enthalten sich jeglicher kritischen Kommentierung. Die Darstellung ist leicht lesbar, die Sprache dennoch differenziert. Während die auf die Repräsentation bezogenen Quellen zu wenig hinterfragt werden, entspricht die Auswertung der auf die Arbeitsbedingungen bezogenen Textmaterialien wissenschaftlichen Ansprüchen, ebenso wie die Anmerkungen, Quellen- und Literaturnachweise am Schluss des Bandes.

Das erste Kapitel “Das Haus der Krupps“ behandelt das Thema sowohl als Bau- wie Familiengeschichte. Der Besitz umfasste neben der Villa, dem Gästehaus und den Mietwohnungen für Angestellte unter vielem anderen auch Werkstätten, Treibhäuser, ein Gasthaus, einen Frisörladen sowie einen Schiessstand, eine Reitbahn und einen Schlittschuhteich. Laufend ergänzten neue Einrichtungen bis hin zu einem Elektrizitätswerk und einem eigenen Bahnhof die Anlage. Die zweite Generation auf dem Hügel war über die Heirat von Friedrich Alfred Krupp mit Margarethe, Freiin von Ende zum ersten Mal verwandtschaftlich mit dem Adel verbunden, eine Verbindung, die aber erst mit der Heirat der Tochter Bertha mit dem Diplomaten Gustav von Bohlen und Halbach zementiert wurde. Deren ältester Sohn Alfried Krupp von Bohlen und Halbbach nutzte bis zu seiner Verhaftung durch die Amerikaner als Letzter die Villa als Wohnsitz.

Das Kapitel “Der Hügel – Arbeitswelt und Lebenswelt“ thematisiert nicht nur die verhältnismäßig guten Arbeitsbedingungen wie Lohn und Altersversicherung, sondern ebenso die von den Herrschaften verlangte Verschwiegenheit und Disziplin. An der Spitze der Befehlskette stand über sieben Jahrzehnte der Direktor der Hügelverwaltung. Die beiden letzten Direktoren waren bekennende Nationalsozialisten. Auffallend ist die bedeutende Zahl lebenslanger Anstellungen mit wechselnden Funktionen, ebenso die Beschäftigung von Ehepaaren und Verwandten. Erst in der Zwischenkriegszeit wurden auf dem Hügel viele Beschäftigte entlassen und Löhne gekürzt. Ausgehend von der konkreten und beispielhaften Beschreibung einzelner Tätigkeiten der verschiedenen Bediensteten werden gleichzeitig höchst anschaulich die Ansprüche der Herrschaften sichtbar. So erzeugten die strenge Hierarchie und die ständigen Kontrollen selbst in der angegliederten Wohnsiedlung für Beschäftigte Wirkung. Die Mietverhältnisse implizierten ein auf Ordnung und Reinlichkeit bestimmtes Leben auch außerhalb der Arbeitszeit. Was mit wenigen Ausnahmen – vorwiegend Männer – fehlt, ist ein Verweis auf die Herkunft der Beschäftigten.

Bezüglich Paternalismus und Patriarchalismus erweist sich das Kapitel “Arbeitsbeziehungen“ dank facettenreicher Beispiele als aufschlussreich. Die starke Spanne zwischen den Gehältern zeugt ebenso von der Hierarchie wie der Ungleichheit zwischen den Frauen- und Männerlöhnen. So verdiente der Hauslehrer in etwa das Doppelte wie die gleich ausgebildete Hauslehrerin, ein Pferdeknecht weit mehr als eine Haushälterin. Das Krupp’sche Fürsorgesystem zeigte sich zwar als äußerst großzügig, doch war es vor allem von männlicher Seite gepaart mit Misstrauen gegenüber den Bittstellenden, während Margarethe und Bertha Krupp weit eher auch persönliche Beziehungen zu den im Hause beschäftigten Frauen pflegten. Die oft demonstrative Großzügigkeit bekräftigte “als soziale Geste von oben nach unten Überlegenheit und Abhängigkeit“ (S. 138). Im letzten Kapitel wird unter dem Titel “Kunst der Repräsentation“ vor allem der große Aufwand für den Empfang illustrer Gäste wie dem deutschen Kaiser oder dem König von Siam thematisiert, die sich eben auch in der Menge und Kleidung der Bediensteten spiegelte.

Da sowohl auf Ebene der Herrschaften als auch der Bediensteten geschlechterspezifische Zuordnungsmuster, Normierungen und Hierarchien deutlich werden, hätte die Darstellung durch eine auch nur kurze Problematisierung der diesbezüglichen Asymmetrien gewonnen. Dass eine macht- und gesamtgesellschaftliche politische Kontextualisierung weitgehend fehlt, ist wohl das größte Manko dieses Bandes. So erweisen sich die – allerdings seltenen – verschleiernden und nichtssagenden Kommentare, wie: “Nach wie vor ist der geschichtsträchtige Ort ein Symbol für den ‘Mythos Krupp‘ – mit allen Licht- und Schattenseiten“ als ärgerlich (S. 25). Derartige Mängel sind vor allem der Ausrichtung auf ein breites Publikums geschuldet. Dennoch ist der Band wegen der vielfältigen Beispiele der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bediensteten eines die Normen sprengenden großbürgerlich-adligen Grossbetriebs wertvoll. Das am Schluss des Bandes auf die Frage «Wie im Märchen?» gezogene kantenlose Fazit ist jedoch weniger wissenschaftlich begründeter Erkenntnis geschuldet als werbewirksamer Kommunikation für Kultur beflissene Besuchende: “Das alles war der Hügel: Ein mythischer Erinnerungsort deutscher Geschichte, eine prächtige Repräsentationskultur, ein Amalgam aus bürgerlichen und adeligen Lebensstilen, ein hierarchisch organisierter und weitestgehend reglementierter Betrieb, ein Ort steter Kontrolle und großzügiger Fürsorge, eine fast immer reibungslos funktionierende Maschine und ein eigener Mikrokosmos, wo Menschen mit allen ihren Stärken und Schwächen miteinander arbeiteten und lebten.“ (S. 203).

Zitation
Elisabeth Joris: Rezension zu: : Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel. Berlin  2016 , in: H-Soz-Kult, 06.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26617>.