S. Lehnstaedt: Imperiale Polenpolitik

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Titel
Imperiale Polenpolitik in den Weltkriegen. Eine vergleichende Studie zu den Mittelmächten und zu NS-Deutschland


Autor(en)
Lehnstaedt, Stephan
Erschienen
Osnabrück 2017: fibre Verlag
Umfang
527 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Schutte, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung - Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Marburg

Die Frage, inwiefern sich Verlauf und Resultate des Ersten Weltkriegs auf die Epoche des Zweiten Weltkriegs ausgewirkt haben, hat in der Historiografie, soweit sie das Deutsche Reich betrifft, in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder eine Rolle gespielt, ohne dass dieser Themenkomplex jemals systematisch erforscht worden wäre.[1] Ganz allgemein ist zu konstatieren, und dies gilt auch für das vorliegende Werk, dass entsprechende Studien eher auf den Ersten Weltkrieg fokussieren und die Ereignisse zwischen 1939 und 1945 lediglich als Vergleichsmaßstab heranziehen.[2] Aus Sicht der polnischen Historiografie und Erinnerungskultur wiederum waren die Resultate des Ersten Weltkriegs, der nicht zuletzt zur Wiedererrichtung des polnischen Staates führte, viel zu positiv, als dass Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg, der auch auf die Vernichtung der polnischen Nation abzielte, statthaft gewesen wären.

Die vorliegende Studie, mit der Stephan Lehnstaedt an der TU Chemnitz habilitiert wurde, wagt eine Kombination aus synchronem und diachronem Vergleich. In den ersten drei Hauptkapiteln, die ausschließlich dem Ersten Weltkrieg gewidmet sind, stellt Lehnstaedt die Besatzungspolitik des Deutschen Reiches im Generalgouvernement Warschau (GW) derjenigen Österreich-Ungarns im Militärgouvernement Lublin (ML) gegenüber, während sich das vierte und letzte Hauptkapitel der Frage zuwendet, welche „Kontinuitäten und Brüche der Machtentfaltung“ sich zur deutschen Besatzungspolitik in Polen im Zweiten Weltkrieg feststellen lassen. Dass manche Denkmuster aus der Zeit des Ersten Weltkriegs in radikal zugespitzter Form die deutsche Besatzungspolitik seit 1939 prägten – Lehnstaedt erwähnt hier u.a. die Idee eines deutsch beherrschten Mitteleuropas oder die Radikalisierung der Freund-Feind-Wahrnehmung (S. 12f.) –, dürfte unstrittig sein. Zu wenig sei hingegen bislang die Tatsache gewürdigt worden, „dass in beiden Weltkriegen gerade Imperien in Polen ihre Vorstellungen von multiethnischen Großreichen verwirklichen wollten“ (S. 16); die Studie versteht sich somit als Beitrag zur Imperialismusforschung. Es zählt zu ihren großen Vorzügen, dass ihr Quellenmaterial – im Wesentlichen ausgewählte behördliche Überlieferung aus den besetzten Gebieten sowie als Einzelquelle die Korrespondenz des deutschen Generalgouverneurs Hans von Beseler – durchgängig sowohl für die beiden Vergleichsebenen als auch hinsichtlich möglicher kolonialer bzw. imperialer Strukturen in gut nachvollziehbarer Weise nutzbar gemacht wird.

Das 1. Hauptkapitel setzt sich mit den „Voraussetzungen der Fremdherrschaft im Ersten Weltkrieg“ unter drei Gesichtspunkten auseinander: erstens hinsichtlich der Ausgestaltung imperialer Machtausübung, die sich z.B. an der „Politik der Differenz gegenüber verschiedenen Ethnien“ (S. 41), aber auch dem Grad der Integration Polens in das österreichisch-ungarische bzw. deutsche Imperium ablesen lässt; zweitens bezüglich der Kriegsziele und der Nachkriegskonzepte für Polen; drittens hinsichtlich der Besatzungsstrukturen, wobei Lehnstaedt hauptsächlich auf das Spannungsverhältnis zwischen Machtzentrum und Besatzungsperipherie (also zwischen Berlin und Warschau sowie zwischen Wien und Lublin) eingeht. Besonderes Gewicht kam in allen drei Bereichen dem Umstand zu, dass Österreich-Ungarn im ML eine reine Militärverwaltung installierte, die nicht nur der Regierung, sondern auch dem Armeeoberkommando gegenüber rechenschaftspflichtig war, während Beseler direkt dem Kaiser unterstellt war und insgesamt mehr Handlungsfreiheit genoss. Die hieraus für die praktische Verwaltungsarbeit erwachsenden Unterschiede änderten allerdings nichts an einem grundlegenden Manko beider Besatzungsherrschaften: Sie waren auf eine möglichst weitreichende Ausbeutung Polens für die Kriegswirtschaft hin ausgerichtet, während jegliche langfristige Planung auf die Zeit nach einem gewonnenen Krieg verschoben wurde.

