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Titel
Vagabunden. Eine Geschichte von Armut, Bettel und Mobilität im Zeitalter der Industrialisierung (1815–1933)


Autor(en)
Althammer, Beate
Erschienen
Essen 2017: Klartext Verlag
Umfang
716 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Walter Fähnders, Universität Osnabrück

Medial ist der Vagabund seit Jahrhunderten präsent – eine äußerst populäre, in Literatur und Kunst meistens positiv gezeichnete Figur, die für Reiselust, Abenteuer und grenzenlose Freiheit steht. So jedenfalls will es die romantische Verklärung dieser Identifikationsfigur zum „Seelenvagabunden“, die eine ideale Projektionsfläche für derartige Wunschbilder abgibt, und dies gilt auch für seine Namensvettern und Verwandten, also für den Landstreicher und den Kunden, für den Vaganten, den Tippelbruder und sein weibliches Pendant, die Tippelschickse. In gewisser Weise gehören auch so unterschiedliche Typen wie der Bettler, der Wanderer, der „Zigeuner“ und entfernt auch der Bohemien mit seiner nichtsesshaften, eben ausgemacht „vagabundischen“ Existenzweise dazu.

Anders dagegen die soziale Wirklichkeit: Repression und Elend, Abwehr, Verfolgung, Unterdrückung, Not, was in den angedeuteten Bildern und Projektionen gar nicht oder nur selten durchscheint, allenfalls in den von den Vagabunden selbst geschaffenen künstlerischen und literarischen Werken. Dementsprechend war es denn auch eine Domäne der Kultur- und Literaturwissenschaft der 1970er- und 1980er-Jahre, die sich erstmals in größerem Ausmaß der Vagabundenthematik widmete und dies bis heute tut. Das Katalogbuch der großen Ausstellung im Berliner Künstlerhaus Bethanien von 1982 mit dem griffigen Titel „Wohnsitz: Nirgendwo“[1] ist dafür ebenso ein markantes Beispiel wie andere einschlägige Untersuchungen seit dieser Zeit zu den kulturellen Aktivitäten und Leistungen einer spezifischen Vagabundenkunst und -literatur, wie sie sich vor allem in der Weimarer Republik unter ihrem Wortführer Gregor Gog entfaltet hat.[2] Die Geschichtswissenschaft konzentrierte sich dagegen weniger auf die Moderne denn auf die Umbruchszeiten von Spätmittelalter und Früher Neuzeit, auf die Armuts-Forschung und die Analyse pauperisierter Schichten. Dies geschah vor allem mit dem Blick auf Reformation und Frühkapitalismus, deren bekanntermaßen verheerenden, ungemein repressiven Konsequenzen für Bettelei und Vagabondage, auch unter dem Aspekt einer protestantischen Arbeits- und Leistungsethik, vielfach erforscht sind.[3] „Weit weniger“, bemerkt Beate Althammer in ihren einleitenden Ausführungen zu Thema und Forschungsstand ihrer Arbeit zu Recht, „hat sich die deutsche Geschichtswissenschaft mit der Fortexistenz von Bettelei und Vagabondage nach der Epochenschwelle um 1800 befasst“ (S. 13), mit Ausnahme der NS-Zeit und diesbezüglichen Untersuchungen zur Verfolgung sogenannter Asozialer.

