H. Haag u.a. (Hrsg.): Volkseigenes Erinnern

Cover
Titel
Volkseigenes Erinnern. Die DDR im sozialen Gedächtnis


Hrsg. v.
Haag, Hanna; Heß, Pamela; Leonhard, Nina
Erschienen
Wiesbaden 2017: Springer VS
Umfang
X, 259 S.
Preis
€ 44,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Ahbe, Leipzig

Die drei Herausgeberinnen des vorliegenden Sammelbandes haben sich seit Jahren als Politikwissenschaftlerinnen und Soziologinnen mit ihren Arbeiten zu Konstruktionsbedingungen von Erinnerungen, dem kulturellen Gedächtnis und den Konkurrenzen zwischen gesellschaftlichen Wissensbeständen profiliert. Das von ihnen konzipierte und mit „Volkseigenes Erinnern. Die DDR im Sozialen Gedächtnis“ überschriebene Buch ist aber nicht ,nur‘ eines über Ostdeutschland. Man kann es auch als Überblick zu empirischen Anwendungen aktueller gedächtnissoziologischer Standards verstehen. Allerdings führt das ausgeprägte Theoriebewusstsein manches Mal dazu, dass die Entfaltung der theoretischen Grundlagen in einem gewissen Missverhältnis zur Arbeit am Material und der klaren Formulierung von Ergebnissen oder Thesen steht.

Zwei sehr gelungene Beiträge konzentrieren sich auf die Funktion des Familiengedächtnisses beim Rückblick auf die DDR. Laura Wehr widmet sich einem Gegenstand, der „bis heute eine Art doppelte Schattenexistenz“ (S. 45) hat. Denn während spektakuläre Fluchten über die Grenze der DDR in die BRD oder die Ausreisegeschichten von prominenten Künstlern und Oppositionellen immer wieder memoriert werden, ist die Tatsache, dass von 1961 bis 1988 über 380.000 Menschen aus der DDR legal in die Bundesrepublik übersiedelten, nahezu unbekannt.[1] Laura Wehr demonstriert anhand von Interviews einer Übersiedlerfamilie, wie hoch die Kosten auch einer legalen Ausreise „in psychischer, sozialer, familialer, bildungsbiografischer und materieller Hinsicht“ (S. 56) waren. Im untersuchten Fall werden die Kinder der ausgereisten und frisch verwitweten Mutter zu Vertretern eines konflikthaften, gespaltenen Familiengedächtnis, in dem Mutter und Schwester die Vergangenheit beschweigen, der Bruder aber diese erinnern möchte. Auch Gerd Sebald und René Lehmann thematisieren das Familiengedächtnis. Sie zeigen, wie vier ostdeutsche Familien den ostdeutschen Rechtsextremismus reflektieren und zu unterschiedlichen Interpretationen kommen. Dabei werden jedoch „in keinem Fall […] die kursierenden diskursiven Schuldzuweisungen für den Rechtsradikalismus an die DDR bejahend aufgegriffen“. Somit könne man in dieser Hinsicht von „der familialen Kommunikation“ als einem „Gegengedächtnis“ im Verhältnis „zu den offiziellen Diskurspositionen“ sprechen (S. 80f.).

Ähnlich wie der familiale Diskurs hat auch die „materielle Stadtstruktur“ eine „Gedächtnisfunktion“ (S. 154), was Karen Sievers gut nachvollziehbar am Umgang mit den ostdeutschen Plattenbauten illustriert. „Zur Jahrtausendwende lebten bis zu 25 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung in diesen Wohnsiedlungen. Sie waren in den 1990er-Jahren […] saniert worden und nur wenige Bewohner(innen) hegten in der Folge Umzugsabsichten. Viele der älteren Bewohner(innen) waren am Aufbau der Siedlungen selbst beteiligt […] oder hatten diesen zumindest direkt miterlebt.“ (S. 147) Dessen ungeachtet hat sich in den Medien nach 1990 eine „diskursive Abwertung der Wohn- und Siedlungsform ,Platte‘ beziehungsweise Großwohnsiedlung“ durchgesetzt, die jedoch „im Wesentlichen auf der Übertragung westdeutscher Großsiedlungskritik auf die (anders gelagerten) ostdeutschen Verhältnisse beruhte.“ (S. 148) Das Ziel, innerstädtisches Wohnen zu fördern und die durch Deindustrialisierung und Fortzug entstandenen infrastrukturell-technischen Probleme der Plattenbauareale ließen den Rückbau der Großsiedlungen als geeignete Lösung erscheinen. Deren Effekte waren aber die Weiterwanderung der einstigen Mieter – nicht wie geplant in den sanierten innerstädtischen Altbau, sondern in andere Plattenbaugebiete –, die Schwächung sozialer und verwandtschaftlicher Netzwerke und letztlich auf die symbolische Gleichsetzung der einstigen Bewohner mit den abgerissenen, nicht mehr benötigten Quartieren. Die Autorin fasst das mit dem Begriff der „Dememoralisierung“ (S. 148f., S. 151).

