M. Stallmann: Die Erfindung von »1968«

Cover
Titel
Die Erfindung von »1968«. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977–1998


Autor(en)
Stallmann, Martin
Erschienen
Göttingen 2017: Wallstein Verlag
Umfang
412 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerrit Dworok, Institut für Geschichte, Technische Universität Braunschweig

Wie prägten Medien maßgebliche Interpretationen und Erzählmuster zu einschneidenden sozialen Transformationen des vergangenen Jahrhunderts? Die von Frank Bösch und Christoph Classen herausgegebene Reihe „Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert“ widmet sich der historiographischen Beantwortung dieser Frage und ist 2017 um eine Dissertationsschrift zu Fernseh-Erzählungen über die 68er-Bewegung bereichert worden. Martin Stallmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Zeitgeschichte in Heidelberg, fokussiert die übergreifende Fragestellung der Reihe auf die These der medialen „Erfindung von 1968“. Seine Leitfragen lauten: „Wie, was und wozu hat das bundesdeutsche Fernsehen zwischen 1977 und 1998 über die Protestgeschichte der späten 1960er Jahre erzählt?“ (S. 9)

Die durch schwarz-weiße Fernseh-Standbilder illustrierte Studie spürt in vier großzügig und gut lesbaren Kapiteln wirkungsmächtigen Narrativen der 68er-Bewegung nach: sie analysiert Fernseh-Darstellungen zur Generations-, Alteritäts-, Gewalt- und Personengeschichte der Protestjahre. Der Untersuchungszeitraum ist überzeugend gewählt, denn er folgt der Überlegung, dass 1977/78 „eine erste retrospektive Thematisierungswelle“ (S. 40) der Ereignisse zu verzeichnen gewesen sei, wohingegen um 1998 der Übergang von akteursbezogenen 68er-Erzählungen hin zu einer systematischen Untersuchung der Bewegung stattgefunden habe. Stallmann knüpft mit seiner Arbeit an die seit Mitte der 2000er-Jahre einsetzende Erforschung des mediengeschichtlichen Phänomens „1968“ an. Er geht nicht davon aus, mittels seiner Analyse tatsächliche Wirkungen der Protestjahre freilegen zu können (diese seien empirisch nicht eindeutig zu fassen), vielmehr ist er an medial zugeschriebenen Wirkungen interessiert, welche „Überhöhungen und Verzerrungen“ (S.21) illustrieren und somit Funktionen einzelner Erzählmuster aufdecken könnten. Das Buch ist somit keine Studie über die Ereignisse von „1968“, sondern über die retrospektive Darstellung der Protestjahre in der Bundesrepublik.[1] Stallmann arbeitet in der Einleitung nachvollziehbar heraus, mit welchen methodischen Problemen seine Perspektive verbunden ist. Medien wie das Fernsehen seien nicht als Spiegel der Gesellschaft zu verstehen, denn der Zusammenhang zwischen medialer Geschichtsrepräsentation und -rezeption sei nicht unmittelbar festzustellen. Zum ersten erreiche nämlich ein Fernsehprogramm jeweils nur Teile einer Gesellschaft und zum zweiten lasse jede noch so einseitige mediale Darstellung historischer Ereignisse verschiedene Interpretationen der Rezipienten zu. Gleichwohl setzten Massenmedien wie das Fernsehen – zumal in Zeiten beschränkter Programmvielfalt – thematische Akzente und fungierten als wichtiger Teil eines gesellschaftlichen „Kommunikationsraumes“ (S. 31). Es lohne sich demnach, Fernsehbeiträge zu einem zentralen zeitgeschichtlichen Ereignis wie „1968“ in den Blick zu nehmen, um Funktionsweisen, Darstellungsroutinen sowie Erzählmotive herauszuarbeiten. Besonders beachtenswert ist Stallmanns Quellenarbeit, da die systematisch-analytische Auseinandersetzung mit Fernsehbeiträgen eine außergewöhnliche und zukunftsträchtige Form der Hermeneutik und Heuristik darstellt. Stallmann konnte das Hindernis einer (im Gegensatz zu Frankreich und Schweden) nicht-existenten nationalen Fernseh-Datenbank überwinden, indem er eine eigene TV-Datenbank zum Thema „1968“ anlegte, welche zwar nicht als umfassend gelten darf, aber dennoch ein aussagekräftiges Quellenkorpus bildet (S. 38f.).

Stallmanns Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Fernsehbeiträge entscheidend dazu beigetragen hätten, eine „narrated community“ der 68er-Generation zu konstituieren. Einzelnen Protestakteuren sei durch das Geschichtsfernsehen eine „Medienbühne“ geboten wurden, auf der das Narrativ einer demokratischen Umgründung der Bundesrepublik wirksam transportiert werden konnte. Das „lange 1968“ sei ausgeblendet worden und immer stärker dem Mythos des „kurzen 1968“ gewichen. Es sei zu einer inhaltlichen und bildlichen Kanonisierung gekommen, wobei die Geschehnisse vom 2. Juni 1967 bis zum 11. April 1968 den zeitlichen Rahmen setzten und Gewaltbilder wie die Leiche Benno Ohnesorgs, Kampfszenen zwischen Studenten und Polizisten sowie brennende Springer-Fahrzeuge zu den immerfort gezeigten Ikonen des Protests avancierten. Letztlich sei es gar zu einer „Entpolitisierung“ von 1968 gekommen (S. 364), also zu einer medialen Fokussierung auf die Alltags-, Erfahrungs- und Popgeschichte der Protestjahre. Gerade Letzteres ist eine entscheidende Feststellung, vermag sie doch ein Stück weit zu erklären, warum bis heute in vielen Darstellungen zu den 68er-Jahren die genuin politische, insbesondere antirepublikanische und antiliberale Zielsetzung führender Persönlichkeiten und Institutionen des Protests vor dem Hintergrund der Errungenschaften der Bewegung vergleichsweise wenig beachtet wird.[2]

