Sammelrezension: Die Balkankriege 1912-1913

Boeckh, Katrin; Rutar, Sabine (Hrsg.): The Balkan Wars from Contemporary Perception to Historic Memory. Hampshire : Palgrave Macmillan  2017 ISBN 978-3-319-44641-7, 350 S. € 92,36.

: The Ottoman Culture of Defeat. The Balkan Wars and Their Aftermath. London : Hurst & Co.  2016 ISBN 978-1-84904-541-4, 377 S. € 38,65.

Horel, Catherine (Hrsg.): Les guerres balkaniques (1912–1913). Conflits, enjeux, mémoires. Brüssel : Peter Lang/Brussels  2014 ISBN 978-2-87574-185-1, 348 S. € 48,20.

Pettifier, James; Buchanan, Tom (Hrsg.): War in the Balkans. Conflict and Diplomacy before World War I. London : I.B. Tauris  2016 ISBN 978-1-78453-190-4, 252 S. € 77,61.

Boeckh, Katrin; Rutar, Sabine (Hrsg.): The Wars of Yesterday. The Balkan Wars and the Emergence of Modern Military Conflict, 1912–13. New York : Berghahn Books  2018 ISBN 978-1-78533-774-1, VIII, 438 S. £ 100.00.

Mulligan, William; Rose, Andreas; Geppert, Dominik (Hrsg.): The Wars before the Great War. Conflict and International Politics before the Outbreak of the First World War. Cambridge : Cambridge University Press  2015 ISBN 978-1-10706-347-1, XI, 378 S. € 58,24.

: Germania, România şi Războaiele Balcanice (1912–1913). Iaşi : Editura Universităţii “Alexandru Ioan Cuza”  2008 ISBN 978-973-703-310-9, 323 S. € 5,80.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietmar Müller, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)

Der hundertste Jahrestag der Balkankriege (1912/13) vor wenigen Jahren hat eine veritable Flut von Publikationen hervorgebracht, die in der Summe das schmerzlich empfundene Desiderat einer transnationalen und verflechtungsgeschichtlichen Gesamtdarstellung der Balkankriege zu kompensieren in der Lage sind. Noch bis vor kurzem standen lediglich die diplomatie- und militärgeschichtlichen Monographien von Ernst C. Helmreich (1938) und Richard Hall (2000) sowie diejenige von Katrin Boeckh (1996) zur Verfügung.[1] Im Vergleich zur älteren Forschung ist für die hier zu besprechenden fünf Sammelbände und zwei Monographien charakteristisch, dass sie zusätzlich zu den genannten klassischen Themen der historiographischen Kriegsanalyse neuere methodische Ansätze aus der Kultur- und Verflechtungsgeschichte sowie aus der Gewaltforschung fruchtbar machen. Dadurch geraten Bereiche in den Fokus, wie Technologie und Kriegsführung, gesellschaftliche Mobilisierung und ethnische Säuberung sowie Medien und Kommunikation, die geeignet sind, neues Licht auf bisherige vermeintliche Gewissheiten zu werfen. Es gilt auch festzuhalten, dass mit der Ausnahme weniger Einzeltexte in keinem der Bände eine patriotisch-national motivierte Parteinahme eingenommen wird.[2]