Wie der Wechsel des dominierenden Diskurses die individuellen Erinnerungen oder die gesamte Konstruktion von Autobiografien beeinflusst, ist ein weiterer interessanter Komplex des Buches. Kathrin Franke präsentiert mit „Die DDR-Psychiatrie und deren Transformation nach 1989 im Gedächtnis ihrer Akteure“ einen materialreichen Beitrag. Über weite Strecken wirkt die Darstellung jedoch wie eine Vermischung von gedächtnissoziologischen Analysen, subjektiven Erinnerungsprozessen und dem Versuch einer historischen Aufarbeitung der Verbrechen und Missstände in psychiatrischen Anstalten (Patientenmorde Altscherbitz während des NS, Hospitalisierungen durch Verwahr-Psychiatrie in der DDR, Einflussnahmeversuche des MfS und die Reaktionen der Ärzte). Bisweilen scheint die Autorin die von ihr Interviewten für deren Aussagen zu loben oder zu tadeln. So zitiert sie Frau B.: „Aber da kann ich auch wieder nur sagen, Altscherbitz ist ein Sinnbild für deutsche Geschichte. Die Hälfte [des Personals – K.F.] war vor 33 in der KPD […] und dann sind die 33 geschlossen in die NSDAP eingetreten und dann sind sie wahrscheinlich […] alle – nein nicht alle – in die SED eingetreten. Aber so das Regime ist noch immer vorhanden.“ (S. 122) Hier versäumt es Kathrin Franke, die doch sehr detaillierte Ausführung der Protagonistin mit Hilfe des Standardwerkes über die Landesheilanstalt Altscherbitz zu kontextualisieren.[2] Damit vergibt sie sich auch die Möglichkeit, die „gedächtnissoziologische Rahmung“ dieser Interviewaussage – deren Reflexion eines ihrer selbstgesteckten Ziele ist (S. 118) – zu beschreiben. Denn die kontrafaktische KPD-NSDAP-SED-,Erklärung‘ widerspiegelt idealtypisch den totalitarismustheoretisch formatierten Aufarbeitungsdiskurs nach 1990. Stattdessen attestiert Kathrin Franke der Interviewten, dass diese „die Psychiatrie konsequent politisch“ denke und deren „Rolle in der Gesellschaft über Systemwechsel hinweg“ hinterfrage (S. 122). Doch „politisch“, nur eben anders kodiert, denken auch andere Interviewpartner, wie beispielsweise Herr F.: „Wir hätten gern mehr Zeit gehabt, uns das untereinander zu sagen [gemeint sind die Missstände in der Psychiatrie der DDR – Anm. K.F.]. Und nicht, dass von außen jemand kommt und uns das sagt. Und diese Zeit haben wir leider nicht gehabt, und das ist bestimmt der Ärger […].“ Hier lautet Frankes Kommentar: „Selbstkritik scheint für Herrn F. nur möglich zu sein, wenn diese nicht von außen erzwungen wird.“ (S. 126)

