J. Firnhaber-Baker u.a. (Hrsg.): Handbook of Medieval Revolt

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Titel
The Routledge History Handbook of Medieval Revolt.


Hrsg. v.
Firnhaber-Baker, Justine; Schoenaers, Dirk
Erschienen
Abingdon 2017: Routledge
Umfang
XIII, 384 S.
Preis
€ 175,29
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Mauntel, Graduiertenkolleg „Religiöses Wissen im vormodernen Europa“, Eberhard Karls Universität Tübingen

Mit dem „Routledge History Handbook of Medieval Revolt“ legen Justine Firnhaber-Baker und Dirk Schoenaers ein wichtiges und gewichtiges Werk vor, das eine Bestandsaufnahme der aktuellen Forschung und ihrer jüngeren Tendenzen bietet. Es vereint neben Einleitung und Zusammenfassung 18 Beiträge, die jeweils unter einem spezifischen Thema eine oder mehrere Revolten analysieren. In der Einleitung (S. 1–15) bietet Justine Firnhaber-Baker zunächst einen fundierten Überblick über Forschungstraditionen und jüngere Zugänge zum Thema Revolten. Neueren Ansätzen sind schließlich die Schwerpunkte des Bandes verpflichtet, in denen es etwa um die Frage der Agency geht, die jedoch durch eine oft einseitige Quellenüberlieferung schwer zu erforschen ist; zudem stehen Aspekte der Kommunikation im Fokus, sowohl in sprachlicher als auch symbolischer Form. Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf dem lateinischen Europa zwischen 1250 und 1500. Die 18 Beiträge verteilen sich gleichmäßig auf drei Teile (Konzeptualisierungen, Kontexte und Kommunikation) und berühren mehrere inhaltliche Schwerpunkte, die die folgende Rezension gliedern sollen (wobei allerdings nicht alle Beiträge gleichermaßen erfasst werden können).

Die meisten Artikel nehmen Fragen der Agency in den Blick. Justine Smithuis (S. 220–235) und Phillip Haberkern (S. 349–369) analysieren die Führung von Revolten. Die oft heterogenen, quer zu den existierenden Gilden und Räten geschlossenen Bündnisse der Aufständischen versuchten häufig, angesehene und einflussreiche Personen aus der sozialen Elite als Anführer, Sprachrohr oder Vermittler zu gewinnen, so Smithuis. Diese Funktion sei so wichtig gewesen, dass man die Gefahr, dass die Anführer sich gegen den Aufstand wenden könnten, in Kauf genommen habe. Haberkern dagegen betont am Beispiel spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher religiöser Bewegungen die Strahlkraft charismatischer Prediger, die sich durch Rekurs auf die Bibel in ihrer Rolle als prophetische Anführer legitimierten und zu einer (teils radikalen) moralischen Erneuerung aufriefen. Die Rolle von Frauen in Aufständen steht bei Samuel Cohn im Fokus (S. 208–219). Weibliche Aufständische seien vermehrt erst ab dem 15. Jahrhundert bzw. in der Frühen Neuzeit nachweisbar. Als Erklärungsoptionen für diesen Befund bietet Cohn einerseits die potentielle Erwartungshaltung an, dass Frauen weniger streng bestraft würden, und andererseits die steigende Häufigkeit von Hungersnöten, die die weibliche Protestbeteiligung forciert hätten. Eliza Hartrich widmet sich der Frage, inwiefern Rebellion im spätmittelalterlichen England eine juristische Kategorie war (S. 189–207). Für die Bevölkerung sei es eine durchaus erfolgversprechende Option gewesen, ihren Unmut jenseits formaler Verfahrenswege direkt gegenüber höheren Autoritäten zu artikulieren. Eine solche gezielte Umgehung des Justizsystems habe im England des 15. Jahrhunderts auf effektive Weise die Aufmerksamkeit königlicher Gerichte für Belange gesichert, die nach den geltenden Privilegien der Städte eigentlich intern zu handhaben waren.

