M. González Athenas: Kölner Zunfthandwerkerinnen 1650–1750

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Titel
Kölner Zunfthandwerkerinnen 1650–1750. Arbeit und Geschlecht


Autor(en)
González Athenas, Muriel
Erschienen
Umfang
225 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Brandt, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Bei der hier zu besprechenden Dissertation von Muriel González Athenas handelt es sich um einen wichtigen Beitrag zur Handwerks- und Geschlechterforschung. Die Autorin kann am Kölner Beispiel die Mitgliedschaft und Arbeit von Frauen im Zunfthandwerk zwischen Mitte des 17. Jahrhunderts und ca. 1750 nachweisen und damit die in der älteren Forschung vertretene These von der Verdrängung von Frauen aus dem Handwerk während der Frühen Neuzeit revidieren. Auf breiter Quellengrundlage (Handwerksordnungen, Suppliken sowie Rats- und Zunftgerichtsakten) und bei pragmatischer Nutzung ausgewählter Theorieangebote und empirischer Vorarbeiten werden an ausgewählten Handwerken die Themen „Überbesetzung“ und Konkurrenz im Handwerk, Ausbildung und Ehre von Handwerkerinnen sowie Nahrungssemantik untersucht. Einige grundlegende Bemerkungen zu Marktorientierung und Gewinnstreben im Handwerk schließen den Band ab.

War die ältere Forschung davon ausgegangen, dass auch in Köln das Zunfthandwerk während der Frühen Neuzeit einen ökonomischen Niedergang erlebte und dass die im Handwerk tätigen Frauen nach der „Hochzeit“ der zünftigen Frauenarbeit im Mittelalter das erste Opfer des ökonomischen Abstiegs des frühneuzeitlichen Handwerks waren, so kann die Autorin diese Deutungsmuster in Frage stellen und zeigen, dass der Strukturwandel des Kölner Gewerbes während der Frühen Neuzeit keineswegs zu Lasten von Frauen ging. An Beispielen aus den Schneider-, Wollweber-, Goldschmiede- und Leinenwebergaffeln lässt sich die Tätigkeit nicht nur von Meisterwitwen, sondern ganz generell von Frauen während des Untersuchungszeitraums im Handwerk nachweisen. Im Goldschmiedehandwerk etwa konnten Frauen Mitglied der Zunft werden; sie waren deshalb auch in das Ehrkonzept der Korporation eingebunden und bildeten den Nachwuchs aus. In Handwerken, bei denen Frauen in den Ordnungen nicht erwähnt werden, ist dies nicht automatisch mit einem Ausbildungs- und Arbeitsverbot für Frauen gleichzusetzen, wie ein Vergleich mit Suppliken und Ratsakten zeigt. Meistertöchter wuchsen im Handwerk auf, wurden im elterlichen Haus ausgebildet und gaben später auf dieser informellen Basis ihr Wissen an ihre Ehemänner und Kinder sowie an Lehrlinge und Gesellen weiter.

Geschlechtsspezifische Diskriminierungen beispielsweise von Meisterwitwen lassen sich in den untersuchten Gewerken nicht nachweisen: Witwen fungierten nicht einfach nur als Platzhalterinnen für Söhne oder neue Ehemänner. Rat und Zünfte wollten im Todesfall eines Meisters die Ehefrau nicht verdrängen oder das Witwenprivileg einschränken, sondern suchten ökonomische Lösungen innerhalb des Handwerks unter Beteiligung der Witwen und Töchter. Auch die in den frühneuzeitlichen Quellen nicht gerade selten anzutreffende Nahrungssemantik richtete sich in Köln nicht gegen Frauen im Handwerk, sondern zielte auf den Ausschluss von „Pfuschern“ und „Fremden“, meist Soldaten, die ohne obrigkeitliche Gewerbegenehmigung in der Stadt als Handwerker arbeiteten.

Bei der Ausübung des Handwerks spielten, so die Quintessenz der Arbeit von González Athenas, die Geschlechterzuweisungen eine untergeordnete Rolle. „Handlungsleitend war der rechtliche und soziale Status jeder einzelnen Handwerkerin innerhalb der Zunftstrukturen und innerhalb der Stadt.“ (S. 74) Der Wert von Arbeit wurde nicht durch die Kategorie Geschlecht bestimmt, sondern durch den Status derjenigen, welche die Arbeit verrichtete. Ehefrauen, Töchter und Witwen von Meistern hatten im Rahmen der ständischen Gesellschaft folglich die größten Handlungsspielräume. „Als soziales Distinktionsmerkmal und gesellschaftliches Ordnungsprinzip kam den berufsständischen und ständischen Formationen mehr Bedeutung zu als der Geschlechtszugehörigkeit.“ (S. 173)

Methodisch ist die Autorin unter anderem der microstoria verpflichtet: Konkrete Akteure mit ihren Aneignungs- und Aushandlungsprozessen werden vorgestellt, ausführlich wird aus den Quellen zitiert. Unklar bleibt dabei aber, wie repräsentativ eigentlich die vorgestellten Beispiele sind. Handelt es sich um aktenkundig gewordene Ausnahmen oder um die Spitze eines Eisbergs? In diesem Zusammenhang wären einige grundlegende Zahlenangaben zu den untersuchten Handwerken (Anzahl der Meister und Meisterinnen etc.) hilfreich gewesen, um Relationen herstellen zu können. Am Beispiel der Goldschmiedezunft etwa werden ausführlich die Handlungsmöglichkeiten und Ehrpraktiken von Meisterwitwen beschrieben und analysiert. Mit wie vielen Witwen wir es aber zu tun haben, wird nicht erwähnt. Sätze wie: „In Akzisebüchern, Testamenten und Zunftakten wurden Witwenwerkstätten vielfach erwähnt“ (S. 124), werfen deshalb nur noch mehr Fragen auf, als sie wirklich Antworten geben. Auch hätte man gerne etwas mehr über die gewerbliche Tätigkeit von Frauen im Mittelalter erfahren, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Untersuchungszeitraum und dem Mittelalter deutlicher herausstellen zu können. Der Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit wird zwar skizziert, bleibt aber häufig vage. Ähnliches gilt für die Praktiken des Lesens und Schreibens im Handwerk und für die Rolle, welche rechtskundige Schreiber und Advokaten beim Verfassen von Suppliken und anderen Texten spielten.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Muriel González Athenas Studie wichtige Einblicke in das vorindustrielle Handwerk ermöglicht. Bei den frühneuzeitlichen Verteilungskonflikten um Arbeit, Einkommen und sozialen Status innerhalb und außerhalb der Kölner Handwerke hatten Frauen beachtliche, primär ständisch strukturierte Handlungsspielräume. Zusammen mit der Pionierstudie von Christine Werkstetter zu Frauen im frühneuzeitlichen Augsburger Handwerk[1] bietet die vorliegende Arbeit eine solide Grundlage für weitere handwerks- und geschlechtergeschichtliche Forschungen.

Anmerkung:
[1] Christine Werkstetter, Frauen im Augsburger Zunfthandwerk. Arbeit, Arbeitsbeziehungen und Geschlechterverhältnisse im 18. Jahrhundert, Berlin 2001.

Zitation
Robert Brandt: Rezension zu: : Kölner Zunfthandwerkerinnen 1650–1750. Arbeit und Geschlecht. Kassel  2014 , in: H-Soz-Kult, 23.09.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26697>.