Cover
Titel
Refugees in Europe 1919–1959. A Forty Years' Crisis?


Hrsg. v.
Frank, Matthew; Reinisch, Jessica
Erschienen
London 2017: Bloomsbury
Umfang
IX, 257 S.
Preis
£ 85.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Kollmeier, Berlin

Als Jessica Reinisch und Matthew Frank 2010 die einschlägigen und eminenten HistorikerInnen in London bei einer großen internationalen Konferenz über die Geschichte von Fluchten und Flüchtlingen versammelten, galt das Themenfeld eher als Spezialinteresse von Forschenden, die an Migration, Immigration, Exil und internationalen Organisationen interessiert waren.[1] Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung einer Auswahl der Konferenzbeiträge im Herbst 2017 hat sich dies grundlegend verändert. Nicht nur ist das Thema durch seine neue Aktualität politisch und gesellschaftlich überaus präsent. Gerade im deutschsprachigen Raum hat sich auch die interdisziplinäre Flüchtlingsforschung strategisch neu organisiert und entwickelt hier – stärker vielleicht als im vorrangig sozialwissenschaftlich und politologisch geprägten internationalen Feld – zunehmend auch einen markanten Schwerpunkt auf historischen Zugängen und Analysen.[2]

Bereits 2014 publizierten Reinisch und Frank einige Konferenzergebnisse in dem Themenheft „Refugees and the Nation-State in Europe, 1919–59“, dessen Einleitung eine präzise Bestandsaufnahme des europäischen Fluchtgeschehens wie seiner Erforschung bietet.[3] Die sechs Fallstudien des Hefts zu einzelnen europäischen Staaten in der doppelten Nachkriegszeit dokumentieren vor allem den seit Michael R. Marrus’ Buch „The Unwanted“ klassischen Zugriff einer Analyse staatlicher Sichtweisen, Politiken und Reaktionsmuster.[4] Die beiden Internationalismus-Spezialisten – Reinisch leitet das Centre for the Study of Internationalism at Birkbeck College an der University of London, Frank lehrt International History an der University of Leeds – betonen jedoch zu Recht die hohe Vernetzung der Einzelstaaten, die sich im Umgang mit marginalisierten und unerwünschten Bevölkerungsgruppen geradezu zwangsläufig herausbildete.

Der jetzt vorgelegte Sammelband konzentriert sich gleichfalls auf die Situation in Europa, geht mit Aufsätzen grundsätzlicheren Charakters und einer stärkeren Berücksichtigung der kolonialen Kontexte aber darüber hinaus. Anhand der Perspektive auf die immer wiederkehrenden Fluchtkrisen möchte er auch einen neuen Blick auf Europa in der Jahrhundertmitte werfen. Vor allem aber bietet er eine übergreifende These an, welche die Epoche vom „sortie de guerre“ nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Weltflüchtlingsjahr der Vereinten Nation 1959/60 verbindet und strukturiert. Die Herausgeber plädieren dafür, die beiden Nachkriegssituationen als zusammenhängende Krise einer europäisch dominierten internationalen Staatenordnung zu begreifen, da die eng aufeinander folgenden Fluchtkrisen sowohl direkt auf dieses System zurückzuführen sind, wie sie es zugleich herausforderten (S. 12). Diese europäische Periode des Weltfluchtgeschehens begann mit dem Ende des Ersten Weltkrieges, als eine ganze Reihe internationaler Strukturen zum Umgang mit „Displaced“-Bevölkerungen neu entstanden und erprobt wurden, und endete mit dem UNO-Weltflüchtlingsjahr (Gegenstand von Peter Gatrells Beitrag „The Forty Years’ Crisis: Making the Connections“), als die innereuropäischen Krisen überwunden zu sein schienen und die Vereinten Nationen mit ihren internationalen Körperschaften, allen voran der 1950 gegründete UNHCR (Hochkommissariat für Flüchtlinge), erstmals begannen, außereuropäische Situationen wahrzunehmen. Der Buchtitel ist einer zeitgenössischen Studie entlehnt, E.H. Carrs just zu Beginn des Zweiten Weltkrieges veröffentlichtem Klassiker der Theorie Internationaler Beziehungen „The Twenty Years’ Crisis“, der sich durchaus skeptisch über die neuartigen internationalen Instrumente des Völkerbundes äußerte.[5]

Wie diskussionswürdig und fruchtbar das Deutungsangebot einer 40-jährigen Dauerkrise ist, zeigt der Band eindrucksvoll mit seiner Sammlung thematisch und methodisch orientierter Analysen. Viele Aufsätze reflektieren explizit Nutzen und Grenzen dieses Konzepts für das Verständnis der Entwicklung spezifischer nationaler und internationaler Lösungen; sie kommen dabei zu unterschiedlichen Einschätzungen. Zara Steiner etwa widerspricht dem Periodisierungsvorschlag vehement – gerade mit Blick auf Osteuropa argumentiert sie für eine längere zeitliche Perspektive, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht („Refugees: The Timeless Problem“). Aus der Perspektive der USA war die europäische Krise im Gegenteil deutlich kürzer, wie Carl J. Bon Tempo zeigt („The United States and the Forty Years’ Crisis“, S. 190). Mark Levenes Überblick zum transnationalen Beispiel des jüdischen Fluchtgeschehens schließlich bestätigt einerseits die These und widerlegt sie zugleich – bedeutete die „Settlement“-Lösung in der Staatsgründung Israels für eine Kerngruppe Verfolgter mit der „Nakba“ der Palästinenser doch zugleich eine neue Vertreibungs- und Fluchtgeschichte, die nicht in das Blickfeld der europäischen Krisen vordrang („The Forty Years’ Crisis: The Jewish Dimension“, hier S. 98). Auf der Londoner Konferenz war selbst der Ansatz, jüdische Überlebende unter den Begriff „Flüchtlinge“ zu fassen, noch stark umstritten.

