Netzwerk »Hör-Wissen im Wandel« (Hrsg.): Wissensgeschichte des Hörens

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Titel
Wissensgeschichte des Hörens in der Moderne.


Hrsg. v.
Netzwerk »Hör-Wissen im Wandel«
Erschienen
Berlin 2017: de Gruyter
Umfang
VIII, 386 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Linsenmann, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau

Die „Geschichte der Sinne“ boomt. Das illustrierte jüngst etwa die facettenreiche Sektion zu diesem weit gespannten Themenfeld beim Deutschen Historikertag 2018.[1] Dem Hör-Sinn als lange verkanntem Medium der Welterschließung und epistemischen Aneignung von Wirklichkeit sowie der akustischen bzw. auditiven Dimension von Vergangenheit insgesamt gilt im Rahmen der Sound Studies bereits länger wachsendes Interesse. Dies manifestiert sich in breit gefächerten, häufig interdisziplinär weiterführenden Erträgen, wobei sich die Aufmerksamkeit zunehmend nicht nur auf sinntragende Strukturen wie Musik richtet[2], sondern auf Schallereignisse jedweder Art, auf deren Produktion, Rezeption, Kontextualisierung und ganz allgemein deren Quellenpotenzial für mannigfaltige Forschungsansätze.

In diesem dynamischen Feld, das mittlerweile auch im universitären Lehrangebot dezidierten Niederschlag findet[3], verweist die vorliegende Publikation auf drei Entwicklungen – erstens auf einen Trend zur Ausdifferenzierung von Teilbereichen, zweitens auf ein Bemühen um Konturierung und theoretische Fundierung von Sektoren sowie drittens auf den Umstand, dass neben der Individualforschung zunehmend Gruppen und Institutionen die Forschungsentwicklung prägen. Der vom DFG-geförderten Netzwerk „Hör-Wissen im Wandel“ (2012–2016)[4] herausgegebene Band bündelt Ansätze, in denen der Wissensbegriff für die akustische bzw. auditive Dimension von Vergangenheit operationalisiert wird, und führt diese weiter. Er umfasst 13 Fallstudien zum wissenschaftlichen, künstlerischen, musikalischen, literarischen und politischen Hör-Wissen vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Wie Daniel Morat, Victoria Tkaczyk und Hansjakob Ziemer in der das Forschungsfeld instruktiv vermessenden Einleitung erläutern, entstanden die Beiträge in individueller Autorenschaft, wurden aber in einem kollektiven Prozess entwickelt, der im Zeitraum von drei Jahren sechs Arbeitstreffen einschloss. Den Ausgangspunkt bildet die Frage nach dem historischen Wandel von „Wissen über und durch das Hören“. Dabei liegt ein breit gefasster Wissensbegriff zugrunde, der nicht nur im- und explizites Wissen einschließt, sondern sich je nach Gegenstand pragmatisch auch auf Sektoren wie Alltags- oder Körperwissen erstreckt. Mitunter wird das Erkenntnisinteresse zudem auf Funktionen des Hörens im Prozess der Wissensproduktion sowie der Wissenskommunikation erweitert.

Obwohl der Band keine Sektionen vorgibt, lassen sich die Fallstudien doch behelfsweise gruppieren. So untersuchen drei Beiträge Diskurse über das Hören sowie auditive Kommunikation und Wahrnehmung. Julia Kursell erläutert die Auseinandersetzung mit der Kategorie „Klangfarbe“ in der Mitte des 19. Jahrhunderts, kulminierend in Überlegungen von Hermann Helmholtz zur Klangsynthese. Dass ideengeschichtliche Kontexte ebenso ausgeblendet bleiben wie eine kulturelle Einordnung und innermusikalische Logiken, schmälert den Ertrag allerdings deutlich. Alexandra Hui analysiert den gegenläufigen Transferpfad: vom individuellen Erleben von Musik im Labor während des frühen 20. Jahrhunderts hin zu einem standardisierten Hören. Dabei legt die Autorin auch Vermarktungsintentionen und manipulative Potenziale dar. Axel Volmar schließlich zeigt in einem konzisen und trotz der spezifischen Expertise zugänglichen Beitrag, dass wissenschaftliches Hör-Wissen seit dem Zweiten Weltkrieg eng mit dem Umgang mit Lärm und Rauschphänomenen in Verbindung steht. Volmar spannt dabei einen Bogen vom Unterwasserhören im U-Boot-Krieg bis zur Hörbarmachung von Erdbebenphänomenen.

