K. Bolle u.a. (Hrsg.): The Epigraphic Cultures of Late Antiquity

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Titel
The Epigraphic Cultures of Late Antiquity.


Hrsg. v.
Bolle, Katharina; Machado, Carlos; Witschel, Christian
Erschienen
Stuttgart 2017: Franz Steiner Verlag
Umfang
615 S.
Preis
€ 84,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Renate Lafer, Institut für Geschichte, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Epigraphische Dokumente stellen in ihrer Vielfalt unverzichtbare Quellen althistorischer Forschung dar. Ihre Einbeziehung ist sowohl für politische und administrative wie auch für soziale, religiöse oder kulturelle Fragestellungen unerlässlich. Welche Bedeutung Inschriften in der griechisch-römischen Antike zukam, wurde bereits im 1982 erschienen Aufsatz von Ramsay MacMullen betont,[1] welcher den Begriff des „epigraphic habit“ prägte. Damit bezeichnete er Gewohnheiten einer Gesellschaft, unter Berücksichtigung der jeweiligen Beweggründe Inschriften zu setzen. Die Spätantike war dabei bislang etwas vernachlässigt worden; erst mit einer 1986 in Bologna anberaumten Tagung, deren Beiträge zwei Jahre später publiziert wurden,[2] wurde auch die Epigraphik dieser Epoche ins Licht der Forschung gerückt, wobei der christlichen Epigraphik noch das Hauptaugenmerk beigemessen wurde. Inschriften sollten demnach, wie es auch die Herausgeber in ihrem einleitenden Kapitel zum vorliegenden Band betonen, nicht isoliert, sondern als Produkt der jeweiligen Umgebung und in ihrem örtlichen Kontext betrachtet werden. Ziel des Sammelbandes ist somit die Dokumentation der „epigraphischen Kulturen“ in der Spätantike in ihrer Diversität, wobei auch versucht wird zu zeigen, dass von einem Niedergang der Inschriftenkulturen in der Spätantike, der in der bisherigen Forschung tendenziell konstatiert wurde, nicht gesprochen werden kann.

Neben dem einleitenden Kapitel der Herausgeber zu Definitionsfragen, allgemeinen Tendenzen der spätantiken Inschriftenkulturen und Zielsetzungen der Studie beinhaltet der Band 17 Beiträge in den Sprachen Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch. Sie wurden 2009 im Rahmen einer internationalen Konferenz in Heidelberg vorgetragen und für die Publikation überarbeitet. Die Studie ist in drei Teile geteilt: Im ersten werden regionale, epigraphische Entwicklungen diskutiert, der zweite Teil ist sodann speziellen Themenfeldern spätantiker Epigraphik und der dritte der christlichen Epigraphik gewidmet.

Im ersten Beitrag bespricht Christian Witschel die spätantiken Inschriftenkulturen im Westen des Imperium Romanum. Er konstatiert für diesen Bereich einen generellen Rückgang der Inschriftenzahl ab der Mitte des 3. Jahrhunderts n.Chr., warnt jedoch gleichzeitig vor der Argumentation eines politischen oder kulturellen Niedergangs und vor Generalisierungen. Bei der Erfassung der Inschriften in ihrer regionalen Entwicklung ist seiner Studie zufolge davon auszugehen, dass beispielsweise pagane Weihungen durchaus noch parallel zum Aufkommen des Christentums weiter bestanden und somit bei der häufig gängigen Praxis der automatischen Zuordnung undatierbarer, nichtchristlicher Inschriften in die Zeit vor dem ausgehenden 3. Jahrhundert n.Chr. Vorsicht geboten ist. Kennzeichnend für spätantike Inschriften des Westens sind des Weiteren die Wiederverwendung älterer Stücke als Spolien, das Nebeneinander spätantiker und älterer Inschriften sowie die Schwerpunktverlagerung auf andere Inschriftgattungen wie Mosaikinschriften. Witschel gibt resümierend für den Westen des Reiches zu bedenken, dass das Verschwinden bestimmter Inschriftgattungen nicht notwendigerweise auch bedeutet, dass die in den Inschriften kommunizierten Inhalte obsolet geworden wären. Dies kann am Beispiel von Meilensteinen in der Spätantike verdeutlicht werden, erfüllen sie doch in dieser Zeit zunehmend die Funktion von Ehreninschriften.

