F.-X. Fauvelle: Das goldene Rhinozeros. Afrika im Mittelalter

Cover
Titel
Das goldene Rhinozeros. Afrika im Mittelalter


Autor(en)
Fauvelle, François-Xavier
Erschienen
München 2017: C.H. Beck Verlag
Umfang
320 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Verena Krebs, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Was für ein Bucherfolg! Das „Goldene Rhinozeros“ des französischen Historikers und Archäologen François-Xavier Fauvelle hat sich seit seiner französischen Erstveröffentlichung als veritabler Bestseller entpuppt: Neben der 2017 im C.H.Beck Verlag erschienenen deutschen Version liegt auch eine koreanische und – seit diesem Monat – eine englische Übersetzung vor; der Klappentext der französischen Taschenbuchausgabe[1] vermerkt, das Buch habe 2013 den Grand Prix des Rendezvous de l’Histoire in Blois gewonnen. Fauvelles Geschichten Afrikas im Mittelalter scheinen also einen Nerv getroffen zu haben.

Dabei ist das Goldene Rhinozeros weniger eine Forschungsmonographie denn ein populäres Sachbuch, und das ist auch gut so – denn nicht nur in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft konstituiert das vormoderne, vorkoloniale Afrika häufig einen blinden Fleck der historiographischen Weltkarte. Lege sich der gesellschaftliche wie forscherische Fokus auf den afrikanischen Kontinent, konstatiert Fauvelle in seiner Einleitung, so stünden häufig entweder die prunkvollen, aber eindeutig vergangenen Reiche der Antike im Fokus der Betrachtung – oder aber die Geschichte der jüngsten Jahrhunderte, in welchen Afrika „mit Gewalt an das Schicksal der europäischen Mächte gekoppelt, ‚entdeckt‘, dann ‚erforscht‘ wurde von denen, die sich eifrig seiner bemächtigten“ (S. 14). Die dazwischen liegenden Jahrhunderte seien meist als „dunkle Jahrhunderte“ wahrgenommen worden – wobei die dem Historiker frei zugänglichen Quellen jedoch eher das Bild „goldener Jahrhunderte“ evozieren müssten. Zugänglichkeit ist hier von entscheidender Bedeutung: Leser mögen bereits erahnen, dass die neuere und jüngste Geschichte des Kontinents den Historiker in der Erforschung jener „goldenen“ mittelalterlichen Phase vor massive Herausforderungen stellt. Es ist wenig verwunderlich, dass das Forschungsgebiet Afrika in der westlichen Akademie lange als Domäne der Anthropologen, Philologen, Sprachwissenschaftler und – wenn überhaupt – Archäologen verstanden wurde und eben nicht als Feld für Historiker und Mediävisten. Entgegen aller landläufigen Annahmen zur Schriftlosigkeit des Kontinents muss betont werden, dass etliche Gesellschaften des subsaharischen Afrikas schon lange vor Ankunft der Europäer Schriftlichkeit besaßen: In Äthiopien und den nubischen Königreichen datiert diese gar vor die Zeit der sehr frühen Christianisierung; als Buchreligion brachte der Islam Schriftlichkeit ab dem 9. und 10. Jahrhundert in die Gebiete des westafrikanischen Sahel und der Swahili-Küste Ostafrikas. Die Unterbrechung von Gesellschaftsordnungen und historischen Traditionen in den darauffolgenden Jahrhunderten sowie vor allem die Zerstörungen der Kolonialzeit wirken jedoch entscheidend nach. Schriftliche Quellen in Westafrika oder Nordostafrika sind weiterhin schlichtweg wenig erschlossen: Für Timbuktu gelten abertausende – mitunter hunderttausende – Manuskripte als in Privatbibliotheken existent, aber nicht katalogisiert. Quellen zur nubischen Geschichte sind häufig außerhalb des Sudans archiviert und aufgrund der Vielsprachigkeit der nubischen Königreiche – koptisch, altnubisch, griechisch, arabisch – falsch katalogisiert. In Äthiopien befinden sich jahrhundertealte Manuskripte noch in Gebrauch in Klöstern und Kirchen – und eben nicht in frei und leicht zugänglichen Archiven. Die archäologische Erschließung afrikanischer Stätten ist chronisch unterfinanziert; vor allem wirkt aber auch hier die Kolonialzeit nach. Abschnitte wie die Objektbiographie des titelgebenden goldenen Rhinozeros – eine mit Anklängen bitteren Sarkasmus erzählte Chronik der vollkommenen Zerstörung jeglichen archäologischen Kontexts im frühen 20. Jahrhundert – verdeutlichen eindrucksvoll, wie fundamental und gewaltsam die rezentere Geschichte des Kontinents historische und archäologische Quellen in losgelöste „Schätze“ verwandelt hat, welche kaum mehr als grobe Datierungen (13. Jahrhundert) und Verortungen (Nordosten des heutigen Südafrika) zulassen.

