R.-B. Schmidt u.a.: Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik

Cover
Titel
Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik.


Autor(en)
Schmidt, Renate-Berenike; Sielert, Uwe; Henningsen, Anja
Erschienen
Weinheim 2017: Beltz Juventa
Umfang
370 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Marcus Felix, Interdisziplinäres Graduiertenkolleg Gender und Bildung, Stiftung Universität Hildesheim

Mit ihrer „Gelebten Geschichte der Sexualpädagogik“ legen Henningsen, Sielert und Schmidt die erste zusammenhängende historische Begutachtung der Sexualpädagogik im deutschsprachigen Raum seit den 1960er-Jahren vor. Dabei verfahren sie in einem partizipativen Ansatz, indem neben den Autor/innen weitere sexuelle Bildner/innen verschiedener Generationen zu Wort kommen, anhand deren Aussagen die Entwicklung der umstrittenen Disziplin in DDR und BRD nachgezeichnet wird. Sie verharren dabei nicht bei einer zeitgeschichtlichen Überblicksarbeit, sondern verstehen hegemoniale Denkmuster, Aussagen und Interventionen als Ausdruck zeitspezifischer Diskurse.

Der Band ist in vier Teile gegliedert. Der einleitende, augenzwinkernd mit „Vorspiel“ überschrieben, klärt Anlass, Methodik und Anliegen des Projektes. Der zweite Teil gibt einen historisch-chronologischen Überblick. Im dritten Teil widmen sich die Autor/innen jenen ‚heißen Eisen‘, die kontinuierlich das Konfliktpotential sexueller Bildung bilden und auch im aktuellen Diskurs, als konservativer „Backlash“ (S. 282) verstanden, eine Rolle spielen. Im abschließenden vierten Teil wird in einem empowernden Gestus ein diachroner Überblick auf die sexualpädagogische Disziplin und Tipps für die derzeit sexualpädagogisch Tätigen gegeben.

Der Anlass der Arbeit bildet das Interesse an der Einordnung zeitgenössischer Schwerpunkte und Konfliktherde in Bezug auf die Sexualpädagogik: „Was ist tatsächlich neu […] und was erscheint nur in neuem Gewand?“ (S. 12). Dabei wird deutlich, dass die Geschichte der Disziplin keine der stetigen Liberalisierung und wachsenden Geltung ist, sondern Akteur/innen in der Gemengelage zyklischer Demokratisierungstendenzen und sexueller Paniken manövrieren, die Einfluss darauf haben, welche Konzepte und Inhalte diskursfähig sind und welche nicht. Neben der Interdisziplinarität sexueller Bildung wird auch die Heterogenität der Akteur/innen gewahr, deren Ansätze nicht bloß in konfessionell-repressiv und lustaffirmativ-emanzipatorisch eingeteilt werden können, sondern die vielmehr durch verschiedene multidisziplinäre Kontexte inspiriert sind.

53 im Bereich der Sexualpädagogik wissenschaftlich oder praktisch bzw. politisch Tätige wurden mittels Fragebögen u.a. zu ihrem Selbstverständnis, ihren Vorbildern, ihrer sexuellen Sozialisation und ihrer Wahrnehmung rückblickender Entwicklungen befragt. Die Antworten bilden den diskurshistorischen Beitrag der Rekonstruktion. Dabei setzt sich der Pool der Befragten vorrangig aus dem Umfeld der Autor/innen und der Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp) zusammen – aus Vertreter/innen einer normen- oder systemkritischen, vorurteils- und vielfaltssensiblen Sexualpädagogik, die sich als neoemanzipatorisch begreift und sich von repressiven oder „schein-affirmativen“ Konzepten abgrenzt. Konservativ-kirchliche und andere kritische Diskurspositionen fehlen, da deren Institutionen die Teilnahme an der Umfrage ablehnten.

