W. Gruner: Die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren

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Titel
Die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren. Lokale Initiativen, zentrale Entscheidungen, jüdische Antworten, 1939–1945


Autor(en)
Gruner, Wolf
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Umfang
431 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Dölling, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Mit der militärischen Besetzung der sogenannten ‚Rest-Tschechei‘ beendete das Deutsche Reich am 15. März 1939 die seit Herbst des Vorjahres aktiv betriebene ‚Zerschlagung‘ der Tschechoslowakei (ČSR). Diejenigen Teile der ehemaligen böhmischen Kronländer, die nicht im Zuge des ‚Münchner Abkommens‘ bereits zuvor in das ‚Dritte Reich‘ eingegliedert worden waren, bildeten fortan das so genannte ‚Protektorat Böhmen und Mähren‘. Das stand damit ab diesem Zeitpunkt zwar de facto unter deutscher Herrschaft, wurde de jure primär aber weiter von einer eigenen tschechischen Regierung und überwiegend von tschechischen Behörden administriert. Nicht zuletzt bedingt durch diese besondere Konstellation waren in den kommenden Jahren daher – neben verschiedenen deutschen – auch zahlreiche formell tschechische Stellen an der nun auch hier einsetzenden Verfolgung der Juden unmittelbar beteiligt. Rund 80.000 der etwa 118.000 zum Zeitpunkt der deutschen Besetzung in der ČSR lebenden Menschen, die nach nationalsozialistischer Lesart als ‚Juden‘ galten, überlebten diese Verfolgungsmaßnahmen nicht.

Mit der vorliegenden Monografie existiert nun erstmals eine Gesamtdarstellung der Geschichte des Holocaust im Protektorat Böhmen und Mähren. In dem insgesamt gelungenen neuen Standardwerk bindet Wolf Gruner dabei kenntnisreich die zahlreichen, bislang aber eher verstreut vorliegenden Erkenntnisse der Forschung zu diesem Thema in einer umfassenden und informativen Großerzählung zusammen.[1] Auf knapp 300 Textseiten schildert er nach einer sehr knappen Einführung in insgesamt neun chronologisch aufeinander aufbauenden Kapiteln die Entwicklung der antisemitischen Judenpolitik im Protektorat zwischen März 1939 und dem Kriegsende. Innerhalb der einzelnen Kapitel vertiefen dabei miteinander verbundene Unterkapitel die im jeweils betrachteten Zeitraum relevanten Aktivitäten der Verfolger sowie die Reaktionen der Juden und Jüdinnen darauf, bevor ein Zwischenfazit am Ende die aus Sicht des Autors entscheidenden Erkenntnisse dann jeweils nochmals zusammenbindet.

Gruner lässt es allerdings keineswegs bei einer reinen Bestandsaufnahme bewenden, sondern kann den bisherigen Forschungsstand durch den Einsatz bislang ungenutzter Quellen auch mit neuen Erkenntnissen erweitern. Insbesondere die Auswertung der in Yad Vashem überlieferten, bis 1942 fast durchgängig erhaltenen Korrespondenz der Prager jüdischen Kultusgemeinde mit Adolf Eichmanns Zentralstelle für jüdische Auswanderung erweist sich dabei als sehr produktiv. Sie ermöglicht ihm nicht nur, die Entwicklung der antijüdischen Politik fundiert nachzuzeichnen, sondern auch die jüdischen Reaktionen darauf mit in den Blick zu nehmen. Die angesichts schwindender Mittel und immer neuer Verordnungen und Verbote zunehmend verzweifelten Bemühungen der Kultusgemeinde, die Versorgung der jüdischen Bevölkerung im Protektorat sicherzustellen und möglichst vielen von ihnen noch die Flucht ins Ausland zu ermöglichen, nehmen im Buch daher zu Recht breiten Raum ein. Die intensive Nutzung dieser Quellen spiegelt dabei nicht zuletzt Gruners eingangs explizit formulierten Anspruch wider, jüdische Menschen nicht als passive Opfer der gegen sie gerichteten Maßnahmen darzustellen, sondern vielmehr die große Bandbreite ihrer Reaktionen und Strategien im Umgang mit den Verfolgungsmaßnahmen aufzuzeigen.

