Cover
Titel
Deutsche Kolonialgeschichte(n). Der Genozid in Namibia und die Geschichtsschreibung der DDR und BRD


Autor(en)
Bürger, Christiane
Umfang
318 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Hedrich, Universität Hamburg

Unter dem Lemma “Von Windhuk nach Auschwitz” hat sich eine wissenschaftliche Debatte entfaltet, die um die vielfältigen historischen Kontinuitäten von Kolonialismus und Nationalsozialismus kreist. Dabei betonen die Gegner der „Kontinuitätsthese“ die historischen Brüche zwischen Kolonialzeit und NS, während die Befürworter um Jürgen Zimmerer die vielfachen diskursiven Konnexionen wie koloniale Rassegesetze und (Groß-)Raumkonzepte sowie den kolonialen Genozid an den Herero und Nama anführen, um die NS-Verbrechen aus der spezifisch deutschen Geschichte heraus zu verstehen.[1]

Auch vor diesem Hintergrund analysiert Christiane Bürger die deutsche Namibia-Historiografie ab 1945, aber nicht, um die historischen Verbindungen von Kaiserreich und NS zu beforschen, sondern um kolonialdiskursive Narrative und „Erzähllogiken“ (S. 61) aus der Zeit vor 1945 in der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 aufzuspüren. Dabei legt Bürger eine komparative Geschichte der deutschen Namibia-Historiographie von BRD und DDR zur Zeit des Kalten Krieges vor, in der sie von der plausiblen Prämisse ausgeht, dass „koloniale Diskurse“ in beiden deutschen Staaten nach 1945 als „machtvolle politische und soziale Konstrukte bestehen blieben“ (S. 14). Diesen spürt sie dann in der deutsch-deutschen Namibia-Geschichtsschreibung nach, die sie auf kolonialaffine Erzähllogiken, Wissensformationen und rassifizierte Episteme „abklopft“. Kurz: Bürger unterzieht die namibiarelevanten Werke von Historikern wie Horst Drechsler (DDR), Helmut Bley (BRD) oder Horst Gründer (BRD) einem binnendisziplinären Röntgenblick und kann so vielfältige Erkenntnisse über die deutschen Afrikawissenschaften gewinnen.

In dem konzisen Theorieteil fasst Bürger die professionelle Historiografie mit Hayden White als „relatives und narrativ verfasstes Wissen“ (S. 11) auf, das nicht immer „unabhängig von narrativen Mustern“ formuliert werden kann (S.266). Als Quellen dienen Bürger die Texte der deutschen Afrikawissenschaften (Monografien, Lexika, Aufsätze, Rezensionen) sowie Archivalien wie z.B. Verlagsgutachten, die zwei Filme „Heia Safari“ (1966) und „Morenga“ (1985) sowie historische Romane.

Das erste der vier Kernkapitel fokussiert die deutschsprachige Afrikaforschung in den 1950er-Jahren. Diese wurde von dem in der BRD und DDR gleichermaßen wirkenden Dietrich Westermann und seiner „Geschichte Afrikas“ dominiert, die, so Bürger, vielfältige kolonialapologetische Narrative entfalte. So wurde Afrika von Westermann unter dem Gesichtspunkt eines Mangels dargestellt. Dies habe die Entwicklung eines Fortschrittsnarratives ermöglicht, vor dem die Europäer als ordnende Kraft erschienen, die die kolonialen Räume positiv verwandelten. Auch konzipierte Westermann die Afrikaner als essentialistische Gruppe, was zentrale „Axiome des Rassediskurses“ (S. 77) fortführe. Neben Westermanns Werk sei die „Geschichte Deutsch-Südwestafrikas“ des ehemaligen Kolonialbeamten Oskar Hintrager relevant, der enge Kontakte zum „Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen“ unterhielt. Der Vernichtungsfeldzug gegen die Herero und Nama erscheine bei beiden Autoren, so Bürger, innerhalb eines kolonialrassistischen Fortschrittsnarratives, das den Völkermord „als biologistisch determiniert und naturalisiert“ (S.72) und damit quasi natürlichen Verlauf der Dinge zeichne.

Der zweite Abschnitt beforscht die namibiarelevante DDR-Historiografie der 1960er-Jahre. Dabei war die Geschichtswissenschaft des nominalsozialistischen Staates von Gutachter-Zensur und dem sogenannten „Sandwich-Prinzip“ gekennzeichnet, das den obligatorischen Tribut an Marx und Lenin in Einleitung und Schluss wissenschaftlicher Arbeiten vorsah. Wichtigste Referenzgröße für die Namibiaforschung der DDR sei Horst Drechsler, der sich 1964 bei Walter Markov habilitierte. Obwohl Drechsler in seiner Studie „Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft“ biologistische Determinismen dezidiert zurückwies, würden auch bei ihm koloniale Diskurse wirksam, etwa wenn er in Landkarten angeblich leere afrikanische Räume evoziere, die einzig durch vermeintlich zivilisierende Eisenbahnlinien gegliedert würden. In anderen DDR-Texten wurden die Afrikaner zu proletarischen Gegnern des Finanzkapitals stilisiert, was die rassistischen „Kategorien des Kolonialismus“ (S.115), so Bürger plausibel, lediglich in eine ökonomische Hierarchie übersetze.

