A. Brait u.a. (Hrsg.): Museen als Orte geschichtspolit. Verhandlungen

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Daniel Morat, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Das Thema der Geschichtspolitik in Museen hat in den letzten Jahren eine neue Aktualität erlangt. Das zeigt sich etwa an Fällen wie dem Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdansk, das zum Streitobjekt eines neonationalistischen Geschichtsrevisionismus in Polen geworden ist, oder auch an den Debatten um das koloniale Erbe europäischer Museen, wie sie sich zur Zeit an neueröffneten beziehungsweise -eröffnenden Ausstellungsorten wie dem Weltmuseum in Wien, dem Humboldt Forum in Berlin oder dem Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel entzünden.

Bereits 2017 ist als Beiheft zur Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte ein von Andrea Brait und Anja Früh herausgegebener Sammelband erschienen, der in Beiträgen auf Deutsch, Französisch und Englisch „Museen als Orte geschichtspolitischer Verhandlungen“ thematisiert. Wer sich diesem Band vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten zuwendet, muss allerdings feststellen, dass er – durchaus im üblichen Zeitrahmen akademischen Publizierens – auf zwei Konferenzen aus den Jahren 2011 und 2013 zurückgeht.

Hinzu kommt, dass mit den im Untertitel genannten ethnografischen Museen in erster Linie volkskundliche Museen wie das Museum Europäischer Kulturen in Berlin oder das Musée National des Arts et Traditions Populaires in Paris gemeint sind. Lediglich der Beitrag von Audrey Doyen und Serge Reubi behandelt am Beispiel der ethnologischen Museen in der Schweiz die gegenwärtig viel diskutierte Frage, wie afrikanische Objekte in europäische Museen gelangt sind. Er konzentriert sich auf die Rolle der Sammler und Händler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und arbeitet zugleich die Bedeutung der Völkerkundemuseen als symbolische Ressource für die kosmopolitische Selbstinszenierung von Städten wie Genf und Basel heraus. Dabei geht er jedoch nicht auf die gegenwärtig heiß diskutierten Fragen von Restitution und Dekolonialisierung der Museen ein.

Der Band lässt sich folglich nicht unmittelbar als Beitrag zur aktuellen Museumsdebatte lesen. Hat er – auch zwei Jahre nach seiner Veröffentlichung – dennoch etwas zu dieser Debatte beizutragen? Die Herausgeberinnen halten sich in der Einleitung mit starken Leitthesen oder Vorgaben für die Beiträge zurück. Museen werden im Einklang mit gängigen Definitionen als „Orte der Produktion und Transformation kollektiver und politischer Gedächtnisse“ und damit als „Generatoren von Geschichtspolitiken“ (S. 5) gefasst. Geschichtspolitik wird dabei relativ weit als Arbeit an der „Konstruktion kollektiver Identitäten“ (S. 6) mithilfe eines Vergangenheitsbezugs verstanden. Was einer Leitthese für den Band am nächsten kommt, ist die Aussage, „dass musealer Wandel stärker durch (geschichts-)politische Dynamiken beeinflusst wird als durch wissenschaftliche Erkenntnisse“ (S. 10).

Dieser museale Wandel wird nun – das zählt zu den Vorzügen des Bandes – mit Fallstudien untersucht, die die Geschichte des gesamten 20. Jahrhunderts abdecken. Gleich der erste Beitrag von Laurent Dedryvère beschäftigt sich mit musealen Initiativen im deutschnationalen Milieu Österreichs vor dem Ersten Weltkrieg. Mithilfe eines deutschösterreichischen Nationalmuseums (das letztlich nie gegründet wurde) sollte die deutsche Identität im habsburgischen Vielvölkerstaat gestärkt werden. Mit den Bemühungen um ein österreichisches Nationalmuseum in jüngster Zeit beschäftigt sich dann Andrea Brait am Beispiel der Pläne für das Haus der Geschichte der Republik Österreich, das im November 2018 (also nach Veröffentlichung des Bandes) als Haus der Geschichte Österreich eröffnet wurde und das Brait mit den gescheiterten Plänen für ein Maison de l’histoire de France von Nicolas Sarkozy und mit dem 2009 als Dachorganisation verschiedener Museen gegründeten Schweizerischen Nationalmuseum vergleicht.

