H.C. Teitler: The Last Pagan Emperor

Cover
Titel
The Last Pagan Emperor. Julian the Apostate and the War against Christianity


Autor(en)
Teitler, Hans C.
Erschienen
Umfang
XXXIII, 271 S.
Preis
£ 19,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Mit seinem Buch über den letzten Heiden unter den römischen Kaisern fügt der als Mitglied des niederländischen Kollegiums der Ammian-Kommentatoren bekannte Autor den vorhandenen Biographien Julians keineswegs eine weitere hinzu, sondern bietet eine Darstellung zum Thema der Förderung des überkommenen Götterglaubens durch diesen Kaiser und zu den damit einhergehenden, als antichristlich empfundenen Maßnahmen, die besonders auf christlicher Seite breitgefächerte publizistische Reaktionen zur Folge hatten und die Hagiographie zu entsprechender Legendenbildung anregten.[1] Damit sucht – und findet – Teitler einen Weg, der nicht primär den Spuren nachgeht, die die Julian-Biographien verfolgen[2], und konkurriert aufgrund seiner Ausrichtung auf einen breiteren Leserkreis auch nicht mit Werken, die für ein Fachpublikum die Dimensionen der paganen Intellektualität Julians ausmessen.[3] Vielmehr geht es ihm darum, weniger aus Julians eigenen Werken als aus anderen zeitgenössischen nichtchristlichen und vor allem christlichen Quellen ein Bild Konturen gewinnen zu lassen, das man sich in der Spätantike von Julian aufgrund seiner Apostasie machte. Hierzu zählen insbesondere auch die späteren Stimmen, vor allem der christlichen Hagiographie, die Julians Glaubenshaltung und mit ihr zusammenhängende Aktionen weniger reflektierte als vielmehr auf eigene Weise verarbeitete. Dabei steht durchaus die Quellenkritik im Mittelpunkt, mit deren Hilfe einem angemessenen und möglichst gerechten Urteil über Julian der Weg gebahnt werden soll. Insofern handelt es sich bei dieser Monographie zugleich um ein Lehrstück über die Schwierigkeiten, die mit Werturteilen befrachteten erzählenden Quellen auf einen verlässlichen historischen Kern zurückzuführen.

Daher orientiert sich Teitler zwar durchaus chronologisch an dem Zeitraum von Julians Apostasie bis zu seinem Tod auf dem Feldzug gegen die Perser. Diese Ordnung ist aber nicht biographisch motiviert, sondern dient primär dem Zweck, die sehr heterogenen Quellen, welche mit Julians Glaubensabfall im Zusammenhang stehen, einem Ort oder einer Situation zuzuweisen, die mit einer bestimmten Station im Leben des Kaisers verbunden werden können. In das daraus sich ergebende geographische und zeitliche Umfeld werden die zugehörigen pro- und antijulianischen Quellen eingeordnet und in diesem Rahmen interpretiert, so dass sich am Ende nicht nur ein Gesamtüberblick über das Julian und sein Verhältnis zu den Christen betreffende Quellenmaterial ergibt, sondern diese Zeugnisse auch mit kritischem Blick auf ihre Zuverlässigkeit überprüft werden.

So klärt Teitler bereits in der Einführung die Grundeinstellungen bestimmter Quellen. Dazu gehören die projulianischen und paganen Stimmen des Ammianus Marcellinus und des Libanius, als deren Widerpart der Verfasser – ganz abgesehen von christlichen Hagiographen – Theologen wie Gregor von Nazianz und Kirchengeschichtsschreiber wie Sozomenus vorstellt. Die ersten drei Kapitel behandeln wichtige Voraussetzungen für das Verständnis der nichtchristlichen und christlichen Quellen, die sich mit dem Glaubensabfall Julians und dessen Widerhall beschäftigen: Es geht hier erstens um Julians Apostasie, die in einen kurzen Lebensüberblick eingebettet wird; sodann zweitens um die in der christlichen Wende, die mit Konstantin ihren Ausgang nahm, liegenden Verständnisvoraussetzungen hierfür und um die im Donatismus sowie im Arianismus zutage tretenden Streitigkeiten innerhalb des Christentums; schließlich drittens um Manifestationen des Glaubensabfalls Julians mit ihren tatsächlichen und ihren nur angenommenen Folgen für das Christentum, sofern sich diese quellenmäßig, vor allem aus christlichen Stellungnahmen, erfassen lassen – aber deren (Un-)Zuverlässigkeit zu untersuchen ist ja ein wichtiges Ziel der Monographie Teitlers. Für die Datierung der Apostasie verlässt sich Teitler auf Julians eigene Angabe, er habe sich im Alter von zwanzig Jahren vom Christentum losgesagt und den althergebrachten Göttern zugewandt, auch wenn er dies erst als Alleinherrscher offenkundig werden ließ.[4]