Anlässlich der jugoslawischen Sezessionskriege seit dem Anfang der 1990er-Jahre begannen die Balkankriege erstmals aus dem Wahrnehmungsschatten herauszutreten, die der Erste Weltkrieg auf sie geworfen hatte. Allerdings auf eine verzerrte Art und Weise, denn die historischen und damals aktuellen gewaltsamen Auseinandersetzungen wurden in den Medien, aber auch in Sozial- und Geschichtswissenschaften oft als ein den „Balkanesen“ eingeschriebener Hang zu irrationalem und blutrünstigem Agieren dargestellt. Nicht zuletzt nahm George F. Kennan in seinem Vorwort zur Neuausgabe des „Carnegie Report on the Causes and Conduct of the Balkan Wars of 1912/13“ eine solch aktualisierende wie essentialisierende Position ein. Bereits die Tatsache, dass das Carnegie Endowment keine neue fact-finding-commission zur eventuellen Klärung der neuen Lage zusammenstellte, sondern ihren historischen Report unter dem Titel „The Other Balkan Wars“ einfach neu auflegte, war vielsagend.[3] Gleichwohl haben die Debatten beispielsweise in der langjährigen Beschäftigung über den Charakter der Kriegsführung, über Art und Ausmaß der Gewaltausübung auf mittlere Sicht positive historiographische Folgen, wie Wolfgang Höpken in seinen Arbeiten zeigt. In seinem Text „‘Modern Wars‘ and ‚Backward Societies‘: The Balkan Wars in the History of Twentieth-Century European Warfare“ in Boeckh / Rutar (2018) verweist er auf den ambivalenten Charakter der Balkankriege: In mancher Hinsicht stünden diese in der Tradition der Kriegsführung in Zeiten der Orientalischen Frage, andererseits würden sie den Auftakt für die Kriege des 20. Jahrhunderts machen. Zwar hatte die technologische Modernisierung aller Armeen in Südosteuropa seit der Jahrhundertwende beträchtliche Fortschritte gemacht, aber die Rekrutierung sowie die Ausbildung der Offiziere und der Mannschaft hinkten weit hinterher. So präferierten viele Offiziere nach wie vor Infanterieangriffe mit aufgepflanztem Bajonett und viele Infanteristen zögerten mit dem Aushub von Schützengräben, so dass die erstmals massiv eingesetzte Artillerie bei den großen Schlachten erhebliche Verluste zeitigte. Solche Ungleichzeitigkeiten waren auch bezüglich der Mobilisierung der Truppen zu verzeichnen, so dass insbesondere die osmanische Armee angesichts der mangelhaften Infrastruktur im weiten anatolischen Hinterland erhebliche Schwierigkeiten hatte, Kampfverbände an die Front zu bringen. In größerem Detail gehen weitere Texte auf die Schwierigkeiten und Versäumnisse der osmanischen Kriegsführung ein, wie Mehmet Beşikçi (The Ottoman Mobilization in the Balkan War: Failure and Reorganization) in Boeckh / Rutar (2018) oder Enis Tulça (Une étude politique et militaire de la défaite rapide des armées ottomanes lors de la Première Guerre balkanique) in Horel (2014).

Die Planung und Führung der Kriege seitens der Balkanstaaten Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro waren von einem ausgesprochenen Dualismus zwischen der regulären Armee und Freischärlern geprägt. In zahlreichen Aufständen gegen das Osmanische Reich aber auch in Versuchen der Nationalisierung und Mobilisierung der Bevölkerung in wechselseitig beanspruchten Regionen wie Makedonien hatten bewaffnete und nur lose koordinierte Gruppen bereits im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle gespielt. Zahlreiche Historiker und Historikerinnen weisen jedoch nach, dass die Freischärler in den Balkankriegen nun weit intensiver von den Armeeführungen koordiniert wurden. Alexey Timofeev (Serbian Chetniks: Traditions of Irregular Warfare) in Boeckh / Rutar (2018) und Dimitar Tasić (Repeating Phenomenon. Balkan Wars and Irregulars) in Horel (2014) betonen jedoch stark den Aspekt des Freiheitskampfes gegen die osmanische Unterdrückung und entgehen nur knapp einer Apologie. Zahlreich sind hingegen die Nachweise, dass insbesondere die Freischärler auf allen Seiten – von der Armeeführung toleriert oder gar koordiniert – für Terrormaßnahmen, Plünderungen, das Abbrennen von Ortschaften und Morden an der Zivilbevölkerung verantwortlich waren, für Aktionsformen also, die auf die endgültige Beseitigung von ganzen Bevölkerungsteilen abzielten. Dies zeigen Vera Goseva und Natasha Kotlar-Trajkova in „The Plight of the Muslim Population in Salonica and Surrounding Areas“ und Iakovos D. Michailidis in “Cleansing the Nation: War-Related Demographic Changes in Macedonia”, beide in Boeckh / Rutar (2018), Edvin Pezo in “Violence, Forced Migration, and Population Policies During and After the Balkan Wars (1912–14) in Boeckh / Rutar (2018) sowie Uğur Ümit Üngör in “Mass violence against civilians during the Balkan Wars” in Geppert / Mulligan / Rose (2015).

