S. Dusil u.a. (Hrsg.): Exzerpieren - Kompilieren - Tradieren

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Titel
Exzerpieren – Kompilieren – Tradieren. Transformationen des Wissens zwischen Spätantike und Frühmittelalter


Hrsg. v.
Dusil, Stephan; Gerald Schwedler, Raphael Schwitter
Erschienen
Berlin 2017: de Gruyter
Umfang
264 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carola Föller, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Der Band präsentiert die Ergebnisse der Züricher Tagung „Verdichtung oder Vernichtung? Entwicklungen und Strategien im Umgang mit der Komplexität von Wissen in Spätantike und Frühmittelalter“ aus dem Jahr 2013.[1] Er schließt weniger eine Forschungslücke als dass er eher ein ganzes Forschungsfeld (wieder)eröffnet, indem er sich mit der frühmittelalterlichen Wissensorganisation, -erschließung und -präsentation beschäftigt und sich diesen Themen durch eine große Vielfalt an Beispielen breit nähert. Die Forschungen zur Übergangszeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter – unabhängig davon, ob sie eher den Bruch oder die Kontinuität betonten – beschäftigten sich bislang überwiegend mit Strukturen, Identitätsbildungen, Kommunikation und Habituellem. Wissensorganisatorische Fragestellungen hingegen wurden bisher vor allem an Texten des Hoch- und Spätmittelalters untersucht, maßgeblich waren hier in Deutschland die Sonderforschungsbereiche 226 „Wissensorganisierende und wissensvermittelnde Literatur im Mittelalter“ (Würzburg/Eichstätt) und 231 „Träger, Felder, Formen pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter“ (Münster). Der Band führt also die Herangehensweisen zweier Forschungsfelder zusammen und gibt dadurch beiden Feldern neue Impulse durch eine eigenständige, an die Epoche angepasste konzeptionelle Ausrichtung.

Dabei verfolgen die Herausgeber des Bandes eine klare Agenda: Während die ältere Forschung sich überwiegend auf historiographische Texte der Spätantike und des Frühmittelalters stützte und auf Basis dieser Narrative, in denen zeitgenössische Missstände angeprangert wurden, einen „Niedergang“ an Wissen wie an Sprach- und Schreibkompetenz konstatierte (vgl. auch S. 7), geht es im vorliegenden Band darum, sich den Eigenheiten der Wissenspräsentation der Epoche zu nähern und damit dem „Niedergangs“-Narrativ etwas entgegenzusetzen – wie es in anderen Bereichen wie den militärischen, rechtlichen und administrativen Strukturen in den letzten Jahrzehnten bereits geschehen ist. In der Einführung wird dementsprechend ein recht umfangreiches Programm entworfen, das sich nicht nur als Einleitung zu den folgenden Aufsätzen, sondern auch als Ausgangspunkt für weitere Forschungen lesen lässt. Wesentlich erscheint hierbei vor allem der Ansatz, sich von unseren (impliziten) Vorstellungen von gelungener Wissenskultur, namentlich der Anhäufung von Wissen und seiner strukturierten Präsentation, zu lösen und auch andere Formen des Umgangs mit Wissen als erfolgreich zu betrachten, wie zum Beispiel die gezielte Wissensreduktion oder die literarische Verdichtung. Diesem Ansatz entsprechend sind die Beiträge unter den Arbeitstechniken und -zielen „Exzerpieren“, „Kompilieren“ und „Tradieren“ zusammengefasst.

Der Offenheit des Konzeptes ist auch die Heterogenität der Beiträge geschuldet, sowohl was ihren Umfang als auch was die konkrete Herangehensweise und die Grundannahmen betrifft. Neben den von den Herausgebern vorgeschlagenen Kategorien – Exzerpieren, Kompilieren und Tradieren – erscheinen mir zusammenfassend noch einige Aspekte beachtenswert, die mehrere Untersuchungen verbinden, auch wenn sie sich der klaren Systematik der genannten Arbeitstechniken entziehen. So werden die Beiträge zusammenfassend unter spezifischen Gesichtspunkten besprochen, unerwähnt bleiben dabei leider zahlreiche weiterführende Einzelergebnisse der Studien.

Für den von der älteren Forschung vielgescholtenen Verlust an klassischem Wissen bieten Marietta Horster, Christian Rohr und Inge Kroppenburg alternativ die Erklärung der Verdichtung und Kanonisation an: Für Livius weist Horster eine Verknappung des Erzählstoffes zugunsten eines starken Narrativs bzw. einer neuen Ausrichtung des Narrativs nach – das zugrundeliegende Wissen, so lasse sich aus den verkürzten Erzählzusammenhängen erkennen, sei aber noch als bekannt vorausgesetzt worden. Der auch von Andreas Thier in der Zusammenfassung des Bandes betonte Aspekt der Kanonisation hängt unmittelbar mit der Verdichtung zusammen. Der Beitrag von Christian Rohr nähert sich der Kanonisierung von thematischer Seite: Anhand der Rezeption der Beschreibung von Wetterphänomenen in der Naturalis historia von Plinius d.Ä. im frühen und auch hohen Mittelalter führt er vor, dass die Autoren trotz unterschiedlicher Erkenntnisinteressen und Schwerpunkte einen Kanon etablierten. Inge Kroppenburg zeigt am Codex Theodosianus die Wirkungen einer solchen Kanonisierung. Durch die Kanonisierung des Rechts und seiner Vermischung mit religiösen Konzepten im Codex werde eine Sakralisierung der Macht vorangetrieben, die letztlich zu neuen Herrschaftsformen geführt habe.