Zu diesem Zweck lässt der Autor im Verlauf der Erzählung auch immer wieder Zeitzeugen zu Wort kommen. Dies gibt den Opfern der Verfolgungspolitik eine Stimme und sorgt dafür, dass die menschliche Dimension der verschiedenen, zumeist recht trocken und oft sehr zahlenlastig beschriebenen, Verfolgungsschritte und -maßnahmen nie aus den Augen verloren wird. Doch auch wenn diese Intention Gruners grundsätzlich zu begrüßen ist, kann seine Nutzung der Zeitzeugenaussagen leider nur in Teilen als gelungen bezeichnet werden. Denn so illustrativ und ungefiltert, wie diese überwiegend vom Autor in die Gesamterzählung integriert werden, tragen sie in ihrem anekdotischen Charakter oft nur bedingt zur analytischen Schärfung der Arbeit bei. Eine den üblichen Kriterien entsprechende kritische Bewertung und Einordnung der – offenbar zumeist erst lange nach Kriegsende aufgezeichneten – Erinnerungen der Zeitzeugen unterbleibt zudem fast durchgehend. Das wird insbesondere dort problematisch, wo Gruner primär aus wenigen solcher Zeitzeugenaussagen weitreichendere Schlüsse ableitet – etwa zum Antisemitismus in der ČSR vor März 1939 (S. 25–29, S. 290).

Ebenfalls nicht vollkommen überzeugen kann Gruners Versuch, herauszuarbeiten, wie genau die „Anteile der deutschen und tschechischen Verfolgungspolitik zu gewichten“ (S. 7) seien. Insbesondere die Art und Weise, in der der Autor mit der Beteiligung lokaler und regionaler Behörden an der Judenverfolgung im Protektorat – also dem vermeintlich tschechischen Anteil – umgeht, wirft bei der Lektüre einige Fragen auf. Grundsätzlich ist dabei zunächst positiv hervorzuheben, dass Gruner, anknüpfend an Arbeiten von Dieter Pohl, Thomas Sandkühler und Frank Bajohr, in seiner Darstellung ausdrücklich den Blick dafür schärft, dass der Holocaust sich auch im Protektorat nicht einfach über eine zentrale Steuerung ‚aus Berlin‘ erklären lässt, sondern dass die Radikalisierung dieses Prozesses eben auch und gerade durch lokale und regionale Akteure vorangetrieben und beschleunigt wurde (S. 15f.). So zeigt er etwa anschaulich auf, wie bestimmte Aspekte der antisemitischen Judenpolitik des ‚Dritten Reiches‘ in kleinerem Rahmen im Protektorat teils bereits vorgedacht und sogar praktisch ausprobiert wurden, noch bevor sie dann später im weiteren deutschen Herrschaftsbereich Anwendung fanden. Dies traf etwa auf den sogenannten Arbeitseinsatz, die Kennzeichnungspflicht im öffentlichen Raum oder die Ghettoisierung von jüdischen Menschen zu. Doch obgleich die im Fazit formulierte Erkenntnis, dass die antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen im Protektorat bis mindestens 1941 „hauptsächlich von der tschechischen Regierung sowie den Oberlandräten, Bezirksämtern, Polizeipräsidien und Stadtverwaltungen vorangetrieben“ wurden (S. 293), aufgrund der vorangegangenen Darstellung grundsätzlich plausibel ist, bleibt am Ende dennoch reichlich unklar, wie ‚tschechisch‘ diese ‚tschechische Verfolgungspolitik‘ denn nun tatsächlich war.