Wie sich nun innerchristliche Streitigkeiten nach Übernahme der Alleinherrschaft durch Julian Bahn brachen, exemplifiziert Teitler am Schicksal des kurz vor Jahresende 361 von einem streitbaren Mob in Alexandria gelynchten ‚arianischen‘ Bischofs Georg von Kappadokien. Ort, Zeit und Bischof bieten Teitler zudem die Möglichkeit, den dux Aegypti Flavius Artemius vorzustellen, der in seinem Amt die gegen Heiden und Vertreter der Orthodoxie gerichteten Maßnahmen Georgs unterstützte. Daran anknüpfend stellt er am Beispiel der wohl aus dem 9. Jahrhundert stammenden passio Artemii die oft über weite Strecken mit fiktiven Darlegungen operierende Quellengattung des Martyriumsberichts vor und wägt ab, inwieweit diese hagiographische Darstellung mit der historischen Person des Artemius, der unter Julian hingerichtet wurde, in Verbindung stehen mag und wie das Material in diesem Bericht so geformt und phantasievoll angereichert wurde, dass eine passio zustande kam, die der Apostasie Julians und ihren vorgeblichen Folgen im Sinne der Interessen des orthodoxen Christentums Rechnung trug. Auf diese und ähnliche Weise reiht Teitler in erzählendem Sprachduktus auf assoziative Weise ein Kapitel an das andere und begutachtet so das gesamte Quellenmaterial, das die Apostasie Julians und deren – tatsächliche und imaginierte – Folgen vor allem für die Christen behandelt.

Die nächste Einheit besteht wiederum aus drei Kapiteln, die zunächst historisch relativ gut erfassbare Folgen des julianischen Glaubenswechsels behandeln, und zwar für die Wiederbelebung der heidnischen Tempel und die Konsequenzen für die christliche Kirche, die bisher materieller Nutznießer niedergelegter Tempelanlagen zugunsten eigener Bauprojekte war, für die von Julian vorexerzierte Praxis der Opfer an die Götter und deren Echo in der paganen und christlichen Öffentlichkeit sowie für die Lehrtätigkeit im Bereich klassischer Bildung, die überzeugten Christen durch Julians Rhetoren- und Unterrichtsgesetz verwehrt wurde. Mit dieser Maßnahme und mit anderen Initiativen, so unterstreicht Teitler, leitete Julian keineswegs eine Christenverfolgung ein, auch wenn Kirchengeschichtsschreiber davon sprechen, sondern suchte die Christen eines Besseren zu belehren.[5]

In den darauffolgenden Kapiteln treten sodann die Martyriumsberichte als Quellen vollends in den Vordergrund. Aus den von Teitler dargelegten Einstellungen und Maßnahmen Julians ist von vornherein klar – und wird bei passenden Gelegenheiten wiederholt argumentativ erhärtet –, dass diese fiktiv ausgestaltete Erzählungen darstellen[6]: Sie leiten aus Julians Apostasie im christlichen Sinne Schlussfolgerungen ab, die sich bei differenzierter Sicht eigentlich verbieten, aber der Kirche Märtyrer als Verhaltensmuster erstehen ließen, welche es in diesem Sinne seit der diokletianischen Christenverfolgung eigentlich nicht mehr gab. So stellt Teitler die Martyriumsberichte des in Ankyra tätigen Priesters Basilius, der Bekenner Theodorus und Publia sowie des Theodoretus, alle drei aus Antiochia, und zahlreicher anderer ‚Glaubenszeugen‘ vor, indem er immer wieder die Nachrichten bei den Kirchengeschichtsschreibern und in den anonymen Martyriumsberichten einer kritischen Prüfung unterzieht. Ein Teil dieser Erzählungen ist mit den Spannungen zwischen Heiden und Christen in Antiochia verknüpft, als Julian zur Vorbereitung seines Perserfeldzugs in dieser Stadt residierte. Als ein Muster für die Julian entgegengebrachte Haltung späterer Christen stellt Teitler den Passionsbericht des Eusignius vor, dessen Biographie mit Constantius Chlorus und dessen Sohn Konstantin verbunden ist und insofern den Gegensatz zum letzten Vertreter der konstantinischen Dynastie betont herausstellt.