An Rechtstexten lassen sich auch die Absichten und Folgen der Vereinfachung von Wissensinhalten belegen. Hans-Georg Hermanns Analyse einer Sammelhandschrift frühmittelalterlicher Leges zeigt, wie diese an aktuelle Veränderungen der Verwaltung und Regierung angepasst wurden; die dabei entstandenen Vereinfachungen dienten allerdings nicht zur Komplexitätsreduktion, sondern eröffneten die Möglichkeit der Verallgemeinerung und Abstraktion des Stoffes. Die von Karl Ubl untersuchten Bearbeitungen der Lex Salica, die Septinas septem (von Ubl in das 7. Jahrhundert datiert), zeichneten sich gegenüber den späteren karolingischen Versionen der Lex Salica durch ihre besondere Kürze und Vereinfachung aus. Dies sei eine Folge von Ordnungsbemühungen gewesen, die darauf abzielten, einen Rahmen für die Rechtspraxis zu etablieren.

Die grundlegende Rolle der Sprache für den Umgang mit Wissen lässt sich in den Beiträgen von Carmen Cardelle de Hartmann und Mayke de Jong erkennen. Carmen Cardelle de Hartmann betont für die Etymologien Isidors das Erkenntnisinteresse des Autors, das weniger in den Inhalten antiker Bildung als in der Kenntnis um die korrekte Bedeutung und Verwendung der Wörter bestanden habe – die zeitgenössische (westgotische) Leserschaft sollte zur richtigen Verwendung der von ihnen adaptierten Sprache befähigt werden. Mayke de Jong zeigt am Epitaphium Asenii des Paschasius Radbertus, wie dieser geschickt, jeweils an die aktuelle politische Situation angepasst, antikes Vokabular (vor allem aus Werken Ciceros) in seinen Text integrierte.

Julian Führer und Ian Wood machen in ihren Beiträgen deutlich, dass auch die Verlagerung der Wissensinteressen zur (vermeintlichen) Reduktion geführt haben. Julian Führer weist an einem Textvergleich zwischen Gregor von Tours und Fredegar bei letzterem ein verringertes Interesse an Verwaltungswissen nach, was vermutlich an bereits veränderten Verwaltungsstrukturen gelegen habe. Zu der schlechten Quellenlage trage zudem noch die Vernichtung der Verwaltungsakten nach römischer Tradition bei. Ian Wood zeigt in seinem Überblick über die handschriftliche Produktion im merowingischen Gallien, dass der Fokus der Buchproduktion sich auf patristische Literatur richtete, während die klassische Literatur an Bedeutung verlor. Zeitgleich habe aber auch eine Restrukturierung antiker Textgattungen wie der Historiographie und der Hagiographie stattgefunden.

Der Fragestellung des Bandes nach dem Umgang mit Wissen in Spätantike und Frühmittelalter sind alle Autorinnen und Autoren trotz des weitgespannten Untersuchungsfeldes nachgegangen und haben in vielfältiger Weise gezeigt, worin die genuine Leistung der Zeitgenossen bestand. Dennoch – und das liegt schon allein in der Größe des Themas begründet – bildet der Band letztlich noch ein loses Flechtwerk der Möglichkeiten ab, das zu verdichten und zu vergrößern sich lohnt.

Gerade angesichts der teilweise sperrigen Themen haben die Herausgeber/innen und Autor/innen auf Zugänglichkeit geachtet. So sind einigen Aufsätzen (wie zum Beispiel Karl Ubls und Ian Woods) ausgesprochen hilfreiche Anhänge (Edition und Handschriftenliste) beigefügt. Hinzu tritt ein umfangreicher wissenschaftlicher Apparat; neben einem Handschriftenverzeichnis enthält der Band noch ein Werks- und Stellenverzeichnis sowie ein Personen- und Ortsregister. Hilfreich, gerade für internationale Leserinnen und Leser, sind auch die englischen Abstracts, die den Artikeln vorangestellt wurden. Einer breiteren Rezeption auch in anderen Fächern, die dem Buch zu wünschen ist, wäre mit der konsequenten Übersetzung fremdsprachlicher, vor allem aber lateinischer Zitate gedient gewesen.

Anmerkung:
[1] Vgl. den Tagungsbericht: Verdichtung oder Vernichtung? Entwicklungen und Strategien im Umgang mit der Komplexität von Wissen in Spätantike und Frühmittelalter, 19.09.2013 – 21.09.2013 Zürich, in: H-Soz-Kult, 22.11.2013, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5114 (14.12.2018).

Zitation
Carola Föller: Rezension zu: Dusil, Stephan; Gerald Schwedler, Raphael Schwitter (Hrsg.): Exzerpieren – Kompilieren – Tradieren. Transformationen des Wissens zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 09.01.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27490>.
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09.01.2019
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