Zur Entgrenzung der Gewalt trug in erheblichem Ausmaß die in der Kriegspropaganda betriebene Dehumanisierung der Gegner bei. Im Ersten Balkankrieg wurde in der offiziellen Propaganda unter Rückgriff auf orientalisierende Stereotype für die Türken der Krieg als einer gegen eine rassistisch markierte, von der europäischen Zivilisation und Kultur unbeeinflusst und daher „wild“ verbliebene Bevölkerung dargestellt. Dazu gesellten sich Schauermärchen von der Verschlagenheit auch der muslimischen Zivilbevölkerung sowie der einfachen Soldaten, die aus dem Hinterhalt weiterkämpften und nicht davor zurückschreckten, als Verwundete selbst die behandelnden Ärzte anzugreifen. Interessanterweise wurden dieselben Stereotype und Geschichten von serbischer und griechischer Seite im Zweiten Balkankrieg dann über die Bulgaren verbreitet. So verwundert nicht, dass – bereits seit dem Carnegie-Bericht bekannt – Kriegsverbrechen, wie Erschießung von Gefangenen, Zerstörung von Kulturgütern und Übergriffe auf die Zivilbevölkerung auch durch reguläre Armeeteile begangen wurden. Für die griechische Armee beschreibt dies Spyridon Tsoutsoumpis in „Morale, Ideology, and the Barbarization of Warfare amongst Greek Soldiers“ in Boeckh / Rutar (2018).

Mit der vorliegenden Literatur liegt erstmals ein relevantes Korpus an Texten zur Kriegserfahrung durch Soldaten und Zivilisten, zur medizinischen Versorgung der Verwundeten sowie zur Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge vor. Aus den wenigen Ego-Dokumenten von Soldaten rekonstruieren insbesondere Iakovos Michailidis und Spyridon Tsoutsoumpis den soldatischen Kriegsalltag. Heike Karge analysiert in „War Neurosis and Psychiatry in the Aftermath of the Balkan Wars“ in Boeckh / Rutar (2018) den Umgang mit Kriegsneurosen in Serbien und kommt zu dem Schluss, dass die Psychiatrie zu Zwecken der Kriegspropaganda instrumentalisiert wurde. Die angebliche Abwesenheit von Kriegsneurosen und anderen Nervenkrankheiten verdankte sich der serbischen Expertise zufolge der Alkoholabstinenz und hoher hygienischer Standards der serbischen Soldaten, was für die Bulgaren angeblich nicht der Fall gewesen sei. Im selben Band schreibt Oya Dağler Macar zu „The Assistance of the British Red Cross to the Ottoman Empire“, während Christian Promitzer in seinem Text „Combating Cholera during the Balkan Wars: The Case of Bulgaria” in Pettifer / Buchanan (2016) analysiert. Aus diesen medizinhistorischen Aufsätzen geht eine beachtliche Sorglosigkeit der Kriegsvorbereitungen sämtlicher Armeeführungen bezüglich der Versorgung von Verwundeten auf dem Kampffeld und in den Krankenhäusern der Etappe hervor. Die Unterschätzung der logistischen Aspekte wird auch im schlechten Nachschub von Verpflegung und Bekleidung der Soldaten deutlich. Der Extremfall dafür ist sicher die Kriegsteilnahme Rumäniens nur im Zweiten Balkankrieg, bei der mehr Soldaten an der Cholera und mangelinduzierten Krankheiten starben, als im Kampf. Letzteres analysiert Claudiu-Lucian Topor in „A Forgotten Lesson: The Romanian Army between the Campaign in Bulgaria (1913) and the Tutracan Debacle (1916)” in Boeckh / Rutar (2018). Die bisher besprochenen Texte sind wichtige Bausteine für eine kulturgeschichtlich informierte “Militärgeschichte von unten”, die Krieg und Kriegsfolgen auch in Südosteuropa aus der Sicht “des kleinen Mannes”[4] zu analysieren in der Lage ist.

