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Titel
Norman Kings of Sicily and the Rise of the Anti-Islamic Critique. Baptized Sultans


Autor(en)
Birk, Joshua C.
Erschienen
Umfang
XVI, 371 S.
Preis
€ 97,94
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Obenaus, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien

Forschungen und Studien zu unterschiedlichen Aspekten von Interkulturalität und Transkulturalität erfreuten sich in den letzten Jahren im Bereich der Mediävistik des englisch-, aber auch des deutschsprachigen Raumes großer Beliebtheit, was dazu führte, dass die Anzahl an einschlägigen Publikationen enorm anwuchs. Dabei zeigen vor allem Sammelbände[1], aber auch neu entstandene Zeitschriften, wie das seit 2014 im De Gruyter-Verlag erscheinende „Journal of Transcultural Medieval Studies“ oder auch die 2015 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ins Leben gerufene Online-Zeitschrift „Medieval Worlds. Comparative & Interdisciplinary Studies“[2], dass solche Themen im Endeffekt mittlerweile dem Mainstream der mediävistischen Forschung angehören. Ein altbekanntes, aber nach wie vor sehr beliebtes Themenfeld in diesem zweifellos boomenden Subgenre bilden Studien zu den Verflechtungen zwischen christlicher und islamischer Welt während des Mittelalters, wobei hier regelmäßig drei Regionen in den Blickwinkel der Historiker/innen rücken – und zwar die Iberische Halbinsel, die Levante und Sizilien.

Joshua C. Birk, der derzeit als Associate Professor am History Department des Smith College in Northampton, Massachusetts, tätig ist, steuert mit seiner jüngsten, 2016 erschienenen Monografie „Norman Kings of Sicily and the Rise of the Anti-Islamic-Critique“ eine weitere Studie zu den zuletzt nicht geringen Forschungen im Bereich der christlich-islamischen Beziehungen und Verflechtungen im mittelalterlichen Sizilien bei.[3] Dabei nimmt er die Phase normannischer Herrschaft im späten 11. und 12. Jahrhundert sowie zu einem geringen Teil auch jene der Staufer im frühen 13. Jahrhundert in den Blick und geht – laut eigener Aussage – in seiner Arbeit drei großen Zielsetzungen nach. So versucht er erstens darzulegen, warum und wie die christlichen, normannischen Herrscher Siziliens die muslimische Bevölkerung der Insel in ihre Herrschaftskonzepte integrierten und diese in Folge auch für die Darstellung sowie die Durchsetzung ihrer eigenen politischen Macht benötigten. Zweitens möchte er untersuchen, warum der islamische Einfluss am normannisch-sizilianischen Hof wenig Aufmerksamkeit und sogar noch weniger Kritik durch Intellektuelle aus dem christlichen Europa mit sich brachte. Drittens fragt er danach, warum im ausgehenden 12. Jahrhundert Gewaltausbrüche gegen die muslimische Bevölkerung Siziliens zunahmen und eine anti-islamische Stimmung sich im westlichen Europa zu entwickeln begann.[4]

Den genannten Zielsetzungen widmet Birk – von der Einleitung und dem Nachwort abgesehen – insgesamt sechs Kapitel. Im ersten davon, im Buch als zweites Kapitel geführt, zeigt Birk, dass die normannischen Anführer bereits während der Eroberungsphase ab den 1060er-Jahren Bündnisse mit lokalen muslimischen Anführern eingingen und in Folge auf deren militärische Unterstützung angewiesen waren. Muslimische Truppen wurden somit früh in die normannischen Armeen integriert und blieben in Folge ein charakteristisches Merkmal, wobei zeitgenössische lateinische Quellen diesem Umstand kaum Gewicht beimaßen. Das dritte Kapitel beleuchtet die Beziehung zwischen den neuen normannischen Herrschern und ihren muslimischen Untertanen. Hier zeigt sich, dass die Muslime Siziliens grundsätzlich unter der direkten Herrschaft der normannischen Herrscher standen und für diese einen wichtigen militärischen als auch finanziellen Rückhalt bildeten. Speziell zur Abschöpfung der Steuerleistung der Muslime entstand am normannischen Hof eine mächtige, arabischsprachige Verwalterschicht, die – so wie die muslimischen Soldaten – typisch für das normannische Königreich Sizilien werden sollte. Im vierten Kapitel lenkt Birk das Augenmerk auf eine konkrete historische Episode aus dem Jahr 1153, als ein hochrangiges Mitglied dieser arabischsprachigen Führungsschicht hingerichtet wurde. Dabei handelt es sich um den zum Christentum konvertierten Palasteunuchen Philipp von Mahdia. Quellen aus dem frühen 13. Jahrhundert machten für seinen Sturz sowie die anschließende Hinrichtung sein zumindest geheimes Festhalten am muslimischen Glauben verantwortlich, was zahlreiche Historiker/innen dazu veranlasste, dieses Ereignis als wichtigen Beleg für die beginnende anti-muslimische Stimmung im normannischen Königreich Sizilien zu interpretieren. Birk hingegen sieht Philipp viel eher als Opfer einer Palastintrige beziehungsweise eines Machtkampfes knapp vor dem sich bereits abzeichnenden Tod König Rogers II. an. Das fünfte Kapitel ist allgemein dem Phänomen der arabischsprachigen Palasteunuchen am normannisch-sizilianischen Hof gewidmet, während das sechste Kapitel zeigt, wie eng in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts das Schicksal der sizilianischen Muslime mit jenem der normannischen Herrscher verbunden war. So brachten Aufstände gegen die normannischen Könige ab den 1160er-Jahren oder auch Phasen der Schwäche wiederholt anti-muslimische Ausschreitungen durch die christliche Bevölkerung mit sich. Im siebten Kapitel beleuchtet Birk schließlich das krisenreiche Ende der normannischen Herrschaft in Süditalien, das zu massiven Übergriffen auf und Vertreibungen der muslimischen durch die christliche Bevölkerung Siziliens führte. Ebenso wurden durch Papst Innozenz III. im Rahmen dieser Machtkämpfe erstmals Polemiken gegen unliebsame Protagonisten vorgebracht, in denen die Kooperation mit den Muslimen Siziliens thematisiert und eindeutig negativ dargestellt wurde. Dieser Punkt wird im Nachwort nochmals aufgegriffen, nun aber im Hinblick auf die päpstlichen Vorwürfe der Kollaboration mit und dem Naheverhältnis zu Muslimen durch den neuen Herrscher von Sizilien, den Staufer Friedrich II., die in Folge zu einer stärkeren Rezeption dieser anti-muslimischen Kritik im christlichen Europa führten. Ein kurzer Ausblick auf die endgültige Unterwerfung und Vertreibung der Muslime aus Sizilien im 13. Jahrhundert schließt das Nachwort ab.

