SET Rezension zu: T. Buomberger: Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990 | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften
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Titel
Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990.


Autor(en)
Buomberger, Thomas
Umfang
420 S.
Preis
€ 44,00
Manuel Kaiser, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich

Der Kalte Krieg wird gegenwärtig intensiv historisch aufgearbeitet – auch in der Schweiz. In eine längere Liste neuer Publikationen reiht sich auch jene des freischaffenden Historikers und Journalisten Thomas Buomberger ein. Seinem Buch zur Schweiz im Kalten Krieg liegt die These zugrunde, „dass nur im Klima der Geistigen Landesverteidigung die Atmosphäre eines rabiaten Antikommunismus […] entstehen konnte“ (S. 17). In dieser Koppelung von Geistiger Landesverteidigung und Antikommunismus sieht er den eigentlichen „Sonderfall“ der Schweiz im Kalten Krieg. Als theoretisches Konzept wählt er den „imaginären Krieg“ (S. 19, 21) und versucht anhand von zwölf thematischen Kapiteln zu zeigen, wie Propaganda, Übungen, Rhetorik und Szenarien des Kalten Krieges reale Effekte zeitigten.

Im Kapitel „Gefangen im Reduit“ betont Buomberger zunächst die Bedeutung und Kontinuität des Reduit-Mythos und der Geistigen Landesverteidigung, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs „um 180 Grad gewendet, und gegen den Kommunismus eingesetzt [wurden]“ (S. 30) und so eine „parteiische Neutralität“ ermöglichte. Das Kontinuitätsargument ist auch für das folgende Kapitel über den „Antikommunismus als Glaubensbekenntnis“ zentral. Buomberger legt nahe, dass es in der Schweiz „Antikommunismus auf Vorrat“ (S. 41) gab, der beinahe alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrang und „die Funktion eines nationalen Kitts“ (S. 42) erfüllte. Insbesondere die gewaltsame Unterdrückung des Ungarn-Aufstands 1956 habe als Katalysator gewirkt, der den Antikommunismus zusätzlich befeuerte und regelrechte „Hexenjagden“ auf politisch verdächtige Personen auslöste.

Im dritten Kapitel entwirft Buomberger eine „Topografie der kommunistischen Bedrohung“. Die überall vermutete kommunistische Infiltration habe sowohl massive Anstrengungen an „Aufklärungsarbeit“ als auch den Ausbau der Überwachung politisch Verdächtiger generiert – insbesondere die italienischen „Fremdarbeiter“ gerieten als vermeintliche kommunistische Agitatoren häufig unter Generalverdacht. Als besonders prägnante Ausformungen dieser nun unter den Vorzeichen des Antikommunismus gedachten „neuen Geistigen Landesverteidigung“ nennt Buomberger unter anderem die Expo 64.

Daran anschliessend portraitiert Buomberger die „Manipulatoren der öffentlichen Meinung“ wie etwa den PR-Fachmann Rudolf Farner, der die Öffentlichkeit hinsichtlich atomarer Aufrüstung und Kommunismus zu beeinflussen versuchte, oder den „Wanderprediger wider Subversion und roter Gefahr“ (S. 115) Ernst Cincera.

Doch nicht nur der Kommunismus schien eine Bedrohung für die Schweiz gewesen zu sein. Auch der aus den USA importierte Kapitalismus, Lebensstil und Konsum habe in den Augen mancher Zeitgenossinnen und Zeitgenossen die traditionellen Werte der Schweiz zu zersetzen gedroht. Unsicherheit habe sich, so Buomberger, auch bei den Schweizer Militärs breitgemacht. In den Debatten um die Neukonzeption der Armee wurde der Ruf nach einer eigenen Atombombe laut. Im Kapitel „Mobilisierung gegen den atomaren Wahnsinn“ steckt Buomberger die Positionen der Anti-Atombewegung und ihrer Gegner ab, wobei er wiederum betont, dass die sich formierende Kritik häufig pauschal als kommunistisch verunglimpft wurde. Der schrille Antikommunismus habe sich – wie im Kapitel „Vernunft gegen Emotionen“ dargelegt – nicht nur in gegen den „inneren Feind“ gerichteten Infektionsmetaphern geäussert, sondern persönliche, sportliche oder gar diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion erschwert oder verunmöglicht.

Als „Schlüsseldokument der Geistigen Landesverteidigung“ (S. 248f.) wird das 1969 an alle Haushalte verteilte Zivilverteidigungsbuch detailliert referiert. Die darin entwickelten Szenarien – Unterwanderung, Staatsstreich, Befreiungskampf – seien jedoch nicht zuletzt deswegen auf harsche Kritik gestossen, weil sie „schlecht zur optimistischen Aufbruchsstimmung der 1960er-Jahre passte[n]“ (S. 243).