So konstatiert Gruner etwa zu den frühen Ghettoisierungsinitiativen lokaler Akteure: „Die schon 1939 von tschechischen Faschisten geforderte Ghettoisierung begann also im Frühjahr 1940 in der tschechischen Provinz noch vor den Großstädten und sogar vor einigen Gebieten im besetzten Polen.“ (S. 296) Die acht Orte in Böhmen, anhand derer er dies aufzeigt, liegen indes alle in Nordböhmen nahe der Grenze zum ‚Reichsgau Sudetenland‘ und verfügten damals mehrheitlich über jeweils nicht unerhebliche ‚volksdeutsche‘ Bevölkerungsanteile (S. 115). Diese waren – politisch bereits seit Mitte der 1930er-Jahre überwiegend im Rahmen einer radikalisierten und zutiefst antisemitischen faschistischen Massenpartei organisiert – natürlich auch schon vor dem März 1939 in den lokalen und regionalen Behörden und Gremien vertreten gewesen, es kann aber davon ausgegangen werden, dass ihre formelle und informelle Macht – und damit auch ihr Einfluss auf die Lokalpolitik – unter deutscher Besatzung nochmals enorm angewachsen sein dürfte. Als sicher kann solch ein erheblicher Einfluss ‚volksdeutscher‘ Akteure auf die Lokal- und Regionalpolitik indes für die Orte Brünn, Olmütz und Mährisch-Ostrau angenommen werden, die im Buch indes am häufigsten als Beispiele für lokale und regionale ‚tschechische‘ Initiativen der Judenverfolgung angeführt werden. Bei den ersten beiden handelt es sich dabei gar um sogenannte deutsche ‚Sprachinseln‘ – also Gebiete mit zahlenmäßig starker ‚volksdeutscher‘ Bevölkerung innerhalb mehrheitlich tschechisch besiedelter Regionen –, deren Lokalverwaltung zudem, wie Gruner selbst anführt, bereits seit spätestens Juli 1939 ohnehin unter der Oberaufsicht deutscher Kommissare stand (S. 80f.). Wie ‚tschechisch‘ also war die Verfolgungspolitik solcher formell tschechischen Behörden unter den Vorzeichen deutscher Besatzung und teils erheblicher ‚volksdeutscher‘ Beteiligung tatsächlich? Wer genau waren etwa die erwähnten lokalen Akteure, die im nordböhmischen Jungbunzlau im Frühjahr 1940 aus eigenem Antrieb heraus dafür sorgten, dass die örtlichen Juden aus ihren Wohnungen vertrieben und anschließend ghettoisiert wurden?

Leider erfährt man über die reine Existenz und Wirkung lokaler Initiativen hinaus vom Autor zumeist aber nur sehr wenig bis gar nichts über deren konkrete Akteure, ihre Intentionen, Spielräume und gegebenenfalls Handlungszwänge. Das gilt auch für die im Buch immer wieder auftauchenden tschechischen Faschisten, die nach Gruner eine der treibenden genuin tschechischen Kräfte bei der Umsetzung und Radikalisierung der Judenverfolgung im Protektorat waren, obgleich sie selbst auf dem Höhepunkt ihrer Macht weder bei der deutschen Besatzungsmacht noch unter der tschechischen Bevölkerung je wirklich über Rückhalt verfügten.[2] Trotz dieser Rolle bleiben sie im Buch aber merkwürdig gesichtslos, was auch dadurch befördert wird, dass Gruners Analyse der längeren Linien des Antisemitismus innerhalb von Teilen der tschechischen Gesellschaft eher kursorisch ausfällt und kaum über das Jahr 1918 hinausreicht. Vermutlich hätte es zahlreicher lokaler Tiefenbohrungen bedurft, um die Frage nach dem ‚tschechischen Anteil‘ letztlich befriedigender beantworten zu können. Das hätte, so muss man fairerweise zugeben, vermutlich allerdings den Rahmen des Projekts deutlich gesprengt. So aber bleibt Gruners Buch eine willkommene, zur weiteren Forschung anregende und durch und durch solide Gesamtdarstellung der Judenverfolgung im Protektorat, die lediglich nicht ganz all das einlösen kann, was sich der Autor selbst aufgegeben hat.

Anmerkungen:
[1] Diesen Eindruck können auch einige vermeidbare sachliche Fehler, Verwechslungen und Ungenauigkeiten letztlich nicht trüben, auf die der Kollege René Küpper in seiner Rezension zu Recht hingewiesen hat. Siehe René Küpper, Rezension zu Wolf Gruner, Die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren, in: sehepunkte, http://www.sehepunkte.de/2017/09/30117.html (12.02.2019).
[2] Detlef Brandes, Die Tschechen unter deutschem Protektorat (Teil I), München 1969, S. 102–103. Brandes zitiert hier zeitgenössische deutsche Einschätzungen, wonach die pro-deutsche, tschechische faschistische Bewegung Vlajka selbst auf dem Höhepunkt ihrer Macht im Jahr 1940 gerade einmal auf die Unterstützung von 1,5 Prozent der tschechischen Bevölkerung zählen konnte.

Zitation
Stefan Dölling: Rezension zu: : Die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren. Lokale Initiativen, zentrale Entscheidungen, jüdische Antworten, 1939–1945. Göttingen  2016 , in: H-Soz-Kult, 14.03.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26867>.