Cover
Titel
Parallelverlage im geteilten Deutschland. Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage


Autor(en)
Seemann, Anna-Maria
Erschienen
Berlin 2017: De Gruyter
Umfang
595 S., 20 Abb.
Preis
€ 99,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anke Jaspers, Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Mehr als 35 „Parallelverlage“ gab es in der Zeit der deutschen Teilung: Verlagshäuser, „die ihren Sitz ursprünglich auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR hatten und die in einer der westlichen Zonen bzw. auf dem Gebiet der Bundesrepublik Zweigstellen gründeten und/oder die ihren Sitz dorthin verlegten, wobei das ‚Stammhaus‘ am alten Standort weiterexistierte“ (S. 1). Diesem besonderen Phänomen der Buchhandelsgeschichte hat die Buchwissenschaftlerin Anna-Maria Seemann eine Studie gewidmet, die von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2017 mit dem Lilli-Bechmann-Rahn-Preis für herausragende Promotionen ausgezeichnet wurde. Barth, Gustav Fischer, Hirzel, Marhold, Teubner, Thieme, Steinkopff und Akademische Verlagsgesellschaft – den Ursachen für die Spaltung dieser im 19. Jahrhundert gegründeten Verlage mit einem Schwerpunkt auf Naturwissenschaften, Medizin und Technik sowie den Konflikten und Kooperationen zwischen den Verlagshäusern in Ost und West im Zeitraum zwischen 1945 und den beginnenden 1960er-Jahren geht Seemann in ihrer Studie auf den Grund. Nach den aktuellen Publikationen von Julia Frohn zum Literaturaustausch, von Konstantin Ulmer zum Luchterhand Verlag und dem Sammelband von Ingrid Sonntag zum Reclam Verlag während der deutschen Teilung[1] konzentriert Seemann sich nun auf Wissenschaftsverlage. Sie bearbeitet damit ein Desiderat der Verlagsforschung und liefert einen materialgesättigten, methodisch innovativen Beitrag zum Forschungsfeld der deutsch-deutschen Geschichte.

Die Autorin hat sich für eine systematische Betrachtung verschiedener Themenbereiche entschieden – von der Ursachenforschung bis zur Untersuchung der Handlungsstrategien im geteilten Deutschland –, die sie anhand von Fallbeispielen aus den Verlagen analysiert, um „sowohl die Komplexität der Problemkonstellationen als auch die Bandbreite der Handlungs- und Urteilsmöglichkeiten“ (S. 26) nachvollziehen zu können. Ihr Interesse gilt den unternehmerischen Entscheidungsprozessen, wobei sie die Rolle der Verlegerinnen und Verleger innerhalb der Systeme Kultur, Wirtschaft, Politik, Recht und Wissenschaft fokussiert. Indem sie die betriebswirtschaftliche Perspektive mit unternehmensgeschichtlichen und buchwissenschaftlichen Ansätzen verbindet, gelingt es ihr, auf drei Ebenen zu argumentieren: mit Blick auf Systeme, Institutionen und Akteure. Ihr Ziel ist es, die Handlungsspielräume zu den konkreten Entscheidungen der Verlegerinnen und Verleger in Beziehung zu setzen (S. 15).

Für ihre Studie hat Seemann umfangreiches Archivmaterial ausgewertet, vor allem die Verlagsarchive im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig (Akademische Verlagsgesellschaft, Barth, Hirzel, Teubner), in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (Steinkopff) sowie im Historischen Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Barth, Gustav Fischer), darüber hinaus die Stadtarchive in Leipzig, Halle, Stuttgart und Darmstadt, die Archive der Frankfurter und Leipziger Börsenvereine sowie die Archive der staatlichen Kontrollinstanzen der DDR im Bundesarchiv (Ministerium für Kultur, Ministerium für Volksbildung, Zentrale Kommission für Staatliche Kontrolle, Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel). Zwar erwähnt die Autorin mehrfach, dass auch in den westlichen Besatzungszonen bzw. der frühen Bundesrepublik eine staatliche Kontrolle des Buchhandels stattfand, die später durch die Einflussnahme zum Beispiel des Börsenvereins ersetzt wurde. Doch bleibt die Studie eine systematische Auswertung der entsprechenden westdeutschen Archive schuldig, obwohl zum Beispiel die Akten des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen oder der US-Militärregierung zugänglich sind.