Zusammenfassend darf man sagen, dass Joshua C. Birk hier zwar eine gut lesbare Studie gelungen ist, die jedoch nur zum Teil mit einer neuen Sicht auf die christlich-muslimischen Beziehungen im normannischen Sizilien aufwartet. Viel Altbekanntes mischt sich mit eher wenigen neuen Ansätzen. Zentral für dieses Buch sind sicher die Neubewertung der Hinrichtung des Philipp von Mahdia sowie die Rückdatierung des Beginns der anti-muslimischen Stimmung im Königreich Sizilien in die 1160er-Jahre. Beide Punkte sind jedoch aufgrund des Fehlens von eindeutigen zeitgenössischen Belegen bestenfalls als Hypothesen zu sehen, was Birks Interpretation nicht wirklich absichert. Dennoch darf dem Autor zugutegehalten werden, dass er die Darstellung von Ereignissen aus der Mitte des 12. Jahrhunderts in Quellen des frühen 13. Jahrhundert nicht unreflektiert übernimmt, sondern hinterfragt.

Anzumerken wäre noch, dass diese Monografie eingangs mit drei Karten – Mittelmeerraum, Süditalien, Sizilien – aufwartet, auf denen im Werk genannte Orte verzeichnet sind. Ebenso erleichtert ein Index die Suche nach zentralen Schlagwörtern. Vereinzelte Fehler, wie zum Beispiel bei Jahresangaben zu den Aktivitäten Friedrichs II. auf S. 298, dürfen sicher nicht als Belege für fachliche Schwächen des Autors verstanden werden, sondern als Tippfehler, die bei einem gründlichen Lektorat jedoch hätten auffallen müssen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Michael Borgolte / Matthias M. Tischler (Hrsg.), Transkulturelle Verflechtungen im mittelalterlichen Jahrtausend. Europa, Ostasien und Afrika, Darmstadt 2011; Wolfram Drews / Christian Scholl (Hrsg.), Transkulturelle Verflechtungsprozesse in der Vormoderne, Berlin 2016.
[2]http://medieval.vlg.oeaw.ac.at/index.php/medievalworlds (11.12.2017).
[3] Von Alex Metcalfe sowie Annelies Nef stammen einige der wichtigsten aktuellen Publikationen zu diesem Thema: Alex Metcalfe, Muslims and Christians in Norman Sicily. Arabic Speakers and the End of Islam, London 2003; ders., The Muslims of Medieval Italy, Edinburgh 2009; Annelies Nef, Conquérir et gouverner la Sicilie islamique aux XIe et XIIe siècles, Rom 2011. Darüber hinaus wurde das Thema der inter- und transkulturellen Verflechtungen im normannischen Sizilien in jüngster Zeit in mehreren Artikeln in verschiedenen Sammelbänden aufgegriffen, siehe z.B.: Stefan Burkhardt / Thomas Foerster (Hrsg.), Norman Tradition and Transcultural Heritage. Exchange of Cultures in the „Norman“ Peripheries of Medieval Europe, Farnham 2013; Wolfgang Gruber / Stephan Köhler (Hrsg.), Siziliens Geschichte. Insel zwischen den Welten, Wien 2013.
[4] Diese Zielsetzungen legt Birk im Klappentext seines Werkes sowie in der Einleitung auf Seite 3 dar.

Zitation
Andreas Obenaus: Rezension zu: Birk, Joshua C.: Norman Kings of Sicily and the Rise of the Anti-Islamic Critique. Baptized Sultans. Cham 2017 , in: H-Soz-Kult, 10.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28123>.
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Veröffentlicht am
10.01.2018
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