M. Baumeister u.a. (Hrsg.): Cities Contested

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Titel
Cities Contested. Urban Politics, Heritage, and Social Movements in Italy and West Germany in the 1970s


Hrsg. v.
Baumeister, Martin; Bonomo, Bruno; Schott, Dieter
Erschienen
Frankfurt am Main 2017: Campus Verlag
Umfang
382 S., 35 Abb.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Gatzka, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

In jüngster Zeit mehren sich Appelle, die Geschichte der europäischen Nachkriegsgesellschaften als Stadtgeschichte zu entwerfen.[1] Der vorliegende Sammelband, der auf eine 2015 am Deutschen Historischen Institut Rom veranstaltete Konferenz zurückgeht, erprobt den heuristischen Wert dieser Perspektive für die 1970er-Jahre, verstanden als Dekade einer krisenhaften Transformation. Mit Martin Baumeister, Bruno Bonomo und Dieter Schott haben ihn drei ausgewiesene Stadthistoriker herausgegeben. Sie konzeptualisieren die Stadt als Feld, auf dem die „structural rupture“ der Dekade besonders spürbar wurde. Die zeitgenössische Diagnose einer „urban crisis“ dient ihnen als Spiegel der industriellen, der Fortschritts- und Wachstumskrise; und die sozialen Bewegungen sowie das alternative Milieu jener Zeit begreifen sie zu Recht als genuin urbane Phänomene. „Contested Cities“ ist deshalb ein klug gewählter Titel. Er hebt zum einen darauf ab, dass die sozialen und politischen Konfliktlagen auf neue Weise in Stadträumen ausgefochten wurden, und setzt damit am stadtgeschichtlichen „state of the art“ an. Zum anderen nimmt der Titel das Argument Simon Gunns auf, die europäische Stadt für das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts einmal mehr als Laboratorium zu begreifen. Im Anschluss an Gunn rücken dabei drei urbane Akteursgruppen ins Rampenlicht: „preservationists, activists and others“.[2] Den „others“ gibt der Band viel Raum, wobei nicht so sehr Experten im Vordergrund stehen, sondern Stadtregierungen und politische Parteien, Mieter und Migranten. Wohltuend ist, dass nicht Mailand oder West-Berlin den Schwerpunkt bilden; dafür sind Rom und Bologna als urbanistische Pole Italiens mit guten Gründen prominent vertreten.

Baumeister, Bonomo und Schott argumentieren, der Blick auf Italien und die Bundesrepublik Deutschland könne die klassische Trias der westeuropäischen Geschichte erweitern (Frankreich, Großbritannien, Deutschland), liefern darüber hinaus aber keine systematische Begründung für den Vergleich, sondern betonen vor allem die Unterschiede in der Stadtentwicklung. Lutz Raphaels Überlegungen zu den sozioökonomischen Konvergenzen beider Länder seit (circa) 1970 und ihren stadtgeschichtlichen Folgen sollen die vergleichende Absicht des Bandes plausibilisieren. Doch liest sich Raphaels Darstellung nicht ganz so glatt, wie die Herausgeber suggerieren. Erstens wendet er sich gegen die Idee, die 1970er-Jahre als eine abgeschlossene Dekade zu betrachten, weshalb eine Stadtgeschichte mit Berufung auf Raphael um 1970 beginnen, aber nach vorn offen sein müsste. Zahlreiche Beiträge verflüssigen die Zäsuren dann auch, erblicken Inkubationszeiten in den 1960er- und Entfaltungszeiten in den 1980er-Jahren. Zweitens unterscheidet Raphael (wie aus anderen Veröffentlichungen bekannt) zwischen sozioökonomischen Basisprozessen und deren sinnhafter Aneignung im Rahmen politischer, sozialer, kultureller Kontexte. Zwar deuten ähnliche Entwicklungen in der Suburbanisierung und ökonomischen Dezentralisierung namentlich im Nordosten Italiens und im Südwesten der Bundesrepublik auf ähnliche Strategien im Umgang mit dem industriellen Strukturbruch seit den 1970er-Jahren hin, wie Raphael darlegt. Wenn er aber mit Blick auf die Jugendarbeitslosigkeit konstatiert, „any comparison of urban youth protest and urban subcultures of the seventies and eighties must keep in mind the growing structural differences between both countries“ (S. 49), dann heißt das, dass urbanen Phänomenen ganz unterschiedliche strukturelle Probleme zugrunde liegen konnten. Dies mitzudenken gelingt im Band eher selten, weil die Beiträge nicht empirisch vergleichen. Immerhin kommen bei einigen Aufsätzen Transfers und gegenseitige Beobachtungen zur Sprache.

