Cover
Titel
Ernst Kantorowicz. A Life


Autor(en)
Lerner, Robert E.
Erschienen
Umfang
424 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karl Ubl, Historisches Institut, Universität zu Köln

Dieses Buch ist ein Glücksfall. Der Gegenstand der Biographie ist einer der einflussreichsten Mittelalterhistoriker des 20. Jahrhunderts mit einer unfassbar bewegten Lebensgeschichte, die selbst im Zeitalter der Extreme ihresgleichen sucht. Der Autor der Biographie hat über Jahrzehnte Material aus dem persönlichen Umfeld des Historikers zusammengetragen und zählt selbst zu den herausragenden Mediävisten seiner Generation. Aus dieser glücklichen Verbindung ist ein Buch entstanden, das in jeder Hinsicht lesenswert ist: durch das sichere Urteil über Kantorowiczs akademische Leistungen, durch die akribische Rekonstruktion der einzelnen Lebensstationen und durch das ausgewogene Charakterbild dieser charmanten, aber auch eigenwilligen Persönlichkeit.

Die Biographie widmet sich gleichermaßen allen Abschnitten im Leben von Kantorowicz: von seinen Jugendjahren in Posen über sein Studium in Heidelberg, seine Aufnahme in den Kreis Stefan Georges bis hin zum Exil und zu seinen akademischen Stationen in Berkeley und Princeton. Als roten Faden in seinem Leben identifiziert Lerner den Hang zum Elitären und zum Nonkonformismus. Dies spiegelt sich bereits während seiner Jugend in Freundschaften mit Adligen und Großbürgern wider, später in seiner Zugehörigkeit zum Kreis um Stefan George, aber auch in seiner Abkehr vom deutschen Nationalgedanken, sobald dieser in der extremen Form des Nationalsozialismus die breiten Massen erfasst und die Idee eines „geheimen Deutschlands“ in Misskredit gebracht hatte. Selbst in den USA, als Kantorowicz nach langen, entbehrungsreichen Jahren des Wartens endlich eine dauerhafte Stelle in Berkeley ergattert hatte, stellte er sich an die Spitze derjenigen, die einen zusätzlichen Loyalitätseid auf die amerikanische Verfassung strikt ablehnten und damit ihre Anstellung gefährdeten. Lerner erkennt diesen Hang zum Elitären auch in den vor Gelehrsamkeit überbordenden Fußnoten sowie in der komplexen, gelegentlich ans Esoterische grenzenden Architektur seiner Hauptwerke. Einen zweiten roten Faden macht Lerner in der persönlichen Ungebundenheit von Kantorowicz aus. Obwohl er gelegentlich ex post mit einer Heirat (etwa mit Marion Gräfin Dönhoff) kokettierte, war er durch und durch von der Ansicht überzeugt, ein Gelehrtenleben in seinem Sinne vertrage sich nur schlecht mit der Gründung einer Familie. Kantorowicz pflegte vielmehr enge Beziehungen sowohl mit Männern (wie Woldemar Graf Uxkull-Gyllenband) als auch mit verheirateten Frauen (wie Josefine von Kahler) und wohnte über Jahre hinweg als „Kammerdiener“ mit dem Meister George zusammen. Diese Ungebundenheit machte sich gelegentlich auch in einer gewissen Intoleranz und Aufdringlichkeit gegenüber den familiären Bindungen seiner Schüler bemerkbar – eine von Lerner deutlich benannte schwierige Seite seiner Persönlichkeit. Als Familienersatz dienten ihm zunächst der Kreis um Stefan George, nach seiner Emigration die intensiv gepflegten Verbindungen zu Gelehrten, Verwandten und Freunden. Ein drittes Charakteristikum, welches von Lerner eindringlich dargestellt wird und heute noch besonderen Respekt abnötigt, ist der Mut und die Unbekümmertheit von Kantorowicz. Sei es als Soldat im Ersten Weltkrieg, als angefeindeter Newcomer auf dem Hallenser Historikertag von 1930, als jüdischer Professor bei seiner „Antrittsvorlesung“ im November 1933 und als immigrierter Gelehrter im Kampf gegen die Kommunistenjäger in den Vereinigten Staaten: Immer verstand er es, an seinen Prinzipien festzuhalten und nicht in Kleingeistigkeit zu verfallen.

Dieses Bild wird aus einer Unmenge von unbekanntem Material gewonnen, das die von Kantorowicz selbst angeordnete Vernichtung seiner Briefe ausgleicht: Aus den in der ganzen Welt zerstreuten Korrespondenzen, aus Interviews und Gesprächen mit Zeitgenossen, Verwandten und Kollegen. Dadurch werden auch einige Legenden zerstört wie die vielfach behauptete Nähe zu den Dichtern der „Berkeley Renaissance“ oder das von Kantorowicz selbst gestreute Gerücht über seinen bewaffneten Kampf gegen die Spartakisten. Überzeugend ist auch die nüchterne Einschätzung der wissenschaftlichen Hauptwerke, deren Faszination Lerner vor allem auf die starke auktoriale Präsenz, die literarische Stilisierung und den interdisziplinären Zugriff zurückführt. Darüber hinaus belegt das Buch eindrucksvoll, wie Kantorowicz seine politischen Anschauungen radikal in Frage stellte und auch als Historiker erstaunliche Wandlungen durchmachte – und dass bei all diesen Veränderungen dennoch eine kohärente Persönlichkeit dem Leben Gestalt verlieh.

Zitation
Karl Ubl: Rezension zu: Lerner, Robert E.: Ernst Kantorowicz. A Life. Princeton 2017 , in: H-Soz-Kult, 14.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27112>.
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Veröffentlicht am
14.06.2017
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