Sehr detailliert handelt Buomberger die Debatten über die „totale Landesverteidigung“ und die damit verbundene Neukonzeption der Gesamtverteidigung sowie der Schaffung des Zivilschutzes ab. In der darauffolgenden „Betonierung des Schweizer Untergrunds“ (S. 262) habe der „imaginäre“ Kalte Krieg besonders deutlich reale Effekte gezeitigt.

Buomberger schliesst mit einem kürzeren Kapitel zum „Schicksalsjahr 1989“, als mit dem Fall der Berliner Mauer nicht nur der Kalte Krieg zu Ende ging, sondern mehr als ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer für die Abschaffung der Armee stimmte. Die „heilige Kuh“ Schweizer Armee, die über Jahrzehnte als „soziale Klammer und ein identitätsstiftendes Instrument“ (S. 359) gegolten hatte, wurde so beinahe zu Fall gebracht und damit zerbrach, so Buomberger, auch der Mythos des „Sonderfalls Schweiz“.

Gerade weil das Buch bislang nahezu ausnahmslos sehr positiv besprochen wurde, muss betont werden, dass es aus fachwissenschaftlicher Perspektive auf verschiedenen Ebenen Ansatzpunkte für Kritik gibt. Zunächst erscheint der Aufbau des Buches in Teilen inkohärent und zufällig. Die einzelnen Kapitel sind thematisch teilweise sehr nahe, was gewisse Redundanzen zur Folge hat.

Nicht zuletzt aufgrund der äusserst knapp gehaltenen Einleitung bleibt auch unklar, welche Geschichte des Kalten Krieges Buomberger genau schreiben möchte. Den angekündigten „wirtschaftlichen und politischen Kraftlinien“ (S. 16) folgt er insofern, als er vor allem Positionen der politischen Akteure, (häufig bereits bekannter) Persönlichkeiten sowie der Leitmedien referiert. Dem eigenen Anspruch, „die feine Textur nachzuzeichnen, die die Schweiz im Zeichen des Antikommunismus zusammenhielt“ (S. 16), wird das Buch jedoch nur in Teilen gerecht. Um die „mentale Verfasstheit der Schweizer Gesellschaft im Kalten Krieg“ nachzuzeichnen, liegt der Fokus zu sehr auf den politischen Ereignissen.

Bereits in der Neuen Zürcher Zeitung wurde darauf hingewiesen, dass Buomberger „wenig bis kein Verständnis für die ‚kalten Krieger’“[1] aufbringt. Gegen einen klaren politischen Standpunkt eines Verfassers ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Niemand würde sich heute ernsthaft auf die Position einer (imaginären) Objektivität zurückziehen. Doch wenn keinerlei Bemühungen unternommen werden, die Handelnden aus ihrer Zeit heraus zu „verstehen“, und stattdessen süffisant (vermeintliche) Kuriositäten referiert werden, dann entspricht dies erstens nicht den Standards einer kritischen Geschichtsschreibung, die versucht, historische Kontexte zu analysieren; und zweitens droht man sich damit wieder in das „normative[n] und intellektuelle[n] Korsett“[2] einzuschreiben, von dem sich die „Cold War Studies“ in den letzten Jahren emanzipiert haben. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, inwiefern dieses Unverständnis, das sich nicht zuletzt in den Titeln wie „Vernunft gegen Emotionen“ oder „Hysterischer Überwachungsstaat“ widerspiegelt, mit dem Konzept des „imaginären Krieges“ vereinbar ist. Die permanente Antizipation der Bedrohung – das ist der entscheidende Punkt – erwies sich als überaus produktiv und schuf eine „Wirklichkeit“.[3] Diese realen Effekte lassen sich nicht durchwegs als irrational beschreiben.

Buomberger bezieht sich zwar immer wieder auf den globalen Systemkonflikt und betont die durch den Ungarn-Aufstand oder den Prager Frühling ausgelösten Verschärfungen. Er deckt jedoch in seiner Untersuchung mit den 1950er- und 1960er-Jahren vor allem den Zeitraum ab, der auch als „short cold war“ bezeichnet wird.[4] Fragen nach einer solchen Periodisierung des Kalten Krieges, nach „Kältegraden“ des Konflikts und deren Auswirkungen auf die Schweiz wird jedoch kaum nachgegangen. Die Détente der 1970er-Jahre sowie die Verschärfung in den 1980er-Jahren werden sehr kursorisch abgehandelt, sodass der Kalte Krieg mehr oder weniger als monolithisch geschlossene Periode von 1945 bis 1990 erscheint. So bezeichnet Buomberger das „Gleichgewicht des Schreckens“ als „Konstante in der globalen Politik während vierer Jahrzehnte“ (S. 125).

