M. Leutner: Kolonialpolitik und Wissensproduktion

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Titel
Kolonialpolitik und Wissensproduktion. Carl Arendt (1838–1902) und die Entwicklung der Chinawissenschaft


Autor(en)
Leutner, Mechthild
Erschienen
Berlin 2016: LIT Verlag
Umfang
730 S.
Preis
€ 69,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Kuß, Historisches Institut, Universität Bern

Mit dieser Studie erweckt die im Bereich der deutsch-chinesischen Beziehungen vielfach ausgewiesene Sinologin Mechthild Leutner eine Person zum Leben, die bis dahin – so ihre eigenen Worte – nur als Randnotiz existierte. Es handelt sich um Carl Arendt (1838–1902), einen Mitbegründer der modernen Sinologie in Deutschland. Arendt, zunächst Dolmetscher an der deutschen Gesandtschaft in Peking und später Professor am Seminar für Ostasiatische Sprachen in Berlin, ist keine der „großen Persönlichkeiten“, die üblicherweise mit einer Leben und Werk vereinenden Biographie gewürdigt werden.

Eine Biographie zeichnet sich als Textsorte dadurch aus, dass in ihrem Zentrum ein Akteur steht, der allerdings auch typisiert werden kann. Da es sich bei Arendt um einen so genannten Akteur der unteren Ebene handelte, wird seine Lebensgeschichte für die Ausgestaltung der deutsch-chinesischen Beziehungen exemplifiziert. Leutners vorrangiges Ziel ist es, die „Verflechtungen von Kolonial- und Wissenschaftsgeschichte in der Lebensgeschichte Carl Arendts“ darzustellen (S. 15). Auf diese Weise soll vor allem die Interdependenz von individueller Biographie und wissenschaftlicher Tätigkeit akzentuiert werden. Der rote Faden des Buches verfolgt die über die Lebensgeschichte hinausgehende orientalistische und koloniale Wissensproduktion ebenso wie die Professionalisierung und Institutionalisierung der Sinologie in Deutschland.

Wie mit dieser Biographie neue Wege gegangen werden sollen, markiert die Autorin dadurch, dass sie Arendt wie den Protagonisten eines Romans zumeist bei seinem Vornamen „Carl“ nennt. Somit versucht sie ihm gegenüber Neutralität und Objektivität gar nicht erst vorzugeben. Auch heben der Umfang der Studie mit 730 Seiten sowie vor allem die ausführliche Darstellung der Familiengeschichte Carl Arendts die Grenzen zwischen literarischer und wissenschaftlicher Biographie scheinbar auf. Unerwartet wird der Leser zunächst nicht nach China, sondern ins Preußen des 18. und 19. Jahrhunderts geführt. Gegen Ende des Buches wird er mit vielen Einzelheiten von Arendts Kampf gegen sozialen Abstieg und Verschuldung Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin konfrontiert (S. 502–517). Dazwischen liegen zum Teil sehr detaillierte Schilderungen, in welchen nicht zuletzt den vielfältigen persönlichen Beziehungen, die Arendt in Preußen, China und Berlin unterhielt, viel Raum gegeben wird. Dabei erweisen sich Leutners Darstellungen oft als feinsinnige Milieuanalysen, die verstärkt den Eindruck aufkommen lassen, als handele es sich bei diesem umfangreichen Buch doch um einen klassisch biographischen Roman (etwa S. 375–379). Allerdings ist dies ist nur eine Facette dieser vielschichtigen Biographie, denn tatsächlich ist der reale Carl Arendt von Elias Canettis fiktivem „Sinologen von Hauptfach“ Peter Kien[1] so weit entfernt, wie es Wissenschaft von Fiktion nur sein kann. Zur Untermauerung ihres Narrativs verwendet die Autorin Materialien aus 18 Archiven, darunter auch aus dem Ersten Historischen Archiv in Peking, und belegt jede geschilderte Episode minutiös. Dabei werden in der Studie die chinesischen Namen und Örtlichkeiten beim ersten Auftreten in Schriftzeichen wiedergegeben, so dass Verwechslungen ausgeschlossen werden können.

Als Rahmen wählte Leutner einen chronologischen Aufbau, der ihre Studie in sechs Kapitel gliedert. Dabei synchronisiert die Autorin Arendts Lebensgeschichte mit den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen in China. Aus dieser Darstellungsweise fällt neben dem ersten Kapitel, das sich auf die Familiengeschichte konzentriert, auch das sechste insofern heraus, als es die biographische Struktur durchbricht, um Arendts Bedeutung und Vermächtnis für die Sinologie in Deutschland zu diskutieren. Indem damit zugleich dem „Mythos“ entgegengetreten wird, die Sinologie sei seit ihren Anfängen eine ausschließlich philologisch-historische Wissenschaft, markiert es zugleich den äußeren Höhepunkt des Werkes.

Dessen ungeachtet spielt sich der weitaus größte Teil der Lebensgeschichte Carl Arendts in China zwischen 1865 und 1887 und damit in der imperialistischen Zeit ab, deren Symbol nicht nur das Vertragssystem, sondern auch die Kanonenbootpolitik ist. Dabei stehen freilich weniger die jeweiligen politischen Entscheidungen im Mittelpunkt als deren Vorbereitungen hinter den Kulissen. Aus diesem Grund gibt Leutner der sozialen Herkunft und dem Weltbild nicht nur ihres Protagonisten breiten Raum, sondern auch allen auftretenden deutschen und chinesischen Akteuren.

