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Titel
Max Weber in Context. Essays in the History of German Ideas c. 1870–1930


Autor(en)
Ghosh, Peter
Erschienen
Wiesbaden 2016: Harrassowitz Verlag
Umfang
411 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Sokoll, Arbeitsbereich Geschichte und Gegenwart Alteuropas, Historisches Institut, FernUniversität Hagen

Der in Oxford lehrende Historiker Peter Ghosh zählt gegenwärtig zu den besten Kennern Max Webers und seines gewaltigen Werkes. Dabei richtet er sein besonderes Augenmerk seit langem auf die „Protestantische Ethik“ (PE), an deren historisch-kritischer Neuausgabe in englischer Sprache er seit über 20 Jahren arbeitet und deren Ziel ganz offensichtlich darin besteht, die PE in umfassender Weise in den ideengeschichtlichen Kontext einzuordnen, dem sie erwachsen ist und den sie dann ihrerseits nachhaltig beeinflusst hat. Kein Wunder, dass dieses Projekt immer größere Kreise zieht, läuft es doch auf nicht weniger hinaus als auf eine europäische Ideengeschichte zwischen 1870 und 1930, des Zeitraums also, in dem der Fortschrittsglaube der heroischen Moderne durch Krisen und Katastrophen nachhaltig erschüttert wurde und in die Selbstkritik der nun als zerrissen empfundenen Moderne mündete – eine Drehung des intellektuellen Spannungsfeldes, für den die PE zugleich Quelle und Spiegel darstellt.

Ghoshs hier anzuzeigendes Buch ist sein drittes zu Webers PE in diesem größeren Kontext. Das erste war eine Sammlung von Aufsätzen zu einzelnen Aspekten der PE, so etwa zur Frage, auf welche Quellen und Literatur sich Weber für sein Bild des Puritanismus stützte. Das zweite war eine tiefschürfende Abhandlung über die PE als kritischer Knotenpunkt, in dem sich bei Weber alle Fäden der Lebensgeschichte mit denen der Werkentwicklung durchkreuzen, weshalb sich (so die These) seine persönliche und seine intellektuelle Biographie als ‚Zwillingsgeschichte‘ erzählen ließen.[1] Nun also das dritte Buch, wiederum eine Sammlung von Aufsätzen, vier davon bereits zuvor veröffentlicht, aber im Fußnotenapparat punktgenau und extrem reichhaltig um neuere Literaturangaben ergänzt.[2]

Zum Auftakt des neuen Buches gibt Ghosh drei Ratschläge für die Lektüre (Kap. 1). Man möge es (a) im weberianischen Geiste lesen, sprich: jenseits aller fachlichen Spezialisierung. Im Zentrum stünden (b) nicht Personen, sondern intellektuelle Traditionen und Denkmuster, die im weberianischen Sinne als soziale Strukturen zu begreifen seien. Das Ganze verstehe sich (c) als Beitrag zur spezifisch deutschen Ideengeschichte, die zwischen 1870 und 1930 „the intellectual centre of the Western world“ (S. 10) gewesen sei. Man muss diese pathetische Wertschätzung der deutschen ‚Kultur‘ nicht teilen, um dennoch anzuerkennen, dass Ghosh auch mit diesem Buch seinem Gegenstand ein eigenes Denkmal gesetzt hat, denn seine souveräne Vermessung der intellektuellen Landkarte des deutschsprachigen Ideenraums ist selbst ein Musterbeispiel deutscher Gründlichkeit. Begrifflich messerscharf und zugleich geschmeidig, analytisch tiefschürfend und zugleich weit ausholend, stehen seine Textanalysen für die vornehmsten Tugenden deutscher Gelehrsamkeit auf dem Felde der Geistes- und/oder Kulturwissenschaften. Von daher verwundert es kaum, dass man das Buch (trotz der einnehmenden Sprache) nicht einfach überfliegen kann, sondern die Lektüre einen langen Atem und höchste Konzentration erfordert. Immerhin sind die Kapitel jedes für sich und in beliebiger Reihenfolge lesbar – zudem gibt es ein vorzügliches Register, das die selektive Lektüre (oder auch: die systematische Auswertung) erleichtert. Kurzum: Das Buch ist anstrengend – und zugleich ein intellektueller Genuss.

