Cover
Titel
Mittelalter I. Das Frühmittelalter


Hrsg. v.
Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH
Erschienen
Umfang
115 Minuten
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Deglau, Berlin Email:

Das Mittelalter ist integraler Bestandteil moderner Geschichtskultur, es erscheint uns gleichzeitig „nah“ und „fern“. Bevor Schülerinnen und Schüler im Unterricht mit der Epoche konfrontiert werden, haben sie vielfach bereits oft klischeehafte Vorstellungen von ihr entwickelt. Diese speisen sich zum Beispiel aus Filmen, Romanen und Computerspielen. Damit Schülerinnen und Schüler zu einem differenzierterem Verständnis der Epoche gelangen, sollten sie einerseits die Alterität und Differenz zur heutigen Zeit, andererseits aber auch die Kontinuitäten zwischen Mittelalter und Moderne erfahren und verstehen.[1] Darüber hinaus sollte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einen Bezug zu den Fragen und Problemen der Gegenwart sowie zum Leben der Schülerinnen und Schüler haben. Die didaktische DVD „Mittelalter I: Das Frühmittelalter“ kann in einem Geschichtsunterricht, der diesen Ansprüchen gerecht werden will – so viel sei vorweggenommen – gewinnbringend eingesetzt werden.

Die DVD ist für den Einsatz in den Sekundarstufen I und II konzipiert und bildet den Auftakt zu einer dreiteiligen Dokumentation zum Thema Mittelalter im Rahmen der Reihe „Geschichte interaktiv“.[2] Die Leitfragen lauten: „Wie lebten die Menschen? Welche Vorstellungen und Herrschaftsstrukturen prägten ihre Welt? Wer lenkte die politischen und religiösen Geschicke?“.

Die vorliegende DVD zum Frühmittelalter enthält einen Hauptfilm „Kulturräume und Religionen – Fränkische, byzantinische und islamische Welt“ und fünf weitere Module: „Mentalitäten und Grundstrukturen mittelalterlicher Gesellschaft“, „Karl der Große (768–814)“, „Alltag auf dem Land – Das Museumsdorf Düppel“, „Archäologie als Experiment – Das Freilichtlabor Lauresham“ und „Kinder führen Kinder – Im Aachener Dom“. Der Hauptfilm sowie die Module eins, zwei und drei sind jeweils in drei bis vier Kapitel untergliedert, die sich über ein Menü einzeln anwählen lassen. Die Filme bestehen zumeist aus einer Mischung von Fotos bzw. Filmaufnahmen (beispielsweise von historischen Stätten oder Gebäuden), Stimmungsbildern von Landschaften, Computersimulationen, historischen Gemälden und mittelalterlichen Handschriften. Kombiniert werden diese mit einer Hintergrundnarration oder auch mit Quellenauszügen und Interviewausschnitten von Historikern. Zudem wird für die Darstellung des Alltagslebens im Mittelalter auf „Living History“-Darsteller zurückgegriffen. Als fachwissenschaftlicher Berater fungierte der Mediävist Gerd Althoff.

Der Hauptfilm bietet einen Überblick über die drei Kulturräume westliche Christenheit, östliche Christenheit und Islam und beginnt mit einem Überblick über die Spätantike von der Verfolgung der frühen Christen bis zur Völkerwanderung. Letztere wird unter anderem mit dem Holzstich „Germanen auf der Wanderung“ von Otto Knille (1880) illustriert, das Bild (wie fast alle anderen auch) aber leider nicht als eigener Gegenstand historischen Lernens thematisiert obwohl es doch mehr über die Idealisierung der Germanen im 19. Jahrhundert aussagt als über die Germanen an sich. Zumindest Urheber, Werk und Datierung sollten eingeblendet werden. Beklagenswert ist auch die versehentlich falsche Datierung der Schlacht an der Milvischen Brücke, in der Konstantin der Große 312 seinen Konkurrenten Maxentius besiegte. Der Aufstieg des Fränkischen Reiches wird geschildert, knapp skizziert werden die gewaltsame Christianisierung und die Sachsenkriege Karls des Großen, die kulturelle Blüte der Zeit, die Kaiserkrönung im Jahr 800 sowie der beginnende Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Macht.

