W. Huschner u.a. (Hrsg.): Mecklenburgisches Klosterbuch

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Titel
Mecklenburgisches Klosterbuch. Handbuch der Klöster, Stifte, Kommenden und Prioreien (10./11.–16. Jahrhundert). 2 Bände


Autor(en)
Huschner, Wolfgang; Münch, Ernst; Neustadt, Cornelia; Wagner, Wolfgang-Eric
Erschienen
Rostock 2016: Hinstorff Verlag
Umfang
1424 S., 600 Farb- u. 127 s/w-Abbildungen
Preis
€ 164,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Auge, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Seit dem Erscheinen des von Karl Hengst verantworteten Westfälischen Klosterbuchs[1] und mehr noch des formale und inhaltliche Maßstäbe setzenden Brandenburgischen Klosterbuchs[2] haben Klosterbücher in Deutschland Konjunktur. So wird derzeit intensiv an einem Sächsischen und einem Schleswig-Holstein-Hamburgischen Klosterbuch gearbeitet. Die Klosterbücher stoßen bei ihrem Erscheinen jeweils auf ein ungemein großes Interesse bei Fachwelt und nichtfachlicher Leserschaft und sind im Regelfall in der ersten Auflage rasch vergriffen. Das jüngste Produkt dieser erfreulichen und zugleich inhaltlich berechtigten Klosterbuchkonjunktur ist das zweibändige Mecklenburgische Klosterbuch, das Ende 2016 unter der Herausgeberschaft von Wolfgang Huschner, Ernst Münch, Cornelia Neustadt sowie Wolfgang Eric Wagner nach achtjähriger Projektarbeit in Kooperation mit mehr als 60 Autorinnen und Autoren im Druck erschienen ist. Um es vorwegzunehmen: Die langjährige Arbeit hat sich vollkommen gelohnt! Das neue Klosterbuch kann sich in der Reihe der bereits gedruckten und gewiss auch der noch zu druckenden Klosterbücher mehr als sehen und lesen lassen.

In zwei Bänden präsentiert das Klosterbuch die relevanten Klöster, Stifte, Kommenden und Prioreien bis zur Reformationszeit, wobei in Band I die betreffenden Einrichtungen von Althof (Doberan) bis Ratzeburg (S. 79–714), 23 an der Zahl, in Band II die weiteren 20 von Rehna bis Zarrentin (S. 725–1266) enthalten sind. Im Regelfall zeichnen mehrere Autoren und Autorinnen für die einzelnen Artikel verantwortlich. Daran schließen sich in Band II noch die in Mecklenburg befindlichen Höfe und sonstigen Besitzungen auswärtiger Klöster und Stifte an, wobei Doris Bulach und Winfried Schich die westlich und südlich, Thomas Rastig die östlich von Mecklenburg gelegenen Institute untersuchten (S. 1269–1295 bzw. S. 1295–1314). Die Aufnahme dieser Einrichtungen und ihres Besitzes ergibt Sinn. Denn dieselben machten bekanntlich nicht vor Landesgrenzen halt, an denen sich heutige Klosterbücher rein formalistisch, aber auch wegen der archivalischen Überlieferungssituation regelmäßig orientieren. Die Einzelartikel folgen stets einem festen, schon elaborierten Schema, das sich im Kern am Brandenburgischen Klosterbuch orientiert, gegenüber demselben aber an einigen Stellen einleuchtend modifiziert wurde: Unter „Allgemeines“ (1.) wird ein kurz gefasster Steckbrief der betreffenden Einrichtung geliefert, der die Lage und ihren Charakter mit Dauer, Benennung, Patrozinien und Leitung benennt. Es folgt sodann eine je nach Überlieferungs- und Forschungslage, die nicht unbedingt mit der tatsächlichen Bedeutung der Institution übereinstimmen muss, verschieden umfängliche, aber meist sehr ausführliche Vorstellung der Geschichte vom Anfang bis zum Ende des Instituts (2.), gefolgt von ebenso möglichst ausführlichen Darlegungen zur Verfassungsordnung (3.) und Besitzgeschichte (4.), zu religiösem und spirituellem Wirken (5.) und zum administrativen, diplomatischen, rechtlichen und politischen Wirken außerhalb der eigenen Institution und des eigenen Ordens (6.). Bau- und Kunstgeschichte, gegebenenfalls unter Zuhilfenahme der Archäologie, werden unter dem 7. Abschnitt subsummiert, wobei sich dieses Themenfeld eigentlich bloß auf die Architekturgeschichte bezieht, nicht aber auf klösterliches Inventar, das sich bis heute vielfach im musealen, kirchlichen oder privaten Besitz erhalten hat und seiner fachgerechten Zusammenstellung harrt. Die bekannten Siegel sind unter dem 8. Abschnitt gelistet, wohingegen der 9. Abschnitt jeweils den Archivalien, Dokumentationen und gedruckten Quellen gewidmet ist. Die für den betreffenden Artikel verwendete Literatur wird in Form von Kurztiteln im 10. Abschnitt aufgeführt. Es folgen sodann die Nennung der konkret beteiligten Autoren und Autorinnen und danach der zugehörige, teils sehr beeindruckende Anmerkungsapparat. Alle im Artikel aufgeführten Fakten und Zusammenhänge sind mithin genauest möglich dokumentiert und exakt überprüfbar bzw. nachvollziehbar. Transparenter geht Klosterforschung eigentlich gar nicht. Den meisten Artikeln sind, wenn die Klöster über Grundbesitz in mehr als fünf Orten verfügten, zwei farbige Karten im übersichtlichen Maßstab 1:375.000 beigegeben, die den jeweiligen Besitz erstens nach seiner zeitlichen und natürlich auch räumlichen Entwicklung vor Augen führen und zweitens nach Rechtsverhältnissen und Besitzstrukturen aufschlüsseln. Die durchweg gelungenen Karten gehen auf Gyula Pápay zurück.

