Cover
Titel
Der klassische Punk. Eine Oral History. Biografien, Netzwerke und Selbstbildnis einer Subkultur im Düsseldorfer Raum 1977–1983


Autor(en)
Incorvaia, Salvio
Erschienen
Essen 2017: Klartext Verlag
Umfang
546 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Vojin Saša Vukadinović, Zentrum Geschichte des Wissens, Universität Zürich / Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

2017 reihen sich gleich mehrere historische Jubiläen aneinander: 100 Jahre Russische Revolution, gefolgt von 50 Jahren „Studentenbewegung“ (nach deren Selbstverständnis), schließlich 40 Jahre „Deutscher Herbst“. Die Prädominanz des letzteren verdeckt den Umstand, dass das Jahr 1977 neben der linksterroristischen Eskalation auch für ein weiteres Ereignis steht: nämlich für den Beginn jenes Phänomens, das am Ende der 1970er-Jahre unter dem Namen „Punk“ rasant internationale Bekanntheit erlangte und das bis in die Gegenwart fortlebt.

Punk schockierte die west- wie die osteuropäischen Gesellschaften. Asymmetrisch geschnittene und grellbunt gefärbte Haare, verschlissene Kleidung wie die obligate, mit dem Anarchiezeichen, Parolen und bisweilen auch mit verbotenen politischen Symbolen ausgeschmückte Lederjacke, von Sicherheitsnadeln zerstochene Körperpartien, Alkoholkonsum und rabiates Verhalten in der Öffentlichkeit: all dies waren offensive Distinktionsmarker, nicht dazugehören zu wollen. Die wüste Gesamterscheinung stand in schroffem Gegensatz zu den oftmals um ostentative Sanftheit bedachten Alternativszenen bzw. Neuen Sozialen Bewegungen, die sich in den 1970er-Jahren ausgebildet hatten. Punk hingegen stand für eine Verweigerungshaltung, welche die notorische Devise „no future“ unmissverständlich auf den Begriff brachte. Hinzu kam eine um Aggressivität und Knappheit bedachte, radikal nach vorne preschende Variante von Rockmusik; später eine Nähe zur Hausbesetzer-Bewegung und den Jugendunruhen um 1980/1981, die der gesellschaftlichen Entsagung Sinn zuführten. Als bewusst konfrontative Herausforderung ästhetischer Normen wie alltäglicher Wertvorstellungen tangierte Punk somit von Anfang an nicht nur subkulturelle Zugehörigkeitskriterien wie Musik und Mode, sondern gleichermaßen Politik.

Im englischsprachigen Raum ist das wissenschaftliche Interesse an der Genese, an der Ausdifferenzierung und an den Folgen der Punk-Ära vorangeschritten: akademische Zusammenschlüsse wie punkscholars.net und Journals wie „Punk & Postpunk“ widmen sich den historischen Entstehungsbedingungen der Bewegung und befragen deren Nachleben auf die Relevanz für das 21. Jahrhundert.[1] Auch Sammelbände mit Beiträgen aus den Geschichts- und Kulturwissenschaftlern haben die alte Bundesrepublik bereits als Sujet für sich entdeckt.[2]

Mit Salvio Incorvaias Buch liegt nun eine Arbeit vor, die Christian Jansen in seinem Vorwort zu Recht als „überfällige Pionierstudie“ bezeichnet. Die Dissertation konzentriert sich mit Düsseldorf auf einen Ort, der seit dem 2001 erschienenen "Doku-Roman“ von Jürgen Teipel weitläufig als gewichtiger musikhistorischer Schauplatz bekannt ist und nun auch wissenschaftliche Würdigung erfährt.[3] Obschon deutlich kleiner als Metropolen wie London und New York, die primär mit Punk assoziiert werden, spielte die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt eine entscheidende Rolle für die Ankunft und die Popularisierung des Genres in der alten Bundesrepublik. Dies lag vor allem am Veranstaltungsort Ratinger Hof, einer international bekannten Anlaufstelle für die Szene. Sie brachte mit Male, Charley’s Girls und Mittagspause die mitunter ersten westdeutschen Punkbands hervor, zudem formierten sich dort alsbald DAF, Fehlfarben, Nichts und Östro 430.

Die Untersuchung konzentriert sich auf das Jahrfünft zwischen 1977 und 1982, d.h. die Phase zwischen dem „Deutschem Herbst“ und der „geistig-moralischen Wende“ der christlich-liberalen Koalition. Einführende Kapitel klären zunächst allgemeine Fragen bezüglich Subkultur, Erscheinungsbild, Konzerte und Fanzines einerseits, gesellschaftliche Entstehungsbedingungen andererseits. Da sich eine exakte historische Periodisierung als schwierig erweist – musikalische Anfänge von Punk können zwar auf das Jahr 1976 datiert werden, eine breite mediale Wahrnehmung folgte aber erst später –, wird in der Analyse in Anlehnung wie Abgrenzung zur 68er-Generation von den „1978ern“ gesprochen. Diesen verleiht Incorvaia gesprächsweise Konturen: für die Studie hat er jeweils zwei Unterhaltungen mit zehn vormaligen Protagonistinnen und Protagonisten geführt. Sie gehörten einst einer Szene an, die so sehr um den Moment bedacht war, dass von keiner und keinem der Befragten Memorabilien in nennenswertem Umfang aufbewahrt worden sind. Dieser Nebeneffekt von „no future“ erschwert die historiographische Analyse, das methodische Instrumentarium der Oral History kann dem Problem jedoch bis zu einem gewissen Grad beikommen.