Aus einer interdisziplinären geschlechter- und bildungswissenschaftlichen Sicht erweist sich diese an manchen Stellen unkonventionelle Übersichtsarbeit (so wurden die Akteur/innen u.a. auch danach befragt, welchen Filmtitel sie der Geschichte der Sexualpädagogik geben würden oder welches Tier die Disziplin symbolisiere) als aufschlussreich und inspirierend: Die Berichte sexualpädagogisch Tätiger offenbaren, mit welcher Verve, welchen Anstrengungen und welchen interdisziplinären Grundlagen die institutionelle Sexualpädagogik bislang arbeitete. Das wiederkehrende Motiv der Akteur/innen ist die aufrichtige, kompetente, sexualfreundliche und verschiedenste L(i)ebensweisen akzeptierende Begleitung ihrer Klientel. In ihrer Arbeit werden sexuelle Bildner/innen dabei u.a. durch institutionell-strukturelle Bedingungen beeinflusst: Wurde z.B. in der frühen BRD trotz weitreichender Skepsis gegenüber schulischer Sexualerziehung deren Institutionalisierung durch den Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) 1968 top-down erreicht, wurden in der ehemaligen DDR bottom-up auf Initiative von Einzelkämpfer/innen Strukturen geschaffen, die mithin Modellcharakter hatten und auf die sexuelle Bildner/innen bis heute zurückgreifen – das Lehrangebot der Hochschule Merseburg ist hierfür ein schillerndes Beispiel.

Ebenso ist unter den Befragten Konsens, dass die stetige Problematisierung sexueller Bildung in Politik und Öffentlichkeit dafür verantwortlich sei, dass trotz der mehrfach bestätigten Rechtmäßigkeit der schulischen Sexualerziehung (1977 auf höchstrichterlicher Ebene durch das Bundesverfassungsgericht) deren Inhalte bis heute in ungenügendem Maße Eingang in die Ausbildung von Lehrkräften und Erziehenden gefunden haben (im Gegensatz zur Sozialen Arbeit). Damit werde die Lehramtsausbildung den KMK-Empfehlungen bis heute „nicht einmal ansatzweise“ (S. 116) gerecht. Zudem verunsichere dies Fachkräfte in der Umsetzung sexualpädagogischer Inhalte, weshalb diese nicht selten auf die Sexualbiologie beschränkt seien.

Auch führe die juristische Situation dazu, dass Sexualpädagogik mehrheitlich als Gefahrenabwehrpädagogik empfunden werde: Die Verabschiedung des Schwangeren- und Familienhilfegesetzes in Folge der rechtlichen Angleichung nach der Wiedervereinigung unterstrich zwar den staatlichen Auftrag der Sexualpädagogik, dieser wird aber bis heute auf die Vermeidung von sexuell übertragbaren Infektionen und Schwangerschaftskonflikten reduziert.

Weitere kollektive Erfahrungen der Befragten sind: Eine mangelnde Wertschätzung in öffentlichen Diskursen sowie innerhalb der Disziplin (die Arbeit und Errungenschaften sexualpädagogisch Aktiver in der ehemaligen DDR wird noch immer marginalisiert), das Gefühl des Einzelkämpfer/innentums, der Eindruck des vorsätzlich-falsch-verstehen-Wollens bei der Skandalisierung sexualspezifischer Aspekte (z.B. Einfluss von Pornografie und neuen Medien auf die Inszenierung von Sexualität) oder der politischen Instrumentalisierung von Geschlecht und Sexualität auf Kosten von Minderheiten (etwa indem sexualpädagogische Bildungsangebote als ‚Frühsexualisierung‘ oder ‚ideologische Umerziehung‘ diffamiert oder Konzepte vielfaltsbewusster sexueller Bildung auf Sex verkürzt werden).

Zentrale Erkenntnis der Lektüre ist, dass jene Momente, die für die sexualpädagogische Disziplin als krisenhaft wahrgenommen werden, eine Ambivalenz in sich bergen, indem diese zugleich Impulse für eine stärkere Vernetzung, ein gegenseitiges Empowerment sowie neue Methoden und Ansätze mit sich brachten: Ob dies der Widerstand gegen den Sexualkonservatismus der 1960er-Jahre, die Panik infolge des Ausbruchs von AIDS oder die jetzige rechtspopulistische Diffamierung jeglicher sexualpädagogischen Bemühungen ist.

