Titel
Gebremste Radikalisierung. Die IG Metall und ihre Jugend 1968 bis in die 1980er Jahre


Autor(en)
Andresen, Knud
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Umfang
640 S.
Preis
€ 46,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Till Kössler, Institut für Erziehungswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Die Arbeiterbewegungsgeschichte, lange Jahre ein Pionierfeld zeithistorischer Forschung, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten an den Rand geschichtswissenschaftlichen Arbeitens gerückt. Die auf einer Hamburger Habilitationsschrift beruhende Studie von Knud Andresen zur Jugend der IG Metall in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren unternimmt eine Neuvermessung des Forschungsfeldes und seiner Erkenntnispotentiale für die bundesdeutsche Geschichte. Indem sie die Auswirkungen der kulturellen Umbrüche der 1960er- und 1970er-Jahre auf die Gewerkschaftsbewegung beleuchtet, knüpft sie dabei an ältere Fragen nach der Erosion und Transformation industrieller Arbeitermilieus und gewerkschaftlicher Interessenvertretung an. Anhand der Gewerkschaftsjugend lässt sich das Aufeinandertreffen von gewerkschaftlichen Traditionen und neuen Protestbewegungen und kulturellen Einstellungen besonders gut beobachten.

Um ihren Gegenstand in den Griff zu bekommen, schlägt die Studie nicht den etablierten Weg einer personen- und programmzentrierten Organisationsgeschichte ein, sondern wählt einen breiten Zugriff, der die IG Metall-Jugend in drei unterschiedlichen Handlungsfeldern verortet: der Reform industrieller Berufsbildung, der Sphäre betrieblicher Interessenvertretung sowie dem außerbetrieblichen Raum der neuen sozialen Bewegungen und Jugendkulturen. Das Handeln der Gewerkschaftsjugend in diesen Feldern verfolgt die Arbeit kleinteilig anhand von Etappen jugendkulturellen Protestes. Sie unterscheidet eine erste Phase utopisch grundierter Mobilisierung bis 1973 von einer durch das neue Phänomen der Jugendarbeitslosigkeit charakterisierten mittleren Phase der Stagnation und einer Etappe erneuter Mobilisierung im Zeichen der Friedensbewegung am Beginn der 1980er-Jahre.

Die materialreiche Arbeit zeichnet sich durch eine Vielzahl von Befunden aus, von denen an dieser Stelle nur einige ausgewählte gewürdigt werden können. Zunächst zeigt insbesondere eine detaillierte Fallstudie zur kurzlebigen Lehrlingsbewegung anschaulich, wie erstaunlich fließend die Grenzen zwischen „alter“ und „neuer“ Linker in der Gewerkschaftspraxis waren. Die antikommunistische Abgrenzung spielte in den Gewerkschaftsgliederungen der 1970er-Jahre keine wichtige Rolle mehr. Zwar gab es seitens der Gewerkschaftsführungen weiterhin rhetorische Abgrenzungsbemühungen gegenüber Ost-Berlin, doch gestalteten Mitglieder der vielfältigen K-Gruppen und insbesondere auch orthodoxe Kommunisten von DKP und SDAJ die praktische Politik der Gewerkschaftsjugend wesentlich mit.

Deutlich wird zudem ein Zielkonflikt gewerkschaftlicher Jugendpolitik. Während starke Kräfte in den DGB-Gewerkschaften für eine offene Jugendarbeit plädierten, die einen umfassenden Bewusstseinswandel der Jugendlichen und perspektivisch eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft bewirken sollte, setzte sich in der IG Metall eine Gegenposition durch, die Jugendarbeit eng an die betriebliche Sphäre band und vor allem auf die Ausbildung eines geschulten Funktionärsnachwuchses gerichtet war. Der Richtungsstreit erfuhr eine besondere Zuspitzung in den frühen 1980er-Jahren, als viele jugendliche Gewerkschafter zugunsten eines Engagements in der Friedensbewegung und Nicaragua-Hilfe der Betriebssphäre den Rücken kehrten.

Der genaue Blick auf die betriebliche Ebene macht zugleich deutlich, dass die Politisierung von Jungarbeitern sich wesentlich an Alltagskonflikten um autoritäre Umgangsformen, Haarlänge, Rauchen und eine legere Kleidung entzündete. In einer Bestätigung der These einer Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft seit den 1960er-Jahren stellt Andresen um 1970 einen grundlegenden Wandel der industriellen Betriebskultur sowie auch der gewerkschaftlichen Organisationskultur fest. Gewerkschaftliche Schulungsheime gaben etwa ihre rigiden Hausordnungen auf. Dieser kulturelle Wandel erwies sich für die gewerkschaftliche Jugendarbeit jedoch als ein zweischneidiges Schwert, denn mit den arbeitsweltlichen Verbesserungen entfiel auch ein wesentliches Motiv für Auszubildende sich gewerkschaftlich zu engagieren. Die zeitgenössisch vielbeklagte „Krise der Gewerkschaftsjugend“ lässt sich in dieser Hinsicht paradoxer Weise als Teil einer Erfolgsgeschichte gewerkschaftlicher Interessenvertretung verstehen.

