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Titel
Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region


Autor(en)
Calic, Marie-Janine
Erschienen
München 2016: C.H. Beck Verlag
Umfang
704 S., mit 41 Abbildungen und 7 Karten
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gregor Feindt, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Südosteuropa ist als Geschichtsregion immer noch ein isolierter Gegenstand historischer Forschung; intensiv behandelt und vielfach diskutiert, selten aber in eine europäische oder allgemeine Geschichte eingebunden. Marie-Janine Calic versucht in ihrem Überblickwerk „Werden und Wandel Südosteuropas aus der Perspektive von transkultureller Beziehungen und Globalgeschichte neu zu denken“ (S. 9) und damit ebendiese bislang mangelnde Einordnung zu leisten. Damit knüpft sie an ihre 2014 erschienene Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert an, die ebenso eine breitere europäische Perspektive entwirft. Die Autorin setzt sich bewusst von der Engführung auf Nation und Nationalstaat ab, wie sie in großen Teilen der Historiografie zu dieser Region immer noch vorherrscht. Zugleich untersucht sie Südosteuropa als strukturell bedingte Geschichtsregion, die im Wesentlichen durch ostkirchliche und osmanische Einflüsse geprägt ist. Das grenzt die Region zudem von der stereotypisierten und auf Rückständigkeit ausgerichteten Chiffre „Balkan“ ab. Für diesen anderen Blick auf Südosteuropa sind „translokale, -regionale und -nationale Austauschbeziehungen“ (S. 11) die zentralen Analysekategorien Calics und zugleich ein wichtiges narratives Mittel ihrer Erzählung.

Während translokale oder transregionale Studien zu Südosteuropa in den letzten Jahren vieles zum besseren Verständnis der Region als Kontaktzone und Verflechtungsraum beitragen konnten, bleibt Südosteuropa in der Globalgeschichte außen vor.[1] Unter Globalgeschichte versteht Calic besonders die Einordnung der Region in globale Kontexte, die Rekonstruktion von Verflechtung und Interaktion, die Rolle Südosteuropas im Prozess der Globalisierung sowie die Wahrnehmung der Welt. Dabei verbindet die Autorin in ihrer Darstellung Globales und Lokales und erzählt die Geschichte Südosteuropas auf unterschiedlichen Ebenen zwischen Strukturüberblick und konkreten Beispielen von Orten, Personen oder Ereignissen. Schwerpunkte setzt sie dabei in der Wirtschafts-, Ideen- und Kulturgeschichte, also in Feldern, an denen sich grenzüberschreitende Beziehungen besonders verdeutlichen lassen. Dazwischen folgen immer wieder synthetisierende Passagen, die dem Leser die strukturellen Eigenarten Südosteuropas vermitteln, wie zum Beispiel die Herrschaftspraxis im Osmanischen Reich oder auch im Staatssozialismus. Calic führt in fünf sehr unterschiedlich zugeschnittenen Teilen ihres Buches zunächst durch die Geschichte der Region vor 1500, dann durch Aufstieg und Herausforderungen des Osmanischen Reiches, das lange 19. Jahrhundert als Epoche globaler Revolution, Weltkrisen und -kriege sowie schließlich Südosteuropa in der Zeit der Globalisierung nach 1945.

Das Spiel mit den unterschiedlichen Ebenen überzeugt besonders in den verschiedenen Stadtansichten, wie zum Beispiel Calics Ausführungen zu Istanbul 1683, Ragusa/Dubrovnik 1776 oder auch Sarajevo 1984, die sich in allen Kapiteln finden. Istanbul war als frühneuzeitlicher melting pot Zentrum des Wissens und Umschlagplatz für Nachrichten, was einen eigenen Blick auf die Welt bedingte. Kartografen in der Stadt verstanden im 17. Jahrhundert den Balkan als natürliche Verlängerung der Hauptstadt und provinzialisierten damit Europa perspektivisch. Auch die zahlreichen biographischen Beispiele machen diese Welterfahrung greifbar. Anhand des in die USA emigrierten serbischen Physikers und Erfinders Nikola Tesla zeigt Calic die globale Migration auf, die nicht nur Menschen aus Südosteuropa in großer Zahl in die neue Welt führte. Tesla reflektierte dabei freilich seinen Migrationsweg und auch seine globale Wirkung deutlich stärker als der Großteil der südosteuropäischen Migranten in dieser Zeit.

Calic kontextualisiert Südosteuropa und macht deutlich, wie von der Region ausgehende Entwicklungen und Prozesse grenzüberschreitende Wirkung entfalten konnten. So wurde beispielsweise die griechische Unabhängigkeitsbewegung zum wirkmächtigen Vorbild für die nationale Emanzipation in der Region und weltweit. Vor allem zeigt sich aber an diesem Beispiel, wie die europäischen Großmächte mit humanitären Krisen umgingen und in solchen Fällen intervenierten, sodass Südosteuropa zum Experimentierfeld für die globale Krisenbewältigung wurde. Entlang dieser asymmetrischen Bezüge und Beziehungen entwickelt Calic überzeugend, dass die stereotypisierte Rückständigkeit Südosteuropas eben erst in solchen Beziehungen zum westlichen Europa konstruiert wurde. Neben den Großmächten trugen gerade Akteure aus der Region selbst entscheidend zu diese „Kolonialisierung der Wahrnehmung“ (S. 398) bei, bewerteten die Region anhand von Modernisierungserwartungen und prägten so die Wahrnehmung eines vermeintlich halb-europäischen und exotischen Balkans mit.