Die Konversationen gewähren einen nachträglichen Einblick, wie der „klassische“ Punk gegen die „brennende Langweile“[4] in Kamen, Erkrath, Mettmann, Büderich und Iserlohn in Stellung gebracht wurde, und wie er sich in der Wahrnehmung der Beteiligten als persönliche wie gemeinschaftliche Revolte niederschlug: die rückblickenden Urteile erläutern, dass Punk ein „absolutes Erdbeben“, Ausdruck einer ganzen „Generation“ und „Umsetzung von Lebenslust“ gewesen sei, geleitet von der Devise „erfinde dich jedes mal neu!“ und letztlich um nicht weniger als „Freiheit“, „emotionale Befreiung“ oder gar „Revolution“ bedacht. Besonders anziehend, so Incorvaias empirischer Befund, wirkte Punk auf Jugendliche des mittelständischen Milieus und auf Angehörige proletarischer wie kleinbürgerlicher Familien. Hingegen habe er bei Heranwachsenden der sogenannten „Ober-“ wie „Unterschicht“ wenig Anklang gefunden (S. 516).

Erhellende Einsichten zur Herkunft der einstigen Beteiligten finden sich im Gespräch mit dem ehemaligen Punk Tom, dem Sohn portugiesischer Eltern, die im Zuge der „Gastarbeiter“-Verträge in die Bundesrepublik gezogen waren. Exemplarisch beleuchtet Incorvaia hier einen Aspekt, dem zweifelsohne nachfolgende, vertiefende Studien zu wünschen sind: dass die selbst geschaffene Identität „Punk“ den Kindern sogenannter „Ausländer“ die Möglichkeit bot, als etwas anderes denn als Nachwuchs von „Gastarbeitern“ wahrgenommen zu werden. Auch wenn sie dies nicht gänzlich von der Reputation als „Exoten“ zu schützen vermochte, bot Punk zumindest eine Haltung an, hinter welche die migrantische Identität zurücktreten konnte.

Gegen die Tendenz, dem aus der Erinnerung der einstigen Beteiligten rekonstruierten Gegenstand zu empathisch zu begegnen, ist die Studie gefeit: Sie widmet sich ausführlich den dezidierten Kehrseiten der habituellen Zukunftsnegation. „No future“ stand schließlich auch für eine selbstdestruktive Programmatik, die sich mitunter durch erheblichen Drogenkonsum auszeichnete und nicht wenige Punks das Leben kostete. Der provokative Gebrauch von Hakenkreuzen oder des RAF-Emblems nach dem bereits erwähnten „Deutschen Herbst“ werden ebenfalls thematisiert.

Salvio Incorvaias leicht zu lesende Dissertation hat eine Tür aufgemacht. Sie demonstriert zum einen die Chancen der Oral History für Szenen, die auf Flüchtigkeit bedacht waren, zum anderen, dass Punk ein lohnenswerter historiographischer Gegenstand ist. Die schwächeren Aspekte der Untersuchung – so etwa das auf zehn Gesprächspartnerinnen und -partner beschränkte Sample oder das eher schmale Literaturverzeichnis – sind der Arbeit deshalb nachzusehen. Sie wird dazu anregen, sich eingehender mit einem Phänomen zu befassen, das von der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft zu lange ignoriert worden ist.

Anmerkungen:
[1] Siehe www.punkscholars.net (17.10.2017) sowie https://www.intellectbooks.co.uk/journals/view-Journal,id=200 (17.10.2017).
[2] Vgl. etwa Mirko M. Hall / Seth Howes / Cyrus M. Shahan (Hrsg.), Beyond no future. Cultures of German Punk, New York 2016.
[3] Jürgen Teipel, Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave, Frankfurt am Main 2001.
[4] Vgl. den Spielfilm mit diesem Titel, der Punk zum Thema hatte: Brennende Langweile, R: Wolfgang Büld, Bundesrepublik Deutschland 1979.

Zitation
Vojin Saša Vukadinovi&#263;: Rezension zu: Incorvaia, Salvio: Der klassische Punk. Eine Oral History. Biografien, Netzwerke und Selbstbildnis einer Subkultur im Düsseldorfer Raum 1977–1983. Essen 2017 , in: H-Soz-Kult, 02.11.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27709>.