Ein ausgezeichneter Teil der Arbeit behandelt schließlich betriebliche Bildung als ein bisher weitgehend übersehenes jugendgewerkschaftliches Handlungsfeld und einen äußerst wichtigen Faktor des Wandels von industrieller Arbeitswelt und Gewerkschaften. Seit den frühen 1960er-Jahren forderte die Gewerkschaftsjugend eine grundlegende Reform beruflicher Bildung. Die praxiszentrierte betriebliche Fachausbildung sollte zu einer staatlich verantworteten allgemeinen beruflichen Grundlagenbildung erweitert werden, um jugendlichen Beschäftigten bessere Möglichkeiten des beruflichen und Bildungsaufstiegs zu eröffnen und ihnen zugleich ein höheres Niveau politischer und gesellschaftlicher Bildung zukommen zu lassen. Die weitgehende Durchsetzung dieser Reformforderungen waren ein wichtiges Ergebnis gewerkschaftlicher Jugendpolitik der folgenden Jahre mit wichtigen, paradoxen Folgewirkungen für die Gewerkschaftsjugend. Die Reformen bildeten die Grundlage für Bildungs- und Berufskarrieren vieler engagierter Junggewerkschafter und lockerten damit die traditionell enge lebensweltliche Bindung von Jungarbeitern, Betrieb und Gewerkschaft.

Angesichts der Vielzahl der Erkenntnisse und der behandelten Themen kann es nicht ausbleiben, dass einzelne Deutungen auch zu kritischen Betrachtungen einladen. So unterstreichen die Ausführungen etwa eindrucksvoll die außerordentliche Rolle sozialwissenschaftlicher Akteure im Feld gewerkschaftlicher Jugendarbeit. Die jugendlichen Arbeiter als vermeintliches revolutionäres Subjekt standen nicht nur im Mittelpunkt umfangreicher Mobilisierungsbemühungen alt- und neulinker Gruppierungen, sondern auch im besonderen Fadenkreuz marxistischer wie nicht-marxistischer Sozialforscher, die oftmals in Personalunion selbst als politische Akteure im Umfeld der Gewerkschaften tätig waren. Der Text vermittelt den Eindruck, dass es kaum eine politische Handlung der Junggewerkschafter gab, die nicht zeitnah von Sozialwissenschaftlern beobachtet, analysiert und bewertet wurde. Die Arbeit ist sich der Fallstricke bewusst, diese Studien als historische Quellen zu benutzen, doch kann sie deren wirkmächtige Begriffe und Interpretamente nicht gänzlich auf Distanz halten. Eine genauere wissenshistorische Einordnung zeitgenössischer Deutungen wie etwa eines vermeintlich neuen „individualisierten Zugangs zur Arbeit“ (S. 578), eines Verlustes „emotionaler Bindung“, die wieder hergestellt werden müsse (S. 377), oder auch neuer Begriffe wie „Postadoleszenz“ (S. 465) wäre jedoch wünschenswert gewesen.

Insgesamt handelt es sich jedoch um eine äußerst informative und gut lesbare – wenn auch etwas zu umfangreich geratene – Arbeit, die Licht in bisher weniger beachtete Felder des Gesellschaftswandels der 1970er-Jahre wirft. Ihre Leistung liegt insbesondere in der inhaltlichen Ausfüllung, Differenzierung und Erweiterung etablierter Narrative der bundesdeutschen Geschichte. Ohne diesen Punkt direkt zu thematisieren, liest sich die Studie auch als eine Kritik vereinfachter Deutungen eines umfassenden „Strukturbruchs“ in den 1970er-Jahren. Sie weist überzeugend darauf hin, dass es neben Wandel auch wichtige Kontinuitäten gewerkschaftlichen Handelns gab. Die grundlegenden Mechanismen industrieller Interessenvertretung änderten sich im Untersuchungszeitraum wenig und ermöglichten eine kontinuierliche Integration von ambitionierten Junggewerkschaftern in die etablierte industrielle Ordnung der Bundesrepublik. Die rechtlich verankerte betriebliche Mitbestimmung immunisierte die Gewerkschaften zu einem Teil von den Konjunkturen politischen Protestes, legte allerdings auch eine schon zeitgenössisch kritisierte Konzentration der Gewerkschaftsarbeit auf männliche Facharbeiter nahe. Es ist im Rückblick erstaunlich, wie wenig Geschlechterfragen oder auch Fragen der Arbeitsmigration in den Debatten der Gewerkschaftsjugend bis zur Mitte der 1980er-Jahre eine Rolle spielten – trotz alternativer Jugendkulturen und neuer Frauenbewegung. Auch die Herausbildung eines neuen „Prekariats“ wurde von den gesellschaftlichen Akteuren bis zum Ende des Untersuchungszeitraums wenig reflektiert. Dieses Schweigen prägt die verfügbaren Quellen und schlägt sich damit auch in der Studie selbst nieder, die im Wesentlichen ein erfolgreiches, politisch aktives jugendliches Aufsteigermilieu in den Blick nimmt. Politisch desinteressierte Gewerkschaftsmitglieder, jugendliche Arbeiterinnen – auf dem Umschlagbild des Buches merkwürdigerweise sehr präsent – und unorganisierte Arbeiterjugendliche kommen demgegenüber wenig zu Wort.

Zitation
Till Kössler: Rezension zu: Andresen, Knud: Gebremste Radikalisierung. Die IG Metall und ihre Jugend 1968 bis in die 1980er Jahre. Göttingen 2016 , in: H-Soz-Kult, 08.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26753>.
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Veröffentlicht am
08.06.2017
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