Über die Sammelbände verteilt nimmt die Berichterstattung über die Balkankriege seitens Personen, die nicht zu kriegsführenden Nationen gehörten, breiten Raum ein, wobei diese Großgruppe analytisch nach der Nähe zum Schlachtfeld sowie nach Professionen differenziert werden kann. Die klassische Kriegsberichterstattung mittels Korrespondenten von Tageszeitungen fand abseits der Schlachtfelder, aus den Cafés und Hotelzimmern der südosteuropäischen Großstädte statt, denn die Armeeführung sämtlicher kriegsführender Staaten hatten wirksame Zugangsbeschränkungen zum Kriegsgeschehen installiert. So sind die meisten der die Kriegsberichterstattung analysierenden Texte eigentlich Studien zur Imagologie verschiedener westeuropäischer Gesellschaften über die mehr oder minder „Anderen“ im Südosten des Kontinents, meist kombiniert mit Fragen zu der Funktion der Balkanberichterstattung für die heimischen Kontexte der Korrespondenten. Typisch für diesen Zugang ist Florian Keisinger, der auf Grundlage seiner Monographie zu „Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa“[5] in Boeckh / Rutar (2016) über „The Irish Question and the Balkan Crisis“ und in Geppert / Mulligan / Rose (2015) über die englische, deutsche und irische Rezeption schreibt. Nicolas Pitsos schreibt sowohl im selben Band, als auch in Horel (2014) über die französische Rezeption der Balkankriege. Bei Horel (2014) finden sich weitere Texte von Frédéric Guelton, Daniel Cain und Odile Moreau über die graphische und publizistische Rezeption in Frankreich sowie von Claudiu-Lucian Topor über die rumänische Kriegsberichterstattung über den Zweiten Balkankrieg. James Pettifer analysiert „The Journalism of the Balkan Wars“ in Pettifer / Buchanan (2016) aus englischer Perspektive.

Zwei weitere Personenkreise hinterließen Aufzeichnungen zu ihren Erlebnissen in den Balkankriegen, namentlich Militärberater unterschiedlicher Nationalität in den Armeen der Belligerenten sowie Ärzte, Pflege- und weiteres Hilfspersonal zum Beispiel im Roten Kreuz oder dem Roten Halbmond. Zwar gibt es mit Oya Dağler Macars Beitrag zum britischen Roten Kreuz nur einen einschlägigen Text, weitere sehr interessante Informationen zur Motivation der militärischen „Hilfe“ finden sich auch bei Wolfgang Höpken und verstreut in manchen der militär- und diplomatiegeschichtlichen Texten. Neben bündnispolitischen Motiven für militärische Beratung und humanitäre Hilfsleistungen werden insbesondere solche der Informationsgewinnung und professionellen Fortbildung deutlich. Wollten die Armeeberater aus dem westlichen Europa nach langen Friedensjahren zum Beispiel das Funktionieren der neuesten Waffen in der Schlacht beobachten, so waren die Ärzte an der Anwendung der neuesten Methoden der Diagnostik und Chirurgie interessiert.