Die Geschichte des Byzantinischen Reiches wird gerafft in seinem spannungsreichen Verhältnis zum Fränkischen Reich bis zum ersten Kreuzzug 1096 geschildert. Beide Reiche beanspruchten, Nachfolger des römischen Imperiums zu sein. Das Zweikaiserproblem wird auf den Konflikt zwischen Karl dem Großen und der byzantinischen Herrscherin Irene reduziert. Die Erörterung religiöser Streitfragen und das Große Schisma 1054 werden ebenso thematisiert wie die Einigung der Ost- und Westchristen gegen den gemeinsamen Feind, den Islam.

Der Prophet Mohammed wird als Begründer des Islams sowie religiöser und politischer Anführer eingeführt, der die arabischen Stämme „mit den Mitteln der Diplomatie und mit Gewalt“ geeint habe. Die arabische Expansion wird anhand einer animierten Karte illustriert. Im Fokus steht anschließend die Geschichte des islamischen Europas (Al-Andalus) von der Eroberung des Reichs der Westgoten durch die Mauren bis hin zur vollständigen Rückeroberung 1492 durch die Christen und dem Ende der maurischen Herrschaft. Weitere Themen sind die kulturelle Blüte ab dem 10. Jahrhundert und die islamische Welt als „Wissensgesellschaft“.

Ausgehend von der Gegenwart wird im ersten Modul das für uns Fremde im Mittelalter besonders akzentuiert: die gesellschaftlich prägende Kraft der tiefen christlichen Religiosität der Menschen, die Ständeordnung und die Unfreiheit der abhängigen Bauernschaft. Thematisiert wird außerdem die auf persönlichen Beziehungen und Abhängigkeiten beruhende mittelalterliche Herrschaft. Das Lehnswesen wird anschaulich erklärt, wobei die animierten Illustrationen des Sachsenspiegels (13. Jahrhundert) besonders hervorzuheben sind. Das System der Grundherrschaft wird schüleraktivierend mittels einer animierten Grafik veranschaulicht. Insgesamt werden die Unterschiede der mittelalterlichen Gesellschaft zum modernen Staat verdeutlicht ohne ein allzu statisches Bild zu zeichnen, was durch einen Ausblick auf das Spätmittelalter gelingt.

Karl der Große wird im zweiten Modul als „ein Herrscher mit vielen Gesichtern“ eingeführt. Der rücksichtslose Herrscher habe durch seine Kriege gegen die Langobarden und die Bajuwaren „halb Europa erobert“, eindrücklich werden die Unterwerfung der Sachsen und die „Missionierung mit dem Schwert“ geschildert. Demgegenüber steht der Reformer, der mit seiner Bildungsoffensive sowie seinen Bemühungen, das kulturelle Erbe der Antike zu bewahren, für eine kulturelle Blüte in karolingischer Zeit sorgte, sodass er insgesamt als ambivalente Figur erscheint: „ein großer Herrscher mit viel Licht, aber auch viel Schatten“. Die zeitgenössische Sichtweise des Biographen Einhard wird dem modernen Historikerurteil Althoffs gegenübergestellt. Thematisiert werden auch die Begründung des deutschen Kaisertums durch Karl den Großen, seine Herrschaftspraxis, das Reisekönigtum und das System der Pfalzen.

