SET Rezension zu: O. von Wrochem (Hrsg.): Repressalien und Terror | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften
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Titel
Repressalien und Terror. "Vergeltungsaktionen" im deutsch besetzten Europa 1939–1945


Hrsg. v.
Wrochem, Oliver von
Erschienen
Umfang
271 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Schmittwilken, Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte, München

Pančevo, 20. April 1941: Vom Friedhof der serbischen Stadt aus eröffnen Widerstandskämpfer das Feuer auf Angehörige der Waffen-SS-Division „Das Reich“. Ein SS-Mann stirbt, ein zweiter wird schwer verwundet. Den Schützen gelingt es, unentdeckt zu entkommen. Die deutschen Besatzer reagieren mit einer Razzia in der Stadt und lassen 36 Zivilisten von einem Standgericht zum Tode verurteilen. Sie werden am 21. und 22. April je zur Hälfte öffentlich von Wehrmachtsoldaten erschossen oder erhängt.

Pančevo blieb keine Ausnahme. In allen Teilen des besetzten Ost- und Südosteuropas verübten die deutschen Besatzer Verbrechen an der Zivilbevölkerung, die sie als „Repressalien“, „Sühne“- oder „Vergeltungsmaßnahmen“ deklarierten. Sie waren Teil einer Strategie der Abschreckung: Jeglicher Widerstand sollte durch häufig anlasslosen, gezielten Terror von vornherein verhindert werden. Zugleich dehnten die Deutschen den systematischen Völkermord an Juden und Roma so weiter aus – nicht zuletzt im Rahmen der Bekämpfung angeblicher Partisanen.

Im besetzten Westeuropa blieben anlasslose Verbrechen die Ausnahme. Zu Beginn des Krieges orientierten sich die Deutschen zumindest teilweise noch an den Grundlagen des Völkerrechts, wenn sie auf Widerstandsakte reagierten. Mit Fortschreiten des Krieges verschärften sie ihre Besatzungspolitik. Dazu trugen auch SS- und Wehrmachtsverbände bei, die nach der Landung der Alliierten in Frankreich an die Westfront verlegt wurden: Sie brachten ihre Handlungspraxis von der Ostfront mit, brannten Häuser nieder und verübten Massaker. Doch blieben in West- und Nordeuropa sowie in Italien vornehmlich Deportationen in Konzentrationslager oder zur Zwangsarbeit das Mittel der Wahl der deutschen Besatzer für „Vergeltungsmaßnahmen“. Die jüdische Bevölkerung indes wurde massenhaft deportiert und ermordet.

In dem vorliegenden Sammelband vereint Oliver von Wrochem 15 Beiträge zum Thema. Sie gehen auf ausgewählte Vorträge des Begleitprogramms der 2015 gezeigten Ausstellung „Deportiert ins KZ Neuengamme. Strafaktionen von Wehrmacht und SS im besetzten Europa“ sowie auf Beiträge einer im Anschluss organisierten Tagung zurück.

Der Jurist Gerd Hankel geht im ersten Abschnitt des Bandes auf die rechtlichen Hintergründe ein: Bis heute stellen demnach Repressalien im Völkerrecht eine Antwort auf einen Rechtsbruch des Gegners dar, mit denen dieser dazu gezwungen werden soll, sich wieder rechtskonform zu verhalten. Im Zweiten Weltkrieg dienten Repressalien häufig als Deckmantel für den massenhaften Mord an Zivilisten. Zwar war das internationale Kriegsrecht in deutsches Recht umgesetzt worden und die Soldaten der Wehrmacht hatten entsprechende Schulungen erhalten. Doch waren von vornherein Ausnahmen vorgesehen, darunter der „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“ und der „Sühnebefehl“. Beide wurden von den Richtern im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1946 als klare Rechtsbrüche behandelt.

Habbo Knoch erweitert mit seinem Beitrag das Feld der Erklärungsansätze für die Beteiligung an Völkermorden im 20. Jahrhundert. Wichtiger als die Gewöhnung an das Morden und ideologische Programme sei es gewesen, dass die Täter an bekannte Legitimationsmuster anknüpfen konnten. Deklarierten sie die Morde als „Repressalie“ oder „Vergeltung“, so erlaubte dies die eigene Tat als bloße Reaktion auf einen imaginierten Gewaltakt des vermeintlichen oder tatsächlichen Gegners zu begreifen. Die Hemmschwelle, einen anderen Menschen zu töten, wurde so herabgesetzt.

Der zweite Abschnitt des Bandes richtet den Blick auf Ost- und Südosteuropa. Daniel Brewing stellt die Spezifika der ersten polnischen Partisaneneinheit und die Reaktion der Besatzer auf deren Auftreten vor. Die Deutschen sahen sich in ihren Vorstellungen von den Partisanen bestätigt und reagierten mit unerbittlicher Gewalt auf ihre Furcht vor dem unberechenbaren Feind. Die internen Konflikte zwischen Wehrmacht und SS/Polizei trugen zu einer weiteren Radikalisierung bei, da sich die SS/Polizei durch Härte zu beweisen suchte. Die Zivilbevölkerung geriet unter Generalverdacht.

