K. C. Führer: Gewerkschaftsmacht und ihre Grenzen

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Titel
Gewerkschaftsmacht und ihre Grenzen. Die ÖTV und ihr Vorsitzender Heinz Kluncker 1964–1982


Autor(en)
Führer, Karl Christian
Umfang
649 S.
Preis
€ 49,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Rehling, Universität Augsburg, Jakob-Fugger-Zentrum

Der Tarifabschluss 1974 im öffentlichen Dienst ist legendär. Selten wurden einem Arbeitskampf so viele Bedeutungen zugeschrieben: Er habe die Globalsteuerung an ihr Ende gebracht und damit nicht nur der neoliberalen Wende, sondern auch der „Automatisierung“ und Privatisierung den Weg bereitet. Er soll die Ölkrise verschärft und damit eine langanhaltende Wirtschaftskrise in der Bundesrepublik heraufbeschworen haben. Darüber hinaus hätten die Lohnverhandlungen der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) die Kanzlerschaft von Willy Brandt beendet und die Demokratie in eine Krise gestürzt. Außerdem galt diese Tarifauseinandersetzung wahlweise als Beleg für den Gewerkschafts- oder Beamtenstaat. Jede dieser Interpretationen, die bereits die Zeitgenossen vornahmen, die aber auch in die geschichtswissenschaftliche Literatur Eingang fanden, waren mit moralischen Wertungen der Strategie der ÖTV verbunden: Ihre Forderung sei unverhältnismäßig gewesen, sie habe Willy Brandt im Stich gelassen und die Stabilität der bundesrepublikanischen Demokratie leichtfertig aufs Spiel gesetzt, indem sie ihre Streikmacht missbräuchlich eingesetzt habe. Insbesondere in Heinz Kluncker, dem Vorsitzenden der ÖTV, sahen die zeitgenössischen Medien und später auch viele Historikerinnen und Historiker Maßlosigkeit, Machtbewusstsein und großsprecherische Rücksichtslosigkeit regelrecht verkörpert.[1]

Karl Christian Führer macht diese Zuschreibungen und Bilder zum Ausgangspunkt seiner Analyse. In vier Teilen untersucht er, wie die Durchsetzungsfähigkeit der ÖTV in Tarifverhandlungen zwischen 1964 und 1982 zu beurteilen ist und warum das Bild von der quasi unbezwingbaren ÖTV entstand. Er analysiert Entscheidungsprozesse ebenso wie Verhandlungs- und Medienstrategien und setzt sie in Beziehung zur Person Heinz Kluncker, dessen Führungsrolle in der Organisation ebenso in die Betrachtung einbezogen wird wie seine Biographie, sein Image und seine Selbstinszenierung. Den Schwerpunkt legt Führer auf den Öffentlichen Dienst, der rund 90 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder stellte. Transport und Verkehr bleiben weitgehend außen vor. Führers Interesse gilt der ÖTV im „sozialdemokratischen Jahrzehnt“. Im Mittelpunkt steht deshalb immer das Verhältnis zur Sozialdemokratie. Durch diese Schwerpunktsetzung geraten andere Beziehungen zur Politik und Akteure wie der liberale Wirtschaftsminister Hans Friderichs streckenweise vollständig aus dem Blick.

Der erste Teil des Buches ist „Eine Gewerkschaft und ihr angehender Vorsitzender“ betitelt. In ihm arbeitet Führer die Spezifik der ÖTV in der bundesdeutschen Gewerkschaftslandschaft heraus, um dann Heinz Klunckers Biographie vor seiner Karriere in der ÖTV zu umreißen und im dritten Abschnitt einerseits Klunckers Aufstieg in der ÖTV nachzuzeichnen und andererseits die Tarifpolitik der Organisation bis 1964 darzustellen. Im biographischen Teil arbeitet Führer heraus, dass die Erfahrung, der „einzige Nazi in der Familie“ (S. 65) gewesen zu sein, sowie seine Kriegsgefangenschaft in den USA und die darauf folgende Zeit für Kluncker prägende Lebensphasen gewesen sind. Es wäre wünschenswert gewesen, diesen Erfahrungen und den Wirklichkeitsinterpretationen, die Kluncker in seiner späteren Karriere daraus ableitete, stärker Rechnung zu tragen. Andere Studien haben gezeigt, dass sich Klunckers Widerwillen gegen Lohnleitlinien und Eingriffe in die Tarifautonomie aus einer spezifischen Lesart der Tarifpolitik der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus erklären lassen. Auch sein Pluralismusverständnis und seine Auffassung von dem, was Gewerkschaften im politischen System leisten, dürften wie bei vielen deutschen Gewerkschaftern der Nachkriegszeit auf diese beiden Erfahrungen und ihre Deutung zurückgehen.[2]

