A.-S. Hackenbroich: Geschichte des Radsports in der DDR

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Titel
Geschichte des Radsports in der DDR.


Autor(en)
Hackenbroich, Anneke-Susan
Erschienen
Stuttgart 2016: Kohlhammer Verlag
Umfang
290 S., 5 Abb.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Siemon, Historisches Institut, Universität Paderborn

In den letzten zwei Jahrzehnten demonstrierten Studien über das Turnen, die Leichtathletik und Fußball das kultur-, sozial- und wirtschafthistorische Potenzial der Sportgeschichte. Der Rad- und Radrennsport jedoch verblieb lange Zeit im klassischen Narrativ über die „Helden“ auf zwei Rädern. Die überschaubare Anzahl neuerer Studien zum Radsport versucht, dieses Narrativ zu durchbrechen und zeigt die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Momente des Radsports auf. [1] Anneke-Susan Hackenbroich begibt sich mit ihrer Forschungsarbeit „Geschichte des Radsports in der DDR“, bei der es sich um eine leicht überarbeitete Fassung ihrer 2014 von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd angenommenen Dissertation handelt, auf historisches Neuland, da die meisten Studien zum Radsport den Fokus auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts legen. Das Thema ihrer Studie erscheint umso aktueller, da dem DDR-Spitzensportler Gustav Adolf „Täve“ Schur im April 2017 bereits zum zweiten Mal die Aufnahme in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports verwehrt wurde. Das Hauptargument der Kommission war hierbei, genauso wie bereits 2011, Schurs positive Haltung zum DDR Sport- und Dopingsystem. [2] Es stellt sich die Frage, ob für die Aufnahme in die „Hall of Fame“ nur die sportlichen Leistungen zählen oder auch die gesellschaftlichen Verdienste, Umstände und Hintergründe einfließen und wie eine Erinnerungskultur des deutschen Sports aussehen sollte. Diese Fragen wurden bereits anlässlich der ersten Ablehnung Schurs 2011 breit diskutiert. Hackenbroich nimmt dieses konfliktträchtige Feld der Erinnerungskultur im deutschen Sport als Einstieg für ihre Studie über den Radsport in der DDR, allerdings ohne dieser spannenden Fragestellung im Verlauf ihrer Studie weiter nachzugehen.

Vielmehr zielt die Autorin darauf ab, die Veränderungen und Kontinuitäten der politischen Instrumentalisierung des DDR-Radsports zu beschreiben und die daraus entstehenden Überwachungs- und Kontrollmechanismen zu beleuchten. Des Weiteren betrachtet die Studie auf mikrohistorischer Ebene die Handlungsspielräume einzelner Radsportler. Es wird gefragt, unter welchen Umständen das Spannungsverhältnis zwischen Eigensinn und Kooperation so groß wurde, dass die Sportler nur noch mit einem Ausbruch aus dem Sportsystem der DDR reagieren konnten. Hackenbroich versucht also, die struktur- und mikrohistorische Ebene miteinander zu verknüpfen. Gerade der Leistungssport in der DDR bietet diese Möglichkeit, da er zu den am stärksten kontrollierten Bereichen gehörte und da gleichzeitig der Sport an sich immer ein gewisses Maß an Unregierbarkeit und Eigensinnigkeit mit sich bringt. Für die strukturhistorische Seite der Arbeit wurden Sachakten und personenbezogene Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und des Deutschen Radsport-Verbands der DDR (DRSV) aus den Jahren 1950 bis 1989 analysiert. Die mikrohistorische Ebene versucht Hackenbroich mit Hilfe von Interviews von zehn männlichen Radrennsportlern zu beleuchten. Die Zuverlässigkeit der Zeitzeugenberichte versucht Hackenbroich anhand der Akten des MfS zu verifizieren und einzuordnen.