Die Studie beginnt im zweiten Kapitel mit einer chronologischen Darstellung der acht Verlagsgeschichten von der Gründung bis zur Gegenwart bzw. bis zur Einstellung der Geschäftstätigkeit. Die Schwerpunkte liegen auf Programm, Bedeutung, personellen Konstellationen und Arbeitsbedingungen vor 1945 sowie auf den Eigentumsverhältnissen, Lizensierungsprozessen, der Entstehung von Zweigstellen und deren Beziehungen nach 1945. Im dritten Kapitel folgt eine umfassende Darstellung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in der Nachkriegszeit als Ursachen und Rahmenbedingungen für die unternehmerischen Strategien des deutschen Buchhandels. In der Teilung des Landes und der doppelten Staatengründung sowie der damit verbundenen Unsicherheit, wie sich vor allem die ökonomischen und rechtlichen Bestimmungen in der SBZ bzw. DDR entwickeln würden, sieht Seemann den Hauptgrund für die Abwanderung von Firmen auch anderer Branchen in die westlichen Zonen bzw. die Bundesrepublik. Obwohl sich im Raum Stuttgart und Frankfurt Buchhandelszentren entwickelten, blieb der Kontakt zu den traditionsreichen Produktionsstätten auf dem Gebiet der DDR ein Ziel nicht nur der westlichen Parallelverlage, sodass ein vielfältiges Beziehungsgeflecht des Buchhandels im geteilten Deutschland entstand.

In einem ersten großen Analysekapitel erörtert Seemann daran anschließend die vielfältigen Gründe für und gegen die Abwanderung der Verlage (langwierige Druckgenehmigungsverfahren im Osten, Verkauf der Verlagsprodukte im Westen, Emigration vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versus Personalressourcen und Herstellungsbetriebe/Produktionsanlagen). Sie entwickelt ein Etappenmodell für die Etablierung von Parallelverlagen, die sich in drei Phasen zwischen 1945 und 1953 ereignete (S. 241f.). Als Parallelverlage definiert sie solche Verlage, die in Ost und West unter gleichem Namen existierten, aber formal unabhängig voneinander arbeiteten, und führt Kriterien zu deren Abgrenzung von Verlagen mit Stammhaus und Zweigstelle an (S. 242).

Im fünften Kapitel identifiziert Seemann vier zentrale „Konfliktfelder“ der Kommunikation zwischen den Parallelverlagen: die Existenz des jeweils anderen Hauses, die Namensführung und Nutzung des Verlagssignets (bei Publikationen, auf dem Geschäftspapier oder im Hinblick auf Messeauftritte), die Verlagsrechte und Autorenbeziehungen sowie das jeweilige Vertriebsgebiet. Darauf folgt ein weiteres Schwerpunktkapitel mit der Analyse von vier „Strategiefeldern“, die den Verlagen als Handlungsoptionen in der historischen Situation offenstanden (S. 281). Diese reichten von klarer „Abgrenzung bis Konfrontation“ (S. 282–317; teilweise mit Hilfe von Gerichtsverfahren) über die Duldung des anderen Hauses bis hin zu Kooperationsverträgen, die den Austausch von Druckformen, den Mitdruck von Ausgaben, Titelübernahmen usw. regelten. Seemann erwähnt eine Fülle von Praktiken, deren Anwendung allerdings von der Situation des jeweiligen Verlags und der Einstellung der Akteure abhängig war (S. 427). Die beiden letzten Kapitel analysieren die unterschiedlichen Rollen des Frankfurter und des Leipziger Börsenvereins als vergleichbare Institutionen und einflussreiche Dachverbände des Buchhandels sowie die Auswirkungen der Existenz von Parallelverlagen auf den Buchmessen.