Einen zweiten Schwerpunkt bilden Aspekte der sprachlichen Rahmung von Revolten. Wie schmal der Grat zwischen erfolgreichem Protest und kriminalisiertem Missmut sein konnte, zeigt der innovative Ansatz von Christian D. Liddy, der am Beispiel englischer Städte obrigkeitliche Strategien der Sprachkontrolle und -überwachung untersucht (S. 311–329). Liddy geht es damit weniger um Aufstände, als um die verschärfte Verfolgung kritischer Ausrufe oder Reden in der Bevölkerung nach der Aufstandswelle der 1380er-Jahre. Damit gerät neben gewalttägigen Protesten in den Blick, was Liddy als ‚speech crime‘ fasst. Protest als Diskursgemeinschaft untersucht auch Hipólito Rafael Oliva Herrer (S. 330–348). Den Comuneros-Aufstand, der 1520–22 eine Vielzahl kastilischer Städte und Orte im Protest gegen König Karl I. vereinte, sieht er von einem übergreifenden Diskurs zusammengehalten. In diesem habe sich lokaler Missmut formuliert, der die Grundlage für eine größere Bewegung geworden sei. Möglich sei dies aber nur gewesen, weil die Städte schon zuvor eine eigene politische Identität entwickelt hätten. Noch dezidierter steht die Sprache bei Jan Dumolyn und Jelle Haemers im Zentrum (S. 39–54): Sie wenden sich den zeitgenössischen Namen verschiedener flämischer Revolten im Spätmittelalter als etymologischen und anthropologischen Quellen zu. Viele Benennungen rekurrierten z.B. auf Rufe der Aufständischen, auf Namen spezifischer Bevölkerungsgruppen, auf wirkmächtige Symbole oder aber auf Protestformen – und weichen dezidiert von unseren heutigen analytischen Begriffen wie ‚Aufstand‘ oder ‚Revolte‘ ab.

Die zeitgenössischen Prämissen, nach denen Aufstände in überregional interessierten Chroniken überliefert wurden, analysieren Dirk Schoenaers (S. 104–129) und Gianluca Raccagni (S. 130–151). Schoenaers konstatiert zunächst (an Beispielen aus Brabant und Holland), dass insgesamt nur wenige Revolten in geographisch entfernt davon entstandenen Chroniken behandelt worden seien. Ob ein Aufstand Eingang in eine Chronik fand, habe mit der Frage zusammengehangen, ob er sich für das eigene, lokale Publikum nutzbar machen ließ. Daraus folgt, dass man ‚transnationale‘ Berichte über Revolten jeweils dezidiert im Werk und seiner Erzählabsicht verorten muss. Ähnlich gelagert ist der Beitrag von Raccagni, der die Reaktionen auf den Konflikt zwischen Friedrich I. und dem Lombardenbund 1167–83 untersucht. Dieser sei einer der europaweit am weitesten bekannten Konflikte seiner Zeit gewesen und habe als Musterfall gedient, um Widerstand gegen einen rechtmäßigen (aber als tyrannisch wahrgenommenen) Herrscher zu illustrieren.

Einen weiteren Schwerpunkt im Band bildet die Frage nach den Kontexten, in denen es zu Revolten kam oder die deren Ablauf prägten. Die fragmentierte politische Landschaft etwa nehmen Patrick Lantscher (S. 168–188, anhand von Bologna und Damaskus) und Gisela Naegele (S. 236–264, am Beispiel des Reichs) in den Blick. Lantscher folgert, dass die politische Multipolarität es verschiedenen Gruppen leicht gemacht habe, Kanäle für ihre Forderungen zu finden und so legitime Verfahrensweisen für sich zu beanspruchen. Naegele dagegen unterscheidet zwischen städtischen und überregionalen Unruhen, die jedoch beide auf lange Sicht kaum erfolgreich gewesen seien. Fabrizio Titone untersucht anhand sizilianischer Beispiele, wie Protest in verschiedenen politischen Kontexten durch ganz unterschiedliche Strategien und Praktiken ausgedrückt werden konnte (S. 292–310). Gerade unter Alfonso V. (1416–58), als die lokalen Privilegien und Rechte eher ausgeweitet als eingeschränkt wurden, kam es gehäuft zu Revolten: Die wirtschaftspolitisch gute Lage hatte zu Rivalitäten zwischen verschiedenen Gruppen geführt.