Der Aufbau der Artikel wird dankenswerterweise gleich zu Beginn des Buches wortreich erläutert. Auch werden hier hilfreiche Tipps für die sinnvolle Anwendung der Artikel und damit des ganzen Handbuchs geliefert (S. 11–16). Wem diese Erläuterung zu langatmig ist, dem hilft die stichwortartige Auflistung des Aufbaus auf etwas mehr als einer Seite – allerdings erst am Ende des zweiten Bandes – weiter (S. 1473f.). Zudem sind hier dann alle Abkürzungen und Siglen (S. 1315–1317) und sämtliche verwendeten gedruckten Quellen und Literaturtitel, jetzt ausführlich zitiert, aufgeführt (S. 1319–1377). Es folgen ein tadelloses Orts- und ein ebenso einwandfreies Personenregister (S. 1379–1409 bzw. S. 1411–1471), eingangs jeweils mit nützlichen Bemerkungen zu Aufbau und Systematik versehen und wie schon das Quellen- und Literaturverzeichnis von Thomas Rastig verantwortet. Am Ende von Band II findet sich zudem noch ein zweigeteiltes Verzeichnis aller Autoren und Autorinnen (S. 1475–1479). In seinem ersten Teil sind dieselben nochmals den in alphabetischer Reihenfolge aufgeführten Instituten zugeordnet, in seinem zweiten sind die Verfasser und Verfasserinnen unter der Nennung der von ihnen jeweils bearbeiteten Abschnitte alphabetisch aneinandergereiht. Zu guter Letzt werden durch Beispiele gut veranschaulichte Zitationsempfehlungen gegeben, was sicher keinen Fehler darstellt.

Dem eigentlichen Katalog der mecklenburgischen Klöster, Stifte und Kommenden sind vier grundlegende Beiträge zur Geschichte des mittelalterlichen Mecklenburgs (S. 17–20) und zur Geschichte der Institute in selbigem Raum insgesamt (S. 21–57 mit wiederum gelungener Überblickskarte auf S. 24f.), zur Bau- und Kunstgeschichte all dieser Einrichtungen (S. 58–74) sowie, fast schon auffallend knapp, zur archäologischen Perspektive bei der Erforschung derselben (S. 75f.) vorgeschaltet, die der Reihe nach von Ernst Münch, Wolfgang Huschner, Ernst Badstübner gemeinsam mit Dirk Schumann und Frank Nikulka – allesamt ausgewiesene Kenner auf ihrem Gebiet – verfasst wurden. Insbesondere der Überblicksbeitrag von Huschner sticht aus den ohnehin schon exzellenten Einführungen noch weiter hervor: Er liefert eine beeindruckende, gleichwohl geraffte Darstellung der relevanten Ordens- und Klostergeschichte(n), die weit über Mecklenburg hinausführt und irgendwelche Verständnisprobleme erst gar nicht aufkommen lässt.