Mit Blick auf „The Wars before the Great War“ beschäftigt sich insbesondere der Band von Geppert / Mulligan / Rose (2015) mit den gesellschaftlichen, diplomatischen und militärischen Auswirkungen der Balkankriege in verschiedenen europäischen Staaten. Mosaikartig trägt dieser Band ebenso wie die anderen Bände eine Vielzahl von Beziehungen, Wahrnehmungen und Berechnungen zusammen, die die etablierte Deutung der Balkankriege als eines beschleunigenden Faktors für den Ersten Weltkrieg im Grunde bestätigen und weiter untermauern. Dies trifft für die Gefahrenperzeption der Großmächte (Bruce W. Menning für Russland, Adrian Wettstein für Frankreich, Günther Kronenbitter für Österreich-Ungarn, Markus Pöhlmann für Deutschland) ebenso zu wie für die daraus folgenden Bündnisoptionen der Entente (T. G. Otte, Friedrich Kießling) und der Mittelmächte (Alma Hanning, Patrick Bormann; alle Texte in Geppert / Mulligan / Rose (2015)). Aufgrund der Kürze der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg hielten sich die lessons-learned in militärstrategischer Hinsicht bei den Großmächten jedoch in engen Grenzen. In diesen Zusammenhang der mit Methoden der Internationalen Geschichte arbeitenden Autoren gehört auch die bereits 2008 erschienene Monographie von Claudiu-Lucian Topor, „Germania, România şi Războaiele Balcanice“. Der Autor arbeitet erstmals in der rumänischen Historiographie die Gründe für die Tatsache, dass Rumänien im Ersten Weltkrieg nach anfänglicher Neutralität auf Seiten der Entente in den Krieg eintrat, ohne falsch verstandenen Patriotismus heraus. In der Frage, auf welche südosteuropäischen Alliierten die Mittelmächte setzen sollten, schieden sich bereits in den Balkankriegen die Geister zwischen Berlin und Wien. Dieser Dissens ließ in Bukarest die Befürchtung wachsen, innerhalb des Bundes mit den Mittelmächten werde letztlich – paradoxerweise aufgrund seiner Schwäche – das Habsburgerreich den Ton in der Balkanpolitik angeben. Genauer gesagt, war es letztlich Budapest, das bezüglich Siebenbürgen das letzte Wort hatte.

Jenseits der „Großen Geschichte“ sind hier vor allem die vermeintlich kleinen Themen angesprochen worden, die die besprochenen Bücher reichlich bereithalten.[6] Mehrere Texte beschäftigen sich mit der Haltung politisch marginaler Gruppen (Sozialisten, Sozialdemokraten und Radikale) zu den Balkankriegen, wie Wolfgang Kruse (Socialism and the challenge of the Balkan Wars 1912–1913) in Geppert / Mulligan / Rose (2015), Günter Sandner (Deviationist Perceptions of the Balkan Wars: Leon Trotzky and Otto Neurath) in Boeckh / Rutar (2016) und Sabine Rutar (The Future Enemy’s Soldiers-To-Be: Fear of War in Trieste, Austria Hungary) in Boeckh / Rutar (2018). Für Rutar ist der Auftritt von Karl Renner, einem führenden Vertreter der österreichischen Sozialdemokratie in Triest 1910 jedoch nur der Auftakt für eine eindrückliche Mikroanalyse des multiethnischen Triest am Vorabend der Balkankriege, in dem das Gefühl zunahm, dass weit bedrohlichere Dinge bevorstünden.