Man kann das Buch tatsächlich wie einen Reiseführer durch eine intellektuelle Landschaft lesen, sodass der Leser an den betreffenden Orten der einheimischen Prominenz begegnet und dort zugleich auf Max Weber als ständigen Begleiter trifft, der das gesamte Terrain wie seine Westentasche kennt. Als Gastgeber in diesem Sinne treffen wir: Lujo Brentano (Kap. 2), Georg Jellinek (Kap. 3), Werner Sombart (Kap. 5), Stefan George und andere Literaten (Kap. 6), Adolf von Harnack, Ernst Troeltsch, Georg von Below und Adolf Holl (Kap. 7 und 8), Oswald Spengler, Ludwig Klages und Karl Jaspers (Kap. 8).

Es versteht sich von selbst, dass diese Etappen hier nicht im Einzelnen durchgegangen werden können. Doch wenigstens ein Beispiel muss näher erläutert werden, damit klar wird, wie Ghosh seine geistesgeschichtlichen Ausflüge organisiert hat. Ich wähle dafür den Aufsatz über Weber und Jellinek (Kap. 3). Ausgangspunkt ist die besonders enge, auch familiär-freundschaftliche Beziehung der beiden Gelehrten. Weber zollte Jellinek, dem herausragenden Juristen, nicht nur höchste fachwissenschaftliche Bewunderung, sondern war auch tief beeindruckt von dessen umfassender Bildung, der Weite seines historischen Blicks und seiner liberalen Geisteshaltung. Jellinek hatte in seiner Arbeit über die modernen Menschen- und Bürgerrechte (1895, 2. Aufl. 1904) die These aufgestellt, diese seien nicht, wie gemeinhin angenommen, eine Errungenschaft des 18. Jahrhunderts (Aufklärung, Amerikanische/Französische Revolution), sondern wurzelten in der Idee der Glaubens- und Gewissensfreiheit, wie sie erstmals im englischen Nonkonformismus des 17. Jahrhunderts entwickelt worden sei. Natürlich kannte Weber diesen Text gut – und bekannte in der PE, genau durch ihn zur „erneuten Beschäftigung mit dem Puritanismus“ angeregt worden zu sein.[3] Insofern ist es nicht verkehrt, wenn später gesagt wurde, Jellineks Essay sei so etwas wie ein kleiner Vorläufer der großen PE.[4]

Vordergründig deutet somit alles auf eine geradezu intime Geistesverwandtschaft zwischen Weber und Jellinek hin. Doch genau diese landläufige Einschätzung hält Ghosh für falsch. Aus der persönlichen Freundschaft der beiden Gelehrten könne nicht ohne weiteres auf eine intellektuelle Verbundenheit geschlossen werden. Tatsächlich nämlich seien Weber und Jellinek, ungeachtet aller geistigen Berührungspunkte, im intellektuellen Habitus grundverschieden gewesen. Ob man die Unterschiede zwischen Weber und Jellinek so scharf konturieren muss, bleibe dahingestellt. Methodisch entscheidend ist, wie Ghosh das geistige Profil seiner beiden Protagonisten zeichnet. Statt sich in herkömmlicher Manier auf die offensichtlichen Bezugspunkte zu kaprizieren, hat er die intellektuelle Landschaft, in der sich Weber und Jellinek bewegten, systematisch durchforstet. Das bedeutet zunächst, dass er alle Texte sowohl Webers als auch Jellineks überblickt und systematisch auf Gemeinsamkeiten und Differenzen hin untersucht. Darüber hinaus berücksichtigt er aber auch die Texte aller übrigen zeitgenössischen Juristen, auf die sich Weber und Jellinek beziehen oder die sonst zur Sache beitragen können. Woher er weiß, wo jeweils die Grenze zu ziehen ist, um nicht ins Uferlose abzugleiten? Ganz einfach: er schöpft zum einen aus der souveränen Kenntnis des gesamten einschlägigen Materials und hat zum andern einen klaren Blick für die entscheidenden Gesichtspunkte und Entwicklungslinien.