Der dritte Abschnitt analysiert den Paradigmenwechsel in der BRD der späten 1960er-Jahre. Ralph Giordanos TV-Dokumentation „Heia Safari“ von 1966 breche zwar vielfach mit tradierten Erzähllogiken, reproduziere zugleich aber auch koloniale Narrative, etwa wenn Giordano sich an kolonialen Bildwelten orientiere. Mit Helmuth Bleys 1968 publizierter Studie „Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika“ begann die wissenschaftliche Aufarbeitung des Kolonialismus dann auch in der BRD. Bley habe im Zuge der Fischer-Kontroverse an der Universität Hamburg bei Fritz-Fischer-Gegner Egmont Zechlin promoviert, sei aber eher der Fischer-Schule um Barbara Vogel und Peter Borowsky zuzuordnen. Obwohl Bleys sozialhistorischer Ansatz hohes Potenzial zum Bruch kolonialdiskursiver Logiken biete und er „eine Kontinuität zwischen kolonialem und nationalsozialistischem Völkermord“ (S. 197) konstatiere, würden auch bei ihm durch Begrifflichkeiten wie „Häuptling“ pejorative Stereotype perpetuiert.

Im finalen Abschnitt „1984“ folgt die Analyse der Namibia-Historiographie der 1980er-Jahre. Während das Thema in der DDR als ausgeforscht galt, wurden in der BRD etwa durch den WDR-Film „Morenga“ kolonialnostalgische Idyllen kritisch dekonstruiert. In der Wissenschaft markierte Horst Gründers 1985 publiziertes Lehrbuch „Geschichte der Deutschen Kolonien“ dann eine prägnante Wende. Gründer habe, so Bürger, wieder die alte koloniale Fortschrittserzählung generiert. Zwar stelle er durchaus eine Verbindungslinie zwischen kolonialen Herrschaftspraktiken und dem Nationalsozialismus her. Dennoch würde Gründer den Genozid an den Herero und Nama in Rekurs auf die biblischen zehn Plagen als „gottgewollte Prüfung“ (S. 245) zeichnen. Mehr noch: „[L]aut Horst Gründer“ kam es „nie“ zu „einem kolonialen Genozid“ (S. 248). Parallel sieht Bürger in den späten 1980er-Jahren eine „neue Welle“ kolonialer „Apologetik“ (S. 255) heraufziehen, neben der kritische Deutungen des kolonialen Erbes aber bestehen blieben.

Bürgers verdienstvolle Studie ist im Ganzen sehr gelungen. An einigen Stellen wäre eine leichte Überbetonung kolonialdiskursiver Kontinuitäten anzumerken, etwa wenn Bürger in „Heia Safari“ die subtilsten kolonialen Residuen aufspürt, den massiven Bruch, den die überaus kolonialkritische TV-Dokumentation 1966 bedeutete, dabei etwas übersieht. Leicht fragwürdig mutet allerdings Bürgers Kritik an dem von Jürgen Zimmerer vorgeschlagenem Konzept der „kolonialen Amnesie“ an, das auf die umfassende Verdrängung kolonialer Diskurse verweist und welches Bürger unbedingt zu widerlegen sucht. Und dies, obwohl sie die koloniale Amnesie selbst für ihre Argumentation heranzieht, etwa, wenn sie kolonialrevisionistische „Netzwerke und Denkkollektive“ (S.90) analysiert, die die koloniale Amnesie für ihre Zwecke nutzten oder wenn sie plausibel eine damnatio memoriae des kolonialen Genozids ab 1919 konstatiert, die eng mit dem Konzept der kolonialen Amnesie korrespondiert.

Insgesamt ist Christiane Bürgers „Kolonialgeschichte(n)“ eine gut lesbare Studie, die vielfältige Erkenntnisse zur Historie der deutschen Afrikageschichtsschreibung generiert. Dabei gelingt es Bürger in der Tat, einen wichtigen „narratologischen Beitrag zum Forschungsfeld der Historiografiegeschichte“ (S. 265) zu erbringen. Zugleich gelingt es Bürger für koloniapologetische Diskurse und Rassismen zu sensibilisieren, womit die Studie eine substanzielle Relevanz entfaltet. Denn „Kolonialgeschichte(n)“ rückt nicht nur die Historiografie zum kolonialen Genozid an den Herero und Nama ins Scheinwerferlicht der historischen Analyse, Christiane Bürgers Werk hilft auch, Rassismen in ihrer kolonialen Determiniertheit wahrzunehmen und in ihrer historischen Genese zu verstehen.[2]

Anmerkungen:
[1] Birthe Kundrus / Grenzen der Gleichsetzung – Kolonialverbrechen und Vernichtungspolitik. in: freiburg-postkolonial. de, http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/Kundrus-Grenzen.htm (12.02.2018); Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Berlin 2011.
[2] Zum aktuellen Stand der Reparations-Klage von Vertretern der Herero und Nama gegen die Bundesrepublik Deutschland vor einem Gericht in den USA, siehe: Namibia und die deutsche Kolonialgeschichte, in: tagesschau24, 26.11.2017, https://programm.tagesschau24.de/Thema/Namibia-und-die-deutsche-Kolonialgeschichte/Namibia-und-die-deutsche-Kolonialgeschichte (12.03.2018).

Zitation
Markus Hedrich: Rezension zu: : Deutsche Kolonialgeschichte(n). Der Genozid in Namibia und die Geschichtsschreibung der DDR und BRD. Bielefeld  2017 , in: H-Soz-Kult, 14.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27351>.
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14.03.2018
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