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Titel
Urkirche als Utopie. Die Idee der Gütergemeinschaft im späteren Mittelalter von Olivi bis Wyclif


Autor(en)
Hoffarth, Christian
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Umfang
309 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Jürgen Derda, Braunschweigisches Landesmuseum, Braunschweig

Der Verfasser, Christian Hoffarth, sieht, wie er in seinem Vorwort zurückhaltend schreibt, seine Studie zur »Urkirche als Utopie« auch als einen Beitrag zur Diskussion um die Share Economy, wie die Idee genannt wird, den „Kapitalismus menschlicher zu machen“: Gemeinschaft zählt mehr als Besitz, „Sharen ist das neue Shoppen.“[1] Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin habe, so die Journalistin Nadine Oberhuber, prognostiziert: „Die neue Ökonomie des Tauschens und Teilens wird ihren Siegeszug über das bisherige Wirtschaftssystem antreten – und sogar zum Niedergang des Kapitalismus führen. Es werde ihn nicht mehr lange geben, wie wir ihn kennen (…).“ Die Menschen würden demnächst in einer „sozialeren Weltgemeinschaft“ leben, in der sie „Dinge gemeinsam besitzen, statt von großen Profiten zu träumen.“[2] – Globalisierte vita communis, ein ehrgeiziges Unterfangen. Die Voraussagen haben sich (noch) nicht erfüllt. Vielmehr hat sich daraus ein neues, kapitalistisch geprägtes professionelles Geschäftsmodell entwickelt mit guten Verdienstmöglichkeiten.

Die Thematisierung der urchristlichen Gütergemeinschaft ist also keineswegs eine „unmodische Themenwahl“ (S. 9), vielmehr hat der urchristliche vita communis-Gedanke noch heute Relevanz als Möglichkeit einer diesseitigen Lebensform, die Güter gerecht verteilt und in der Gemeinschaft Rücksicht auf den einzelnen nimmt.

Ursprünglich verwirklicht wurde die Sozialform vita communis indes im Mönchtum. Ungeachtet des zunehmenden religiösen Desinteresses in weiten Teilen der Bevölkerung sind die historischen Wirkungen der monastischen Kultur auch in der Moderne noch sichtbar und gegenwärtig. Neben den kulturellen Leistungen, die in den Bibliotheken mit der Überlieferung des antiken Erbes, in der Bau- und Bildenden Kunst sichtbar werden, ist es die Form des sozialen Miteinanders, die beeindruckt. Die großen Repräsentanten des abendländischen Mönchtums waren vor allem Augustinus, Benedikt von Nursia und Franziskus. Sie dachten „über das Zusammenleben der Menschen miteinander“ nach und reflektierten „über die beste Lebensweise, die optima forma vivendi.“[3]

Als Vorbild für die monastische Gütergemeinschaft dienten zwei neutestamentliche Textstellen in der Apostelgeschichte, die über das Leben der ersten Christen in der Urgemeinde berichten und die „ihren geschichtlichen Wirkungen nach zu den folgenreichsten Sätzen zählen, die jemals geschrieben oder gesprochen wurden“,[4]: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. (…) Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ (Apg 4,32 ff.; vgl. Apg 2,42 ff.)

Christian Hoffarth wendet sich mit seiner überarbeiteten und ergänzten Arbeit, die im Wintersemester 2015/16 als Dissertation von der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg angenommen wurde, dem Spätmittelalter zu. Unter dem Titel „Urkirche als Utopie“ betrachtet er die „Idee gütergemeinschaftlicher Ordnungsmuster im späten Mittelalter“. Mit seiner Arbeit will der Verfasser den Diskurs über die gütergemeinschaftliche Lebensweise „anhand der spätmittelalterlichen Interpretation der ecclesia primitiva nachvollziehbar“ machen und klären, „durch welche Impulse und in welchen Kontexten sich die ideengeschichtliche Transformation der Gütergemeinschaft vom Vorbild für die zönobitische vita communis zu einem universalen ekklesiologischen und sozialtheoretischen Modell vollzog.“ (S. 11 f.; vgl. auch S. 17 f. und 27 f.)

War ursprünglich die urchristliche Gütergemeinschaft fast einzig auf monastische Gemeinschaften bezogen, erweitert nun Hoffarth mit diesem Ansatz seine Sicht auf die soziale Lebensform ‚Gütergemeinschaft‘. Mit seiner Arbeit weist er nach, dass sich die Bezeichnung vita communis zu einem Leitbegriff im späten Mittelalter entwickelte und als allgemeines Ordnungsmodell für die mittelalterliche Gesellschaft gelten sollte (gleichsam eine vorweggenommene Share-Economy des Mittelalters.) Damit wird deutlich, wie wirkungsmächtig das urchristliche Ideal war und in ihrer „Wirkungsgeschichte weder auf das Mönchtum beschränkt blieb, noch mit dem Mittelalter endete“[5].

