Cover
Titel
Kampf um Konsens. Intellektuelle in den Volksparteien der Bundesrepublik Deutschland


Autor(en)
Tschirschwitz, Lars
Erschienen
Umfang
571 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Silja Behre, Minerva Institute for German History, Tel Aviv University

Auf dem Buchcover: der energisch gestikulierende Peter Glotz (SPD) und sein bedächtig-nachdenklicher Genosse Erhard Eppler, auf dem Buchrücken: der selbstsicher lachende Heiner Geißler (CDU) und, etwas zurückhaltender, sein Parteikollege Kurt Biedenkopf. Die Schwarz-Weiß-Fotografien sind ein erster Hinweis auf die Charaktere, auf Funktionen und Strategien der vier Protagonisten einer Studie, die sich auf die Spur der Figur des „Parteiintellektuellen“ begibt. Lars Tschirschwitz analysiert in seiner als Dissertation an der Universität Rostock entstandenen Arbeit über „Intellektuelle in den Volksparteien“ die Rolle der vier Parteidenker von den ausgehenden 1960er-Jahren bis hinein in die 1990er-Jahre. Mit der Frage, wer oder was der Parteiintellektuelle denn eigentlich sei, beteiligt sich der Autor nicht nur an den für die Intellektuellenforschung konstituierenden Definitionskämpfen um den Intellektuellenbegriff, sondern zielt auf eine Verbindung von Parteiengeschichte und Intellectual History jenseits des Gegensatzes von Kritik und Macht. Wie geht er dabei vor?

Während für den „Intellektuellen ohne Mandat“ Karl Kautsky die Autonomie des Intellektuellen das Engagement in der praktischen Politik ausschloss[1], versteht der Autor dieser Studie seine vier Protagonisten als „Grenzfälle“ (S. 12) zwischen Geist und Macht. Das Verhältnis von Intellektuellen und Volksparteien zeichne sich zudem, so der „Anfangsverdacht“ (ebd.), durch Parallelen in der theoretischen Konzeption aus: Beide verstünden sich als Vertreter der Allgemeinheit. Für seine Analyse richtet Tschirschwitz den Blick in jene Phase der alten Bundesrepublik, die in der Zeitgeschichte unter dem Stichwort der Strukturbruch-These (Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael) diskutiert wird. Entwicklungen wie die Automatisierung und Digitalisierung, wirtschaftliche und gesellschaftliche Individualisierungsprozesse sowie das Aufkommen einer „Künstlerkritik“ am Kapitalismus, die Luc Boltanski und Ève Chiapello von einer „Sozialkritik“ unterschieden haben, bilden also das Hintergrundrauschen für das Wirken der vier Protagonisten.

Auf Basis eines umfangreichen, wenn auch nicht für alle vier Denker in gleichem Maße zugänglichen Quellenmaterials (ihre Veröffentlichungen, Dokumente und Artikel aus Partei- und Pressearchiven, Material aus Vor- und Nachlässen sowie Interviews mit Eppler und Biedenkopf) fragt Tschirschwitz: Wie reagierten sie auf die Herausforderungen des Strukturwandels? Wie stand es um das Verhältnis zwischen ihrer „intellektuellen[n] Freizügigkeit“ und ihrem „politische[n] Gewicht“ (S. 13)? Welcher medialen Strategien bedienten sie sich? Wie gestaltete sich ihr Verhältnis zu anderen gesellschaftspolitischen Akteuren: Gewerkschaften, Wirtschaft und Wissenschaft, Kirchen und Neuen Sozialen Bewegungen? Dabei grenzt sich der Autor theoretisch und methodisch von einem „normativ imprägnierten“ (S. 19), sich durch Distanz zur Macht und das Postulat der Unabhängigkeit auszeichnenden Intellektuellenbegriff ab, um eine „formale Skizze des Intellektuellen“ (ebd.) zu versuchen. Anschließend werden auf rund 450 Seiten, in sechs thematischen und jeweils von einem Fazit beschlossenen Kapiteln, die Interventionen der Parteidenker analysiert, bevor ein Resümee die Ergebnisse zusammenführt.

Die Geschichte der Parteiintellektuellen müsse, so eine Anfangsprämisse, „eine Intellectual History auf biografischer Basis sein“ (S. 29). So rekonstruiert der Autor den lebensgeschichtlichen Hintergrund der vier Protagonisten, allesamt aus bürgerlichem Hause und „überzeugte Bundesrepublikaner“ (S. 176), die der „generationsbedingte Wunsch nach politischer und ökonomischer Stabilität“ (S. 506) verbinde: Erhard Eppler (geb. 1926), Kurt Biedenkopf (geb. 1930), Heiner Geißler (1930–2017), Peter Glotz (1939–2005). Prägende Erfahrungen, Sozialisation und frühe Netzwerkbildung legten, so Tschirschwitz, die Basis für später weiterverfolgte „ideengeschichtliche Traditionen“ (S. 43).

