H. Müller-Baur: Arbeiterbewegung und Fahrradkultur

Titel
Arbeiterbewegung und Fahrradkultur. Zur Geschichte des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrervereins "Wanderlust" in Kirchheim/Teck


Autor(en)
Müller-Baur, Harald
Erschienen
Regensburg 2002: edition vulpes
Preis
€ 15,50
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Klaus Schönberger, Tübingen

Seit Anfang der 90er Jahre sind die kulturwissenschaftlichen und sozialhistorischen Arbeiten zum Thema Arbeiterbewegungskultur rar geworden. Wesentliche Veröffentlichungen, die sich mit der Fragestellung der Arbeiterkultur bzw. der Arbeiterbewegungskultur beschäftigen, sind seit 1995 nicht mehr erschienen.[1] Die Sektion "Arbeiterkultur" der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) wurde Ende der 90er Jahre in "Arbeitskulturen" umbenannt und widmet sich seither der Arbeits- und Organisationsethnographie. Die historisch orientierten empirischen KulturwissenschaftlerInnen/Europäischen EthnologInnen sind aus diesem Diskussionszusammenhang ausgestiegen. In der Sportgeschichte ebenso wie in der Sozial- und Kulturgeschichte finden sich ebenfalls keine nennenswerten Anstrengungen, sich mit den für die historische Arbeiter- bzw. Arbeiterbewegungskultur relevanten Fragestellungen zu beschäftigen. Zuletzt erschienen 1995 zwei eher verbandsgeschichtlich orientierte sporthistorische Dissertationen über die württembergische und die hessische Arbeitersportbewegung beziehungsweise zum Verhältnis von Austromarxismus und Arbeitersport.[2] Die von Franz Nitsch und Lorenz Pfeiffer 1995 zusammengestellte Dokumentation des Leipziger Symposiums anlässlich des Festaktes "100 Jahre Arbeitersport" von 1993 ist im engeren Sinn keine wissenschaftliche Darstellung, wenn darin auch zahlreiche Beiträge von thematisch einschlägig ausgewiesenen HistorikerInnen (Zwahr, von Saldern, Langewiesche, Wunderer, Tenfelde, Sywottek) und SporthistorikerInnen (Pfeiffer, Ueberhorst, Buss, Teichler) versammelt sind. Der Wert dieser Dokumentation besteht in den jeweils kurz zugespitzten Statements zu den bisher dominierenden Forschungsfragen der Arbeiterbewegungskultur im allgemeinen (sozialdemokratische Solidargemeinschaft versus Niedergang der Klassenkultur in der Weimarer Republik, Verbürgerlichung oder negative Integration der Arbeiterklasse) und der Arbeitersportbewegung (z.B. Rolle der Frauen, Auflösung – Zerschlagung – Assimilierung, biographische Bedeutungen des Arbeitersports im proletarischen Lebenslauf, Sportpraxen, Entwicklung nach 1945) im Besonderen.[3] Darüber hinaus erschienen nach 1995 noch eine Reihe lokaler [4] oder verbandsspezifischer [5] Untersuchungen. Für die Arbeiterradfahrerbewegung legten Ralf Beduhn und Jens Klocksin – ebenfalls 1995 – anlässlich des 100jährigen Bestehens des Rad-Kraftfahrerbundes "Solidarität" eine kommentierte Quellensammlung vor.[6] Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erforschung der Arbeitersportbewegung inzwischen weitgehend ad acta gelegt worden ist.

Ein solcher Befund ist zunächst nicht erstaunlich. Begründet liegt er vor allem in den gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart und insbesondere in der Krise des Fordismus, die zahlreiche Errungenschaften der Arbeiterbewegung obsolet erscheinen und de facto auch obsolet hat werden lassen. Die Arbeiterkulturforschung war von einem politischen Interesse motiviert, das in dieser Form nicht mehr existent ist. Die Arbeiterklasse als Bezugspunkt für politisches Handeln in der Gegenwart gibt es in dieser Form nicht mehr.

Nach wie vor aktuell ist jedoch die soziale Frage oder die Bestimmung des Verhältnisses von hegemonialer Kultur und Sub- oder Gegenkulturen. Immer noch finden sich in den sozialen Bewegungen verschiedener Couleur Debatten darüber, wie sie sich dem Zugriff und der Verwertung "der Macht" entziehen oder verweigern können. Zwar wird diese Frage heute mit einem gewandelten Machtbegriff erörtert, doch das zentrale Problem, wie es möglich ist, sich der kapitalistischen Vergesellschaftung zu entziehen, ist immer noch aktuell.