Das Buch ist durchweg übersichtlich gestaltet – ein Kompliment also an die für die Konzeption sowie den Satz Verantwortlichen. Farbige Kolumnentitel tragen zur Übersicht wertvoll bei. Überhaupt spielt Farbigkeit, ob nun in Schrift oder im Bild, im Handbuch eine erfreulich wichtige Rolle. So ist das Klosterbuch trotz seiner ausführlichen Texte nie allein ein Lese-, sondern immer zugleich auch ein imposantes Bilderbuch, dessen qualitativ ausgezeichnete Fotografien, ergänzt um manche veranschaulichende Lageskizze, Klostergeschichte im Sonnenschein präsentieren und Lust darauf machen, sich die bis heute erhaltenen Anlagen sogleich in situ näher anzuschauen.

Es wurde schon gesagt: Acht lange Jahre wurde an dem Mammutwerk gearbeitet. Es sind bald 1.500 Seiten Dokumentation zur mecklenburgischen Kloster- und Stiftsgeschichte auf dem neuesten Stand der Forschung zusammengekommen, insgesamt rund sieben Kilo schwer. Die Beiträge liefern dabei nie nur bloße Forschungsreferate, sie haben vielfach in beeindruckender Weise neues Wissen zum Thema, das zuvor nahezu gänzlich brachlag, erschlossen. Nicht jedes Handbuch kann von sich behaupten, selbst derart viel Grundlagenarbeit geleistet zu haben. Dabei richtet sich das Klosterbuch nie nur an eine speziell an den mecklenburgischen Verhältnissen interessierte Leserschaft. An zahlreichen Stellen werden Brücken zur allgemeinen Ordensgeschichte geschlagen. Es werden, wie schon gesagt, außermecklenburgische Institute mit Besitz im interessierenden Raum näher behandelt. Und es wird mit dem nahen und weiten Umland verglichen, markante Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden benannt. Zuweilen scheint der Vergleich gewagt, etwa wenn ein solcher mit dem ganzen Schleswig-Holstein vorgenommen wird, was mehr Homogenität suggeriert, als dieser Raum sie zu jener Zeit wirklich aufwies. Ein stärker vergleichender Blick der Forschung ist insgesamt künftig angezeigt, muss aber noch vertiefter und breiter diskutiert werden. Das Klosterbuch bietet hierfür eine optimale Voraussetzung.

Unabhängig davon muss es alles in allem einem Rezensenten mehr als schwerfallen, wirklich überzeugende Monita an diesem sehr gut redigierten, mustergültig aufgebauten, beeindruckend reich illustrierten und mit vielen neuen Forschungsergebnissen aufwartenden Handbuch zu benennen. Um diesen festen Bestandteil des Genres Rezension aber dennoch zu bedienen, kann auf das an einen klösterlichen Codex erinnernde und den entsprechenden Platz im Bücherregal beanspruchende Format von 24,5 x 32,5 cm verwiesen werden – ein „Handbuch“ im wahren Sinne des Wortes ist das gewiss nicht mehr – und auf den stolzen Preis von 164 Euro, der leider manchen potentiellen Käufer und Leser abschrecken mag. Aber einem so beckmessernden Rezensenten sei gesagt: Eine derart facettenreiche, inhaltsschwere Klostergeschichte benötigt ihren Platz und sie hat, gründlich erarbeitet, auch ihren Preis.

Anmerkungen:
[1] Karl Hengst (Hrsg.), Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung. Teile 1–3 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLIV: Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte 2), Münster 1992–2003.
[2] Heinz-Dieter Heimann / Klaus Neitmann / Winfried Schich (Hrsg.), Brandenburgisches Klosterbuch. Handbuch der Klöster, Stifte und Kommenden bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts (Brandenburgische Historische Studien 14), Berlin 2007, unveränderter ND 2010.

Zitation
Oliver Auge: Rezension zu: : Mecklenburgisches Klosterbuch. Handbuch der Klöster, Stifte, Kommenden und Prioreien (10./11.–16. Jahrhundert). 2 Bände. Rostock  2016 , in: H-Soz-Kult, 29.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27069>.