Die bi-nationale Anlage des Bandes hat so vor allem explorative Funktionen, die Syntheseleistung obliegt dem Leser. Augenscheinlich wird die transnationale Dimension urban(istisch)er Probleme beim Blick auf die Entdeckung der historischen Altstadt und anderer Komplexe als „cultural heritage“. Sie war, wie Guido Zucconi argumentiert, eine genuin italienische Entdeckung und ging auf eine Initiative von 1960 (Carta di Gubbio) zurück, mündete in den 1970er-Jahren jedoch trotz inzwischen etablierter internationaler Standards in unterschiedlichen lokalen Strategien. Wie Melania Nucifora anhand von Catania und Syrakus zeigt, waren politische Aushandlungen, aber auch lokale Identitätsdiskurse für diese Unterschiede verantwortlich. Das kommunistisch verwaltete Bologna indes wurde zur Modellstadt. Harald Bodenschatz berichtet als einstiger Aktivist und Stadtplaner von der europäischen Anziehungskraft des „Bologna-Modells“, einem Sanierungsprogramm für die Innenstadt, das nicht nur die alte Bausubstanz, sondern auch die alten Bewohner, vornehmlich aus unteren Schichten, „erhalten“ wollte und zudem auf kommunale Dienstleistungen und partizipative Strukturen setzte. Mitte der 1970er-Jahre noch international gefeiert, geriet das Bologna-Modell bald in die Krise, da auch der PCI (Partito Comunista Italiano) dem Sparzwang erlag. In diesem Zusammenhang beobachtet Bodenschatz mit Blick auf seine eigene Disziplin, dass die Krise solcher „cult projects“ und die Gründe ihres Scheiterns noch der Erforschung harren (S. 227).

Jost Ulshöfer widmet sich der kommunalen (Vor-)Geschichte des Bologna-Modells und vollzieht nach, wie sich die urbanistische Planung der Kommunisten an den zeitgenössischen Kontext anpasste, weist aber auf die Kontinuitäten hin, die sich vom „Ur-Plan“ 1955 bis in die 1970er-Jahre verfolgen lassen. Gegen die Annahme eines politischen Bruchs argumentiert auch Gerhard Vinken für Westdeutschland. Die Praxis der Denkmalpflege in den 1970er-Jahren sei weit vom partizipatorischen Geist entfernt gewesen, der ihr nachgesagt werde; vielmehr wurde sie zur Sache der Experten und war zudem von der Tendenz getragen, die „alte Stadt“ in antimodernistischer Absicht zu romantisieren. Solche Tendenzen entdeckt auch Christian Wicke mit Blick auf die urbanen Initiativen für die Erhaltung und gegen die Privatisierung der Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet. Dabei beobachtet er, wie die Eliten dieses „urban movement“, Aktivisten mit bürgerlichem Hintergrund, die kulturellen Traditionen der Ruhrarbeiter geradezu neu erfanden. „Preservation“ wurde mithin zu einem geteilten Thema diverser Akteure der 1970er-Jahre, die Interessen aber unterschieden sich.[3]

In erster Linie waren es Immobilienspekulation und steigende Mieten, die hier wie dort die „urban crisis“ grundierten. Freia Anders und Alexander Sedlmaier thematisieren dies mit Blick auf die Hausbesetzungen der Spontis und der Autonomen. Sie weisen auf die Vorbildwirkung italienischer Praktiken hin, vor allem der „autoriduzione“ (eigenmächtig reduzierte Zahlungen für Mieten, Stromrechnungen etc.), und zeigen die Beteiligung italienischer „Gastarbeiter“ an Aktionen der westdeutschen Spontis. Sebastian Haumann erläutert, wie die Rezeption des „Movimento del ’77“ zu einer Wiederentdeckung der Stadt durch das linksalternative Milieu in der Bundesrepublik führte, und hebt zu Recht hervor, dass derartige Transfers auf ihre Einpassung in lokale und nationale Logiken hin untersucht werden müssen.