Die übrigen Aufsätze des Bandes sind entweder viel enger mit den in der PE aufgeworfenen Fragen verknüpft, oder sie ziehen von dort aus thematisch deutlich weitere Kreise. Die beiden am engsten auf die PE bezogenen Aufsätze behandeln die bizarre Auseinandersetzung, die Weber mit Brentano (Kap. 2) und Sombart (Kap. 4) über das Projekt einer Theorie des modernen Kapitalismus und damit um eine angemessene Weiterführung des Marxschen Programms führte. Auch hier gilt, dass man Ghosh in der Sache nicht unbedingt in allen Punkten zustimmen mag. So sehe ich zum Beispiel nicht, dass Brentano die entscheidende geistige Brücke zwischen Marx und Weber war, und halte die These, dass er Marx viel näherstand als Weber, für schlichtweg unhaltbar. Doch selbst da, wo ich Ghosh in seinen Schlussfolgerungen nicht beipflichten mag, folge ich ihm doch gerne durch seine ebenso weitreichenden wie tiefschürfenden Analysen.

Dasselbe gilt (ohne jede Einschränkung) für die beiden (bislang unveröffentlichten) Aufsätze über die lutherischen Wurzeln (Kap. 6) und die lutherische Rezeption der PE (Kap. 7). Die PE ist ja von allen Arbeiten Webers die einzige genuin historische Untersuchung, die sich allerdings wegen ihres spezifischen Erkenntnisinteresses und von ihrer Quellenbasis her vor allem auf theologischem Terrain bewegt und von daher den Forschungsrahmen der historischen Theologie und Kirchengeschichtsschreibung des ausgehenden 19. Jahrhunderts eigentlich nicht überschreitet. Das ist aber kein Nachteil, sondern genau umgekehrt als höchstes Lob zu verstehen. Denn für das Programm einer konsequenten Historisierung aller geisteswissenschaftlichen Fragestellungen auf Basis systematischer Quellenkritik – für Ghosh der Inbegriff des spezifisch deutschen Paradigmas selbstkritischer Wissenschaft(lichkeit) – war eben nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch die Theologie federführend. Mehr noch: methodisch, so Ghoshs These (Kap. 6), habe hier die Theologie (und nicht die Geschichtswissenschaft) an vorderster Front gestanden. In der Tat ‚lebte‘ der Kulturprotestantismus von einer Schonungslosigkeit der historischen Kritik, die nicht davor scheute, sich ihres historischen Gegenstandes selbst zu entledigen, und es war immerhin Ernst Troeltsch, Webers engster theologischer Freund, der die erkenntnistheoretischen Aporien des historistischen Paradigmas (vor allem das Problem des Wertrelativismus) erstmals in aller Klarheit darlegte.[5]

Wie eng Weber und Troeltsch seit der PE nicht nur auf dem sachlichen Gebiet, sondern auch in methodologischen Fragen der kulturwissenschaftlichen Erkenntnis verbunden waren, ist schon länger bekannt.[6] Neu hingegen ist aber wohl doch, wie solide und tief verankert das theologische Fundament war, auf dem sich Weber bereits in der PE bewegte. Damit ist zugleich (hoffentlich: endgültig) klar, dass der immer wieder erhobene Vorwurf, Weber habe es in der PE an handwerklicher Sorgfalt mangeln lassen[7], jeder Grundlage entbehrt.[8]

War Weber mit seiner PE somit in der theologischen (genauer gesagt: lutherischen) Fachgelehrsamkeit seiner Zeit fest verwurzelt (Kap. 6), so waren es, wie Ghosh im anschließenden Aufsatz über die lutherische Rezeption der PE zeigt (Kap. 7), wiederum die Theologen (und Historiker wie Georg von Below), die der PE nicht nur eine besondere Aufmerksamkeit widmeten, sondern einen Ansatz aufgriffen und weiterführten. Hier eröffnet Ghosh faszinierende Einsichten in ein weitgehend vergessenes intellektuelles Feld.