Es ist äußerst verdienstvoll, die Kritik am Eurozentrismus so konsequent in eine Überblicksdarstellung einzubringen und damit dem interessierten Laien Grunderkenntnisse der neueren kulturhistorischen Forschung zu vermitteln. In dieser Vermittlung wird auch deutlich, wie fruchtbar sich die historische Forschung zum östlichen Europa im Allgemeinen und zu Südosteuropa im Speziellen am Eurozentrismus abgearbeitet hat – schon bevor die Provinzialisierung Europas zum historiografischen Allgemeinplatz wurde.

Die Lektüre von Calics Buch regt aber auch zum Nachdenken darüber an, wie sich die „Weltgeschichte einer Region“ schreiben lässt, und wie diese Perspektive Südosteuropa wirklich neu zu denken vermag. Denn einerseits bindet die Autorin die methodischen Anregungen der Globalgeschichte konsequent in ihre Synthese ein, anderseits kann der Globus in einer solchen Überblicksdarstellung nur episodisch hervortreten. Diese im gegenständlichen Sinne globalhistorischen Schlaglichter konzentrieren sich sowohl in ihrer vergleichenden Einordnung, der grenzüberschreitenden Interaktion wie auch mit Blick auf die Globalisierung besonders auf den globalen Westen. Damit folgt Calic dem Kenntnisstand der Forschung und der Erwartungshaltung der Lesenden, läuft zugleich aber Gefahr, die Asymmetrie von Zentrum und Peripherie in anderer Gestalt zu erneuern.

Das sticht besonders im situativen Zuschnitt der Region ins Auge. In Calics Erzählung ist das Osmanische Reich von der Frühen Neuzeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur Teil Südosteuropas, sondern als imperiale Macht für die Region auch ein Tor zur Welt. Die daraus resultierenden Beziehungen, die Rolle Istanbuls und die damit verbundenen imperialen Biographien zählen zu den anschaulichsten Beispielen in Calics Darstellung. Sie überzeugen den Leser davon, dass ein so erweiterter Blick auf Südosteuropa ein besseres Verständnis der Region ermöglicht.

In Folge der Nationalstaatsbildung und dann besonders nach dem Ersten Weltkrieg treten das Osmanische Reich und dann noch deutlicher die moderne Türkei jedoch in den Hintergrund von Calics Darstellung, wie sie auch in der breiteren Forschung zu Südosteuropa oft ausgeklammert werden. Ähnlich werden in den Kapiteln zum 19. und 20. Jahrhundert die Habsburgermonarchie und Österreich bzw. das Russländische Reich nur bedingt sichtbar. Als imperiale Ordnungskräfte in der Region sind sie für die Autorin kein Faktor der globalen Verflechtung. An dessen Stelle treten Kontextualisierung und Vergleich. Damit muss die postkoloniale Erfahrung Südosteuropas also ohne das ebenso dekolonisierte Zentrum auskommen.

In ähnlicher Weise verengt sich Calics Geschichte Südosteuropas nach 1945 auf die sozialistischen Staaten Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien sowie den Außenseiter Albanien und deren teils schillernde Beziehung zum Westen, zur Sowjetunion und China. Die Nahbeziehungen zu den Nato-Staaten Griechenland und Türkei sind dagegen in der globalen Blockkonfrontation kaum von Belang.

Das alles sind ohne Frage legitime Verknappungen des Gegenstands, die eine solche Darstellung leisten muss und ohne die sie nicht auskommt. Die situative Verengung denkt die Region aber gleichzeitig in weitläufig bekannten Mustern und nutzt das epistemische Potential der globalgeschichtlichen Deessentialisierung Südosteuropas nur in Teilen. Auch mit Blick auf das Konzept einer Geschichtsregion ruft diese Flexibilität Fragen auf: Wie lassen sich Prägungen und Strukturen einer langen Dauer mit situativen und konjunkturell bedingten, transkulturellen Beziehungen verbinden?

Diese Fragen zeigen, dass die praktische Umsetzung globalgeschichtlicher Postulate die bestehende Forschung immer wieder herausfordert. Marie-Janine Calic setzt die Geschichte Südosteuropas gewinnbringend in Beziehung zur weiteren europäischen Geschichte und greift dabei immer wieder in das Globale aus. Ihr Buch „Südosteuropa“ ist damit für die interessierten Lesenden und Studierenden hochinformativ, weil sie zwischen den einzelnen Ländern der Region vergleicht, Typisches herausarbeitet und viel Kontextualisierung leistet. Dabei folgt die Autorin aber auch bekannten Deutungsmustern, wo eine bewusste Verfremdung und Dezentrierung weitere Erkenntnis hätte bringen können. Ihr Buch ist ein sehr guter Überblick über die Geschichte der Region, für eine Weltgeschichte der Region bietet sie einen ersten wichtigen Anstoß.

Anmerkung:
[1] Eine Ausnahme bildet der Essay: Andrew Wachtel, The Balkans in World History, Oxford 2008.

Zitation
Gregor Feindt: Rezension zu: : Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region. München  2016 , in: H-Soz-Kult, 25.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27280>.