Plausibler ist der Umgang mit den Interview-Quellen bei Katinka Meyer und Anna-Christin Ransiek. Sie zeigen, wie sich die autobiografischen Konstruktionen einer in die SBZ/DDR Vertriebenen und einer schwarzen DDR-Bürgerin durch die Wende ändern. Die in den 1930er-Jahren geborene Frau Althof hatte auf der Flucht mit ihrer Mutter schwere sexualisierte Gewalt durch Rotarmisten und dann Konflikte mit der autochthonen Bevölkerung Mitteldeutschlands erlebt. Sie absolvierte eine Karriere im DDR-Staatsdienst, heiratete einen überzeugten SED-Angehörigen, welcher nicht über Flucht und Vertreibung reden wollte. Um dieses Arrangements willen kappte die Protagonistin ihre Verbindung zum kollektiven Gedächtnis der Vertriebenen in der Dorfgemeinschaft und dem der westdeutschen Verwandten. Die Autorinnen arbeiten heraus, wie Frau Althof nach dem Beitritt der DDR sich wiederum an ein neues System anpasste. Sie wandelte sich von der DDR-Sozialistin zur Aktivistin im Bund der Vertriebenen (BdV), wo sie sich vor allem den Verbrechen an deutschen Frauen widmete. So bekam sie – bis in ihre Träume hinein – wieder ,Kontakt‘ zu den bislang beschwiegenen biografischen Anteilen. Doch sie musste ihr Leben auch neu erfinden. „Unter dem Eindruck, etwas zuvor Tabuisiertes erzählen zu können, wird die DDR ausschließlich aus einer Perspektive als tabuisierender Staat betrachtet. Nicht thematisierbar und an den Rand der Erinnerung gedrängt werden innerhalb dieses Gedächtnisses allerdings drei Aspekte [der] eines erfolgreichen und systembejahenden Lebens innerhalb der DDR […], zweitens […] dass auf Familienfeiern sehr wohl über Zwangsmigration gesprochen wurde“ und drittens, dass die Protagonistin auch aus „der Angst, ihr Ehemann könne ihre ,dunkle Vergangenheit‘ entdecken“, geschwiegen hat, was die Autorinnen als „nichtstaatlichen Tabuisierungsfaktor“ bezeichnen (S. 217f.). Je nachdem, auf welches „Kollektivgedächtnis“ sich die Protagonistin bezieht – das der DDR oder das des BdV – ergaben und ergeben sich also Chancen und Barrieren für Erinnerung und biografische Selbstdeutung (S. 211, S. 216). Auch die 1966 in der DDR geborenen Heide Abayomi, Tochter eines Schwarzafrikaners, gelangte über den Bezug zu einem anderen Kollektivgedächtnis zu einer biografischen Neuinterpretation. Während ihrer „schönen Kindheit“ (S. 225f.) in der DDR erfuhr sie auch rassistisch motivierte Stigmatisierungen. Weil es aber in der DDR offiziell keinen Rassismus gab, da im Kontext des internationalistischen Diskurses ethnische Differenzen keine Rolle spielten, hier also sprachlich ein blinder Fleck bestand, musste das Mädchen die rassistisch motivierten Stigmatisierungen „als individuell und zu überwindendes Phänomen [des] Andersseins“ deuten (S. 220, S. 225). Erst als die junge Frau über eine Ausreise in die Bundesrepublik ein Teil antirassistischer Initiativen wurde und Zugang zum Kollektivgedächtnis schwarzer Deutscher fand, kam sie zu einer Selbstdeutung ohne destruktive Anteile: „… das war für mich so’ne Phase, wo ich dann praktisch definieren, festmachen konnte oder in Worte kleiden, was mich sonst immer so aufgeregt hat.“ (S 224) Meyer und Ransiek führen somit vorbildlich an nur zwei Fälle die Transformation von Selbstdeutungen im Kontext des Wandels von überpersonalen Faktoren vor.

Mit dem von ihnen konzipierten und gelungenen Band liefern die Herausgeberinnen einerseits einen Beitrag zur gedächtnissoziologischen Debatte, indem sie Modalitäten selektiver Inanspruchnahme von gesellschaftlichen Wissensbeständen für individuelle und kollektive Sinnbildung rekonstruieren. Zugleich wird das Buch Teil der zeitgeschichtlichen Diskussion, weil es Formen aufzeigt, in denen sich einstige Bewohner der DDR vor und nach dem Umbruch sinnhaft integrierten.

Anmerkungen:
[1] Für 1989 kann die Statistik nicht mehr zwischen legal Ausgereisten und Flüchtlingen unterscheiden. Jürgen Ritter / Peter Joachim Lapp: Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk, 5. aktualisierte und erw. Aufl., Berlin 2006 (1. Aufl. 1997), S. 176.
[2] Frank Hirschinger stellt stattdessen fest: „Einige Pfleger erklärten ihren Beitritt zur NSDAP, obwohl sie in den zwanziger Jahren Mitglieder der SPD oder KPD gewesen waren.“ Hinsichtlich der Relation der NSDAP-Mitglieder zum gesamten Personalbestand schreibt Hirschinger: „die exakte Zahl der NSDAP-Mitgliedern unter den Altscherbitzer Pflegern ist unbekannt […] infolge fehlender Personalakten“; siehe Frank Hirschinger: „Zur Ausmerzung freigegeben“. Halle und die Landesheilanstalt Altscherbitz 1933–1945, Köln 2001, S. 56. Zur Situation nach 1945 heißt es (ebd., S. 225): „Mehrere Pfleger, die während des Dritten Reichs der NSDAP angehört hatten […] wandelten sich zu linientreuen Kommunisten.“ Hinsichtlich der bis 1945 in Altzscherbitz arbeitenden Ärzte gibt es keine entsprechenden Hinweise.

Zitation
Thomas Ahbe: Rezension zu: Haag, Hanna; Heß, Pamela; Leonhard, Nina (Hrsg.): Volkseigenes Erinnern. Die DDR im sozialen Gedächtnis. Wiesbaden  2017 , in: H-Soz-Kult, 19.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28290>.
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19.10.2018
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