Der zweite Teil „Verschiedenartige Aufbrüche und Reformbemühungen. Die ÖTV 1964 bis 1969“ beginnt mit einem Blick auf den Beitrag der ÖTV zur bundesdeutschen Außen- und Innenpolitik. Führer stellt den Ost-West-Konflikt und die Auseinandersetzungen über die Notstandsgesetzgebung in den Mittelpunkt. Beide Themen sollten sicher nicht unterschätzt werden, allerdings bleibt die tarifpolitische Geschichte der ÖTV durch diese Schwerpunktsetzung relativ bundesdeutsch. Eine Berücksichtigung des vielfältigen internationalen Engagements sowohl der Organisation als auch der Person Heinz Klunckers unter anderem im Rahmen von Public Services International und in der European Federation of Public Services Unions hätten dazu beitragen können, die wiederkehrenden Bezugnahmen der Zeitgenossen auf vergleichbare Entwicklungen in internationale und transnationale Trends und Zusammenhänge einzuordnen. Das gilt auch für die Bewertung der gesellschaftspolitischen Funktion von Tarifabschlüssen. Führer kommt zu dem Ergebnis, dass Tarifverhandlungen nicht sehr geschätzt wurden, und führt das Unbehagen der Zeitgenossen darauf zurück, dass „der moderne Kapitalismus gemeinsam mit dem modernen Verwaltungs- und Fürsorgestaat das freie Verhandeln weitgehend in […] abgegrenzte soziale Segmente und Nischen abgedrängt“ habe. Dadurch sei die vormoderne Tradition der Aushandlung von Verträgen und das „Feilschen“ darum von den modernen Zeitgenossen falsch verstanden und als „moralisch fragwürdig oder sogar als ‚fremd‘“ deklariert worden (S. 203).

Diese Erklärung kann nicht überzeugen: Führer selbst zeigt, dass die Kritik der Zeitgenossen an den Tarifverhandlungen sich auch daran festmachte, dass die Aushandlungen als stark verregelt wahrgenommen wurden, wenn ihr rein performativer Charakter beklagt wurde. In den anderen Kritikpunkten klingt der Vorwurf an, die Tarifverhandlungen seien irrational und interessengeleitet, meist gefolgt von der Sorge, die Tarifauseinandersetzung könne die gesamtgesellschaftliche Integration gefährden. Das Bild des Bazars oder Pokerspiels, aber auch das des Klamauk illustrieren diese Wahrnehmung. Sie speist sich nicht daraus, dass hier eine womöglich vormoderne oder orientalische Verhandlungspraxis falsch gedeutet wurde. Sie leitet sich vielmehr aus einer Integrationserwartung an moderne Gesellschaften und einem damit verwobenen Konfliktverständnis ab, das jeden Dissens, aber auch jeden Kompromiss – wie sie die Tarifautonomie beide vorsah – verdächtig und gefährlich erscheinen ließ. Der rationale, wissenschaftlich definierte Konsens – zum Beispiel in Form von Lohnleitlinien – sollte diesem vermeintlichen Problem begegnen. Auch Karl Schillers Globalsteuerung und die Konzertierte Aktion dienten diesem Ziel.[3] Beides war Teil der in den 1960er-Jahren nicht nur in Europa erfolgenden Hinwendung zu wissenschaftlich planender und steuernder keynesianischer Wirtschaftspolitik. Letztere stieß allerdings nicht nur in Deutschland bereits vor den Tarifkonflikten der 1970er-Jahre an ihre Grenzen.