Neben schriftlichen und archäologischen Quellen sind es daher auch einzelne „Schätze“ – „das, was übrig bleibt, wenn alles andere verschwunden ist“ (S. 20) – welche Fauvelle methodologisch meisterhaft zu Geschichten Afrikas im Mittelalter zusammenwebt, ohne in die Muster allzu globaler, nationaler oder ethnologischer Erzählweisen zu verfallen.

In 34 kurzweiligen Kapiteln präsentiert er schlaglichtartig Einblicke in Geschichten des Kontinents zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert. Für Afrikahistoriker ist viel Altbekanntes und bereits zuvor Beschriebenes dabei; knapp dreißig Seiten Anmerkungen im Anhang des Buches verdeutlichen, dass zu jedem Schlaglicht eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Publikationen (auch von Fauvelle selbst) vorhanden ist. Adressaten des Buches sind diejenigen, für die Afrika und seine vormoderne Geschichte noch Neuland darstellt. Ihnen wird auf meist nur einer Handvoll Seiten eine Quelle, Grabung sowie die Forschungsgeschichte eines „Schatzes“ kurzweilig und bündig aufbereitet. Originell und innovativ ist Fauvelle immer dann, wenn er verschiedene Quellen gänzlich neu kontextualisiert und synthetisiert. Besonders hervorzuheben sei hier Kapitel elf, welches archäologische Quellen aus geographisch so disparaten Gebieten wie Äthiopien, Mali und dem Senegal zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert zusammenwebt.

Ein Wermutstropfen ist die allzu blumige und erstaunlich unpräzise Übersetzung des Textes. Teils grobe Übersetzungsfehler unterminieren Fauvelles Argumentation: aus „haut Moyen Âge“ wird beispielsweise das gegenteilige „späte Mittelalter“ (S. 108); aus „une sculpture [...] ne garde que la trace des derniers coups de ciseau“ wird ähnlich sinnfrei „eine Skulptur [...] bewahrt nicht nur die Spur der letzten Meißelschläge“ (S. 178). Lange Bandwurmsätze mit teils unklar aufgelösten Pronomina lassen mehrere Verständnisebenen zu – für einen an ein breites Laienpublikum gerichteten Band ist dies ein unschöner Befund. Angesichts der Aufmachung der deutschen Ausgabe überrascht es, dass durchgängig hochwertige farbige Illustrationen, goldfarbener Einband und aufwändig gestalteter Satz einen Band mit Buchstabendrehern und verwaisten Kommata teilen. Auch die Entscheidung des Verlags, die wissenschaftlichen Anmerkungen in einem vollständig abgetrennten Anhang anzufügen (statt sie wie in der französischen Ausgabe direkt an jedes Kapitel angeschlossen dem Leser/der Leserin zur Hand zu geben) ist bedauerlich. Diese Kritikpunkte ließen sich mit einer gewissenhaft lektorierten zweiten Auflage leicht beheben.

