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Titel
'Because I am Greek'. Polyonymy as an Expression of Ethnicity in Ptolemaic Egypt


Autor(en)
Coussement, Sandra
Erschienen
Leuven 2016: Peeters Publishers
Umfang
XIX, 429 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Sänger, Seminar für Alte Geschichte / Institut für Epigraphik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Das hier zu besprechende Werk ist aus einer Dissertation hervorgegangen, die die Autorin Sandra Coussement im Rahmen des an der Katholieke Universiteit Leuven angesiedelten Projekts „Creating Identities in the Graeco-Roman World“ (2008–2012) verfasst hat. Es widmet sich dem komplexen Thema der Ethnizität im Ptolemäerreich von Seiten der Onomastik und Prosopographie. Der Studie liegt die unter der Federführung der Leuvener Kollegenschaft stehende, online verfügbare Trismegistos-Datenbank zugrunde; aufbauend auf der Prosopographia Ptolemaica und diese substantiell erweiternd, gewährt die Rubrik „Trismegistos People“[1] Zugriff auf über 350.000 Personen und ungefähr 34.000 Namen. Das ist der methodische Unterbau der Untersuchung, in den Coussement auf S. XIII–XIX – im Hinblick auf Verzerrungen des Befundes auch mit kritischer Stimme – einführt.

Ebenfalls einen einführenden Charakter hat Kapitel eins (S. 1–31). Coussement legt ihre Zielsetzung dar und erläutert mit einem immer wieder eingewobenen, fundierten Blick auf die Forschungsgeschichte die beiden Aspekte, die für ihre Studie ausschlaggebend sind: einerseits das Beziehungsgeflecht von Identität und Ethnizität und andererseits den eigentlichen Untersuchungsgegenstand, die Polyonymie. Mit ihr sind Personen in Verbindung zu bringen, für deren Identifikation zwei (oder mehrere) Namen verwendet wurden. Dabei ist zwischen der alternierenden und der kombinierten Angabe der betreffenden Namen zu unterscheiden; in letzterem Fall sprechen wir von einem Doppelnamen (zur Definition S. 20). Die Verbindung zwischen beiden Hauptaspekten legt Coussement folgendermaßen programmatisch dar: „When Greek and Egyptian cultures came into contact, and certainly as soon as Greek ethnicity could be used as a social marker, this pervasiveness opened the door for negotiations on ethnic identity. One visible outpost of these negotiations in Ptolemaic society is bilingual polynomy“ (S. 18).

Bevor sich Coussement jedoch gezielt mit der sozialhistorischen Aussagekraft bilingualer Polyonymie auseinandersetzt, fokussiert sie in Kapitel zwei das Phänomen der Doppelnamen (S. 33–75). Dieses sei, wie Coussement herausarbeitet, ägyptischen Ursprungs. Seinen limitierten Charakter zeigt Coussement in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist die Angabe eines Doppelnamens unter den Belegen für Polyonymie in der deutlichen Minderzahl, denn von den insgesamt 2.209 Bezeugungen für Polyonymie (bezogenen auf 393 Individuen) entfallen nur 590 auf Doppelnamen. Zum anderen sind diese meistens nur in bestimmten Dokumententypen anzutreffen. Dass es sich dabei um Schriften, die aus dem privaten Rechtsverkehr stammen, Zeugnisse des administrativen Alltags oder religiöse Texte handelt, lässt die Angabe des Doppelnamens auf die Notwendigkeit zurückführen, im Rahmen dieser Schriftstücke vollständige Angaben zu machen. Am Ende von Kapitel 2 bietet Coussement eine Analyse der Formulartypen, die zur Verbindung der Namen verwendet wurden.

In Kapitel drei (S. 77–95) geht Coussement dazu über, die Polyonymie aus onomastischer Perspektive aufzubereiten. Beleuchtet werden die unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten – zwei ägyptische Namen, ein ägyptischer und ein griechischer Name, zwei griechische Namen sowie Doppelnamen mit einer semitischen Komponente –, die in diesem Kontext anzutreffen sind, im Hinblick auf deren chronologische und geographische Verbreitung. Ferner wird zwischen Namen mit einem theophoren, basilophoren, magischen, historischen/mythischen und profanen Charakter unterschieden und das Augenmerk auf einen etwaigen semantischen, phonetischen oder lexikalischen Zusammenhang gelegt. Für den weiteren Verlauf der Studie ist von Bedeutung, dass die Kombination eines ägyptischen und eines griechischen Namens im 2. und 1. Jahrhundert v.Chr. am prominentesten gewesen zu sein scheint.