Stallmanns Deutungen fußen auf differenzierenden Detailanalysen zu identitätsbildenden Kategorien des bildlichen Erzählens. Die mediengeschichtlichen Betrachtungen zu Generation, Alterität, Gewalt und Personen sind trotz kleinerer Ungenauigkeiten schlüssig gestaltet und verleihen den Resultaten Plausibilität. Beispielhaft hierfür steht Stallmanns Beschäftigung mit dem Topos des „Generationenkonflikts“. Zwar greift Stallmann zu kurz, wenn er in Bezug auf die Auseinandersetzungen innerhalb der Alterskohorte der um 68 Studierenden behauptet, dass die zeitgeschichtliche Forschung bislang zu wenig Aussagen über jene Studierenden treffen könne, die der Neuen Linken kritisch gegenüberstanden.[3] Ungeachtet dessen legt Stallmann überzeugend dar, dass ein „generelle(r) Generationenkonflikt zwischen den Protestierenden und ihren Eltern“ nicht festgestellt werden kann, weil „Konsens und Kooperation zwischen verschiedenen Altersgruppen“ existierten (S. 112). Vielmehr sei es in retrospektiven Erzählungen vor allem der 1980er- und 1990er-Jahre zu rückwärtsgerichteten Projektionen gekommen, die suggerierten, 1968 habe eine fundamentale Konfrontation der Generationen stattgefunden. Besonders griffig wird dieses Urteil in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Unter anderem am Beispiel des Dokumentarfilms „Mein 68“ (WDR 1988) weist Stallmann nach, wie Regisseur Hannes Heer im Abstand von 20 Jahren sein Engagement in der Protestbewegung auf Bildmaterial zurückführte, das erst 1979 im ARD-Dokumentarfilm „Lagerstraße Auschwitz“ ausgestrahlt worden war. In diesem wie in anderen Fällen kam es zu einer „symbolische(n) Verdichtung der nationalsozialistischen Verbrechen“ (S. 121), die erstens das eigene Handeln um 68 legitimieren und zweitens das Motiv des „Generationenkonflikts“ narrativ unterfüttern sollte.

2010 plädierte Philipp Gassert für die „Historisierung der visuellen Kanonisierungen von 1968“. Dringend, so die Einschätzung des umfassenden Forschungsberichts, würden „Studien zur Bildgeschichte von ‚1968‘ benötigt“.[4] Martin Stallmann hat diesbezüglich einen gelungenen Beitrag geleistet und einen beachtlichen Teil der medialen Konstruktionsgeschichten über Achtundsechzig zu Tage gefördert. Kritisch zu bedenken bleibt gleichwohl der eingangs erwähnte (und von Stallmann selbst erkannte) Umstand, dass die wichtige Frage nach den Lesarten der untersuchten TV-Produktionen retrospektiv nicht beantwortet werden konnte. Wie die fernseh-gestützten Erzählungen tatsächlich von den Zuschauern interpretiert wurden, wie sie also wirkten, bleibt offen. Darin liegt eine Schwäche des gewählten Ansatzes, kann doch die These der „Erfindung von 1968“ letztendlich erst durch das empirisch belegbare Zusammenwirken von Erzählung und Rezeption Bestätigung erfahren.

Anmerkungen:
[1] Stallmanns mediengeschichtlicher Ansatz verhält sich bemerkenswert ambivalent zu aktuellen Forschungstendenzen. Einerseits ist er methodisch in die “moderne“ Betrachtung der globalen Proteste der 1960er-Jahre einzureihen, wie sie etwa durch das Projekt 1968 – Ideenkonflikte in globalen Archiven (http://www.literaturarchiv1968.de) repräsentiert wird. Andererseits handelt es sich um eine bundesdeutsche Perspektive und folgt somit dem Grundsatz der Detailforschung im regionalen/nationalen Rahmen.
[2] Vgl. die (überspitzte) Kritik von Gerd Langguth, Mythos ’68. Die Gewaltphilosophie des Rudi Dutschke – Ursachen und Folgen der Studentenbewegung, München 2001, sowie Götz Aly, Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück, Frankfurt am Main 2008.
[3] Ausweislich des Literaturverzeichnisses wurden weiterführende Titel nicht zur Kenntnis genommen. Vgl. etwa Stefan Winckler /‎ Felix Dirsch / Hartmuth Becker (Hrsg.), Die 68er und ihre Gegner: Der Widerstand gegen die Kulturrevolution, Graz 2003; ferner Matthias Stickler, „Wir sind doch nicht die SA der Professoren!“ – Das studentische Verbindungswesen und die Achtundsechzigerbewegung, in: Gerrit Dworok / Christoph Weissmann (Hrsg.), 1968 und die »68er« Ereignisse, Wirkungen und Kontroversen in der Bundesrepublik, Köln 2013, S. 69–100.
[4] Philipp Gassert, Das kurze „1968“ zwischen Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur: Neuere Forschungen zur Protestgeschichte der 1960er-Jahre, in: H-Soz-Kult, 30.04.2010, www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1131 (20.03.2018).

Zitation
Gerrit Dworok: Rezension zu: : Die Erfindung von »1968«. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977–1998. Göttingen  2017 , in: H-Soz-Kult, 09.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28186>.