Unter Nutzung seines Handlungsspielraumes stand Arendt zu den Verhandlungszielen des Deutschen Reiches stets loyal – mit allenfalls kleinen Einschränkungen: „Carls vermutete Sympathien für die chinesische Position ließen ihn sehr sorgfältig als Übersetzer fungieren“ (S. 253). Die Überlegenheit der westlichen Kulturtradition gegenüber der chinesischen sah er als selbstverständlich an. Dabei verstand er sich als Aufklärer wie als kultureller Mittler, der dominierende negative Stereotypen widerlegen und zum Verständnis Chinas beitragen wollte. In dieser Grundüberzeugung Arendts schlägt sich nach Meinung Leutners auch seine von jüdischer Emanzipation und Akkulturation geprägte Familiengeschichte nieder. Diese Deutung von Arendts Handlungen und Aktivitäten wird bereits in der Einleitung intoniert, so dass der Protagonist in seiner nachfolgenden Geschichte ebenso transparent wie einem gewissen Determinismus unterworfen scheint. Doch einer bestimmten Gruppe anzugehören bedeutet nicht per se, dass die betreffende Person in jeder Hinsicht als repräsentativ anzusehen ist.

In China übte Arendt seine Tätigkeit in sehr unterschiedlichen Facetten aus: Er übersetzte Textvorlagen, dolmetschte bei Verhandlungen und beriet den Gesandten bei der Einschätzung von Texten. Dabei sondierte er jeweils die Ziele sowohl auf deutscher als auch auf chinesischer Seite, führte Vorverhandlungen mit den Sekretären und Ministern des chinesischen Außenministeriums, suchte Lösungen für festgefahrene Verhandlungssituationen und bemühte sich, vorschnelle Stellungnahmen, die eine Seite brüskieren könnten, wenigstens abzumildern. Seine Sonderstellung zeigt sich vor allem darin, dass er Privatgespräche mit einheimischen Informanten trotz der restriktiven Kommunikationspolitik des chinesischen Kaiserreichs führte, das die informellen einheimischen Netzwerke nach Möglichkeit von denen der westlichen Diplomaten zu trennte versuchte (S. 303 und 304).

Durch die Auswahl, Übersetzung und Interpretation chinesischer Texte, aber auch in seinen Interpretationen kulturspezifischer chinesischer Handlungsweisen, transferierte Arendt nicht nur von einer Sprache in die andere, sondern auch zwischen den Kulturen, um so eine Grundlage für die gegenseitige Kommunikation zu schaffen. Doch dieser Prozess barg insofern eine Asymmetrie, als er die Existenz des Fremden als Objekt voraussetzte und diesem keine eigene Stimme ließ. Dies hängt damit zusammen, dass die Repräsentation in einem Übersetzungsprozess stets von einem Machtverhältnis geprägt ist.[2] Entsprechend weist Leutner wiederholt darauf hin, dass die von Arendt geleisteten Übersetzungen nicht aus den zeitgenössischen, hierarchisch geprägten Kolonialbeziehungen ausgeklammert werden können, sondern als deren inhärenter Teil zu verstehen sind (S. 279). Nach ihrer Ansicht dienten sie auf Seiten der deutschen Gesandtschaft sowohl als Selbstvergewisserung des eigenen zivilisatorischen Fortschritts als auch zur Bestätigung einer in der chinesischen Gesellschaft tief verwurzelten Fremdenfeindlichkeit.

Durch seine Politik-Expertisen und wissenschaftliche Arbeiten war Carl Arendt, unabhängig von seiner eigenen Verortung, immer Teil des kolonialen Machtsystems. Er schuf neues, kolonial verwertbares Wissen, das einerseits dem Zweck der Ausübung kolonialer Herrschaft diente, andererseits aber die Wissens-Koordinaten des Faches Sinologie schuf. Wissenschaftler wie Wissenschaftsinstitutionen konnten nicht nur an kolonialen Machtstrukturen teilhaben und von ihnen profitieren; vielmehr schrieb sich der Kolonialismus durch die Übersetzungen als strukturelles Phänomen in die Sinologie und deren Textproduktion ein.

Festzuhalten ist, dass die Biographie von Carl Arendt viel mehr ist als die Lebensgeschichte eines bisher unbekannten Übersetzers und Sinologen. Denn sie kann, zumal mit viel Sachkenntnis und vielen Spannungsmomenten geschrieben, auf sehr unterschiedlichen Ebenen mit großem Gewinn gelesen werden. Es ist gleichermaßen ein Beitrag zur Kolonialgeschichte in China wie zu den deutsch-chinesischen Beziehungen und der Geschichte der Sinologie in Deutschland. Vor allem aber veranschaulicht diese Studie die Bedeutung, den Ablauf und die Folgen von sprachlichen und kulturellen Übersetzungsprozessen. In dieser Vielschichtigkeit zeigt sich nicht zuletzt auch die manchmal verkannte Bedeutung der wissenschaftlichen Biographie, die als einzige Textsorte derart unterschiedliche Felder miteinander verbinden kann.

Anmerkungen:
[1] Elias Canetti, Die Blendung, München 1963 (zuerst Wien 1936), S. 8.
[2] Singo Shimada, Zur Asymmetrie in der Übersetzung von Kulturen. das Beispiel des Minakata-Schlegel-Übersetzungsdisputs 1897, in: Doris Bachmann-Medick (Hrsg.), Übersetzung als Repräsentation fremder Kulturen, Berlin 1997, S. 260–274; Doris Bachmann-Medick, Übersetzung als Medium der unterkulturellen Kommunikation und Auseinandersetzung, in: Friedrich Jaeger / Jürgen Straub (Hrsg.), Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 2. Paradigmen und Disziplinen, Stuttgart 2011, S. 449–465.

Zitation
Susanne Kuß: Rezension zu: : Kolonialpolitik und Wissensproduktion. Carl Arendt (1838–1902) und die Entwicklung der Chinawissenschaft. Berlin  2016 , in: H-Soz-Kult, 30.01.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28149>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.01.2019
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