Cover
Titel
Concentration Camps. A Short History


Autor(en)
Stone, Dan
Erschienen
Umfang
IX, 159 S.
Preis
€ 9,71
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kim Wünschmann, Ludwig-Maximilians-Universität München

Konzentrationslager sind nicht nur Gegenstand akademischer Forschung – als historische Phänomene werden sie in der Geschichtswissenschaft ergründet, als Schlüssel zum Verständnis der Moderne in der Philosophie und den Sozialwissenschaften –, sie sind auch ein Politikum. Im Ringen um Aufmerksamkeit und Anerkennung von Unrecht wird der Terminus „Konzentrationslager“ (ähnlich wie „Genozid“) nicht selten zum polemisierenden Kampfbegriff, benutzt von einer Vielzahl von Akteur/innen. Wie Dan Stone in seinem neuen, hier zu besprechenden Buch zeigt, sind an einer weiten Auslegung des Begriffes gerade auch Wissenschaftler/innen beteiligt. So bezeichnen zum Beispiel nicht nur ehemalige Häftlinge in ihren Memoiren das Laogai-System von Arbeitslagern in China als „Konzentrationslager“, sondern auch einzelne Werke der Forschung (S. 105). Die Internierung amerikanischer Staatsangehöriger japanischer Herkunft in den Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs behandelt der Historiker Roger Daniels in seinem Buch mit dem streitbaren Titel „Concentration Camp USA“ (S. 81). Sein Kollege Tetsuden Kashima besteht darauf, dass „[t]he most accurate descriptive term is concentration camp“ (S. 91). Und um strukturelle Benachteiligungen in der globalisierten Welt zu beschreiben, provoziert der Philosoph Alfonso Lingis mit der Aussage, „‚forty thousand children dying each day in the fetid slums of Third World cities’ constitutes ‚an Auschwitz every three months’“ (S. 116). An diesem letzten Beispiel wird die herausragende Stellung der nationalsozialistischen Konzentrationslager deutlich, welche den Diskurs dominieren. Ultimativer Referenzpunkt ist dabei das Konzentrationslager Auschwitz, „the symbol of the Holocaust and of the capacity for evil in general: the clearest instantiation of the intent to kill that human beings have yet devised.“ (S. 79).

Dass Konzentrationslager auch zu anderen Zeiten und an anderen Orten bestanden, ist weithin bekannt. Selten jedoch wird diese komplexe „Welt der Lager“ in einer umfassenden Zusammenschau ausgeleuchtet.[1] Mit Stones Buch liegt nun eine konzise Globalgeschichte der Konzentrationslager vor, die den Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart spannt. Dass sich eine solche Geschichte nicht schreiben lässt, ohne immer wieder auch die grundsätzlichen Fragen nach der Definition und der Vergleichbarkeit der einzelnen mit dem Begriff „Konzentrationslager“ bezeichneten Stätten zu diskutieren, hat Stone richtig erkannt. Durch das Buch hindurch weist er immer wieder hin auf die Wandelbarkeit des Begriffs „Konzentrationslager“, auf die Notwendigkeit der differenzierten Betrachtung und die Vorsicht in der Bewertung, auch und vor allem in Bezug auf das Erleben der Opfer. So konstatiert der Autor in Bezug auf die Tatorte des osmanischen Völkermords an den Armenier/innen und deren Vergleichbarkeit mit den NS-Vernichtungslagern allgemein und einleuchtend: „The difference pertains solely to the institutional history of the concentration camps, the different logic of the perpetrators’ world views, and the means of technology at their disposal, not the value of the victims in either case.“ (S. 30). Stone gelingt, dies sei hier schon gesagt, bei der Navigation durch die teils umstrittene Phänomenologie eine überzeugende Positionierung ohne Polarisierung.

Dies ist umso bemerkenswerter, als dass es sich hier um ein „trade book“ handelt, also um ein Genre, mit dem im englischsprachigem Verlagswesen ein kompaktes Sachbuch ausgerichtet auf ein breites Laienpublikum bezeichnet wird. Dieses Schreiben an der Schnittstelle von Forschung und populärwissenschaftlicher Darstellung kann schnell zur Quadratur des Kreises werden. Mit insgesamt nur 159 Seiten ist Stones Geschichte der Konzentrationslager tatsächlich äußerst knapp gehalten. An die Zitier- und Belegweise, die nicht dem klassischen wissenschaftlichen System von Fuß- oder Endnoten entspricht, sondern die Werke, auf die der Text sich – oft auch ohne explizite Erwähnung – stützt, in einem kurzen Referenzapparat alphabetisch geordnet aufführt, musste sich die akademische Leserin erst gewöhnen. Manches hätte sich genauer auflösen lassen können. Einen Verweis auf Zygmunt Baumans grundlegenden Aufsatz ‚A Century of the Camps?’[2] beispielsweise, der bereits auf Seite 2 erwähnt wird, sucht man in den Anmerkungen zum ersten Kapitel vergebens. Er ist allerdings in den Anmerkungen zum letzten Kapitel verzeichnet, wo Baumans Theorie der Konzentrationslager als einem logischen Kulminationspunkt der Moderne eingehender besprochen wird (S. 117–120).