Für das Osmanische Reich war der Tiefpunkt des Jahrzehnts militärischer Auseinandersetzungen von 1911 bis 1921 im Ersten Balkankrieg erreicht. Wie die türkisch-osmanische Gesellschaft auf diese beinahe vollständige Niederlage reagierte, analysiert Eyal Ginio in seinem brillanten Buch „The Ottoman Culture of Defeat. The Balkan Wars and their Aftermath“, wobei er dieselbe Frageperspektive einnimmt, wie Wolfgang Schivelbusch in „Die Kultur der Niederlage“.[7] Auf das Ausmaß und die Umstände der militärischen Niederlage, im Zuge derer die balkanischen Truppen ganz Makedonien und in Thrakien Edirne / Adrianopel erobert hatten und nur noch wenige Dutzend Kilometer vor Konstantinopel standen, reagierte die türkisch-osmanische Öffentlichkeit zunächst in einem apokalyptischen Katastrophendiskurs. Sämtliche Befürchtungen bezüglich des Zustands von Staat, Nation und Gesellschaft – letztere sei verweichlicht und die Nation verstünde nicht mehr zu kämpfen; die Türken seien nicht zuletzt aufgrund kultureller Rückständigkeit wenig mobilisierbar (insbesondere die Frauen); der Staat sei ethno-religiös segmentiert und der Osmanismus als politische Integrationsideologie sei eine Illusion – schienen sich bewahrheitet zu haben. Entsprechend harsch war die Abrechnung in der Memoirenliteratur türkischer Offiziere mit der Staats- und Armeeführung, die in einem Regenerationsdiskurs mündeten. Die Armee müsse nicht nur technologisch modernisiert, sondern auch die Soldaten vaterländisch-patriotisch eingestellt werden. Damit müsse nun bereits bei den Knaben und Mädchen im Schulalter begonnen werden. Mit dieser mentalen Aufrüstung der Nation gegen die als Barbaren beschriebenen Balkanchristen ging auch eine Verhärtung der Politik gegen nicht-Muslime als angebliche innere Feinde einher. In der Monographie sowie in zwei der besprochenen Sammelbände (War, civic mobilization and the Ottoman home-front during the Balkan Wars: the case of children, in Geppert / Mulligan / Rose (2015) und Jewish Philantropy and Mutual Assistance Between Ottomanism and Communal Identities, in Boeckh / Rutar (2018)) exemplifiziert Ginio eine Reihe von Diskursen und Praktiken eines osmanisch-türkischen Neuaufbaus, z.B. die Mobilisierung von Kindern und Jugendlichen, die (weibliche) Selbstermächtigung und gesellschaftliche Initiativen zur Versorgung von Verwundeten und Flüchtlingen. Die Analyse basiert auf einem extrem reichen Quellenkorpus, unter anderem in Osmanisch, Arabisch, Hebräisch und Ladino, wobei Ginio mit den letzten beiden Sprachen die jüdisch-osmanische Perspektive auf die Balkankriege integriert.

In gewisser Hinsicht konturierten sich die Grundzüge der türkischen Republik bereits in den Reaktionen auf den Ersten Balkankrieg, wobei der Neuaufbau bereits im Zweiten Balkankrieg, etwa in der Rückeroberung Edirnes erste Früchte trug. Mit Albanien entstand jedoch ein Staat als Folge der Balkankriege gänzlich neu, ein Geschehen, dessen albanische und regionale Dimensionen in Horel (2014) von Francesco Guida (Les Italo-Albanais et les questions balkaniques des premières années du XXᵉ siècle aux guerres de 1912–1913) und Bernard Lory (La guerre après la guerre. Le mouvement insurrectionnel albano-macédonien de septembre-octombre 1913) sowie von Daut Dauti (Gjergj Fishta, the „Albanian Homer,“ and Edith Durham, the „Albanian Mountain Queen:“ Observers of Albania’s Road to Statehood) in Boeckh / Rutar (2016) untersuchen. Den entscheidenden Einfluss der Großmächte bei der albanischen Staatsgründung analysieren Bernd J. Fischer in „The Balkan Wars and the Creation of Albania“ in Pettifer / Buchanan (2016) sowie in Horel (2014) Jean-Marie Delaroche in “Les opérations navales internationals au large de l’Albanie et du Monténégro en 1880 et 1913” und Erwin A. Schmidl in „The London Conference and the Creation of Ambassadors and the Creation of the Albanian State, 1912–1914“.