Hoffarths Ansatz ist eine wichtige Ergänzung der bisherigen Studien zur Idee der Gütergemeinschaft. Es gelingt ihm in seiner detailreichen Untersuchung zu zeigen, wie im Spätmittelalter die Sozialform ‚Gütergemeinschaft‘ nicht nur auf das Mönchtum beschränkt blieb, sondern sich in ihrer Rezeption als Norm für eine allgemeine Gesellschaftsordnung entfaltete. Sein Untersuchungszeitraum umfasst das 13. und 14. Jahrhundert, vertreten durch die Namen des Franziskaners Petrus Johannis Olivi (1247/48–1296/98) und des englischen Theologen John Wyclif (um 1330–1384). In fünf Themenblöcken behandelt Hoffarth kenntnisreich seine These unter theologischen, philosophischen, juridischen, politik- und gesellschaftstheoretischen Aspekten. (S. 27 f.)

Nach einem einleitenden Teil reflektiert der Verfasser im II. Teil die Gütergemeinschaft bei Platon und Aristoteles, äußert sich zur Gütergemeinschaft im Decretum Gratiani und reflektiert die spannungsgeladene franziskanische Eigentumsfrage im 13. Jahrhundert.

Im III. Abschnitt beleuchtet Hoffarth die franziskanische Position zur Gütergemeinschaft. Dazu interpretiert er das umfangreiche Werk des Theologen Olivi. Der südfranzösische Franziskaner kannte das Werk des Joachim von Fiore und war durch die Bewegung der Spiritualen beeinflusst. Olivis Lehre und Einstellung vor allem zur Armutsfrage war im Orden der Franziskaner umstritten und wurde deshalb verfolgt. Olivi vertritt den Anspruch auf eine universale Gütergemeinschaft, die sich aus der Apg 4,32 ergebe: „Sie waren ein Herz und eine Seele“ (cor unum et anima una).

Die Politisierung der Gütergemeinschaft ist eine weitere spannende Betrachtung im IV. Teil der Untersuchung. Neben Aegidius Romaus (um 1243–1316) – Augustinereremit, Schüler Thomas von Aquins und Verfasser eines Gutachtens für die Franziskaner zur Lehre Olivis in der Armutsfrage – und Richard FitzRalph (um 1300–1360) – anglo-irischer Erzbischof und vermutlich Kanzler der Oxford University – stellt Hoffarth umfassend die Theorie des John Wyclif (um 1330–1384) vor. Seine Güterlehre ist verknüpft mit einer allgemeingültigen Gesellschaftsreform im Sinne der vita communis. Der streitbare, politisch agierende Theologe widersprach dem weltlichen Machtanspruch des Papstes und forderte zumindest die urchristliche Lebensweise für den Klerus.

Wenn auch teilweise schwer zu lesen, gelingt es Hoffarth, mit seiner Untersuchung zu zeigen, dass das ursprüngliche Verständnis der Gütergemeinschaft als monastische Sozialform nun auch als Ordnungsmodell für die mittelalterliche Gesellschaft diskutiert wurde. Interessant ist der Gedanke, Parallelen zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussion der Share-Economy-Modelle zu ziehen. Daran wird deutlich, dass der vita communis-Gedanke auch heute noch aktuell ist und für zukünftige Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens relevant sein könnte.

Anmerkungen:

[1] Share Economy. Ich zahle mit meiner Persönlichkeit, in: Zeit-Magazin, online vom 28. Juli 2015: http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2015-07/share-economy-kapitalismus-social-economy (10.12.2017).
[2] Nadine Oberhuber: Sharing Economy: Gutes Teilen, schlechtes Teilen, in: Zeit-online, 19. Juli 2016: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-07/sharing-economy-teilen-tauschen-airbnb-uber-trend/komplettansicht (10.12.2017).
[3] Vgl. Otto Gerhard Oexle, Koinos bios: Die Entstehung des Mönchtums, in: Ders., Andrea von Hülsen-Esch / Bernhard Jussen / Frank Rexroth (Hrsg.), Die Wirklichkeit und das Wissen. Mittelalterforschung – Historische Kulturwissenschaft – Geschichte und Theorie der historischen Erkenntnis, Göttingen 2011, S. 470–495, hier S. 470.
[4] Vgl. Otto Gerhard Oexle, Tria genera hominum. Zur Geschichte eines Deutungsschemas der sozialen Wirklichkeit in Antike und Mittelalter; in: Lutz Fenske / Werner Rösener / Thomas Zotz (Hrsg.), Institutionen, Kultur und Gesellschaft im Mittelalter. Festschrift für Josef Fleckenstein zu seinem 65. Geburtstag, Sigmaringen 1984, S. 483–500, hier S. 486.
[5] Oexle, Tria genera hominum, S. 486. Vgl. Hans-Jürgen Derda, Vita Communis. Studien zur Geschichte einer Lebensform in Mittelalter und Neuzeit. Köln 1992.

Zitation
Hans-Jürgen Derda: Rezension zu: : Urkirche als Utopie. Die Idee der Gütergemeinschaft im späteren Mittelalter von Olivi bis Wyclif. Stuttgart  2016 , in: H-Soz-Kult, 17.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27003>.
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Veröffentlicht am
17.01.2018
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