Gegliedert ist Stones Buch in sechs Kapitel. Das erste und letzte Kapitel reflektieren eher konzeptionell-theoretisch über die historische Bedeutung der Konzentrationslager, ihre wesentlichen Charakteristika sowie die Notwendigkeit und zugleich die Schwierigkeiten einer allgemeingültigen Definition. Sie rahmen die übrigen vier Kapitel, in denen der Autor einen chronologischen Abriss über die Geschichte gibt. Die Ursprünge der Konzentrationslager (Kapitel 2) sieht Stone nicht nur in den um die Jahrhundertwende in kolonialen Kontexten auf Kuba, den Philippinen, in Südafrika und Deutsch-Südwestafrika entstandenen Lagern. Sich hier manifestierende „use of reservations, of deporting population groups from their original places of residence“ (S. 11) zeigten sich ansatzweise bereits in den Gewaltmaßnahmen gegen die indigene Bevölkerung in den USA und Australien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch der Masseninternierung von Kriegsgefangenen und Zivilisten während des Ersten Weltkriegs schreibt Stone hohe Bedeutung in der Erklärung der Radikalisierung der Konzentrationslager zu (S. 22). Das dritte Kapitel widmet sich dem „Dritten Reich“ und der Janusköpfigkeit (S. 53) der Lager im Nationalsozialismus. In der Diskussion um das Nebeneinander von Exklusions- und Inklusionslagern verschwimmt etwas die Spezifik der NS-Konzentrationslager, die, gerade weil sie zum ultimativen Referenzpunkt aller Vergleiche geworden sind, noch einmal genauer von anderen Zwangslagern hätten abgegrenzt werden können (ansatzweise auf S. 4–5).

Im Gegensatz zum klaren Bild von den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, bleibt, so macht das vierte Kapitel deutlich, der Gulag nur schwer visualisierbar (S. 58). Die von Alexander Solschenizyn geprägte Vorstellung eines „Archipels“ entlegener Lager und Strafkolonien korrigiert Stone und weist auf Haftstätten hin, die sich in Städten wie Tomsk oder Novosibirsk befanden. Die Grenzen zwischen einem Lager und der es umgebenden Bevölkerung konnten fließend sein und so schließt Stone ob dieser topographischen Heterogenität, dass „the characteristics of some of the Gulag’s institutions challenge our understanding of what a concentration camp is“ (S. 67). Das fünfte Kapitel versammelt unter dem Titel „The Wide World of Camps“ weitere Lager totalitärer Regime u.a. im faschistischen Spanien und Italien; Internierungsstätten, die von liberalen Demokratien eröffnet wurden, darunter auch Flüchtlingslager und DP Camps; Lager, die im Zuge der Dekolonisation in Algerien, Malaya und Kenia bestanden oder solche, die die Khmer Rouge in Kambodscha nutzte, die während der Jugoslawienkriege in Bosnien errichtet wurden und die gegenwärtig noch in Nord Korea bestehen.

Am Ende dieser Tour de Force steht die Erkenntnis, dass sich mit dem Begriff Konzentrationslager eine Vielzahl von Inhaftierungspraktiken assoziieren lassen, die sich wiederum nicht alle mit der Logik der Moderne erklären lassen: „The camp is a product of modernity but also embodies a desire to overthrow rationality: a desire to abandon all limits, to transgress the moral law, and to engage in a kind of organized frenzy.“ (S. 121). Stone glückt die Aufbereitung einer hochkomplexen Materie für ein breites Publikum. Den nicht-fachkundigen Leser/innen wird nicht nur ein differenziert historisches Wissen auf aktuellem Forschungsstand vermittelt. Sie erhalten zudem eine Anregung zum kritischen Nachdenken über das Phänomen der Konzentrationslager und darüber, ob das 20. Jahrhundert nicht doch mehr war als nur das „Jahrhundert der Lager“ (S. 133).

Anmerkungen:
[1] Ausnahmen sind: Bettina Greiner / Alan Kramer (Hrsg.), Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013; Christoph Jahr / Jens Thiel (Hrsg.), Lager vor Auschwitz. Gewalt und Integration im 20. Jahrhundert, Berlin 2013.
[2] Zygmunt Bauman, A Century of Camps?, in Peter Beilharz (Hrsg.), The Bauman Reader, Oxford 2001, S. 266–280.

Zitation
Kim Wünschmann: Rezension zu: : Concentration Camps. A Short History. Oxford  2017 , in: H-Soz-Kult, 02.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28050>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.10.2018
Redaktionell betreut durch