Judit Végh weist in ihrem Beitrag zur „Inschriftkultur und Christianisierung im spätantiken Hispanien“ zunächst auf den interessanten und vielfältigen Quellenbestand hin. Sie geht den Fragen nach, wie sich die Christianisierung in dieser Region ausgewirkt hat und ob regionale Unterschiede erkennbar sind. Auch sie kommt zum Ergebnis, dass in der Mitte bzw. Ende des 3. Jahrhunderts ein quantitativer Rückgang von Inschriften erkennbar ist, der „traditionelle, in der frühen Kaiserzeit ausgeprägte ‚epigraphic habit‘“ aber durchaus teilweise noch bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts weiterlebte (S. 102), indem eine Koexistenz mit den christlichen Inschriften deutlich wird. Als Fallbeispiele stellt sie das regional stark unterschiedlich geprägte Inschriftenmaterial von Tarraco, Augusta Emerita und Myrtilis vor, wo sehr gut erhaltene Inschriften aus einer nicht überbauten Nekropole zum Vorschein kamen.

Lennart Hildebrand beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den spätantiken Inschriften Südgalliens. Nach einem Überblick über die Inschriften dieser Region geht er insbesondere der Frage nach, ob Vertreter der Elite in dieser Zeit Inschriften noch immer als Zeichen der Repräsentation nutzten. Das von ihm als gleichzeitig „fascinating and confusing“ charakterisierte Material (S. 111) für die zur Diskussion stehende Zeit von Diokletian bis 655 n.Chr. kann er zunächst in Ehreninschriften, Bauinschriften, Meilensteine und christliche Inschriften gliedern. Obgleich christliche Inschriften, insbesondere Epitaphe, den größten Teil des Materials ausmachen, haben sich auch Repräsentanten der Elite der Inschriften als Mittel der Selbstdarstellung bedient. Dass sich das Medium dafür allerdings gewandelt hat, zeigt das Beispiel von Meilensteinen, von denen sich insbesondere aus Aquitanien zahlreiche Exemplare erhalten haben, welche von civitates Herrschern als Zeichen der Loyalität dediziert worden sind.

Im nächsten Beitrag diskutiert Katharina Bolle die spätantiken Inschriften in Tuscia et Umbria. Ähnlich wie in den vorigen Beiträgen kann auch sie für die Zeit ab Mitte des 3. Jahrhunderts eine Veränderung in der epigraphischen Praxis erkennen. Insbesondere die Zahl der „civic inscriptions“, also der Inschriften, welche im öffentlichen Kontext aufgestellt worden waren, nimmt ab, während etwa 80 Prozent des Materials Grabinschriften zuzurechnen sind, was wohl auch auf die zahlreichen Nekropolen und Katakomben zurückzuführen sei. Von den übrigen Gattungen kann sie Ehreninschriften in Bezug auf das Kaiserhaus (bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts), Meilensteine in Funktion von Ehrendokumenten, vereinzelte Ehreninschriften für Angehörige der Reichsaristokratie und lokale Würdenträger sowie ebenfalls singuläre städtische Bauinschriften und Weihinschriften mit paganem Kontext neben Weihinschriften christlichen Inhaltes ausmachen.