Auch selbstkritische Töne werden verlautbar: Etwa das retrospektive Eingeständnis der „Überfrachtung der emanzipatorischen Dimension“ (Walter Müller, S. 73) von Sexualität in teilweise unausgereiften Konzepten der 1960er-Jahre. In der Folge ging so manches Enttabuisierungsbemühen zuweilen über heute akzeptierte Grenzen und Sagbarkeiten hinaus (etwa intergenerationale Entgrenzungen). Oder Sexualität wurde im positiv-ekstatisch-orgastischen Sinne mystifiziert und damit wiederum „eine erneute Vereinseitigung des Sexuellen“ (S. 55) bewirkt. Auch eine manchmal zu unkritische Befürwortung der Liberalisierung von Sexualität wurde genannt, die allmählich zu einer Demokratisierung der Normen und Werte, aber auch zur kommerziellen Verwertung von Sex, zu neuen Schönheitsdiktaten und Geschlechterrollenklischees führte, weshalb Petra Milhoffer die „kaum hinterfragten Dominanzstrukturen zwischen Frauen und Männern“ (S. 56) beklagt.

In erster Linie stellt die Arbeit ein sexualpädagogisches Manifest dar, das von sexuellen Bildner/innen für sexuelle Bildner/innen verfasst wurde: Auffallend ist der motivierende Gestus, die kollektiven Erfahrungen und Selbstverständnisse, die das Gefühl einer Gemeinschaft stiften und aufzeigen, dass Sexualpädagog/innen keineswegs Einzelkämpfer/innen sind. Der mitunter pathetische und melancholische Charakter des „Es ist noch viel zu tun“ sowie die mitunter fehlende deskriptive Distanz zum Geschilderten entbehrt zwar den Ansprüchen einer historischen Diskursanalyse, doch ist den Autor/innen bewusst, dass sie keine objektivierbaren Erkenntnisse produzieren, sondern anhand kollektiver Erfahrungen und Einschätzungen Tendenzen aufzeigen. Nichtsdestotrotz zeigt der Band auf eindrucksvolle und leidenschaftliche Weise die unterschätzte Bedeutsamkeit, die sexual- und bildungspolitischen Hürden und die sexual- und menschenfreundliche Intention sexualpädagogischer Arbeit. Besonders angesichts aktueller Hysterisierungsdebatten und Skandalisierungsversuche vermittelt der Band die wichtige Botschaft, dass nicht naiver Weise von einem wachsenden Prestige der Sexualpädagogik in Politik und Gesellschaft ausgegangen werden darf, das zwangsläufig zu einer Institutionalisierung und Akzeptanz der Disziplin führe. Vielmehr wird augenfällig, „dass es keinen gesicherten Bestand von sexualpädagogischem Erfahrungswissen bzw. Standard gibt, hinter den die Gesellschaft oder die Pädagogik nicht mehr zurückfallen kann – dass vielmehr ‚das Sexuelle‘/die Sexualität und damit die Sexualpädagogik ein ständig umkämpftes gesellschaftliches Terrain ist und bleibt.“ (Ulrike Schmauch, S. 128). Doch steht dieser pessimistischen Sichtweise zugleich ein motivierender Impetus der Autor/innen gegenüber: Dass nämlich „mehr Zusammenarbeit und weniger Konkurrenz“ (S. 132) neue Synergieeffekte und politische Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und die Sexualpädagogik in ihrem Streben, immer am Puls der Zeit zu sein, um auf zeitspezifische Fragen und Anforderungen adäquat antworten zu können, mehr und mehr als wichtige Instanz sexueller Sozialisation verstanden wird.

Der Band hilft heutige Streitpunkte und Paniken als wiederkehrende Phänomene zu verstehen, die inhaltlich und rhetorisch vorangegangenen Diskursen ähneln. Historisch informiert lässt es sich möglicherweise gewappnet sexualpädagogisch tätig sein.

Zitation
Marcus Felix: Rezension zu: : Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik. Weinheim  2017 , in: H-Soz-Kult, 12.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27903>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.03.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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