Zentral für die „Bewusstseinsarbeit“ (S. 503) der vier Parteidenker war das Besetzen von Begriffen, wie im Verlauf der Studie an unterschiedlichen Beispielen herausgearbeitet wird – etwa „Fortschritt“ und „Kultur“. An dem Ringen um ein spezifisches Verständnis des Konservatismusbegriffs, zuletzt von Martina Steber für die CDU als Neuformulierung „politische[r] Sprachen des Konservativen“[2] ausführlich beschrieben, beteiligte sich Eppler aus SPD-Sicht mit den Schlagwörtern „Struktur- und Wertkonservatismus“ – eine, so der Autor, sich andeutende „Verschiebung ideologischer Fronten“ (S. 175). Geißler dagegen versuchte sich mit einer Kritik an der Leistungsgesellschaft unter dem Stichwort „NSF“ („Neue Soziale Frage“) zu profilieren und einen konservativen Gegenbegriff zur Frauenemanzipation zu etablieren. Tschirschwitz sieht dies auch als eine Folge der 68er-Bewegung für das ideologische Gefüge der Christdemokraten.

Parteiintellektuelle waren, so eine These der Studie, „Scharniere“, „Stellvertreter mit Identifikationspotenzial“ und „schreibende Mittler zwischen den Sphären“ (S. 519). Geißler suchte den Kontakt zum Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kritiker Hans Egon Holthusen (1913–1997), Parteikollege Biedenkopf wandte sich an Alexander Mitscherlich (1908–1982). Glotz entwickelte sich zum Experten für die Jugend als Träger des außerparlamentarischen Protests und eines veränderten Politikverständnisses; er umwarb sie mit einer Strategie des Dialogs. Ob die von Eppler auch aus parteitaktischen Gründen hergestellte Nähe zur Alternativ- und Ökologiebewegung der 1970er- und 1980er-Jahre ihn allerdings zum „Bewegungsintellektuellen“ (S. 314) werden ließ, kann hinterfragt werden, ging er doch gerade nicht aus den jeweiligen Protestbewegungen hervor.[3] Von den anderen Parteidenkern unterschied Eppler jedenfalls, dass er „Politik nicht ausschließlich innerhalb eines klar abgegrenzten institutionellen Rahmens dachte“ (S. 254) und ihn „die Partei zu sehr beengte“ (S. 288). Auch deshalb hatte er sich im protestantischen Umfeld mit der 1977 gegründeten Gustav-Heinemann-Initiative (GHI) noch ein anderes Betätigungsfeld geschaffen, um auf die Herausforderungen der Terrorismus-Debatte zu reagieren. Biedenkopf verfolgte als Chef des nordrhein-westfälischen CDU-Landesverbandes eine andere Strategie, um seine Ideen auch in der Bundespartei – und gegen den Antagonisten Helmut Kohl – durchzusetzen, indem er mit dem ebenfalls 1977 ins Leben gerufenen, bis 2008 bestehenden „Institut für Wirtschaft und Gesellschaft“ wissenschaftsbasierte Politikberatung betrieb.

Während sich Eppler und Biedenkopf eher an die „abseits der Parteien organisierten Massen“ (S. 414) wandten, wird Geißler von Tschirschwitz wegen seiner Auseinandersetzungen mit dem außerparlamentarischen Protest als „Antiintellektueller“ (S. 251) identifiziert. In Glotz’ Umgang mit dem pseudonymen „Nachruf“ auf den ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback während der sogenannten Mescalero-Affäre 1977 sieht Tschirschwitz dagegen paradigmatisch eine Schärfung des Profils des Parteiintellektuellen, habe sich Glotz doch in seinem Amt als West-Berliner Wissenschaftssenator auf den Streit mit Intellektuellen eingelassen und sich letztendlich deren Insistieren auf Meinungsfreiheit angeschlossen. Geißler und Glotz gelten ebenso als Gegensatzpaar, wenn es um den je eigenen Interventions- und Debattenstil geht, den Tschirschwitz auf die Unterschiede in Funktion und Persönlichkeit zurückführt. Beide Akteure beschreibt er aber als „Einpeitscher“ ihrer Parteien (S. 414, dort auch in Anführungszeichen). In ihren an Konsensschaffung und Stimmengewinn orientierten Strategien der „technischen Intelligenz der Macht“ (S. 522) zeige sich, so Tschirschwitz, die „normative Entkernung“ dessen, was den „kritischen Intellektuellen“ (ebd.) charakterisiere, am deutlichsten: Autonomie.