Ignazio Tantillo widmet seine Studie sodann dem spätantiken Nordafrika. In seinem Beitrag werden die Frage der Kontinuität der Inschriftenpraxis im Allgemeinen und das Fallbeispiel des mit Inschriften besonders reich ausgestatteten und gut erforschten Leptis Magna diskutiert. Auch für diesen Raum lassen sich einerseits Kontinuitäten, andererseits die Wiederverwendung von Steinen als Spolien und ein auffälliger Rückgang von Ehrenmonumenten konstatieren.

Die christlichen Inschriften von Asia Minor in spätantiker Zeit werden von Stephen Mitchell vorgestellt. Ihm zufolge lässt sich auch in diesem Raum in den meisten Städten eine deutliche Reduktion der Inschriftenzahl im Vergleich zur Kaiserzeit feststellen. Auffallend ist die starke Divergenz in der regionalen Verteilung der Inschriften, sind doch im Westen von Asia Minor wesentlich weniger Dokumente auf uns gekommen als in Zentralasien, wo noch bis in die byzantinische Zeit hinein zahlreiche Grabinschriften aufgestellt wurden. Einen Wandel konstatiert Mitchell bei den Inschriftgattungen: Die „klassischen Inschriften“ wie Ehreninschriften oder Meilensteine werden spätestens Ende des 4. Jahrhunderts durch andere Gattungen abgelöst. Zu nennen sind hier Versepigramme, Grenzsteine oder Census-Inschriften.

Im letzten Beitrag der regionalen Studien wendet sich Leah di Segni den spätantiken Inschriften der Provinzen Palästina und Arabia zu. Ihren Forschungen zufolge fanden mit dem Verschwinden von Latein in den Inschriften im 4. Jahrhundert neben dem Griechischen vermehrt aramäische Dialekte Einzug. In dieser Form kann die Autorin einen Höhepunkt der spätantiken Inschriftenkultur vom 5. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts feststellen, wonach mit der muslimischen Eroberung der Niedergang beginnt. Erst dann wurden sowohl weniger Inschriften produziert, als auch die Instandhaltung von Gebäuden vernachlässigt.

Im zweiten Teil des Bandes, welcher speziellen Themenfeldern gewidmet ist, bespricht Carlos Machado zunächst die Wiederverwendung von Statuenbasen im spätantiken Italien. Diese Praxis sei in ganz Italien ab dem Ende des 3. Jahrhunderts in starkem Ausmaß festzustellen. Der Autor betont dabei, dass die Praxis der Wiederverwendung nicht als Ausdruck der Dekadenz einer Gesellschaft gewertet werden und nicht allein mit Materialbeschaffung oder Pragmatismus erklärt werden könne, sondern vielmehr der Abgrenzung und Definition einer neuen epigraphischen Kultur diene. Teilweise wurde die alte Aufschrift dabei auch nicht ausgemeißelt, sondern bewusst neben der neuen Inschrift bestehen belassen.

Ulrich Gehn diskutiert sodann „Late antique togati and related inscriptions“. In seinem Beitrag versucht er zu zeigen, dass ab dem späten 4. Jahrhundert die Toga in ihrer spätantiken Form Kaisern und Mitgliedern der senatorischen Elite als Repräsentationsgewand zukam, wie es aus den dazu gehörenden Inschriften ersichtlich ist. „Orations in Stone“ betitelt Silvia Orlandi ihren Beitrag. Darin nimmt sie auf die schon mehrmals erwähnte Transformation von Ehreninschriften in der Spätantike Bezug. An Stelle von Ehreninschriften werden in dieser Zeit vermehrt Elogen auf Verstorbene oder Reden in Stein gemeißelt, wozu Orlandi nun ein bislang unpubliziertes Fragment aus dem Museum des Palazzo di Venezia in Rom vorstellt: Dabei handele es sich wohl am ehesten um eine Grabrede auf einen Verstorbenen einer höheren sozialen Schicht.