Stefan Klemp und Walter Manoschek stellen jeweils die deutschen Verbrechen im tschechischen Lidice bzw. im serbischen Pančevo und Kragujevac vor. Lidice wurde als Reaktion auf das tödliche Attentat auf Reinhard Heydrich öffentlichkeitswirksam zerstört, die Bewohner wurden ermordet. Wie Klemp herausstellt, war auch die Ordnungspolizei dabei eine zentrale Täterorganisation. Manoschek zeigt, dass auch in Serbien mit exemplarischer Härte auf jeglichen Widerstand reagiert wurde. Hier war vor allem die Wehrmacht der Hauptakteur. Zwar hatte die deutsche Besatzungspolitik dort ebenfalls rassistische Elemente, doch anders als im besetzten Polen und der Sowjetunion ging es den Deutschen in Serbien nicht darum, die Bevölkerung zu dezimieren und zu versklaven. Ausgenommen waren auch hier Juden und Roma, die systematisch ermordet wurden.

Hannes Heer stellt die Region Minsk in den ersten Monaten der Besatzung in den Mittelpunkt seines Beitrags. In Abwesenheit von Sicherheitspolizei und SD verübten Wehrmachtseinheiten dort Massenmorde an Juden, die sie als die Drahtzieher möglichen Widerstandes ansahen. Er schließt seinen Beitrag mit der These, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall gehandelt habe. Vielmehr sei davon auszugehen, dass zu anderen Regionen aufgrund der ausgebliebenen juristischen Aufarbeitung weniger Quellen zur Verfügung stehen. Mit seinem Befund knüpft er an die Debatte an, die nach der ersten Wehrmachtsausstellung entstand.

Mit Blick auf die besetzte Ukraine arbeitet Herwig Baum heraus, dass die Deutschen von Beginn an massive Verbrechen an der Zivilbevölkerung begingen, um möglichem Widerstand vorzubeugen. Gleichzeitig dehnten sie so ihren rassistischen Vernichtungskrieg gegen Juden und Roma und die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes weiter aus. Im den von Rumänien besetzten Gebieten waren unbeteiligte Zivilisten sehr viel seltener Ziel des Terrors im Rahmen des Kampfes gegen Partisanen.

Der vierte Teil des Bandes geht auf die Verbrechen in der letzten Phase des Krieges ein. Stratos Dordanas zeigt, dass auch in Griechenland nach der Besetzung Terror gegen die Zivilbevölkerung zu einem zentralen Teil der deutschen Besatzungsstrategie wurde. Obwohl die Wehrmacht Ende 1943 darüber nachdachte, ihre Strategie zu ändern, fand dies in der Praxis bis zum Kriegsende nicht statt.

Mit ihrer Reaktion auf den Warschauer Aufstand zeigten die Deutschen, dass ihnen in Polen ebenfalls nicht daran gelegen war umzudenken. Georg Erdelbrock arbeitet heraus, wie sie die Bewohner Warschaus nach Beginn des Aufstandes 1944 unerbittlich ermordeten. Zu einer Mäßigung konnten sie sich nur aus wirtschaftlichen Gründen durchringen.

Die übrigen Beiträge des Abschnitts belegen, dass die Besatzungspolitik in Westeuropa im letzten Kriegsjahr immer radikaler wurde. Massaker wie jenes im französischen Gouesnou, das in Lars Hellwinkels Beitrag thematisiert wird, blieben allerdings die Ausnahme. Vielmehr wurden – das zeigen die Aufsätze von Christine Eckel und Katharina Hertz-Eichenrode – die Opfer meist in Konzentrationslager im Reich deportiert. Die Verbrechen hinterließen bei den Überlebenden und ihren Nachkommen lebenslang Spuren, wie Christel Trouvé hervorhebt.

Der letzte Abschnitt richtet den Blick auf das Reichsgebiet. Personen, die im Rahmen angeblicher Vergeltungsmaßnahmen deportiert wurden, hatten nach Jens-Christian Hansen deutlich geringere Chancen, die KZ-Haft zu überleben, als andere Häftlingsgruppen. Georg Hoffmann zeigt, dass Gewalt gegen abgeschossene alliierte Flugzeugbesatzungen keineswegs von spontan zusammengekommenen wütenden Gruppen ausgeübt wurde, wie dies die deutsche Propaganda glaubhaft machen wollte. Vielmehr wurde sie von NSDAP-Mitgliedern gezielt organisiert.

Die in dem Band versammelten Erkenntnisse sind nicht durchgehend neu. Die zentralen Thesen einiger Autorinnen und Autoren wurden bereits vor Jahren veröffentlicht, Teile von Walter Manoscheks Beitrag erschienen gar 1999 im Wortlaut in „Die Zeit“.[1] Doch bieten die Beiträge in ihrer Bündelung einen guten Überblick über einen zentralen Aspekt der deutschen Besatzungspolitik aus Sicht der Täter. Es wäre müßig zu kritisieren, dass einige Themen und Regionen nicht ausreichend behandelt werden, denn naturgemäß kann ein solcher Band keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Zudem entschädigt Oliver von Wrochems Einleitung für einige dieser Lücken.

Insgesamt liegt eine wertvolle Sammlung von Fallstudien vor, die Opfer und Täter benennt und die Hintergründe der Verbrechen analysiert. Es bleibt zu hoffen, dass diesem Impuls eine breitere Forschung folgen wird.

Anmerkung:
[1] Siehe Walter Manoschek, Du – Strick! Du – Kugel! Pancevo, April 1941. Das Protokoll eines Massakers, in: Die Zeit, 8.7.1999, http://www.zeit.de/1999/28/Du-Strick_Du-Kugel (18.12.2017).

Zitation
Christian Schmittwilken: Rezension zu: Wrochem, Oliver von (Hrsg.): Repressalien und Terror. "Vergeltungsaktionen" im deutsch besetzten Europa 1939–1945. Paderborn 2017 , in: H-Soz-Kult, 12.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28080>.
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12.01.2018
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