Die beiden Aufsätze über die ‚Literaten‘ (Kap. 5) und ‚Propheten‘ (Kap. 8) schließlich ziehen, von der PE aus betrachtet, die mit Abstand weitesten Kreise. Sie behandeln Webers Haltung zu jenen Formen der kulturellen Verarbeitung der Aporien der Moderne, die jenseits der strengen Wissenschaft lagen und dennoch (oder gerade deshalb) stets sein glühendes Interesse fanden – sei es aus tiefster Bewunderung (Stefan George und sein Kreis) oder aus vehementester Verachtung (Oswald Spengler). Aber so weit sich Ghosh hier von der PE entfernt, schließt er doch genau damit den historischen Kreis, der für sein Verständnis der deutschen Ideengeschichte zwischen 1870 und 1930 konstitutiv ist. Schließlich geht es ihm darum, die in der PE aufgeworfenen Fragen im Kontext der deutschen Geistesgeschichte zu situieren, indem er allen Spuren nachgeht, die Weber von seinen ausgedehnten Reisen in diesem großen Terrain hinterlassen hat.

Da ist er wieder – der Historiker als Spurenleser. Und wie liest er die Spuren? So wie eh und je, indem er einfach alle für seine Fragestellung relevanten Texte so genau wie eben möglich liest; dann darauf achtet, dass er nicht vor lauter Blättern den Sinn nicht mehr sieht (das Bild vom Wald und den Bäumen will sich hier nicht einfügen); und schließlich den Weg, den seine wichtigsten Spuren weisen, klar und deutlich beschreibt (was nicht ausschließt, dass man beim Nachgang einzelner Spuren höllisch aufpassen muss, um nicht auf Abwege zu geraten). Mir selbst als Leser, der sich auf diese abenteuerliche Reise eingelassen hat, ist es jedenfalls erneut wie Schuppen von den Augen gefallen. Wie schön es doch ist zu sehen, was eine althergebrachte Geistes- und Ideengeschichte, wenn sie so solide fundiert und so umsichtig ausgefaltet ist wie bei Peter Ghosh, jenseits aller Diskursanalysen und dekonstruktivistischen Binsenweisheiten an bleibender Erkenntnis zu vermitteln vermag.

Anmerkungen:
[1] Matthias Wolfes, Rezension zu: Peter Ghosh, A Historian Reads Max Weber. Essays on the Protestant Ethic, Wiesbaden 2008, in: H-Soz-Kult, 22.02.2011, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14306 (07.06.2018); Thomas Sokoll, Rezension zu: Peter Ghosh, Max Weber and ‚The Protestant Ethic‘. Twin Histories, Oxford 2014, in: H-Soz-Kult, 09.09.2015, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23695 (07.06.2018).
[2] Es handelt sich um Band 14 der von Stefan Breuer, Eckhart Otto und Hubert Treiber herausgegebenen ‚Kultur- und sozialwissenschaftlichen Studien‘ (Harrassowitz). Ghoshs „A Historian reads Max Weber“ war Band 1 der Reihe. Zu den übrigen Bänden zählen diejenigen zur Webers Herrschaftssoziologie von Breuer (Band 8), zur Religionssoziologie von Tyrell (Band 10) und zur historischen Sozialökonomie von Bruhns (Band 11).
[3] MWG I/9, 314, Fn. 78; zur Sache ebd., S. 34–35 (Einl. Schluchter); Georg Jellinek, Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Ein Beitrag zur modernen Verfassungsgeschichte, Leipzig 1895; 2. erw. Aufl. Leipzig 1904. Weber hatte zunächst vor, die 2. Aufl. zu rezensieren, wich aber dann aus.
[4] So zum Beispiel Hartmut Lehmann, Max Webers „Protestantische Ethik“. Beiträge aus Sicht eines Historikers, Göttingen 1996, S. 14f., S. 97f.
[5] Ernst Troeltsch, Der Historismus und seine Probleme, Tübingen 1922.
[6] Nach wie vor die beste neuere Arbeit zu diesem Komplex: Annette Wittkau, Historismus. Zur Geschichte des Begriffs und des Problems, Göttingen 1992.
[7] Ein Beispiel aus jüngeren Zeit: Heinz Steinert, Max Webers unwiderlegbare Fehlkonstruktionen. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Frankfurt am Main 2010.
[8] Dies ergibt sich auch aus dem editorischen Apparat in MWG I/9, über den sich Webers Arbeitsweise in allen Einzelheiten nachverfolgen lässt.

Zitation
Thomas Sokoll: Rezension zu: : Max Weber in Context. Essays in the History of German Ideas c. 1870–1930. Wiesbaden  2016 , in: H-Soz-Kult, 04.07.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27235>.
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04.07.2018
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