Des Weiteren lassen sich handwerkliche Einwände formulieren. Quellenbegriffe – wie „gesunde[r] Volkskörper“ (S. 191) – werden teilweise nicht mit Anführungszeichen gekennzeichnet. Das ist mehr als ein kleinlicher Einwand, zeigt sich doch auch an anderen Stellen, dass zu wenig Distanz zu den Quellen besteht und es an Kontextualisierung fehlt. Zudem – und das ist auch in einer Publikation populären Zuschnitts problematisch – kommt Buomberger teilweise über mehrere Seiten, auf denen er zitiert oder paraphrasiert, ohne jede Fussnote aus, sodass der Quellen- oder Literaturbezug, wenn überhaupt nur indirekt zu erschliessen ist.

Mit dieser inkonsequenten Zitationspraxis hängt das gleichsam grundlegende wie heikle Problem zusammen, auf das vor kurzem in der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte hingewiesen wurde.[5] Es existiert eine Diskrepanz zwischen dem, was Buomberger in der Einleitung ankündigt und dem, was er liefert. Er erweckt den Eindruck – oder unternimmt zumindest nichts, diesen Eindruck zu verhindern –, dass die Publikation vorwiegend aus eigener Quellenarbeit und Forschung hervorgeht. Sie ist jedoch sowohl hinsichtlich der Quellen als auch der formierenden Ideen in weiten Teilen eine Zusammenstellung bestehender Forschungsliteratur. Die zentrale These zur Bedeutung und Kontinuität der Geistigen Landesverteidigung ist beispielsweise hinlänglich bekannt und hat Eingang in Überblicksdarstellungen zur Schweizer Geschichte gefunden.[6] Und nur über die Endnoten wird deutlich, dass das Konzept des „imaginären Krieges“ – Buomberger beruft sich dabei auf Mary Kaldor[7] – bereits seit längerer Zeit auch in der Schweiz diskutiert und für die Forschung fruchtbar gemacht wird.[8]

Indem er die Forschungsleistungen der vergangenen Jahre teilweise nicht unmittelbar ausweist, ritzt Buomberger die Grenzen der wissenschaftlichen Redlichkeit. Dass die Publikation grösstenteils auf einer Zusammenstellung der Sekundärliteratur beruht, zeigt sich auch in mehreren Ungenauigkeiten, Missverständnissen oder schlicht sachlichen Fehlern. So erwähnt Buomberger – um ein Beispiel zu nennen – im Unterkapitel „Belegungsversuche jenseits der Realität“ einen vermeintlich schweizerischen „Belegungsversuch“ aus dem Jahre 1966 (S. 284). Der Versuch wie auch der von ihm zitierte Bericht stehen jedoch mit der Schweiz in keinem Zusammenhang, sondern wurden vom bundesdeutschen „Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz“ – und nicht vom Schweizer „Bundesamt für Zivilschutz“ – durchgeführt respektive verfasst.

Abgesehen von diesen fachlichen Fehlern wären die grundlegenden Einwände jedoch hinfällig, wenn in der Einleitung die Publikation deutlich als das ausgewiesen würde, was sie ist: Eine respektable Syntheseleistung der bestehenden Forschungsliteratur, ergänzt durch weiteres Quellenmaterial und damit eine durchaus lesenswerte Überblicksdarstellung der Schweiz im Kalten Krieg.

Anmerkungen:
[1] Marc Tribelhorn, Die Schweiz im Kalten Krieg. Wir machen den Igel!, in: Neue Zürcher Zeitung, 13.04.2017, https://www.nzz.ch/feuilleton/die-schweiz-im-kalten-krieg-wir-machen-den-igel-ld.1085965 (03.09.2017).
[2] Bernd Greiner, Kalter Krieg und „Cold War Studies”, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, http://docupedia.de/zg/Cold_War_Studies (05.10.2017).
[3] Vgl. David Eugster / Sibylle Marti, Einleitung. Das Imaginäre des Kalten Krieges, in: Dies. (Hrsg.), Das Imaginäre des Kalten Krieges. Beiträge zur einer Kulturgeschichte des Ost-West-Konfliktes in Europa, Essen 2015, S. 14.
[4] Vgl. u.a. Nils Gilman, The Cold War as an Intellectual Force Field, in: Modern Intellectual History 13 (2016), S. 507–523.
[5] Vgl. Silvia Berger Ziauddin / David Eugster / Sibylle Marti u.a., Geschichte ohne Forschung? Anmerkungen zum Verhältnis von akademischer und populärer Geschichtsschreibung, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 67 (2017), S. 230–237.
[6] Vgl. u.a. Jakob Tanner, Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, München 2015, S. 310; Thomas Maissen, Geschichte der Schweiz, Baden 2010, S. 284.
[7] Mary Kaldor, The Imaginary War. Understanding the East-West Conflict, Cambridge 1990.
[8] Vgl. u.a. Eugster / Marti (Hrsg.), Das Imaginäre des Kalten Krieges.

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11.01.2018
Redaktionsnotiz
Von Redaktion H-Soz-Kult
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Zitation
Manuel Kaiser: Rezension zu: Buomberger, Thomas: Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990. Baden 2017 , in: H-Soz-Kult, 09.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27669>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.01.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/