Eigenheiten scheinen vor allem in italienischen Städten auf, und vielleicht machte gerade das ihre Signalwirkung in den transformativen 1970er-Jahren aus. Francesco Bartolinis Beitrag zur Entdeckung der Stadt durch die kommunistische Parteiführung nach 1968/69 verdeutlicht eine erste Spezifik: die Präsenz eines starken PCI, der sich auf dem Feld der Stadt bewähren wollte, aber als kommunale und regionale Regierungspartei selbst Teil des Systems war. Der Beitrag Giovanni Cristinas zu einem Neubauviertel am Rande Bolognas zeigt die Ambivalenzen kommunistischer Stadtpolitik. Überhaupt war die Tendenz zur Politisierung urbanistischer Phänomene enorm, wie auch Vittorio Vidotto anhand des Corviale-Komplexes in Rom demonstriert (eine fast 1.000 Meter lange Großwohnanlage, errichtet 1975–1982 unter der Ägide der neuen kommunistischen Stadtregierung). Und schließlich erscheint das „housing problem“ als Umschreibung nicht nur fehlenden Wohnraums, sondern auch illegalen Bauens sowie unzureichender hygienischer und infrastruktureller Bedingungen als emblematisch für die urbane Konfliktgeschichte Italiens, wie Luciano Villani am Beispiel Roms eindrücklich zeigt. Häufig ist von „families“ oder ganzen lokalen „communities“ die Rede, die Häuser besetzten oder bessere Infrastruktur forderten; Mieterkomitees und Nachbarschaftsvertretungen sind in den italienischen Beiträgen allgegenwärtig. Man fragt sich, inwiefern die Community-basierte Graswurzelaktivität ein italienisches (Export-)Produkt war und vielleicht auch blieb (Grazia Prontera berichtet von den „Gastarbeiter“-Communities und den Grenzen der Interaktion mit der Münchner Umwelt). Deshalb lässt sich diesem anregenden Band nur eines vorhalten: zu wenig zu vergleichen.

Der Blick auf verschiedene Akteursgruppen (sowie Medien) in der Stadt macht die Qualität der quellenreichen, durchweg gehaltvollen Beiträge aus. Bemerkenswert ist ihre inhaltliche Kohärenz, die auch mit der deutlichen Überrepräsentation Italiens zusammenhängt. Damit gelingt ein breites Panorama auf Stadtentwicklung, „Heritage Politics“, soziale Konflikte, Graswurzelbewegungen und transnationale Beobachtungsprozesse, sodass die Leser am Ende den Befund der Herausgeber teilen werden: An der Stadt entzündeten sich in besonderer Weise die Konflikte und Visionen der 1970er-Jahre, und offenbar kam Italien dabei eine Modellfunktion zu.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa Moritz Föllmer / Mark B. Smith, Urban Societies in Europe since 1945: Toward a Historical Interpretation, in: Contemporary European History 24 (2015), S. 475–491; Christoph Bernhardt (Hrsg.), Städtische öffentliche Räume / Urban public spaces. Planungen, Aneignungen, Aufstände 1945–2015 / Planning, appropriation, rebellions 1945–2015, Stuttgart 2016.
[2] Simon Gunn, European Urbanities since 1945: A Commentary, in: Contemporary European History 24 (2015), S. 617–622, hier S. 622.
[3] Siehe auch Achim Saupe, Historische Authentizität: Individuen und Gesellschaften auf der Suche nach dem Selbst – ein Forschungsbericht, in: H-Soz-Kult, 15.08.2017, http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2444 (30.08.2017), v.a. Abschnitt 4.2.

Zitation
Claudia Christiane Gatzka: Rezension zu: Baumeister, Martin; Bonomo, Bruno; Schott, Dieter (Hrsg.): Cities Contested. Urban Politics, Heritage, and Social Movements in Italy and West Germany in the 1970s. Frankfurt am Main  2017 , in: H-Soz-Kult, 29.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27259>.