Die Arbeit ist in acht Kapitel aufgeteilt. Das erste und zweite Kapitel dienen der thematischen Hinführung und der Entwicklung der Fragestellungen. Kapitel drei, vier und fünf bilden den Kern der Arbeit und beleuchten chronologisch die Instrumentalisierung des Radsports zwischen 1950 und 1989. Jedes dieser Hauptkapitel beschreibt zunächst den Radsport in den Zeitabschnitten 1950 bis 1965, 1965 bis 1979 und 1980 bis 1989 mit Blick auf die verschiedenen Überwachungs- und Kontrollmechanismen und leitet anschließend zu einer Analyse der personenbezogenen Akten des MfS und den Erinnerungen der Sportler über. Jedes Hauptkapitel endet mit einem Zwischenresümee. Das sechste Kapitel vergleicht die Entwicklungen in den einzelnen Jahrzehnten miteinander und liefert einen leider recht kurzen Exkurs zum Thema Doping. Im siebten Kapitel resümiert die Autorin ihre Ergebnisse und gibt einen Ausblick auf weitere Forschungsfragen.

Hackenbroich stellt zwei konstante Motive der politischen Instrumentalisierung des Radsports fest. Erstens, die Aktivierung der Bevölkerung und zweitens, die Zurschaustellung der Verbundenheit zwischen Staat, Bevölkerung und Sportlerinnen und Sportlern. Die Bevölkerung sollte durch gezielte Aufforderungen und Losungen mobilisiert werden, den Rennveranstaltungen beizuwohnen und die Höchstleistungen der Sportlerinnen und Sportler als Vorbild für die eigene Produktivität zu nehmen. Auch die jüngere Generation wurde früh an den Radrennsport herangeführt, so dass Wandertage zu den Rennen organisiert wurden und es Überlegungen gab, die Friedensfahrt fest in den Lehrplan zu verankern. Das Zusammengehörigkeitsgefühl sollte durch die Entpersonalisierung des Erfolgs gestärkt werden, indem herausgestellt wurde, dass die Sportler für das Land und die Bevölkerung antraten. Diese Motive lassen sich zwar auf einige andere Leistungs-Sportarten übertragen. Jedoch hatte der Radrennsport eine besondere Bedeutung: Obwohl es sich nicht um einen Kampfsport handelt, stellen beim Radrennsport die Körperkraft und die direkte Auseinandersetzung mit dem Gegner Kernelemente dar. Zudem entstand mit dem Sieg Täve Schurs bei der „Friedensfahrt“ 1955 ein ähnliches „Wir-Gefühl“ wie in Westdeutschland mit dem Sieg der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Großkundgebungen während der „Friedensfahrt“ am 1. Mai und am 8. Mai, die die Bedeutung des Radrennsports in der DDR unterstrichen.

Außenpolitisch dienten die Siege dazu - so zumindest der Offizialdiskurs – die Systemüberlegenheit des Sozialismus zu veranschaulichen. Insbesondere in der Anfangszeit wurde der Radsport als außenpolitische Projektionsfläche verstanden. In Bezug auf die sozialistischen Staaten spielte das Motiv "Frieden und Freundschaft" eine große Rolle, insbesondere bei der „Friedensfahrt“. Doch der Autorin zufolge wurde das Friedens-Motiv bereits in den 1960er-Jahren nur mehr floskelhaft verwendet, während der Radsport zunehmend zu einem Raum wurde, in dem sich die sportliche Rivalität zwischen den „sozialistischen Brüdern“ manifestierte.