Diese fortwährenden Diskussionen machen dann auch die Aktualität von Arbeiten aus, wie sie jüngst in dem auf Fahrradkultur und Fahrradgeschichte spezialisierten Kleinverlag "edition vulpes" der Kulturwissenschaftler Harald Müller-Baur vorgelegt hat. Müller-Baur positioniert seine lokalgeschichtliche Monographie zu einem Arbeiterradfahrerverein als "sinnvolle Ergänzung" zur überregionalen verbandsgeschichtlichen Literatur (S. 11). Grundlage des anzuzeigenden Buches ist eine aktualisierte kulturwissenschaftliche Tübinger Magisterarbeit aus dem Jahr 1988. Allerdings ist im Literaturverzeichnis der aktuelle Forschungsstand abgebildet. Verdienstvoll ist der Anhang über die Arbeiterradfahrervereine in Württemberg, in dem die Mitgliedsvereine aus den 17 regionalen Bezirken (Stand: 1932) aufgelistet sind. In der Tat stellt sich jedoch die Frage, ob es Sinn macht, die Arbeit nach solch einer langen Zeit noch zu publizieren – auch wenn ein inzwischen fortgeschrittener Forschungsstand kein Gegenargument darstellt, weil Lokalstudien nach wie vor nicht allzu üppig publiziert wurden.

Die Studie beschreibt zunächst die Anfänge (1903-1907) des Arbeiterradfahrervereins "Wanderlust" im Kontext der Industrialisierung und des Entstehens der Arbeiterbewegung in Kirchheim/Teck. Das Kirchheimer Beispiel unterstreicht einmal mehr die lokal sehr unterschiedlichen Entstehungsbedingungen von Arbeitersport- bzw. Arbeiterradfahrervereinen. Während in kleineren Gemeinden, Arbeiterradfahrervereine meist neu gegründet wurden, verweist das Kirchheimer Beispiel auf die teilweise heftigen Auseinandersetzungen um die politische Orientierung von bereits bestehenden Vereinen, deren soziale Trägerschaft proletarisch, aber in der Frage der Verbandszugehörigkeit nicht automatisch sozialdemokratisch orientiert war.

Während der Weimarer Republik zählte der Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerverein "Wanderlust" in Kirchheim/Teck zu einem der größten Arbeiterradfahrervereine in Württemberg. Er gehörte dem Dachverband "Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund »Solidarität«" an, der zugleich die bedeutendste Radfahrerorganisation der Welt war. Dargestellt werden Symbole und Feste, Sportbetrieb und Sportverständnis, die jeweiligen Disziplinen sowie die Spaltung der Arbeiterbewegung. Die Zerschlagung des Vereins und die Versuche, einer Auflösung seitens der Nationalsozialisten zuvorzukommen, bleibt allerdings rein deskriptiv. Nicht aufgegriffen wird die in der Forschungsliteratur diskutierte Frage nach Handlungsalternativen in dieser Zeit (Auflösung, Zerschlagung und Assimilierung).

Im Kapitel zur Entwicklung des Arbeiterradfahrerbundes "Solidarität" nach 1945 erfolgt eine an der Forschungsliteratur orientierte Darstellung. Ausführlich wird der Wiederaufbau und die Krise des einzigen in Westdeutschland nach 1945 wieder gegründeten Arbeiterradfahrerbundes referiert. Neben der sportlichen Entwicklung in Folge der Automobilisierung untergräbt aber auch der Erfolg des fordistischen Projekts eines Klassenkompromisses zur Integration der Arbeiterklasse in die restaurierte Nachkriegsgesellschaft maßgeblich die Möglichkeiten einer eigenständigen verbandlichen Orientierung im Arbeitersport. Deshalb kommt es in den 1960er Jahren zum Austritt des Kirchheimer Vereins aus dem Arbeiterradfahrer-Verband.

Müller-Baur verschränkt die großen politischen Ereignisse, die lokale politische Entwicklung, die Verbandsgeschichte des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerverbandes "Solidarität" mit der Entwicklung des Kirchheimer Vereins "Wanderlust". Das ist zugleich das Manko des Buches. Denn die Absicht, eine Kirchheimer Parallelgeschichte vom Kaiserreich bis in die BRD zu schreiben, gerät zum Nachteil für die Darstellung der Besonderheiten und Spezifika des lokalen Falles.

