V. Benkert: Glückskinder der Einheit?

Cover
Titel
Glückskinder der Einheit?. Lebenswege der um 1970 in der DDR Geborenen


Autor(en)
Benkert, Volker
Erschienen
Umfang
352 S., 12 SW-Abb.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Zöller, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

„Wir kennen beide Systeme, haben fast die Hälfte unseres Lebens im Osten und die andere im Westen verbracht. Wir sind gut ausgebildete Zwitter. Wir, die Glückskinder der Einheit.“ So zitiert Volker Benkert die Journalistin Jana Simon zu Beginn seines Buches und gibt damit den Rahmen seiner Untersuchung vor: Es geht um Menschen der Geburtsjahrgänge 1967 bis 1973 in Ostdeutschland. Als Kinder erlebten die Angehörigen dieser Alterskohorte den Alltag in der DDR, als junge Heranwachsende deren Auseinanderbrechen. Als Erwachsene mussten sie sich vor dem Hintergrund ihrer DDR-Sozialisation im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen System des vereinigten Deutschlands orientieren und ihre eigenen Lebenswege mit den unterschiedlichen Vergangenheitsdiskursen über die DDR abgleichen – so das von Benkert beschriebene biographische Profil dieser Jahrgänge.

Der Autor fragt in seiner an der Universität Potsdam angenommenen Dissertation nach dem Wandel, der Kontinuität und Vielfalt politischer Sozialisation in der DDR und nach ihren Konsequenzen für den weiteren Lebensverlauf der betrachteten Biographien im vereinigten Deutschland. Unter politischer Sozialisation versteht er die „Reflexion von Einstellungen, Werten, Mentalitäten und dem sozialen Habitus [...] in der DDR und Bundesrepublik“ (S. 273). Weiterhin fragt Benkert nach dem Vorhandensein einer generationellen Prägung der untersuchten Alterskohorte. Damit ordnet sich die Studie in die Historisierung des Transformationsprozesses ein, aber auch in die Beiträge zur Generationenforschung. Methodisch greift Benkert dabei auf Bekanntes und Bewährtes zurück und entwickelt darüber hinaus weiterführende Vorschläge zur Ausdifferenzierung des generationengeschichtlichen Ansatzes. Er bezieht sich auf Karl Mannheims Generationenmodell und schlägt vor, eine synchrone, diachrone und diskursive Dimension von Generation zu unterscheiden, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Alterskohorten zu untersuchen und eine Vergleichsebene herzustellen.

Seine Quellengrundlage umfasst 23 lebensgeschichtliche Interviews, die nach Region, Geschlecht und Jahrgang ausgewählt wurden. Die Interview- und Auswertungsmethodik ist an der autobiographischen Stegreiferzählung von Fritz Schütze orientiert. Aus dem Material entwickelt Benkert „sieben Typen politischer Sozialisation in der DDR und danach“, denen er jeweils ein Kapitel widmet. In jedem der Hauptkapitel geht er ausführlich auf zwei bis drei Biographien ein und erarbeitet die Merkmale des jeweiligen Sozialisations-Typus. Darauf aufbauend erarbeitet der Verfasser ein generationelles Profil der Alterskohorte. Bei der Analyse stehen für Benkert neben der politischen Sozialisation die Umbruchserfahrung und die Lebensführung sowie die Bewertung der DDR nach 1990 im Vordergrund. Die sieben Typen decken unterschiedliche biographische Erfahrungen ab. Dazu gehören traumatische Erlebnisse in der DDR (Typ 1), Verweigerung und Selbstverwirklichung nach 1989 (Typ 2), das Muster einer doppelten Sozialisation (Typ 3) sowie das Spannungsverhältnis von äußerlicher Konformität und Unabhängigkeitsstreben (Typ 4). Als weitere Sozialisationsmuster nennt Benkert die Verteidigung der Normalität des gelebten Lebens (Typ 5), Pragmatismus (Typ 6) und die Kontinuität autoritärer Strukturen (Typ 7).

Zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die Alterskohorte der um 1970 in der DDR Geborenen keine generationelle Identität hervorbrachte.[1] Vielmehr repräsentierten diese eine Vielfalt politischer Sozialisationsformen, die das Herausbilden eines generationellen Selbstverständnisses verhinderte. Insofern sei ein generalisierendes nachträglich angebrachtes Etikett nicht gerechtfertigt, und es werde deutlich, dass die Generation der um 1970 Geborenen „aufgrund ihrer Diversität kaum als Glückskinder der Einheit" bezeichnet werden können. Deutlich zu Tage träten hingegen die Verbindungslinien zwischen Typen anderer Alterskohorten. Diese diachrone Dimension zeige, dass die betrachtete Untersuchungsgruppe sich in ihren Verhaltensmustern an früheren Altersgruppen orientiert und von früheren Kohorten „vorformulierte Sozialisationstypen“ übernommen habe. Benkert stellt zudem fest, dass die um 1970 Geborenen auf der diskursiven Ebene weder an einen Opfer- noch an einen Protestdiskurs anknüpfen konnten und Themenfelder nach 1989 wie (N-)Ostalgie oder die Debatte um die DDR als Unrechtsstaat sehr unterschiedlich verarbeiteten. Auch dies habe dazu beigetragen, dass kein einheitlicher Generationenbezug entstanden sei.

Es ist das Verdienst dieser Studie, dass Benkert davon Abstand nimmt, zwanghaft eine Generation zu konstruieren. Vielmehr orientiert er sich eng am erhobenen Material und nimmt die Selbstzuschreibungen seiner Interviewpartner/innen ernst, die sich nicht in einem Generationenzusammenhang verorten. In der Auswertung bezieht er die Kategorien der DDR-Forschung wie Herrschaft und Alltag, Biographie und Erinnerung mit ein, sodass ihm ein umfassender Blick auf die Biographien über einen langen Zeitraum gelingt. Die Unterschiedlichkeit der Biographien und ihre Darstellung ergeben ein facettenreiches Bild von Angehörigen der Jahrgänge um 1970. Damit bietet Benkerts Veröffentlichung eine fundierte Ergänzung bisheriger Arbeiten im Bereich der Biographie- und Transformationsforschung.

Die Argumente und der methodische Ansatz des Autors hätten jedoch zusätzlich an Tiefenschärfe gewonnen, wenn er sich stärker auf bereits publizierte Werke zu den untersuchten Jahrgängen bezogen hätte. So erstaunt es, dass Benkert die umfangreiche Studie, die 1994 von dem Erziehungswissenschaftler Hans-Jürgen von Wensierski veröffentlicht wurde und die Benkerts Arbeit methodisch sehr nahe steht, nicht berücksichtigte. Das ist bedauerlich, hätten doch Wensierskis Ergebnisse – der eine konträre Position zu Benkerts Thesen präsentierte – eine bereichernde und sinnvolle Folie geliefert, um die eigenen Argumente zu stärken und sich im Forschungsfeld zu positionieren. Im Gegensatz zu Benkert stellte Wensierski auf Basis von 40 lebensgeschichtlichen Interviews ein kollektives Muster fest, das sich durch „die Erfahrung einer gemeinsamen Prozessstruktur des ,Abschieds von der DDR‘“ auszeichne.[2] Inwieweit die unterschiedlichen Ergebnisse ein Resultat konträrer Interpretationen, verschieden ausgewählter Interviewpartner/innen oder eher des zwischen den beiden Studien liegenden Zeitabstands von gut zwei Jahrzehnten sein mögen, hätte Benkert diskutieren können.

Ambitioniert ist das von Benkert in der Einleitung formulierte Vorhaben, Ergebnisse der empirischen Sozial- und Transformationsforschung „sowohl als eigene Quellenform als auch zur Überprüfung des Samples“ in seine Untersuchung einzubinden, „um die Aussagen der Befragten so weit wie möglich in einen weiteren Kontext einzubetten“ (S. 18). Leider bleibt die Studie auf der analytischen Ebene hinter diesem eigenen Anspruch zurück. Das ist bedauerlich, weil man als Leserin doch gern mehr zum Umgang mit sozialwissenschaftlichen Studien aus zeithistorischer Perspektive erfahren und Beispiele zur methodischen Umsetzung kennengelernt hätte. Die Frage, in welchem Maße und unter welchen methodischen Prämissen die Zeitgeschichtsforschung sich bei der Untersuchung der Transformation Ostdeutschlands auf sozialwissenschaftliche Studien der 1990er-Jahre beziehen kann, bleibt so weiterhin offen.

