D. Weltecke (Hrsg.): Zu Gast bei Juden

Titel
Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt


Hrsg. v.
Weltecke, Dorothea; unter Mitarbeit von Mareike Hartmann
Erschienen
Konstanz 2017: Stadler
Umfang
216 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Veronika Nickel, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians Universität München

Aus Anlass des 600-jährigen Jubiläums des Konzils von Konstanz (1414–1418) laden die Ausstellung und der Begleitband „Zu Gast bei Juden“ dazu ein, einen genaueren Blick auf das jüdische Leben der mittelalterlichen Städte rund um den Bodensee zu werfen.[1] Damit rückt ein Raum in den Mittelpunkt, der geographisch am Rande der klassischen Zentren jüdischen Lebens – etwa der Schum-Städte (Speyer, Worms, Mainz) – lag und bisher nur selten im Fokus wissenschaftlicher Forschungen stand. Die Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz präsentiert dazu eindrucksvolle Exponate, zu denen hebräische Prachtmanuskripte ebenso zählen, wie Wachssiegel mit hebräischen Buchstaben oder eine Dachziegel mit dem Konterfei eines Mannes mit Judenhut.

Der wissenschaftliche Begleitsammelband, an dem sich namhafte Wissenschaftler/innen beteiligt haben, erörtert darüber hinaus grundlegende rechtliche, wirtschaftliche, topographische und kulturelle Aspekte jüdischen Lebens im Bodenseeraum zur Zeit des Mittelalters. Die Hauptbeiträge werden ergänzt durch einzelne Forschungsberichte von überwiegend jungen Nachwuchswissenschaftlern/innen, wobei mit Andreas Lehnardt ("Geraubt, Recycelt, Wiedergefunden") und Christoph Cluse ("Aus den Konzeptbüchern der Konstanzer Kurie") auch zwei renommierte Experten gewonnen werden konnten, die aus ihren langjährigen Forschungen heraus regional einschlägige Quellen untersuchen. Der gut 200-seitige, mit Farbabbildungen versehene Band enthält zudem eine Zusammenstellung der Exponate (samt Erläuterung und Abbildung) sowie eine den aktuellen Forschungsstand repräsentierende Bibliographie. Leider fehlt eine Übersichtskarte, die die Lage der einzelnen Gemeinden und damit die Größe des behandelten geographischen Raums auf einen Blick sichtbar gemacht hätte.

Das im innerjüdischen Kontext als medinat bodase ('Land des Bodensees') und damit als zusammengehörende kulturell-rechtliche Einheit verstandene Gebiet umfasste Städte, in denen heute nur noch wenige Spuren jüdischen Lebens aus dem Mittelalter zu finden sind. Teils existieren zu diesen Überresten sogar eklatante Fehlinformationen, wie Dorothea Weltecke, Organisatorin der Ausstellung und Herausgeberin des Begleitbandes, in ihrer Einführung unter anderem anhand einer Hinweistafel in Konstanz nachweist und davon ausgehend das Konzept der Ausstellung erläutert: Der noch immer weit verbreiteten Vorstellung von einem abgeschotteten mittelalterlichen jüdischen Dasein sollen ausgewählte Facetten des Zusammenlebens von Juden und Christen gegenübergestellt werden, ohne dadurch religiös bedingte oder im Laufe der Zeit gezielt geschaffene rechtliche Unterschiede zu ignorieren oder gar zu egalisieren. Veraltete und verzerrte Ansichten über jüdisches Leben im Mittelalter sollen mithin gebrochen und insbesondere anhand der ausgestellten Prachtmanuskripte scheinbar unauflösliche Begriffspaare wie beispielsweise 'gotisch = christlich' hinterfragt werden. Das erklärte Ziel der Ausstellung ist "eine Einladung zum Wechsel der Perspektive" (S. 11).

Bereits der erste Beitrag "Juden und Christen im Mittelalter" von Markus J. Wenninger macht anhand mehrerer Beispiele nicht nur deutlich, dass sowohl hinsichtlich der Quellenlage als auch bei der Einordnung derselben in das Schema eines vorgeblich christlichen Mittelalters Vorsicht geboten ist, sondern bietet auch eine konzise Einführung zu den in den nachfolgenden Beiträgen vertieft behandelten Themen. Nach einem Überblick zur Siedlungsgeschichte jüdischer Gemeinden im Bodenseeraum, der rechtliche, soziale und kirchenrechtliche Aspekte berücksichtigt, geht Wenninger sowohl auf jüdisch-christliche Konflikte als auch Kontakte ein, wie etwa die Teilnahme christlicher Gäste an jüdischen Hochzeiten, und erläutert äußerlich sichtbare Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Kopfbedeckung und Kleidung. Im Schlussresümee weist Wenninger dezidiert darauf hin, dass es nach heutigem Forschungsstand nicht möglich sei, festzustellen, "wie weit oder ob überhaupt die Juden dieses Gebiets darüber hinaus gehende spezifische Eigenheiten oder Identitäten entwickelt haben" (S. 23).