Eine dieser Proteststrategien war die gezielte Anwendung von Gewalt. Vincent Challet nimmt diese als ‚politische Sprache‘ in den Blick und fragt nach ihrer Akzeptanz in Revolten (S. 279–291). Am Beispiel der Unruhen in Paris in den 1410er-Jahren führt er aus, dass demonstrative Gewalt, wie Verstümmelungen oder die öffentliche Zurschaustellung von Leichen, einer dezidiert kommunikativen Absicht folgte, die häufig die Riten obrigkeitlicher Strafgewalt spiegelten. Ganz ähnlich argumentiert Paul Freedman, der einen eigenen, älteren Beitrag wieder aufgreift (S. 267–278) [1]. Anhand von ironisierten Krönungszeremonien, erzwungenem Kannibalismus und sexualisierter Gewalt führt er deutlich die gezielte Brutalität öffentlicher Strafrituale vor Augen.

Den aktuellen Forschungsstand zweier bekannter Aufstände fassen Justine Firnhaber-Baker (S. 55–75, für die Jacquerie von 1358) und Andrew Prescott (S. 76–103, für den englischen Aufstand von 1381) zusammen. Firnhaber-Baker beleuchtet dabei sowohl die Organisation und möglichen Ziele der rebellierenden Landbevölkerung als auch die narrativen und semantischen Besonderheiten der verschiedenen Quellen. Prescott spürt dem weitverbreiteten (aber falschen) Bild nach, dass die Rebellion von 1381 in England ein auf London zentriertes Ereignis gewesen sei (S. 76–103). Von der Forschung seien die Ereignisse von 1381 bisher nur ungenügend erfasst, so Prescott (S. 94) – diese Feststellung irritiert allerdings und scheint auf einer selektiven Literaturerfassung zu beruhen: Die gewichtige Dissertation von Herbert Eiden [2] etwa wird nicht zitiert, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die nahezu unmögliche Aufgabe einer Zusammenfassung aller Beiträge übernimmt John Watts (S. 370–380). Watts konstatiert gegenüber der früheren, vor allem sozialgeschichtliche ausgerichteten Forschung nun einen ‚political turn‘, der zudem den Rahmen dessen vergrößert, was unter ‚Politik‘ verstanden werde: Es gehe um multiple Machtzentren und Ressourcen ebenso wie um die vielfältigen Wege der Machtausübung, seien sie institutionell oder eher informell. Revolten, so Watts, würden nunmehr mit denselben Instrumentarien untersucht, wie die politische Geschichte (etwa Diskurs- und Ideologieanalysen). Daher stehe auch verstärkt der Aspekt der Kommunikation im Fokus. Aufstände könnten so einerseits als normaler Bestandteil der mittelalterlichen (v.a. städtischen) Politik verstanden werden, während sie andererseits Ausnahmesituationen blieben, die von Obrigkeit als illegitim abgelehnt würden. Grundsätzlich aber, so Watts, haben die Protestierenden für sich in Anspruch genommen, legitim zu handeln: kaum eine Revolte sei explizit gegen die existierenden politischen Normen gerichtet gewesen.

Das Bild, das der Band insgesamt bietet, ist enorm detail-, facetten- und lehrreich, bedarf aber der Lektüre des ganzen Buches (es sei denn, man interessiert sich für einen spezifischen Aufstand). Damit ist das Werk weniger ein Handbuch, das als konzises Nachschlagewerk dienen könnte, sondern mehr ein fundierter Sammelband, der die Vielfältigkeit mittelalterlicher Revolten und moderner Forschungszugänge aufzeigt. Die Qualität der Beiträge ist dabei durchweg hoch – Unterschiede gibt es eher im Anspruch, der von die bisherige Forschung summierenden Beiträgen bis hin zu innovativen Neuansätzen reicht. Der ausdrücklich formulierte Wunsch der Herausgeber, der Band möge weitere Debatten anzuregen (S. 11), wird sich sicher erfüllen.

Anmerkungen:
[1] Paul Freedman, Atrocities and the Executions of Peasant Rebel Leaders in Late Medieval and Early Modern Europe, in: Medievalia et humanistica N.S. 31 (2005), S. 101–113.
[2] Herbert Eiden, „In der Knechtschaft werdet ihr verharren…“ Ursachen und Verlauf des englischen Bauernaufstandes von 1391 (Trierer Historische Forschungen 32), Trier 1995.

Zitation
Christoph Mauntel: Rezension zu: Firnhaber-Baker, Justine; Schoenaers, Dirk (Hrsg.): The Routledge History Handbook of Medieval Revolt. Abingdon  2017 , in: H-Soz-Kult, 08.11.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27596>.
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Veröffentlicht am
08.11.2017
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