Mit den Personen hinter den Namen beschäftigt sich Coussement in Kapitel vier (S. 97–115). Sie ordnet die verfügbaren Informationen nach ihrer Aussagekraft über Geschlecht, Alter und (auf der Basis von Titeln, Berufs- und ethnischen Bezeichnungen) sozialer Position jener Individuen, für die Polyonymie bezeugt ist. Außerdem fragt Coussement nach der Motivation, die hinter dem Tragen zweier (oder mehrerer) Namen stehen konnte. Dabei scheint für sie festzustehen, dass es äußerst selten um eine Individualisierung, sondern vielmehr darum gegangen sein wird, eine Gruppenzugehörigkeit in den Bereichen Familie, Religion, Politik oder Ethnizität zum Ausdruck zu bringen. Letzterer Aspekt verdient in der Tat gesteigerte Aufmerksamkeit, denn während etwa Träger eines ägyptisch-ägyptischen Namenspaares im Bereich der Religion überwiegen, dominieren in den Bereichen Verwaltung und Militär klar die Träger eines ägyptisch-griechischen Namenspaares, wobei sich zusätzlich die Beziehung zwischen bilingualer Polyonymie und der Angabe einer ethnischen (auf eine außerägyptische Region verweisende) Bezeichnung als auffällig erweist. Hier kristallisiert sich langsam heraus, warum Coussement mit ihrer Studie auch Ethnizitätsfragen in den Blickpunkt nehmen möchte. Zweifelsfrei regt die bilinguale Polyonymie zu folgender Überlegung an: „Some individuals perhaps took on the Greek name only for professional reasons while others may truly felt affinity with both ‘ways of life’“ (S. 115).

Diesem Aspekt – dem Zusammenhang zwischen bilingualer Polyonymie und der Identifikation einer Person sowohl mit ägyptischer als auch griechischer Kultur – widmet sich Coussement in den Kapiteln fünf (S. 117–137) und sechs (S. 139–207). Zunächst stellt Coussement die historisch bedingten Kontakte zwischen Ägyptern und Griechen vor und nach Alexander dem Großen dar, um danach die darauf bezogenen Theorien zu kultureller Verschmelzung oder Separierung einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Neben den bereits als überholt geltenden monokausalen Vorstellungen von einer zunehmenden Mischkultur oder einer regelrechten Separierung ägyptischer und griechischer Bevölkerungsgruppen distanziert sich Coussement wohl ebenso zurecht von jüngeren Ansätzen, die ägyptische und griechische Ethnizität lediglich als Ausdruck austauschbarer Identitäten in der sozialen Interaktion oder als ein (auf realen oder fiktiven ethnischen Kategorien basierendes) administratives Konzept ohne jegliche separierende oder diskriminierende Wirkung betrachteten. Auch allen übrigen, hier in Betracht kommenden neueren Studien, in denen über kulturelle/ethnische Schnittmengen reflektiert oder gar zwischen einer rechtlich relevanten ethnischen Zuweisung und der eigentlichen kulturellen/ethnischen Identität einer Person unterschieden wurde, steht die Autorin kritisch gegenüber, weil dabei Ethnizität zu stark an die Herkunft bzw. Abstammung gebunden worden sei. Diesbezüglich mag man diskutieren, ob Coussements Auslegung in dem einen oder anderen Fall nicht ein wenig zu penibel ausfällt. Unbestritten ist allerdings, dass der von Coussement vorgebrachten methodischen Definition von ethnischer Identität (die sich in ihren Grundzügen bereits bei Max Weber findet) prinzipiell nichts entgegenzuhalten ist: „In order to make ethnicity a workable concept, a clear distinction has to be made between a person’s (or a group’s) ethnic origin and ethnic identity as a whole, of which origin is only a part“ (S. 137).

Anhand dieses Konzeptes möchte Coussement in Kapitel sechs die angesprochene (vielfach wahrgenommene) Dichotomie zwischen Vermischung und Separierung ethnischer Gruppen auflösen. Tatsächlich scheinen beide Ansätze, wie die Autorin ausführlich aufzeigt, nebeneinander bestehen zu können: Während ethnisch motivierte Spannungen, die mitunter auf ethnischen Kategorien aufbauende ptolemäische Steuerpolitik und der Einsatz ethnischer Bezeichnungen zur Personenidentifikation das ideelle Spiel mit ethnisch bedingten Grenzen aufzeigen mögen, führt die sozialhistorische Analyse der bilingualen Polyonymie an Fälle (am ptolemäischen Hof, in den Bereichen der Verwaltung, Armee und Religion sowie unter Frauen) heran, bei denen das Überschreiten kultureller/ethnischer Grenzen in Rechnung zu stellen ist.