Der dritte Teil ist „Erfolgen und vergeblichen Mühen der ÖTV in den 1970er Jahren“ gewidmet. Das erste Teilkapitel behandelt diesmal die Position der ÖTV zu „allgemeinen politischen Fragen in der sozialliberalen Ära“, namentlich die Ostpolitik nach 1969 und die Debatte um die „Berufsverbote“. Das zweite Teilkapitel beschäftigt sich mit der Inflation und staatlichen Konjunkturlenkung als neue Faktoren in der Tarifpolitik, wobei Letztere wie erwähnt bereits Ende der 1960er-Jahre berücksichtigt werden muss. Der dritte Teil stellt den Streik 1974 und Willy Brandts Rolle in dieser Auseinandersetzung in den Mittelpunkt. Helmut Schmidt, im betrachteten Zeitraum kurz Wirtschafts- und bis 1974 Finanzminister, taucht nur als Gegenspieler Willy Brandts auf. Hans Friderichs, der ab 1972 das Wirtschaftsministerium für die FDP innehatte, tritt gar nicht in Erscheinung. Beide sind aber für die wirtschaftspolitischen Veränderungen in der Bundesrepublik, die seit 1972 von der Globalsteuerung weg und in Richtung einer zunehmenden (Neo-)Liberalisierung führten, nicht hoch genug einzuschätzen. Aus neoliberalen und staatskritischen Orientierungen resultierte auch die Debatte über die Übermacht der Gewerkschaften und den „Gewerkschaftsstaat“, die Führer in einem vierten Teilkapitel über den „symbolischen Körper“ Heinz Klunckers als „Gewerkschaftsboss“ einfließen lässt. Die Überlegung, dass die physische Erscheinung Heinz Klunckers sowie ein verändertes Körperideal zur medialen Wahrnehmung übermächtiger Gewerkschaften beigetragen habe, ist spannend und zeigt, welche Rolle Körperlichkeit in der Politik spielen kann.

Der vierte Teil diagnostiziert eine massive Krise der Tarifpolitik in der letzten Phase „der sozialdemokratischen Ära“ (S. 521) zwischen 1980 und 1982. Besondere Bedeutung misst Führer in diesem Kontext dem „ersten Abwehrkampf“ gegen Lohn- und Gehaltskürzungen im Öffentlichen Dienst zu und den daraus resultierenden Weichenstellungen für die Nachfolge Heinz Klunckers, die mit Monika Wulf-Mathies zum ersten Mal eine Frau an die Spitze einer großen bundesdeutschen Gewerkschaft brachten. Insgesamt ist Führer eine detailreiche Analyse der Tarifpolitik der ÖTV und der Rolle Heinz Klunckers in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre gelungen. Eine stärkere transnationale Perspektive und die Berücksichtigung angrenzender Forschungen hätten an manchen Stellen allerdings zu einer Schärfung und Straffung der Argumentation beigetragen.

Anmerkungen:
[1] Willy Brandt: „Ihr lasst mich alle allein“, in: Der Spiegel 8 (1974), S. 19–23, http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/41784621 (12.02.2018); Auf dem Weg in die Beamten-Republik, in: Der Spiegel 51 (1974), S. 28–41, http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/41696469 (12.02.2018).
[2] Vgl. u.a. Julia Angster, Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie. Die Westernisierung von SPD und DGB, München 2003.
[3] Vgl. u.a. Alexander Nützenadel, Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Expertenkultur und Politik in der Bundesrepublik 1949–74, Göttingen 2005; Gabriele Metzler, Konzeptionen politischen Handelns von Adenauer bis Brandt. Politische Planung in der pluralistischen Gesellschaft, Paderborn 2005; Tim Schanetzky, Die große Ernüchterung. Wirtschaftspolitik, Expertise und Gesellschaft in der Bundesrepublik 1966–1982, Berlin 2007.

Zitation
Andrea Rehling: Rezension zu: : Gewerkschaftsmacht und ihre Grenzen. Die ÖTV und ihr Vorsitzender Heinz Kluncker 1964–1982. Bielefeld  2017 , in: H-Soz-Kult, 26.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27867>.