H. Schilling: 1517. Weltgeschichte eines Jahres

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Titel
1517. Weltgeschichte eines Jahres


Autor(en)
Schilling, Heinz
Erschienen
München 2017: C.H. Beck Verlag
Umfang
364 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Schuster, Abteilung Geschichtswissenschaft, Universität Bielefeld

2012 erschien Florian Illies’ Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“. Es folgte 2015 Heinz Duchhardts „1648. Das Jahr der Schlagzeilen“ und nun „1517. Weltgeschichte eines Jahres“. Bücher über ein Jahr zu schreiben scheint also in Mode zu sein und ist außerdem lukrativ. Illies’ Buch verkaufte sich in mehreren hunderttausend Exemplaren. Schillings Buch erklomm im März Platz 1 der Spiegel Sachbuchbestsellerliste. Wird hier demnach ein Trend bedient? Wohl kaum, denn der Antrieb, ein Buch über ein Jahr zu schreiben, kam Schilling aus anderen Gründen. 2012 hatte er eine sehr erfolgreiche Luther-Biographie vorgelegt, in der die Reformation natürlich eine bedeutende Rolle spielt. 1517 ist nun der Versuch, die Bedeutung der Reformation zu relativieren. Die Vorstellung, mit Luther beginne die Neuzeit, sei, so Schilling, eine sehr euro- oder gar germanozentrische Sicht auf die Geschichte. Dies gelte es aus globalgeschichtlicher Perspektive aufzudröseln. Wenn man so will, rückt er mit diesem Buch die welthistorische Bedeutung der Reformation zurecht, nicht aber die Idee, zu Beginn des 16. Jahrhunderts habe eine neue Zeit begonnen. Denn es geschahen um 1517 zahlreiche Ereignisse von welthistorischer Bedeutung, die der Geschichte eine neue Richtung gaben. Diese durchmisst Schilling in bravouröser Weise.

1517 eroberten die Osmanen das Reich der Mamluken, wodurch sich ihnen das Tor nach Arabien und Nordafrika eröffnete. Damit sicherten sich die Osmanen die Vorherrschaft in der muslimischen Welt, zudem erhielten sie die Herrschaft über Mekka. Der Sultan konnte nun den Anspruch auf das Kalifat erheben, somit auf die höchste geistliche Würde des Islam. Das war nicht nur ein innerislamischer Triumph der Sunniten, sondern zugleich eine zusätzliche religiöse Legitimierung des osmanischen Vormarsches gen Westen, der die nächsten Jahrzehnte das christliche Europa in Atem hielt. 1517 war zudem ein wichtiges Datum in der Geschichte des Habsburgerreiches, indem Karl seinen Anspruch auf die spanische Krone durchsetzen konnte. 1519 wurde er Kaiser, ein Weltreich entstand, das in den folgenden Jahrhunderten die Geschichte als Großmacht prägen sollte. Gleichzeitig begann Portugals Niedergang als führende Seemacht. 1517 nahmen portugiesische Gesandte als erste Europäer nach Marco Polo wieder direkten Kontakt zum chinesischen Hof auf. Es wurde ein Eklat, denn der chinesische Kaiser sah sich als Gravitationszentrum der Welt, als Herrscher über das Reich der Mitte, dem sich andere Völker unterzuordnen hatten. Die sich daraus ergebenden diplomatischen Regeln überforderten die Portugiesen. Ihr Versuch, neben dem florierenden Indienhandel einen Ostasienhandel zu etablieren, scheiterte. Ebenfalls im Jahr 1517 sollte eine Delegation des römisch-deutschen Kaisers nach Moskau aufbrechen, um einen möglichen weiteren Bündnispartner gegen die Osmanen zu gewinnen. Das Moskowiterreich hatte im 15. Jahrhundert einen mächtigen Aufschwung genommen. Großfürst Iwan III. hatte das Herrschaftsgebiet erheblich ausgeweitet. 1478 führte er erstmals den Titel eines Zaren. 1510 erklärte der Peskover Mönch Philoteos Moskau zum Dritten Rom und verlieh damit dem Moskowiterreich eine heilsgeschichtliche Legitimation. Der diplomatische Erfolg der Delegation war äußerst bescheiden, zu tief war der Graben zwischen Orthodoxie und Papsttum. Gleichwohl hatte die Reise Auswirkungen. Der Leiter, Siegmund von Herberstein, verfasste eine viel beachtete Beschreibung über den russisch-orthodoxen Teil Europas. Damit, so Schilling, „war Russland in das Wissen des lateinischen Europa eingetreten“ (S. 82f.). Im selben Jahr, in dem die Reformation die Spaltung der westlichen Christenheit einleitete, öffnete sich ein „Tor zur Orthodoxie“ (S. 83). Auch in den amerikanischen Kolonialgebieten geschah 1517 Bedeutendes: Die Spanier erreichten die Halbinsel Yukatan und stießen erstmals auf die indigenen Hochkulturen der Inka und Maya, die sie in den folgenden Jahren in blutigen Kriegen zerstören sollten.

Schillings Buch ist kein Buch über das Jahr 1517, es ist ein Buch über die beginnende Neuzeit, das erstaunliche Kulminationen im Jahr 1517 nachweist. Es sind ja nicht nur das Ausgreifen in neue Welten und die Herausbildung neuer Großmächte, die das frühe 16. Jahrhundert prägten. Schilling schildert ebenso fesselnd, wie die innere Staatsbildung in Europa voranschreitet, wie Intellektuelle neue Sichten auf den Wert des Geldes oder auf die Friedensordnung der Welt anbieten. Auch die Ängste der Zeit vor jüdischen oder teuflischen Verschwörungen nimmt er souverän in den Blick. Und schließlich bahnte sich, damit endet das Buch, in Wittenberg an der Elbe der Bruch der abendländischen christlichen Kirche an. Beeindruckend erörtert Schilling, wie am Rande der Zivilisation Bedingungen vorlagen, die dem zweifelnden Augustinermönch Luther den Weg zum Erfolg ermöglichten. Vielleicht ist Schillings Buch keine Weltgeschichte, aber es ist der brillante Versuch, die Reformation in einen größeren Kontext zu stellen und eine Welt zu zeigen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts entscheidende Weichenstellungen für die Geschichte der Neuzeit erlebte.

Zitation
Peter Schuster: Rezension zu: Schilling, Heinz: 1517. Weltgeschichte eines Jahres. München 2017 , in: H-Soz-Kult, 18.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28146>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.10.2017
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