Fauvelles fast traumartig erzählte afrikanische Geschichten bieten keine klar gegliederte handbuchartige Einführung in die mittelalterliche Geschichte des Kontinents. Vielmehr lässt er von der Historiographie lange ausgeblendete Orte – Sidschilmasa im heutigen Marokko, Aidhab im heutigen Sudan, Walata im heutigen Mauretanien – als lebhafte Drehschreiben einer mittelalterlichen Welt hervortreten. Damit verschiebt er zwangsläufig den historischen Blick und das mediävistische Verständnis von Peripherie und Zentrum in einen von der Mittelalterforschung noch kaum ausgeleuchteten Bereich der Geschichtswissenschaft. So wird das „Goldene Rhinozeros“ von einem eleganten und schönen zu einem wichtigen Buch, und es bleibt zu hoffen, dass die hier eröffneten Schlaglichter mehr Interesse an der Geschichte Afrikas im Mittelalter wecken. Denn auf diesem Feld hat sich seit der Erstveröffentlichung des Werks viel getan: Monographien[2], Sammelwerke[3], Zeitschriftenaufsätze[4] und Forschungsverbünde[5] haben unseren Wissensstand zu einzelnen der von Fauvelle aufbereiteten Episoden seither massiv erweitert – obwohl noch viel zu tun bleibt!

Anmerkungen:
[1] François-Xavier Fauvelle, Le rhinoceros d’or, Paris 2014.
[2] Darunter Giovanni Ruffini, Medieval Nubia. A Social and Economic History, New York 2012; George Hatke, Aksum and Nubia. Warfare, Commerce, and Political Factions in Northeast Africa, New York 2013; Mark Horton, Zanzibar and Pemba. The Archaeology of an Indian Ocean Archipelago, London 2017; Sam Nixon, Essouk - Tadmekka. An Early Islamic Trans-Saharan Market Town, Leiden 2017; Michael Gomez, African Dominion. A New History of Empire in Early and Medieval West Africa, Princeton 2018; Marie-Laure Derat, L'énigme d'une dynastie sainte et usurpatrice dans le royaume chrétien d'Ethiopie, XIe–XIIIe siècle, Turnhoult 2018.
[3] Gwyn Campbell (Hrsg.), Early Exchange Between Africa and the Wider Indian Ocean World, Cham 2016; Stephanie Wynne-Jones / Adria LaViolette (Hrsg.), The Swahili World, Abingdon 2017.
[4] Sarah Guérin, Avorio d’ogni Ragione. The Supply of Elephant Ivory to Northern Europe in the Gothic Era, in: Journal of Medieval History 36 (2010), H. 2, S. 156–174; Dies., Forgotten Routes? Italy, Ifrqiya and the Trans-Saharan Ivory Trade, in: Al-Masaq, Islam and the Medieval Mediterranean 25 (2013), H. 1, S. 70–91; Dies., Exchange of Sacrifices. West Africa in the Medieval World of Goods, in: The Medieval Globe 3 (2017), H. 2, Artikel 6; Timothy Insoll u. a., Archaeological Survey and Test Excavations, Harlaa, Dire Dawa, and Sofi, Harari Regional State, Ethiopia, August 2015: A Preliminary Fieldwork Report, in: Nyame Akuma 85 (2016), S. 23–32; Dies., Archaeological Survey and Excavations, Harlaa, Dire Dawa, Ethiopia January-February 2017. A Preliminary Fieldwork Report, in: Nyame Akuma 87 (2017), S. 32–38.
[5] Vgl. die European Research Council (ERC) Consolidator Projekte HornEast, IsIHornAfr und JewsEast, den ERC Advanced Grant TraCES und das durch die Akademie der Wissenschaften geförderte Projekt "Beta maṣāḥǝft" des Hiob Ludolf Zentrums für Äthiopistik der Universität Hamburg sowie das von Marie-Laure Derat und Claire Bosc-Tiessé geleitete CNRS-Projekt „Lalibala: archéologie d’un site rupestre“.

Zitation
Verena Krebs: Rezension zu: : Das goldene Rhinozeros. Afrika im Mittelalter. München  2017 , in: H-Soz-Kult, 14.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28270>.
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14.12.2018
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