In ihrer umfänglichen, überarbeiteten Habilitationsschrift der Universität Trier aus dem Jahr 2015 untersucht Beate Althammer nun die Vagabondage im Zeitalter der Industrialisierung 1815 bis 1933 und sucht somit eine gravierende Lücke in der Geschichtsschreibung zu schließen. Bei ihren Quellen kann Beate Althammer immer wieder auf ihre 2013 erschienene, zusammen mit Christina Gerstenmeyer erarbeitete, kommentierte und wahrlich fulminante, fast 700 Seiten starke Quellenedition über Bettler und Vaganten in der Neuzeit zurückgreifen, die über 250 einschlägige Dokumente aus der Zeit von 1500 bis 1933 erschließt – von Edikten und Gesetzestexten bis hin zu zeitgenössischen Presseberichten.[4] Des Weiteren wird – auch in Ermangelung von Gerichtsakten des 19. Jahrhunderts, da im rheinischen Rechtsraum in diesem Zeitraum zumeist nur mündlich verhandelt wurde – Verwaltungsschriftgut hinzugezogen, das auf kommunaler ebenso wie auf höherer Ebene der Provinzialregierung und der Ministerien und Reichsinstanzen verwertbares Material auch zu Einzelfällen bietet. Hinzu kommen die Fachpublizistik der Zeit, vor allem die bereits erwähnte reichhaltige Publizistik Ende des 19. Jahrhunderts, sowie weitere Quellen aus der Presse, autobiographische Zeugnisse und anderes mehr. Vielleicht hätte man sich angesichts der Beobachtung, dass der Vagabund „in Kunst und Dichtung und schließlich im Film […] eine beachtliche Prominenz“ erlangte (S. 39), eine stärkere Einbeziehung derartiger künstlerischer Selbstzeugnisse gewünscht, die ja Aufschluss auch über das soziale Selbstverständnis und ggf. den politischen Anspruch geben.[5]

Die Fragestellung Althammers zielt auf eine umfassende Rekonstruktion der Vagabondage im genannten Zeitraum – auf der Mikroebene als Analyse alltäglicher Erfahrungen, auf der Makroebene als Analyse der virulenten gesellschaftlichen Reformdebatten. Dabei ist die Arbeit fokussiert (nicht nur, aber wesentlich) auf Orte der Preußischen Rheinprovinz mit ihrer dynamischen frühen Industrialisierung und den damit verbundenen Migrationsbewegungen, einschließlich eines genauen Blickes auf die Arbeitsanstalt in der ehemaligen Benediktinerabteil Brauweiler, die 1811 gegründet wurde. Nach der Diskussion einschlägiger Kategorien wie Marginalisierung/Randgruppenproblematik und des aus der Soziologie geläufigen Exklusion/Inklusion-Schemas wird die Trias einer Geschichte von Armut und Sozialpolitik, von Kriminalität und Strafverfolgung sowie von Mobilität und deren Kontrollen entwickelt. Mit ihrem „flexiblen Vorgehen“ (S. 38) erprobt Beate Althammer einen Ansatz, der überzeugend davon ausgeht, dass jemand nicht Landstreicher, Vagabund oder Bettler ist, sondern Menschen „[] unter gewissen Umständen auf Verhaltensmuster zurück[greifen], die sie als solche qualifizierbar machen“ (S. 26). Es geht also um „gesellschaftliche Definitionsprozesse: Wer wurde unter welchen Umständen als Bettler, Landstreicher oder Vagabund bezeichnet? Wie grenzten zeitgenössische Diskurse und Praktiken diese Kategorien ab?“ (S. 26).

In den zehn großen, historisch angelegten Kapiteln der Arbeit geht es nach der Einführung (1) zunächst um die einschlägige Rechtsordnung in Preußen und im Reich (2), dann um Armendisziplinierung zur Zeit des Pauperismus mit Blick vor allem auf Aachen, Trier, Koblenz und auf ländliche Gebiete (3), um die Vagabundenfrage während der Gründerkrise (4), um die genauen Organisationsstrukturen in der bereits genannten Arbeitsanstalt Brauweiler (5), um Praktiken der Ausweisung und weiterer Abwehrinstrumente nach der Reichsgründung (6), sodann um Offensiven der Wohltätigkeit, also Wandererfürsorge (Bodelschwingh), Arbeiterkolonien und Verpflegungsstationen (7), schließlich um „Neue Blicke um 1900“ (unter anderem Karl Bonhoeffer, Karl Wilmanns, Josiah Flynt, Hans Ostwald) (8) und um die Reformströmungen des frühen 20. Jahrhunderts (unter anderem die gesetzliche Regelung der Wandererfürsorge) (9). Das Schlusskapitel (10) schließlich formuliert die Erkenntnis, dass von einer „festen Randgruppe“ der Vagabunden nicht die Rede sein kann – wohl aber „waren die Vagabunden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein hochgradig vielgestaltiges und wandelbares Phänomen. Das Gabenbitten und Wandern waren Verhaltensweisen, zu denen ganz unterschiedliche Typen griffen: Ortsarme, Handwerksburschen, Arbeitslose, jugendliche Herumtreiber, abenteuerlustige Reisende.“ Und dies unbeschadet der Tatsache, dass es auch zu dieser Zeit Menschen gab, die „dem Klischee des Gewohnheitsbettlers oder Tippelbruders entsprachen“ (S. 650).