Um nationale Sinn- und Identitätsstiftung geht es auch im von Christian Ganzer behandelten, 1971 eröffneten Museum der Verteidigung der Brester Festung, dessen Heldenerzählung nach dem Untergang der Sowjetunion auf den weißrussischen Staat umgemünzt wurde. Eine Umwidmung anderer Art erfolgte im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, dessen Vorkriegserbe zu DDR-Zeiten durch eine „Praxis der Überblendung und Vermischung“ (S. 50) teils fortgeschrieben und teils überschrieben wurde, wie Christian Sammer und Lioba Thaut in ihrem Beitrag zeigen. Christina Späti beschäftigt sich in ihrem Beitrag schließlich mit der musealen Repräsentation des Holocaust in der Schweiz seit 1945. Sie konstatiert dabei einen „Paradigmenwechsel im Umgang mit der Erinnerung an die Shoa“ (S. 76), der erst Anfang dieses Jahrhunderts die öffentliche Behandlung der Frage nach der wirtschaftlichen Verstrickung der Schweiz in die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs erlaubte.

Neben diesen historischen Museen und Ausstellungen werden in der anderen Hälfte der Beiträge ethnografische Museen behandelt. Der Betrachtungszeitraum beginnt hier ebenfalls mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als in Berlin die ersten Vorläuferinstitutionen des von Franka Schneider untersuchten Museums für deutsche Volkskunde eingerichtet wurden. Mit dem daraus später hervorgegangenen Museum Europäischer Kulturen beschäftigt sich Anja Früh, die es unter dem Paradigma der Europäisierung mit dem Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée in Marseille vergleicht. In beiden Museen, so Früh, stand der explizite Europa-Bezug in unmittelbarem Zusammenhang mit dem „Wandel der Geschichtspolitiken in Deutschland und Frankreich nach dem Ende des Kalten Krieges“ (S. 146). Die 2005 erfolgte Umstrukturierung des Musée National des Arts et Traditions Populaires zum Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée wird noch einmal in einem eigenen Beitrag von Bjarne Rogan behandelt. Fabrice Grognet rekapituliert in seinem Aufsatz schließlich die achtzigjährige Geschichte des 1937 gegründeten Musée de l’Homme in Paris, das nach der Herauslösung der ethnologischen Bestände unter politischen Auspizien 2015 neu eröffnet wurde.

Wie aus diesem knappen Überblick hervorgeht, sind in dem Band – trotz der inhaltlichen Berührungspunkte zwischen einigen Beiträgen – zum Teil sehr unterschiedliche Fallstudien versammelt. Sie sind auch von unterschiedlicher Qualität. Einige kommen über die deskriptive Nacherzählung institutioneller Entwicklungen wenig hinaus. Auch wird die Fragestellung des Bandes nach der musealen Geschichtspolitik auf sehr unterschiedlichem Niveau behandelt. Am innovativsten erscheinen dabei die Beiträge, die den Begriff über die gängige Definition des Politischen hinaus erweitern. Dazu zählt besonders der Aufsatz von Franka Schneider, die die musealen Praktiken des Sammelns, Katalogisierens, Kategorisierens etc. unter dem von Bruno Latour entlehnten Begriff der „Dingpolitik“ (S. 127) behandelt und so deren geschichtspolitische Funktion verdeutlicht. Aber auch der als erster genannte Beitrag von Audrey Doyen und Serge Reubi erweitert den Begriff der Geschichtspolitik, indem er ihn auf die Konstruktion des Gelehrten und die städtische Selbstrepräsentation anwendet.

Mit diesen Beiträgen und mit seinem Blick auf das gesamte 20. Jahrhundert setzt der Band Impulse, die auch in der Debatte um aktuelle geschichts- und museumspolitische Themen zu einer genaueren Differenzierung und historischen Einordnung beitragen können. Insgesamt schwanken Qualität und Kohärenz der Beiträge aber etwas zu sehr, um dem Band als Ganzem eine starke argumentative Durchschlagskraft zu attestieren.

Citation
Daniel Morat: Rezension zu: Brait, Andrea; Früh, Anja (Hrsg.): Museen als Orte geschichtspolitischer Verhandlungen. Ethnografische und historische Museen im Wandel. Basel  2017 , in: H-Soz-Kult, 03.05.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27637>.
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03.05.2019
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