Christian Scholl problematisiert in seinem Beitrag "Als Rechtlose in die Geldleihe abgedrängt?" die noch immer anzutreffende fehlerhafte Vorstellung bzw. die Vorurteile über das Rechts- und Wirtschaftsleben von Juden im Mittelalter. Der Abschnitt zur rechtlichen Stellung konzentriert sich auf eine Darstellung des städtischen Bürgerrechts von Juden und die dafür zu erbringenden Gegenleistungen, wie die Zahlung von Steuern sowie den Wehrdienst. Die tatsächlich von Juden erbrachte Ableistung des Wehrdienstes für die Zeit nach 1350 wird von ihm ebenso genau analysiert und diskutiert wie die nachfolgend behandelte wirtschaftliche Tätigkeit der Geldleihe, an die sich eine Darstellung anderer Berufszweige anschließt. Hinsichtlich der gewählten Beispiele weitet sich der geographische Bezug auf den süddeutschen Raum bzw. auf die Reichsstadt Ulm aus, über deren jüdische Bevölkerung Scholl im Jahr 2012 seine Dissertation veröffentlichte.

Zwei nachfolgende Aufsätze widmen sich hebräischen Handschriften und den darin enthaltenen Illuminationen. Zunächst stellt Sarit Shalev-Eyni unter dem Titel "Hebrew Illuminated Manuscripts from Lake Constance before 1348" mehrere Prachtmanuskripte vor, die in der Bodenseeregion entstanden und einen eigenen, unverwechselbaren Stil aufweisen: "The Hebrew illuminated manuscripts of the region reflect the local cultural climate yet also represent an unprecedented integration of profane culture within the ritual religious domain" (S. 47). Shalev-Eyni zeigt nicht nur, inwieweit Attribute christlicher Hof- und Ritterkultur oder christliche Legendenfiguren in die jüdische Überlieferung von Szenen aus Bibel oder Midrasch integriert wurden, sondern auch, dass sich religiöse Polemiken gegen das Christentum darin ebenso widerspiegeln wie zeitgenössische politische Aspekte und Ereignisse. Katrin Kogman-Appel beschäftigt sich in ihrem Beitrag "Jüdische Bildkultur im mittelalterlichen Deutschland" mit der Entwicklung figuraler Elemente in hebräischen Manuskripten und den Bedeutungen der dabei verwendeten Bildprogramme über die Bodenseeregion hinaus. Diese erfüllten unterschiedliche Zwecke und veranschaulichten bzw. thematisierten lokale jüdische Gebräuche oder religiöse Polemiken und sozial-gesellschaftliche Interpretationen. Statt der Suche nach einer Definition 'jüdischer Kunst' plädiert Kogman-Appel für eine vielschichtigere Fragestellung: "Wenn wir allerdings (…) von einer 'Bildkultur' statt einer 'Kunst' ausgehen und diese in einen möglichst breiten Rahmen stellen, so zeichnet sich ein Phänomen ab, das nicht nur über die religiöse Identität bestimmter Künstler definiert werden kann" (S. 59).

In seinem Beitrag "Siedlungsgeschichte und Verfolgungen der Juden im Bodenseegebiet bis zum späten 14. Jahrhundert" zeichnet Michael Schlachter anhand zahlreicher Primärquellen die von Verfolgung unterbrochene Ansiedlung von Juden am Bodensee nach. Im Mittelpunkt stehen die jüdischen Gemeinden von Konstanz und Überlingen, wobei Schlachter unter anderem auf parallele Einflüsse reichspolitischer Entwicklungen eingeht. Darüber hinaus diskutiert er die Tatsache, dass im Gegensatz zur wirtschaftlichen Bedeutung von Konstanz und der üblichen Siedlungsfolge von Juden im römisch-deutschen Reich nicht die Bischofs- und Kathedralstadt, sondern Überlingen das jüdische Zentrum der Region war, wo auch der zentral genutzte jüdische Friedhof lag.