Auch die etablierte Forschung der Geschichte eines internationalen Flüchtlingsregimes, wie es sich in der Zwischenkriegszeit herausbildete, verändert sich durch den Einbezug nicht-europäischer und kolonialer Räume in den Beiträgen von Jan Manasek zum „Imperial Refugee“ im Osmanischen Reich und von Claire Eldridge über „The Empire Returns: ‚Repatriates’ and ‚Refugees’ from French Algeria“. Der Fall der französischen „Rückkehrer“ während des Algerien-Krieges in Eldridges Fallstudie verdeutlicht, wie koloniale Konflikte gezielt aus dem für Flüchtlinge entwickelten Handlungsrahmen der internationalen Gemeinschaft herausgehalten und als interne Angelegenheit verhandelt wurden, obwohl es sich in vielen Aspekten um ähnliche bis parallele Migrationsphänomene handelte. Die geschätzt eine Million Menschen, die 1962 Algerien unter Fluchtbedingungen verließen, zählen zu den allein in Afrika ca. 12 Millionen im Zuge der Dekolonisierung Flüchtenden und markieren den späten Aufmerksamkeitswandel der internationalen Gemeinschaft für die globale Dimension des Fluchtgeschehens im 20. Jahrhundert.

Hier liegt der besondere Gewinn der Aufsatzsammlung. Glen Petersons Beitrag „Colonialism, Sovereignty and the History of the International Refugee Regime“ geht am weitesten mit seiner alternativen Chronologie zur Meistererzählung des internationalen Institutionsaufbaus (wie sie noch einmal in Barbara Metzgers Kapitel „The League of Nations, Refugees and Individual Rights“ rekapituliert wird). Gestützt auf den Historiker Mark Mazower, den Völkerrechtler Antony Anghie und andere plädiert Peterson dafür, die ideologischen Rahmenbedingungen und Prägungen des Denkens hinter dem neuen internationalen Mechanismus stärker zu berücksichtigen, und legt anhand weniger Beispiele aus China und Vietnam die scharfe eurozentrische Tradition des Völkerrechts hinter dem internationalen Instrumentarium offen. Er dekonstruiert die Prägung der juristischen Denkwelt, die zu einer Unsichtbarkeit kolonialer Fluchten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts führte, sowie auch die Eurozentrik bei der Erforschung der Flüchtlingsregime.

Es ist zu wünschen, dass weitere empirische Arbeiten die sich hier andeutende neue Forschungsperspektive vertiefen und unterfüttern werden – und die der Erforschung zugrundeliegenden Konzeptionen und Vorannahmen in eine kritische Reflexion und Historisierung einbeziehen. Der Sammelband, der angesichts der Aktualität der Themen und seiner methodischen Breite eine gewinnbringende Lektüre für speziell Interessierte wie auch für die Lehre ist, markiert somit einen vielversprechenden Perspektivwechsel.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Mira L. Siegelberg, Report Back: The Forty Years’ Crisis: Refugees in Europe, 1919–1959, Birkbeck College, University of London, 14–16 September 2010, in: History Workshop Journal 71 (2011), S. 279–283.
[2] Vgl. die Gründung der „Zeitschrift für Flüchtlingsforschung“ 2017, die Konferenz zur Flüchtlingsforschung vom 4. bis 6.10.2016 an der Universität Osnabrück und das 2013 gegründete Netzwerk Flüchtlingsforschung, siehe http://fluechtlingsforschung.net (14.04.2018); als aktuelle Bestandsaufnahme J. Olaf Kleist, Flucht und Flüchtlingsforschung in Deutschland: Akteure, Themen und Strukturen. Flucht: Forschung und Transfer, State-of-Research Papier 01, Februar 2018, https://flucht-forschung-transfer.de/wp-content/uploads/2018/02/State-of-Research-01-J-Olaf-Kleist-web.pdf (14.04.2018).
[3] Matthew Frank / Jessica Reinisch, Refugees and the Nation-State in Europe, 1919–59, in: Journal of Contemporary History 49 (2014), S. 477–490.
[4] Michael R. Marrus, The Unwanted. European Refugees from the First World War Through the Cold War, Philadelphia 2002 (zuerst 1985 mit dem Untertitel: European Refugees in the Twentieth Century); dt.: Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen übersetzt von Gero Deckert, Berlin 1999.
[5] E.H. Carr, The Twenty Years’ Crisis: 1919–1939. An Introduction to the Study of International Relations, London 1939 (Nachdruck 2001 und öfter).

Zitation
Kathrin Kollmeier: Rezension zu: Frank, Matthew; Reinisch, Jessica (Hrsg.): Refugees in Europe 1919–1959. A Forty Years' Crisis?. London  2017 , in: H-Soz-Kult, 14.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28274>.