Ein Wort zur Benutzerfreundlichkeit: Für die schnelle Orientierung und für einen vergleichenden und verflechtungsgeschichtlichen Blick sehr sinnvoll erweisen sich Indexe, die nicht nur Personen und Orte, sondern auch Institutionen und sonstige inhaltliche Schlagwörter verzeichnen. Cambridge University Press verzichtet darauf, Berghahn Books, I.B. Tauris, Hurst&Company und Palgrave liefern diesen Service. Weiterhin wird der der vermeintlich besseren Lesbarkeit geschuldete Usus der Endnoten ad absurdum geführt, wenn z.B. der Beitrag von Wolfgang Höpken in Boeckh, Rutar (2018) 70 Seiten stark ist, wovon jedoch 30 Seiten Endnoten und weitere 12 Seiten Bibliographie sind. Für die Sammelbände wäre eine Gesamtbibliographie zudem die weit bessere Wahl gewesen im Vergleich mit Bibliographien nach jedem Text, inklusive der Mehrfachnennungen der bisherigen Standardliteratur.

Anmerkungen:
[1] Ernst Christian Helmreich, The Diplomacy of the Balkan Wars 1912–1913, Cambridge, Mass. 1938 (Reprint 1969); Katrin Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten Weltkrieg. Kleinstaatenpolitik und ethnische Selbstbestimmung auf dem Balkan, München 1996; Richard C. Hall, The Balkan Wars 1912–1913. Prelude to the First World War, London 2000.
[2] Dies ist besonders im Falle der Balkankriege keine Selbstverständlichkeit. Vgl. die Rezension eines weiteren einschlägigen Sammelbandes, Dietmar Müller: Rezension zu: M. Hakan Yavuz; Isa Blumi (Hrsg.), War and Nationalism. The Balkan Wars, 1912–1913, and Their Sociopolitical Implications. Salt Lake City 2013. In: H-Soz-Kult, 17.04.2015, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21657 (27.07.2018).
[3] The Other Balkan Wars. A 1913 Carnegie Endowment Inquiry in Retrospect with a New Introduction and Reflections on the Present Conflict by George Kennan, Washington 1993.
[4] Wolfram Wette (Hrsg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München.
[5] Florian Keisinger, Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa. Die Balkankriege und die öffentliche Meinung in Deutschland, England und Irland, 1876–1913, Paderborn 2008.
[6] Gänzlich unbesprochen bleiben in diesem Literaturbericht die zahlreichen Texte zu den Balkankriegen in der Historiographie und Erinnerungskultur. Einen Schwerpunkt darauf legt der Band Boeckh / Rutar (2016) mit Texten zu Bulgarien, Serbien, Makedonien und Westeuropa sowie zur religiösen Komponente bei den Südslawen. Das Thema ist auch vertreten in Horel (2014) mit Texten zu Makedonien und dem sozialistischen Jugoslawien sowie in Pettifer / Buchanan (2016) mit einem weiteren Text zu Makedonien.
[7] Wolfgang Schivelbusch, Die Kultur der Niederlage. Der amerikanische Süden 1865, Frankreich 1871, Deutschland 1918, Berlin 2001.

Zitation
Dietmar Müller: Rezension zu: Boeckh, Katrin; Rutar, Sabine (Hrsg.): The Balkan Wars from Contemporary Perception to Historic Memory. Hampshire  2017 / : The Ottoman Culture of Defeat. The Balkan Wars and Their Aftermath. London  2016 / Horel, Catherine (Hrsg.): Les guerres balkaniques (1912–1913). Conflits, enjeux, mémoires. Brüssel  2014 / Pettifier, James; Buchanan, Tom (Hrsg.): War in the Balkans. Conflict and Diplomacy before World War I. London  2016 / Boeckh, Katrin; Rutar, Sabine (Hrsg.): The Wars of Yesterday. The Balkan Wars and the Emergence of Modern Military Conflict, 1912–13. New York  2018 / Mulligan, William; Rose, Andreas; Geppert, Dominik (Hrsg.): The Wars before the Great War. Conflict and International Politics before the Outbreak of the First World War. Cambridge  2015 / : Germania, România şi Războaiele Balcanice (1912–1913). Iaşi  2008 , in: H-Soz-Kult, 30.08.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27476>.