Ein Verdienst der Arbeit besteht in der Dokumentation einer alltagskulturellen Praxis, die deutlich macht, welche Rolle die Fahrradkultur für die Arbeiterbewegung besaß. Dabei hat die Arbeit in zweierlei Hinsicht ihren Wert. Zum einen bemisst sich der lokalgeschichtliche Ertrag unabhängig von Forschungskonjunkturen. Zum anderen aber erinnert eine solch antizyklische Veröffentlichungspraxis daran, dass bestimmte Fragestellungen wie die nach kultureller Hegemonie und Gegenmacht davon unabhängig aktuell bleiben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt Marschik, Matthias: "Wir spielen nicht zum Vergnügen". Arbeiterfußball in der Ersten Republik. Wien 1994; Schönberger, Klaus: Arbeitersportbewegung in Dorf und Kleinstadt. Zur Arbeiterbewegungskultur im Oberamt Marbach 1900-1933. Tübingen 1995 (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen, Bd. 83) u. Stiller, Eike: Jugend im Arbeitersport. Lebenswelten im Spannungsfeld von Verbandskultur und Sozialmilieu von 1893 - 1933. Münster 1995. Die bisher vorliegende Studie Dwertmanns zu Hannover aus dem Jahr 1997 ist die Vorstudie zu einer umfangreicheren Arbeit: Dwertmann, Hubert: Zwischen deutscher Kulturtradition und zivilgesellschaftlichem Aufbruch. Eine entwicklungssoziologische Studie zur Arbeiter- Turn und Sportbewegung in Hannover, Münster 1997.
[2] Fricke, Reiner: Spaltung, Zerschlagung, Widerstand. Die Arbeitersportbewegung Württembergs in den 20er und 30er Jahren. Schorndorf 1995 u. Gieseler, Horst: "Arbeitersportler schlagt Hitler!" Das Ende der Arbeitersportbewegung in Volksstaat Hessen. Hamburg 1995. Madzak, Klaus: Austromarxismus und Arbeitersportbewegung. Die Stellung und Bedeutung des Arbeitersports innerhalb der austromarxistischen Theorie und Praxis in der Zeit von 1918-1934. Wien 2000.
[3] Nitsch, Franz/Pfeiffer, Lorenz (Hg.): Die roten Turnbrüder. 100 Jahre Arbeitsport. Dokumentation einer Tagung. Marburg 1995.
[4] Vgl. Stiller, Eike: Willy Langenberg: Arbeitersportler im Widerstand in Lippe. Bielefeld 2000 (Forum Lemgo – Schriften zur Stadtgeschichte, Heft 9). Einen Überblick über jüngere Lokalstudien bietet: Stiller, Eike: Arbeitersport in Deutschland bis 1933. Zu einigen neueren regional- und lokalhistorischen Darstellungen. In: IWK 34 (1998) 2, S. 225-231. Derselbe hat für 2003 im trafo-Verlag Dr. Wolfgang Weist eine umfangreiche Bibliographie (ca. 270 Seiten) angekündigt. Vgl. Stiller, Eike: Literatur zur Geschichte des Arbeitersports in Deutschland von 1873-2003. Eine Bibliographie.
[5] Vgl. Stiller, Eike: Der Segelsport der Arbeiterbewegung. Zur Geschichte des 'Freien Segler-Verbandes' (FSB) 1901-1993. Berlin 2002.
[6] Beduhn, Ralf/Klocksin, Jens: (Hg.): Rad - Kultur - Bewegung. 100 Jahre und ums Rad: RKB Solidarität. Essen 1995. Eine Dokumentation von Interviewaussagen mit Mannheimer Arbeitersportlern bietet: Unser, Margit: Gelebte Geschichte - Alltagserfahrungen von Mannheimer Arbeitersportlern der Weimarer Zeit. Mannheim 1994 (LTA-Forschung, Heft 17, Landesmuseum für Technik und Arbeit).

Zitation
Klaus Schönberger: Rezension zu: : Arbeiterbewegung und Fahrradkultur. Zur Geschichte des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrervereins "Wanderlust" in Kirchheim/Teck. Regensburg  2002 , in: H-Soz-Kult, 27.03.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2693>.
Redaktion
Veröffentlicht am
27.03.2003
Redaktionell betreut durch
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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