Diese Strategien werden im 2. Hauptkapitel genauer in den Blick genommen, und Lehnstaedt fragt immer wieder nach Unterschieden zwischen GW und ML. Diese fielen insgesamt geringer aus, als es die Vorgeschichte vermuten ließe: Im 19. Jahrhundert war die auf nationale Vereinheitlichung abzielende Nationalitätenpolitik des Deutschen Reichs in Posen und Westpreußen doch stark vom österreichischen Vorgehen in Galizien abgewichen. Im Weltkrieg nun, angesichts der im Besatzungsalltag wohl unvermeidlichen Schikanen gegenüber der Bevölkerung, identifizierte zwar die Führung des ML „die Fallstricke einer derartigen Politik wesentlicher klarer“ (S. 216) als die deutsche Seite, doch blieb in beiden Gouvernements das Werben um Unterstützung letztlich erfolglos. Die Ausbeutung der wirtschaftlichen Ressourcen stand eindeutig im Vordergrund – im ML stärker mit dem Fernziel einer wirtschaftlichen Inkorporation in die Doppelmonarchie, im GW stärker in Form von Repressalien und Industriedemontagen. Selbstinszenierungen beider Besatzungsmächte als die Garanten polnischer Interessen, die sich schließlich in der Proklamation des Königreichs Polen am 6. November 1916 manifestierten, waren aber auch Ausdruck von Konkurrenz und Misstrauen zwischen den Verbündeten.

Die Auswirkungen der Besatzungspolitik auf die polnische Bevölkerung rücken im 3. Kapitel stärker in den Vordergrund. Polen war zu Kriegsbeginn von den Regierungen in Berlin und Wien als „Überschussgebiet“ eingestuft worden, das neben der Bevölkerung vor Ort auch Österreich und Deutschland mitversorgen könne. Lehnstaedt kann überzeugend darlegen, dass gewisse marktwirtschaftliche Prinzipien auch im Krieg galten und Faktoren wie der Schmuggel über die innerpolnische Grenze oder die unterschiedliche Preisentwicklung im GW und ML eine effektive Integration der polnischen Gebiete in den deutschen und österreichischen Wirtschaftsraum verhinderten. Eindrückliche Beispiele veranschaulichen die Mühen auch auf Seiten der Besatzer: Für das Sammeln von Seifenwurzeln im Kreis Lubartów wurden Ende 1917 30 Soldaten angefordert; es kam jedoch nur ein einziger, der sich dann wohl auch an die Arbeit machte – natürlich ohne nennenswerte Resultate (S. 295).

Die einzelnen Bezüge und Unterschiede zum Zweiten Weltkrieg, die im 4. Kapitel aufgezeigt werden, sind zwar für sich genommen nicht neu, aber in ihrer engen argumentativen Verknüpfung ganz zweifellos von hohem Wert. Selbstverständlich war der nationalsozialistische Vernichtungskrieg weitaus brutaler und viel stärker auf Zerstörung der bestehenden Strukturen hin ausgerichtet, basierte aber z.B. auf ähnlichen Verwaltungsstrukturen vor Ort (S. 460). Besonderen Wert legt Lehnstaedt auf die Feststellung, dass keine der drei untersuchten Besatzungsherrschaften, wie in der Forschung bisweilen üblich[3], als „Kolonialismus“ charakterisiert werden sollte. Im Ersten Weltkrieg habe das Deutsche Reich „eine indirekte Dominanz über einen anderen Staat“, Österreich-Ungarn hingegen die „Eingliederung eines Kronlands“ (S. 266) angestrebt – beides sei recht weit von dem rassistisch-chauvinistisch konnotierten Kolonialismus des 18. und 19. Jahrhunderts entfernt gewesen. Adolf Hitler wiederum sei zwar vom britischen Weltreich fasziniert gewesen, seine zielgerichtete, jegliche zivilisatorischen Erwägungen außer Acht lassende Vernichtungspolitik sei jedoch weder mit dem europäischen Übersee- noch dem US-amerikanischen Siedlungskolonialismus zu vergleichen. Insgesamt, so Lehnstaedt in seinem Fazit, ließen sich auch keine Kontinuitätslinien zwischen Ersten und Zweitem Weltkrieg feststellen, die über den Umstand, „dass alles Spätere irgendwie auf früherer Geschichte beruht“ (S. 465), hinausgehen und die Forschung voranbringen könnten.

Nicht jede/r Weltkriegshistoriker/in wird dieser Einschätzung folgen wollen. Um in dieser Studie aber wirkliche Mängel zu finden, muss man schon sehr ins Detail gehen. Anstelle einer „zaristischen“ war im Ersten Weltkrieg, wenn überhaupt, die zarische Armee im Einsatz; und „die deutsche Rasse“ sähe man im deutschen Sprachgebrauch doch lieber in Anführungszeichen (S. 359). Zusammenfassend ist aber unbedingt festhalten, dass die vorliegende Studie aufgrund ihrer konsequent komparatistischen Perspektive wesentlich zum besseren Verständnis der Herrschaftsstrukturen in den beiden Weltkriegen beiträgt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt Peter Lieb, Der deutsche Krieg im Osten von 1914 bis 1919. Ein Vorläufer des Vernichtungskriegs?, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), S. 465–506.
[2] Dies fällt in der jüngsten Forschung besonders auf bei Hans-Erich Volkmann, Die Polenpolitik des Kaiserreichs. Prolog zum Zeitalter der Weltkriege, Paderborn 2016.
[3] Vgl. z.B. Oxana Nagornaja, Des Kaisers Fünfte Kolonne? Kriegsgefangene aus dem Zarenreich im Kalkül deutscher Kolonisationskonzepte (1914 bis 1922), in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 58 (2010), S. 181–206, hier S. 184.

Zitation
Christoph Schutte: Rezension zu: : Imperiale Polenpolitik in den Weltkriegen. Eine vergleichende Studie zu den Mittelmächten und zu NS-Deutschland. Osnabrück  2017 , in: H-Soz-Kult, 27.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27993>.