Zwei Beiträge sind um die menschliche Stimme zentriert: Mary Helen Dupree thematisiert anhand der ab 1890 von Arthur Chervin, einem an der Pariser Oper tätigen Arzt, herausgegebenen Zeitschrift „La Voix parlée et chantée“ die Deklamation als Teil der öffentlichen Sprachpraxis. In ihrem die relevanten Kontexte vorzüglich einbeziehenden Beitrag wird evident, wie sehr das stilisierte Lautlesen Gegenstand von verschiedenen Wissensbeständen sowie transnationalen und transkulturellen Wissenstransfers war. Viktoria Tkaczyk geht der Frage nach, warum sich in Deutschland um 1900 das Bühnendeutsch als zentrale Referenz der Hochsprache durchsetzte und welche Rolle das Sprech- und Hör-Wissen von Schauspielern dabei erhielt – ein spannendes Beispiel medial vermittelter Modellsetzung und Normierung.

Fünf Beiträge verbindet eine enge Koppelung an das Themenfeld Musik. In einem ausgreifenden Essay vermag Rebecca Wolf Verbindungslinien zwischen der Orchestrierungslehre des Belgiers Victor-Charles Mahillon (1844) und einem der ältesten gedruckten Handbücher über Musikinstrumente, Sebastian Virdungs „Musica getutscht“ (das heißt „eingedeutscht“, 1511), nicht wirklich tragfähig aufzuzeigen. Viele der aufgeworfenen Fragen bleiben unbeantwortet, potenziell zentrale Aspekte wie die Bedeutung spezifischen Hör-Wissens für die historisch informierte Aufführungspraxis werden nur gestreift. Hansjakob Ziemer diskutiert „journalistische Hörertypologien zwischen 1870 und 1940“. Der Ansatz, den Konzertsaal als Mikrokosmos zu verstehen, in dem sich Probleme von Gesellschaft widerspiegeln, ist vielversprechend. Aber die Engführung von Musikkritik auf die Beobachtung von Hörern sowie das Ausblenden der Praxis journalistischer Produktion und der Lesererwartungen setzen der Reflexion enge Grenzen. Camilla Bork thematisiert das „Hör-Wissen des Musikers“, wobei sie Violin- und Gesangsschulen des 18. und 19. Jahrhunderts heranzieht und exemplarisch das Portamento herausgreift (eine Phrasierungstechnik). Mit dem Postulat, dass Musizieren eher auf implizitem Wissen basiere, ließen sich unter Praktikern hitzige Debatten entfachen. Gleichwohl unterstreicht Bork auch in historischer Perspektive, was für Musiker ohnehin außer Frage steht: dass Klangproduktion und Hören nicht zu trennen sind. Manuela Schwartz lenkt den Blick auf das „Therapieren durch Musikhören“ und auf den Patienten als musikalischen Zuhörer. Sie erläutert anschaulich und sehr präzise, wie sich die Wechselwirkung zwischen musikalischen Erfahrungen sowie seelischen und körperlichen Gebrechen im Kontext der Etablierung des Handlungsfeldes Musiktherapie ab dem frühen 19. Jahrhundert zu einem spezifischen Hör-Wissen ausformte. Einen belebenden Kontrapunkt setzt Nicola Gess, die die literarische Vorgeschichte des Zusammendenkens von Musik und traumatischen Erinnerungen sondiert. Als Quelle dient ihr „Johannes Kreislers Lehrbrief“ von E.T.A. Hoffmann (1815), an dem sie thesenfreudig und mit aufschlussreichen Verknüpfungen aufzeigt, wie Musik mit Lebensabschnitten verbunden wird und dabei ein Hör-Wissen entsteht, das verdrängtes Wissen der Vergangenheit aufzurufen vermag.