Nach der Vagabundenfrage und dem Armutsproblem in der Frühen Neuzeit erlangten diese Verhaltensweisen zu Zeiten der Industrialisierung also eine neue Konjunktur, erfuhr das alte Problem der Nichtsesshaftigkeit neue Aktualität und erhielt neue Antworten seitens der Obrigkeit, von der staatlichen Armutsbekämpfung und der Einrichtung von Arbeitshäusern oder der Ausweisung bis hin zu reformerischen Wegen der Wohltätigkeit. Um die komplexe Diskurslage gerade vor und nach dem Ersten Weltkrieg noch genauer zu analysieren, hätten vielleicht die diesbezüglichen Positionen der Arbeiterbewegung einbezogen werden können, die in ihrem marxistischen Flügel vom Diktum des Lumpenproletariats ausgingen – während der Anarchismus, von Bakunin bis Erich Mühsam, einen positiven Bezug zum Vagabundentum entwickelte. Aber dies ändert nichts an dem abschließenden Befund: In ihrer ungemein detailreichen und quellengesättigten Studie gelingt es Beate Althammer, das Phänomen der Vagabondage überzeugend zu erschließen. Dabei liegt die Relevanz des Themas zum einen darin, dass sowohl alltagsgeschichtlich als auch mit Blick auf staatliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine markante, jahrhundertealte Außenseiterfigur in ihrer sozialen Konstitution durchleuchtet wird. Zum anderen berührt die Analyse weit darüber hinausreichende Forschungsfelder der Armut und Sozialpolitik, der Kriminalität sowie der Geschichte der Mobilität und deren Kontrollen. Dass die Vagabunden in der Tat „kein abwegiges Thema sind“ (S. 9), macht diese Studie überdeutlich. Sie darf bereits jetzt als Standardwerk gelten.

Anmerkungen:
[1] Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.), Wohnsitz: Nirgendwo. Vom Leben und vom Überleben auf der Straße, Berlin 1982.
[2] Vgl. Georg Bollenbeck, Armer Lump und Kunde Kraftmeier. Der Vagabund in der Literatur der zwanziger Jahre, Heidelberg 1978; Klaus Trappmann (Hrsg.), Landstrasse, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen, Berlin 1980; Walter Fähnders (Hrsg.), Nomadische Existenzen. Vagabondage und Boheme in Literatur und Kultur des 20. Jahrhunderts, Essen 2007; Walter Fähnders / Henning Zimpel (Hrsg.), Die Epoche der Vagabunden. Texte und Bilder 1900-1945, Essen 2009; Johanna Rolshoven / Maria Maierhofer (Hrsg.), Das Figurativ der Vagabondage. Kulturanalysen mobiler Lebensweisen, Bielefeld 2012.
[3] Vgl. Christoph Sachße / Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Band 1: Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, Stuttgart 1980 (2. Aufl. 1998); Wolfgang von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, München 1995.
[4] Beate Althammer / Christina Gerstenmeyer (Hrsg.), Bettler und Vaganten in der Neuzeit (1500–1933). Eine kommentierte Quellenedition, Essen 2013.
[5] Vgl. zur Vagabundenliteratur und -kunst der Weimarer Republik die knappen Ausführungen S. 632–634 im Kapitel über „Menschen unterwegs: Arbeitslose, Edelkunden, Weltenbummler“; s. dazu Walter Fähnders, Projekt Vagabondage. Die Vagabunden, die Vagabundenliteratur und die Moderne, in: Simon Huber u. a. (Hrsg.), Das riskante Projekt. Die Moderne und ihre Bewältigung 1890-1940, Bielefeld 2010, S. 87–116.

Zitation
Walter Fähnders: Rezension zu: : Vagabunden. Eine Geschichte von Armut, Bettel und Mobilität im Zeitalter der Industrialisierung (1815–1933). Essen  2017 , in: H-Soz-Kult, 06.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27813>.
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Veröffentlicht am
06.12.2018
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