Lucy Grig befasst sich mit den metrischen Inschriften des spätantiken Rom. Jene erfreuten sich in dieser Zeit insbesondere bei den Mitgliedern der senatorischen Elite großer Beliebtheit, indem diese nun Steine oder Sarkophage ausgedehnter Begräbniskomplexe zierten und damit Kultur und Status der Verstorbenen dokumentierten. Als Medium dieser Selbstrepräsentation stellt sie für den Zeitraum von 350 bis 450 n.Chr. vor allem einige Epitaphe vor, aber auch eine bescheidene Anzahl von Statuen mit Versinschriften mit Dedikationscharakter weist metrischen Inhalt auf.

„The Epigram habit in Late Antique Greece“ ist das Thema, mit dem sich Erkki Sironen in seinem Beitrag beschäftigt. Epigramme stellten einen wichtigen Teil der spätantiken epigraphischen Kultur dar, sie eigneten sich sowohl für religiöse als auch profane, für öffentliche wie auch private Texte. So kann Sironen zum einen Epigramme mit Ehrencharakter feststellen, zum anderen aber auch solche auf Bauten oder – am weitesten verbreitet – jene im funerären Bereich. Denis Feissel untersucht die drei munizipalen Funktionen eines curator, defensor und pater civitatis in protobyzantinischer Zeit. Diese munizipalen Funktionen sind im gesamten Orient sowohl geographisch als auch chronologisch in Inschriften und Papyri fassbar.

Der letzte Teil des Sammelbandes ist den christlichen Inschriften gewidmet. Darin findet sich zunächst der Beitrag von Charlotte Roueché und Claire Sotinel zu Forschungsgeschichte und terminologischen Aspekten christlicher und spätantiker Epigraphik. Anschließend diskutiert Georgios Deligiannakis die in spätantiker Epigraphik und Archäologie nur schwer zu fassenden, häretischen Bewegungen anhand neuer Lesungsversuche. Rudolf Haensch beschäftigt sich in weiterer Folge mit Kirchenbauinschriften in Italien und im Nahen Osten, für welche Untersuchungsgebiete er gänzlich unterschiedliche epigraphische Praktiken feststellen kann. Der letzte Beitrag stammt von Mark A. Handley. In ihm werden Graffiti des westlichen Reichteils in der Spätantike und im frühen Mittelalter besprochen. Handley konstatiert dabei einen quantitativen Anstieg dieser Inschriftengattung in diesen Epochen.

Zusammenfassend kann der Sammelband als gelungene Zusammenstellung von Beiträgen zu diversen Aspekten spätantiker Epigraphik betrachtet werden. Durch die Einbeziehung regionaler Studien wie auch spezieller Themenkomplexe gelingt es den Herausgebern, die Thematik aus verschiedener Perspektive zu diskutieren. Darin sind generelle Tendenzen und Gemeinsamkeiten ebenso feststellbar wie regionale Unterschiede. An vielen Stellen betonen die Autoren, dass die Spätantike nicht als eine Zeit des Niedergangs zu betrachten sei. Auch wenn die Zahl der Inschriften in der Spätantike generell abnimmt, kommt es in dieser Epoche doch entsprechend den politischen, administrativen und religiösen Veränderungen zu einer Schwergewichtsverlagerung auf andere Inschriftengattungen; auch sind die „epigraphischen Kulturen“ dieser Zeit nicht auf die christliche Epigraphik zu reduzieren.

Anmerkungen:
[1] Ramsay MacMullen, The Epigraphic Habit in the Roman Empire, in: The American Journal of Philology 103 (1982), S. 233–246.
[2] Angela Donati (Hrsg.), La terza età dell’epigrafia. Colloquio AIEGL Bologna 1986, Faenza 1988.

Zitation
Renate Lafer: Rezension zu: Bolle, Katharina; Machado, Carlos; Witschel, Christian (Hrsg.): The Epigraphic Cultures of Late Antiquity. Stuttgart  2017 , in: H-Soz-Kult, 24.07.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27567>.
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Veröffentlicht am
24.07.2017
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