Die drei übrigen Beiträge lassen sich einem Themenfeld „Sprechen und Sprache“ zuordnen. Jan-Friedrich Missfelder taxiert die Bedeutung von Hör-Wissen für die politische und soziale Ordnung der frühneuzeitlichen Stadt. Dazu unterzieht er eine Beschreibung des Zürcher Schwörtags von 1719 einem klanghistorischen Close Reading und schlüsselt das auditive Gesamtgefüge instruktiv auf. Daniel Morat beleuchtet am Beispiel einer Rede Otto von Bismarcks vor dem Reichstag am 6. Februar 1888 parlamentarisches Sprechen und politisches Hör-Wissen im Kaiserreich, wobei er ein Bündel unterschiedlicher Formen von Hör-Wissen herauspräpariert. So gilt ein Augenmerk den Transferleistungen der Stenografen, deren Protokolle im Rahmen bestimmter Konventionen nicht auf absolute Worttreue, sondern auf Dokumentation des Sinns von Redebeiträgen zielten. Einschränkend ist anzumerken, dass die luzide Analyse die Inhalte der außenpolitischen Rede ausblendet – etwa die Warnung, dass es das Deutsche Reich vermeiden müsse, in gefährliche Koalitionen und Konflikte verwickelt zu werden, sowie insbesondere den oft und irreführend zur Untermauerung nationalistischer Haltungen zitierten Satz „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“. Ohne diese Inhalte lässt sich die Wirkung des Klanghandelns indes kaum voll erschließen. Britta Lange skizziert Implikationen von Hör-Wissen aus Tonaufnahmen, die das Institut für Lautforschung der Berliner Universität 1940/41 von „volksdeutschen Umsiedlern“ angefertigt hat. Sie stellt das Material in den Kontext deutscher Dialektaufnahmen vor 1933 und zeigt, wie die tönenden Dokumente auf politisch erwünschte Ergebnisse hin ausgerichtet und zur Konstruktion eines ideologisch codierten Begriffs von „Deutschtum“ genutzt wurden.

Betrachtet man den Band als Ganzes, so ist zu konstatieren, dass die Rückbindung der Beiträge an die übergeordneten Erkenntnisinteressen trotz des koordinierten Arbeitsprozesses in unterschiedlichem Maße gelingt. Auch Querverbindungen werden nur punktuell gezogen, wodurch die Aufgabe, die behandelten Wissensfelder zu verknüpfen, eher dem Leser überantwortet bleibt. Womöglich hätte ein Fazit mit einer Synthese zentraler Erträge die Kohärenz steigern und den impliziten Anspruch auf einen handbuchartigen Charakter der Publikation untermauern können. Überdies führt das Hochaggregieren von Wissen über Wissen mitunter zu einer diskussionswürdigen Entkoppelung von dessen empirischem Fundament. Gleichwohl hat der Band viele Stärken und vermag insgesamt zu überzeugen. Die Systematik der Zugriffe, die analytische Ausrichtung der Fallstudien, die angebotenen Begriffsbildungen sowie insgesamt eine hohe argumentative Dichte und Ausgereiftheit machen die Lektüre zu einem Gewinn. Der Band schlägt wichtige Schneisen und belegt eindrücklich die Relevanz sowie das weiterführende Potenzial des Untersuchungsfeldes.

Anmerkungen:
[1] Siehe https://www.historikertag.de/Muenster2018/sektionen/gespaltene-sinne-sensorische-differenz-im-20-jahrhundert/ (26.11.2018).
[2] Hierzu u. a.: Andreas Linsenmann / Thorsten Hindrichs (Hrsg.), Hobsbawm, Newton und Jazz. Zum Verhältnis von Musik und Geschichtsschreibung, Paderborn 2016; Sven Oliver Müller / Jürgen Osterhammel, Geschichtswissenschaft und Musik, in: Geschichte und Gesellschaft 38 (2012), S. 5–20.
[3] Verwiesen sei nur auf den zum Wintersemester 2017/18 am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin eingeführten Master-Studiengang „Sound Studies and Sonic Arts“: https://www.udk-berlin.de/studium/sound-studies-master-of-arts/ (26.11.2018).
[4] Vgl. https://www.hoer-wissen-im-wandel.de (26.11.2018).

Zitation
Andreas Linsenmann: Rezension zu: Netzwerk »Hör-Wissen im Wandel« (Hrsg.): Wissensgeschichte des Hörens in der Moderne. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 14.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27722>.