Seemann kommt zu dem Schluss, dass trotz ideologischer Unterschiede und politischer Bedenken oft das ökonomische Ziel, den innerdeutschen Handel zu erhalten, ein kooperatives Agieren der Institutionen prägte. Inwieweit die besondere Situation der Parallelverlage an deren Erfolg oder Misserfolg Anteil hatte – nur die Thieme Verlagsgruppe und Gustav Fischer als Imprint Urban & Fischer im Medienkonzern RELX Group existieren heute noch –, müsste eine weiterführende Studie klären. Daran anschließend erkennt die Autorin zahlreiche Parallelen in den Unternehmensbeziehungen zum generellen Verhältnis der beiden deutschen Staaten, darunter die Leugnung der Legitimität des anderen, die Strategien und die Rhetorik der Abgrenzung sowie der anfängliche Glaube an eine baldige Vereinigung (S. 539f.). Bis Anfang der 1960er-Jahre, so Seemann, hatten sich die Beziehungen der Parallelverlage zueinander stabilisiert; der Bau der Berliner Mauer hatte für diese Verlage keine weitreichenden Folgen (S. 542). Zu den wichtigsten Ergebnissen der Studie gehört, dass Kooperationen zwischen den Parallelverlagen, die Seemann als „Variante[n] einer Firmenkonstruktion“ (S. 538) versteht, dort erfolgreich waren, „wo sich in Ost und West Personen gegenüberstanden, die ein Interesse daran hatten und die ein vertrauensvolles Verhältnis pflegten“ (S. 537). Wer sich innerhalb des Buches über einen bestimmten Akteur informieren möchte, muss aufgrund der Gliederung nach thematischen und systematischen Aspekten allerdings auf das Personen- und Firmenregister zugreifen. Seemanns eigener Forderung nach genaueren Analysen von Verlegerpersönlichkeiten bezüglich Habitus, Werthaltung, Selbstverständnis und Weltdeutung (S. 538) – hinzuzufügen wären andere Akteure des Buchhandels bzw. deren Netzwerke – ist deshalb unbedingt zuzustimmen.

Die Darstellung überzeugt durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen detailreichen Fallstudien, die als Beispiel dienen oder einen Einzelfall erwähnen, und einer umfassenden Schilderung von Rahmenbedingungen und institutionellen Faktoren. Auf diese Weise geraten alle Ebenen der Buchhandelsgeschichte in den Blick – eine enorme Sichtungs- und Sortierungsleistung. Die Auswahl der parallelen Wissenschaftsverlage mit den Schwerpunkten auf Naturwissenschaften, Medizin und Technik weckt den Wunsch, mehr über die besonderen Auswirkungen der dargestellten Problematik für Wissenschaftsverlage im Allgemeinen und für den gewählten Programmschwerpunkt zu erfahren. Welche Korrelationen gab es zwischen der Entwicklung der Verlage und den Arbeitsbiographien in der Wissenschaft? Welchen Einfluss hatten die Internationalisierung der Wissenschaften und die technologische Entwicklung nach 1945 auf Publikationen und Parallelverlage im geteilten Deutschland? Seemann verweist zum Beispiel auf etablierte Standardwerke und Zeitschriften, deren Erhalt und Qualitätssicherung durch die Situation der Parallelverlage gefährdet war, oder auf die Bindung von Autorinnen und Autoren im jeweils anderen Deutschland, die sich um den Vertrieb ihrer Arbeiten und das eigene Renommee sorgten (S. 261ff.). Hier ließen sich Studien zu einzelnen Verlagen und Publikationen anschließen, die stärker auf das Zusammenwirken mit der Wissenschaft eingehen und den Untersuchungszeitraum über die 1960er-Jahre hinaus erweitern könnten. Anna-Maria Seemanns sehr informierte Untersuchung mit Handbuchcharakter bietet hierzu eine optimale Grundlage.

Anmerkung:
[1] Julia Frohn, Literaturaustausch im geteilten Deutschland 1945–1972, Berlin 2014; Konstantin Ulmer, VEB Luchterhand? Ein Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben, Berlin 2016; Ingrid Sonntag (Hrsg.), An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945–1991, Berlin 2017.

Zitation
Anke Jaspers: Rezension zu: : Parallelverlage im geteilten Deutschland. Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 16.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28197>.