Auf mikrohistorischer Ebene zeigt Hackenbroich, dass man keinesfalls von einer kompletten politischen Anpassung der befragten Sportler sprechen kann, auch wenn der Aktenbestand aus den 1980er-Jahren diesen Schluss nahe legt, da hier den Sportlern meist vorbildliches Verhalten bescheinigt wurde. Hackenbroich versucht, ihre Aussage mit Hilfe der geführten Interviews zu begründen. Sie übergeht hierbei jedoch die Problematik der Quellengattung und kann zudem keine stichhaltigen Belege für abweichende politische Einstellungen aufzeigen. Zwar zeigten die Sportler durchaus eigensinniges Verhalten, in dem sie zum Beispiel illegal Radmaterial aus dem Westen kauften, was aber durchaus im Sinne der Sportfunktionäre gewesen sein könnte und deshalb durch das MfS geduldet wurde. Auch die Ausführungen der Sportler über ihren jeweiligen persönlichen Bruch mit dem DDR-Sportsystem zeigen lediglich auf, dass der Bruch meist dann erfolgte, wenn das Sportsystem nicht die zentralen Bedürfnisse der Sportler erfüllen konnte oder der Leistungsdruck zu groß wurde. Auch wenn Hackenbroichs Aussage über die politische Widerständigkeit der Sportler damit nur mangelhaft belegt ist: Ihre Interviews und die zitierten Akten zeigen immerhin auf, dass der Radsport durchaus ein relativ eigenständiges Werte- und Normensystem darstellte, das nicht vollständig von Partei und Staat beeinflusst werden konnte.[3]

Ein gewissenhafteres Lektorat des Kohlhammer Verlags wäre wünschenswert gewesen. Insbesondere zum Ende des Buches fehlen oftmals einheitliche Unterkapitelüberschriften und zahlreiche Trennfehler erschweren den Lesefluss. Schwerer wiegt, dass die vorliegende Forschungsarbeit ihrem Titel "Geschichte des Radsports in der DDR" nicht gerecht wird. Der Titel suggeriert eine umfassende Analyse des Radsports, doch es wird schnell deutlich, dass zahlreiche Aspekte nicht oder nur am Rande betrachtet werden. Wirtschaftliche Aspekte oder die technischen Innovationen im Bereich des Radsports durch die Diamant Fahrradwerke, Renak oder Textima werden nicht besprochen und andere Radrennsportdisziplinen, wie der Bahnradsport, werden nur selten erwähnt. Obwohl die Zeitzeugeninterviews nahelegen, dass es nur eine unzureichende Förderung des Breitensports gab, wäre es wünschenswert gewesen, die Auswirkungen der Leistungssportler auf den Hobby- und Amateurbereich genauer zu betrachten. Des Weiteren stößt die Verbannung des Themas Doping in einen vierseitigen Exkurs negativ auf und wird keinesfalls dem Großthema Doping im DDR-Leistungssportsystem gerecht. Nichtsdestotrotz sind die präsentierten Ergebnisse eine gute Basis für die weitere Erforschung des DDR Sportsystems. Sie liefern auch aus didaktischer Sicht einen Ausgangspunkt für problemorientierten Unterricht, Bildung von Geschichtsbewusstsein und handlungsorientierte didaktische Konzepte (S. 277–278).

Anmerkungen:
[1] Insbesondere: Anne-Katrin Ebert, Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010; Benjo Maso, Der Schweiß der Götter. Die Geschichte des Radsports, Bielefeld 2011.
[2] Michael Reinsch, DDR-Radler „Täve“ Schur muss draußen bleiben, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2017, http://www.faz.net/aktuell/sport/hall-of-fame-ddr-radler-taeve-schur-muss-draussen-bleiben-14991829.html (29.08.2017); Frank Bachner, Ein Musterland an sportlicher Gesundheit, in: Der Tagesspiegel, 08.05.2011, http://www.tagesspiegel.de/sport/taeve-schur-verklaert-ddr-sport-ein-musterland-an-sportlicher-gesundheit/4470662.html (29.08.2017).
[3] Hierbei greift Hackenbroich zurück auf Sven Güldenpfennig, Die Würde des Sports ist unantastbar. Zur Auseinandersetzung mit den Mythen des Sport, Sankt Augustin 2010.

Zitation
Sven Siemon: Rezension zu: : Geschichte des Radsports in der DDR. Stuttgart  2016 , in: H-Soz-Kult, 27.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27866>.
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27.09.2017
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