Mit zunehmender Erfahrung der Leser in der Auswertung von Martyriumsberichten werden auch Teitlers Interpretationen zu diesen Texten komplexer. Weckt er zunächst Interesse an den verwendeten hagiographischen Mustern und ihrem allenfalls ansatzweise vorhandenen, ansonsten aber durch Fakten nicht zu erhärtenden ‚Sitz im Leben‘, so schreitet er nach und nach zu vielschichtigeren Beurteilungen der passiones fort und verankert beispielsweise die Rede des Johannes Chrysostomus über den während der Christenverfolgung des Decius umgekommenen Antiochener Bischof Babylas als Anklage gegen Julian in der zeitgenössischen Tagespolitik. Unter Abwägung der Zuverlässigkeit unterschiedlicher Nachrichten muss man aber mit Teitler zu der Erkenntnis kommen, dass Julian alles tat, um den Eindruck zu vermeiden, er verfolge Christen – auch wenn er unter dem Zeichen der Toleranz den Christen manchen Nadelstich versetzte. Jedenfalls provozierte Julian auch noch lange nach seinem Tod Auseinandersetzungen mit seiner Person, und sei es zum Zweck der aus seiner Apostasie gespeisten und der Bestätigung ihrer Weltsicht dienenden Erbauung der Christen.

Teitler hat eine Untersuchung zu den Folgen der Apostasie Kaiser Julians vorgelegt, wie sie sich aus den Quellen zu den Maßnahmen des Herrschers im Zusammenhang mit seinem Wechsel vom Christentum zum alten Götterglauben und vor allem auch aus der christlichen Auseinandersetzung mit seinem Abfall vom Christentum ergeben. Dabei rückt er mit der Auswertung von Berichten zu Martyrien unter Julian – angeblich – verfolgter Christen bisher vernachlässigte Quellen in den Mittelpunkt: Diese Zeugnisse verknüpften bestimmte Vorstellungen mit den Maßnahmen, derer man aus christlicher Sicht den Apostaten – nach seinem Tode – für fähig hielt. Dabei ist Teitler fortwährend bemüht, die Plausibilität der Aussagen von Quellen unterschiedlichster Provenienz darzulegen und sich so zu den mit ihnen verbundenen Intentionen zu äußern. Diese Aufgabe wird dadurch nicht kleiner, dass Teitler sich mit diesem Buch weniger an den Fachmann als an ein breiteres Publikum wendet. Ihm gelingt es dabei, den Text von weitausgreifenden wissenschaftlichen Erörterungen freizuhalten. Wenn man sich allerdings in die Inhalte der ausführlichen Endnoten (S. 147–194) vertieft und das ansehnliche Literaturverzeichnis (S. 195–261) Revue passieren lässt, kann man ermessen, aus welch reichhaltigem Fundus Teitler für seine schlanke Darstellung von gut 140 Seiten schöpft.

Anmerkungen:
[1] Die Grundlage und den Ausgangspunkt für die englischsprachige Monographie bietet die vorausgegangene niederländische Fassung des Buches; vgl. Hans C. Teitler, Julianus de Afvallige. Nieuw licht op de christenvervolgingen, Amsterdam 2009. Vgl. hierzu auch http://www.hansteitler.com (22.07.2017).
[2] Unter diesen hebt Teitler insbesondere Klaus Rosen, Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser, Stuttgart 2006, hervor.
[3] Dies ist beispielsweise der Fall bei Susanna Elm, Sons of Hellenism and Fathers of the Church. Emperor Julian, Gregory of Nazianzus, and the Vision of Rome, Berkeley 2012, einer von Teitler ebenfalls hochgeschätzten Monographie.
[4] Vgl. Iul. epist. 111 Bidez = 61 Weis, 434d. Demgegenüber plädiert Rosen, Julian, S. 229–233 dafür, Julians Glaubensabfall mit dem Tod des Kaisers Constantius II. erst in das Spätjahr 361 zu setzen.
[5] Vgl. Iul. epist. 61c Bidez = 55 Weis, 424a.
[6] Teitler beruft sich dabei hier (S. 74) wie andernorts methodisch auf Hippolyte Delehaye, Les passions des martyrs et les genres littéraires, 2. Aufl., Bruxelles 1966.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: Teitler, Hans C.: The Last Pagan Emperor. Julian the Apostate and the War against Christianity. New York 2017 , in: H-Soz-Kult, 07.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27578>.