Der Beitrag "Im Westen von Aschkenas" von Martha Keil widmet sich dem religiösen Leben von Juden im Bodenseeraum. Keil konzentriert sich aufgrund der nur spärlich existierenden Überlieferung innerjüdischer Quellen auf Streitfälle vor christlichen Gerichten, insbesondere dem Zürcher Stadtgericht. Die Anrufung christlicher Gerichte bei religiösen Konflikten repräsentiert eine in Aschkenas ansonsten unübliche Herangehensweise, deren weitreichende Konsequenzen die Autorin präzise herausarbeitet. So mussten ehrenrührige Verstöße gegen Einzelpersonen oder auch gegen Gebäude, etwa der Synagoge, von den christlichen Richtern erst in christliche Kategorien 'übersetzt' werden, ehe sie ein Urteil sprachen, das freilich der Möglichkeit entbehrte, eine den Entscheidungen von Rabbinatsgerichten vergleichbare Sühneleistung auszusprechen und damit eine religiös ritualisierte Versöhnung zu bewirken.

Den Einfluss der beiden großen Reformkonzilien von Konstanz (1414–1418) und Basel (1431–1449) auf das jüdisch-christliche Zusammenleben erörtert Christian Jörg unter dem Titel "Christen und Juden im Europa der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts". Jörg setzt sich darin für eine Neubewertung des Einflusses der Bekehrungspolitik Papst Benedikts XIII. ein, da seine aggressive Taufpolitik sowie die Bulle „Etsi doctoris gentium“ (1415) die in den Reformkonzilien später zu Tage tretenden judenpolitischen Einstellungen, insbesondere hinsichtlich einer stärkeren Trennung von Juden und Christen, entscheidend vorbereiteten und die soziale Ausgrenzung der Juden im Reich bis hin zu Ausweisungen maßgeblich beeinflussten. Die 1430er Jahre markieren "als struktureller Bruch im nordalpinen Reichsgebiet" (S. 85) daher eine Zäsur, die nur vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen zu deuten ist.

In "Gewalt gegen Juden und Konflikte in der Stadt" fragt Johannes Heil im Zusammenhang mit den Pogromen der Schwarzen Pest Mitte des 14. Jahrhunderts nach den Bedingungen, die Gewalt gegen Juden allen rechtlichen Schutzzusagen und gesellschaftlichen Kontakten zum Trotz begünstigten und verweist darauf, dass der Bodenseeraum gerade wegen seiner kleinräumigen und zugleich sehr unterschiedlichen Herrschaftsstrukturen für eine entsprechende Detailstudie besonders geeignet sei. Die dort an Juden verübten Pestpogrome zeigten eine "auffällige Ungleichzeitigkeit der Verläufe" (S. 90), die Heil detailliert analysiert und zu dem Schluss kommen lässt: "Nicht religiöser Eifer, verbunden mit der Gier nach Gewinn, sondern erst das anhaltende Konflikt- und Gewaltklima in Städten schuf die Voraussetzungen für immer exzessivere Gewalthandlungen gegen Juden" (S. 95).

Die insgesamt vierzehn Forschungsberichte, von denen zwei bereits eingangs erwähnt wurden, beschäftigen sich mit topographischen Aspekten zur Konstanzer Mikwe (von J. Pfrommer) sowie zu jüdischen Wohnorten (von M. Hartmann), dem Überlinger jüdischen Friedhof (von S. Härtel), einzelnen hebräischen Schriftquellen, wie dem Zürcher SeMaK (von I. Kaufmann) und der Darmstadt Haggada (von M. Levy), den Judensiegeln (von A. Lehnertz), vertiefenden Rechtsfragen (von L.-D. Barwitzki), der Darstellung von Juden (von V. Fitzner, S. Restle und J. Zeller, H. Nüllen), dem geselligen Beisammensein von Juden und Christen (von M. Bastian und M. Hartmann), sowie der Ravensburger Judengemeinde (von K. Pöss). Die Forschungsberichte ergänzen die vorangestellten Beiträge um wichtige Detailaspekte und vervollständigen dadurch einen Gesamteindruck von den in der medinat bodase lebenden Juden.

Es bleibt den verantwortlichen Organisatoren zu wünschen, dass sich der Wechsel der Perspektive, zu dem die Ausstellung einlädt, tatsächlich allen Lesern und Besuchern erschließt. In jedem Fall bieten Band und Ausstellung einen faszinierenden und zum Teil überraschenden Einblick in das mittelalterliche jüdische Leben im Bodenseeraum.

Anmerkung:
[1] Ausstellung: "Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt" vom 8.4.2017 bis 29.10.2017 im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, Konstanz.

Zitation
Veronika Nickel: Rezension zu: Weltecke, Dorothea; unter Mitarbeit von Mareike Hartmann (Hrsg.): Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt. Konstanz  2017 , in: H-Soz-Kult, 25.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28124>.
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Veröffentlicht am
25.01.2018
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