Am Ende bleibt die Frage: Lässt sich am Beispiel der vier Akteure eine Typologie des Parteiintellektuellen entwerfen – und wenn ja, wie könnte sie aussehen? Die Herausbildung des Parteiintellektuellen war eine „zeitgenössische Konsequenz“ (S. 498), geschuldet der ideologischen Herausforderung der traditionellen Parteien durch außerparlamentarische Protestbewegungen, durch die Grünen sowie durch sich verschärfende Verteilungskämpfe in der Aufmerksamkeitsökonomie nach der Einführung privater Mediendienste. Auch der konstatierte Niedergang des Parteiintellektuellen wird mit dem Schicksal der Volksparteien durch Mitgliederschwund und alternativlose Sachpolitik der „Berliner Republik“ (S. 490) verknüpft – vielleicht vorschnell, möchte man einwenden. Denn der am Ende erwähnte Beitritt Geißlers zum globalisierungskritischen Netzwerk Attac im Jahr 2007 fügt der Geschichte der Parteiintellektuellen noch ein spätes, aber kritisches Kapitel hinzu. Analytisch gesprochen lautet das Fazit: Der Parteiintellektuelle agiere weniger als spezifischer Intellektueller im Sinne Michel Foucaults, sondern vielmehr – frei nach Pierre Bourdieu – auf einem durch die Professionalisierung der Politik und zu seiner Etablierung notwendigen, autonom gewordenen Feld (S. 522). Mit Hilfe analytischer Begriffe, die vom kollektiven Intellektuellen im Bourdieu’schen Sinne über den Experten bis zum öffentlichen Intellektuellen reichen, verdeutlicht Tschirschwitz, dass sich die Figur des Parteiintellektuellen vor allem im Rollenspiel zwischen Engagement, Expertentum und Machtpolitik konstituierte.

Die Studie wurde in einer anderen Rezension als „fleißig“ charakterisiert[4]: eine treffende Beschreibung im Hinblick auf Stärken und Schwächen der Arbeit. Sie fällt durch eine quellengesättigte, fakten- und detailreiche Darstellung auf, lässt es aber an analytischer Stringenz und Zuspitzung mangeln. Erleichtert wird die Lektüre vor allem durch die Zusammenfassungen der sechs Hauptkapitel. Sie bieten Thesen und Erzählbögen, die in den zahlreichen Unterkapiteln verlorengehen. Schließlich fehlt leider auch ein Personen- und Stichwortverzeichnis. Das Verdienst der Studie ist es jedoch, zu der geforderten „Blickerweiterung“[5] auf die Intellektuellengeschichte der Bundesrepublik beizutragen, die 1970er-Jahre auch jenseits der Terrorismus-Debatte zu beleuchten und mit der Frage nach dem Wesen des Parteiintellektuellen eine Grenzfigur auszuloten.

Anmerkungen:
[1] Ingrid Gilcher-Holtey, Das Mandat des Intellektuellen. Karl Kautsky und die Sozialdemokratie, Berlin 1986, hier S. 261.
[2] Martina Steber, Die Hüter der Begriffe. Politische Sprachen des Konservativen in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland 1945–1980, Berlin 2017.
[3] Zum Bewegungsintellektuellen siehe Ingrid Gilcher-Holtey, Konkurrenz um den „wahren“ Intellektuellen. Intellektuelle Rollenverständnisse aus zeithistorischer Sicht, in: Thomas Kroll / Tilman Reitz (Hrsg.), Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland. Verschiebungen im politischen Feld der 1960er und 1970er Jahre, Göttingen 2013, S. 41–52.
[4] Peter Hoeres, Quartett der Denker für Bonner Lenker, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2017, S. 6, http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/parteiintellektuelle-quartett-der-denker-fuer-bonner-lenker-15193588.html (08.04.2018).
[5] Kroll / Reitz, Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland, S. 11.

Zitation
Silja Behre: Rezension zu: : Kampf um Konsens. Intellektuelle in den Volksparteien der Bundesrepublik Deutschland. Bonn  2017 , in: H-Soz-Kult, 13.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27240>.
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Veröffentlicht am
13.04.2018
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