Eine besondere Rolle bei der Vermittlung der Alterität der Epoche spielt die mittelalterliche Alltagskultur. Besonders gelungen und innovativ ist daher die Umsetzung der Module drei und vier, in denen auf Erkenntnisse der experimentellen Archäologie sowie auf die der „Living History“ zurückgegriffen wird. Filmszenen mit „Living History“-Darstellern im Museumsdorf Düppel (Berlin-Zehlendorf) veranschaulichen im Modul drei das entbehrungsreiche Leben der Bauern auf dem Land. Im Zentrum stehen die Handwerke sowie die Landwirtschaft, weitere Themen sind das Zusammenleben im Dorf und in der Familie, die Ungleichheit in der Gesellschaft, das Leben der Kinder und das Geschlechterverhältnis. Sehr gelungen und spannend für die Schülerinnen und Schüler ist außerdem die Einbeziehung der Erkenntnisse der anthropologischen Forschung, wenn etwa gezeigt wird, wie anhand der Untersuchung von Kinderskeletten Rückschlüsse auf die Lebensumstände und die Todesursache gezogen werden können.

Im Modul vier wird gezeigt, wie mittels experimenteller Archäologie im Freilichtlabor Lauresham bei Worms das Leben auf einem karolingischen Herrenhof erforscht wird. Auch hier werden wieder „Living History“-Akteure gezeigt, die in dem Freilichtlabor zeitweise leben und alle Aspekte des Alltagslebens ausprobieren. Besonders deutlich wird für die Schülerinnen und Schüler anhand des Beispiels Lauresham, was Armut und Reichtum sowie Unfreiheit und Freiheit im Mittelalter bedeuteten.

Das Modul fünf zeigt eine Kinderdomführung durch den Aachener Kaiserdom. Denkbar ist ein Einsatz dieses Moduls in der Sekundarstufe I in einer Unterrichtssequenz zu Karl dem Großen.

Ergänzt wird die DVD durch umfangreiches didaktisches Begleitmaterial, das auf der Homepage des Herausgebers kostenlos heruntergeladen werden kann und sich als sehr nützlich erweist. Die Arbeitsblätter enthalten sowohl Texte und Screenshots aus der DVD, als auch zusätzliche Quellen und Sekundärtexte. Es bietet Möglichkeiten zur Vorentlastung der Schülerinnen und Schüler, Beobachtungsaufträge, Arbeitsblätter zur Erarbeitung, Festigung und Vertiefung einzelner Aspekte und Methodenkarten. Wünschenswert wäre es, das Begleitmaterial in einer offenen Datei zu liefern, sodass Lehrende ggf. die Arbeitsaufträge an das Niveau ihrer Lerngruppe anpassen oder Texte sprachlich entlasten können.

Insgesamt kann die DVD den Geschichtsunterricht sehr bereichern. Die Filme sind schüleraktivierend und motivierend gestaltet und dennoch wird kein klischeehaftes Bild des Mittelalters vermittelt. Vielmehr wird Wert auf moderne fachwissenschaftliche Expertise gelegt. Dabei wird auch auf innovative Methoden wie die experimentelle Archäologie zurückgegriffen, die ein besonderes Interesse der Schülerinnen und Schüler hervorrufen sollte. Die Modulstruktur ermöglicht einen flexiblen und passgenauen Einsatz im Unterricht.

Anmerkungen:
[1] Thomas Martin Buck, Mittelalter und Moderne. Plädoyer für eine qualitative Erneuerung des Mittelalter-Unterrichts an der Schule, Schwalbach im Taunus 2008, S. 135.
[2] Die Filme zum Hochmittelalter und zum Spätmittelalter sind ebenfalls bereits erschienen: Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH (Hrsg.), Mittelalter II. Das Hochmittelalter, Münster 2016 (1 DVD mit didaktischem Begleitmaterial als Download, 121 Min.). Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH (Hrsg.), Mittelalter III. Das Spätmittelalter, Münster 2017 (1 DVD mit didaktischem Begleitmaterial als Download, 122 Min.).

Zitation
Claudia Deglau: Rezension zu: Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH (Hrsg.): Mittelalter I. Das Frühmittelalter. Münster 2016 , in: H-Soz-Kult, 07.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27029>.
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07.12.2017
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