Eine Zusammenfassung (S. 209–213), ein umfangreicher prosopographischer Katalog (S. 215–376), Abschnitte zu Delenda und Addenda (S. 377–387) sowie eine Bibliographie beschließen ein bemerkenswertes Werk (in dem man nichtsdestotrotz ein Quellen- und Sachregister vermisst); nicht nur wird – da Coussement in der Lage ist, mit hieroglyphischen, hieratischen, demotischen und griechischen Texten zu arbeiten – das relevante Quellenmaterial in seiner Gesamtheit erschlossen, sondern zusätzlich auch in zahlreichen Graphiken und Tabellen in chronologischer wie geographischer Hinsicht mustergültig aufbereitet.

Wie die Anzahl der Belege zeigt, handelte es sich bei Polyonymie im Rahmen des hellenistischen Ägypten vergleichsweise um kein Massenphänomen. Der in Ägypten guten Quellenlage ist es geschuldet, dass Coussement dennoch eine facettenreiche Thematik aufarbeiten konnte, die bislang auf eine aktuelle und umfangreiche Auswertung wartete. Die vielen Einzelergebnisse und der sich im Verlauf der Studie aufbauende, durchaus berechtigte Brückenschlag zum Themenkomplex der Ethnizität und Identität sprechen für das Potential des Untersuchungsgegenstandes, dessen systematische Aufarbeitung hier nicht halt macht, sondern in Broux’ ebenfalls zu beachtender Monographie zum römischen Ägypten ihre chronologische Fortsetzung findet.[2] Dass Coussement die Problematik der Namensgebung oder -annahme von der Einflussnahme der ptolemäischen Verwaltung trennt, die auch in der jüngeren Forschung in Erwägung gezogen wurde (insofern, als ein Ägypter, der in die Fiskalkategorie der Hellenes aufgenommen wurde, einen griechischen Namen erhielt, S. 29), findet der Rezensent absolut gerechtfertigt, denn für ein solches Prozedere gibt es keinen Beweis. Der Ausschluss dieses Gedankens eröffnet die von Coussement ergriffene Möglichkeit, der Bedeutung von Polyonymie für Identitäts- und Ethnizitätsfragen vertiefend nachzugehen. Dass hier der richtige Weg beschritten sein dürfte, mag die geringe Zahl an Doppelnamen illustrieren, denn damit könnte die bilinguale Polyonymie auf Identitäten weisen, die oftmals voneinander getrennt wurden (S. 209). Das Herausstellen spezifischer Milieus, in denen Interkulturalität eine Rolle spielte – Coussement hebt besonders die brückenschlagende Position der mittleren Verwaltungsebene hervor (S. 212) – und vielleicht mehrere Identitäten vorhanden waren, leuchtet ein.

Die Schwierigkeiten, mit denen man bei der Interpretation von Identitätsmustern konfrontiert wird, offenbaren sich, wenn Coussement den (bereits weiter oben anklingenden) Gedanken einbringt, dass die im Bereich der unteren sozialen Ebene gelegentlich greifbare doppelte Identität „perhaps purely practical or opportunistic“ gewesen sei (S. 212). Ähnliches hält Coussement dann auch in manchen Fällen für die höheren Schichten für möglich, indem sie einräumt, dass ihre Vertreter etwa „rather then expressing ethnicity […] were showing their identity as members of a privileged group“ (S. 212). Was aber wäre der genaue Unterschied zwischen diesen beiden Aspekten? Kann eine bilinguale Polyonymie, mit der ein bestimmter Status oder eine bestimmte gesellschaftliche Rolle, eine soziale Identität, zum Ausdruck gebracht wurde, nicht ebenso ein ethnisches Kolorit aufweisen – eben weil die „both ‘ways of life’“, auf die angespielt wurde und mit denen in vielen Fällen eine mehr oder minder große Vertrautheit vorauszusetzen ist, dem ägyptischen und griechischen Kulturkreis anhafteten? Wiesen sich Personen mittels der bilingualen Polyonymie bewusst als eine Art von „cultural brokers“, als Vermittler zwischen den zwei angezeigten kulturellen Sphären, aus? Diese Symbolwirkung wird im Rahmen der Identitätsfrage nicht zu unterschätzen sein, wobei Eines feststeht: Alle weiteren Auseinandersetzungen mit „Ethnizität und Identität im griechisch-römischen Ägypten“ werden auf Coussements Studie als eine unverzichtbare Grundlage zurückgreifen müssen und sich an den in jeglicher Hinsicht hohen Standards, die hier gesetzt wurden, zu messen haben.

Anmerkung:
[1] Vgl. unter: https://www.trismegistos.org/ref/index.php (18.11.2018).
[2] Yanne Broux, Double Names and Elite Strategy in Roman Egypt, Leuven 2015.

Zitation
Patrick Sänger: Rezension zu: : 'Because I am Greek'. Polyonymy as an Expression of Ethnicity in Ptolemaic Egypt. Leuven  2016 , in: H-Soz-Kult, 03.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26691>.
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03.12.2018
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