Die von Benkert herausgearbeiteten Typen politischer Sozialisation erscheinen größtenteils einleuchtend. Umfangreich und mit nützlichen Bezügen sowohl zur Fachliteratur als auch zu (pop-)kulturellen Verarbeitungen des Lebens in der DDR und dem Umbruch von 1989/90 werden die ausgewählten Biographien präsentiert und kontextualisiert. Allerdings gerät bei der Interpretation mitunter die eigentliche Frage aus dem Blick. Dies betrifft besonders das Kapitel 1, den Typ „Bleibendes DDR-Trauma”. Benkert stellt hier, ob intendiert oder nicht, Zusammenhänge zwischen dem DDR-Regime und nach 1989/90 erlebter sexualisierter Gewalt her, die nicht einleuchten. Er argumentiert, die Interviewpartnerin sei durch die Erfahrung der körperlichen Abwertung im DDR-Leistungssport „so geschwächt“ gewesen, dass sie in der Folge den Tätern, die sie vergewaltigten, „psychisch nichts entgegenzusetzen hat[te]“ (S. 80). Der von Benkert behauptete Zusammenhang der Taten „mit dem autoritären Gebaren des Regimes“ wird nicht näher erläutert. Dies führt zu dem Eindruck, dass hier eine Täter-Opfer-Umkehr formuliert wird, wenn es z.B. heißt, die Erfahrungen im DDR-Leistungssport hätten es der Betroffenen unmöglich gemacht, ihren Angreifern „etwas entgegenzusetzen“ und „ihre Abwehrkräfte“ geschwächt (S. 87). Inwiefern das Schweigen der Interviewpartnerin und ihre Hilflosigkeit im Umgang mit dem Erlebten in Zusammenhang steht mit dem System der DDR und einer Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt tabuisierte, und inwiefern es überhaupt Hilfsangebote für Betroffene in der DDR gab, arbeitet Benkert nicht heraus. Er geht auch nicht der Frage nach, wie sich der Umgang mit solchen Gewalterfahrungen aus der DDR-Zeit im Kontext des vereinten Deutschlands entwickelte.

Abgesehen davon gelingt es Volker Benkert mit seinen qualitativen Erhebungs- und Auswertungsmethoden den Blick auf die Auswirkungen einer doppelten Sozialisation in der DDR bis 1989/90 und in der Bundesrepublik nach 1989/90 zu richten. So liefert seine Studie ergänzende Informationen zu quantitativen Erhebungen über einzelne Fälle, die auf größere Zusammenhänge verweisen. Stellenweise verharrt die Darstellung allerdings in der Wiedergabe biographischer Erlebnisse, ohne eine tiefschürfende Analyse anzubieten. In der Darstellung der Vielfalt ostdeutscher Identitäten und Lebenswege vor und nach der Systemtransformation liegt die Stärke dieses Buches.

Anmerkungen:
[1] Volker Benkert, Von der Breite und Tiefe ostdeutscher Kohortenprägungen. Warum die letzte DDR-Jugend keine Generation wurde, in: Adriana Lettrari / Christian Nestler / Nadja Troi-Boeck (Hrsg.), Die Generation der Wendekinder. Elaboration eines Forschungsfeldes, Wiesbaden 2016, S. 37–51.
[2] Hans-Jürgen von Wensierski, Mit uns zieht die alte Zeit. Biographie und Lebenswelt junger DDR-Bürger im gesellschaftlichen Umbruch, Opladen 1994.

Zitation
Kathrin Zöller: Rezension zu: : Glückskinder der Einheit?. Lebenswege der um 1970 in der DDR Geborenen. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 25.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27960>.