Cover
Titel
The Woman Question in France, 1400–1870.


Autor(en)
Offen, Karen
Erschienen
Cambridge [u.a.] 2017: Cambridge University Press
Umfang
286 S.
Preis
€ 35,53
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Opitz-Belakhal, Department Geschichte, Universität Basel

Karen Offen gehört zu den Pionierinnen der Frauen- und Geschlechtergeschichte weltweit mit einem elaborierten Forschungsschwerpunkt in der Geschichte Frankreichs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und der dortigen Frauenbewegungen. Sie ist zudem eine ausgewiesene Kennerin der sogenannten „querelle des femmes“, die im französischen Sprachraum am Ende des 14. Jahrhunderts begann, als sich die aus der Toscana eingewanderte „erste Berufsschriftstellerin Frankreichs“, Christine de Pizan, aus weiblicher Sicht gegen frauenfeindliche männliche Autoren wandte und in ihrer „Stadt der Frauen“ 1405 ein weibliches Utopia schuf. Diese erste Welle des Jahrhunderte überdauernden „Streits um die Frauen“ nimmt Offen nun als Ausgangspunkt für ihre breit angelegte frauen- und geschlechtergeschichtliche Darstellung der „Frauenfrage“ in Frankreich, die ihrem Buch den Namen gab. Es handelt sich dabei um den ersten einer auf zwei Bände angelegten Abhandlung über die (Vor-)Geschichte der französischen Debatten um Frauenwahlrecht und Geschlechterpolitik in der Moderne. Der zweite Band behandelt den Zeitraum vom Ende des Kaiserreichs 1870 und den Ereignissen der Pariser Kommune bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.

Wie Offen einleitend feststellt, stammt der Begriff „Frauenfrage“ („woman question“) aus dem 19. Jahrhundert, das ja auch den Fluchtpunkt der gesamten Darstellung bildet. Der Rückgriff auf die frühneuzeitlichen Debatten über Geschlechterordnung, weibliche Bildungs- und Herrschaftsfähigkeit sowie frühneuzeitliche Sexualpolitik erscheint der Autorin gleichwohl unverzichtbar, um v.a. auch die Persistenz von Geschlechterhierarchien und diesbezüglichen Argumentationsmustern deutlicher herausarbeiten zu können, wodurch sich viele Widersprüchlichkeiten innerhalb der sich modernisierenden französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts überhaupt erst erklären lassen. Entgegen des gängigen Narrativs auch der Frauen- und Geschlechterforschung beginnt ja in der Tat auch geschlechterpolitisch nicht alles erst mit und nach der Französischen Revolution von 1789 – und Offen gibt dieser Erkenntnis breiten Raum, auch wenn sich, um das schon vorweg zu sagen, der größere Teil ihrer Darlegungen dann doch auf die Zeit nach der Revolution von 1789 bezieht.

In insgesamt sieben Kapiteln, die einer umfangreichen Einleitung folgen, in der Offen u.a. auch ihre methodischen Grundüberlegungen und ihre Wort- und Begriffswahl offenlegt, behandelt die Autorin zunächst die Frage weiblicher politischer Autorität und den Zugang von Frauen zur Herrschaft von der Renaissance bis zur Französische Revolution, ausgehend von der Beobachtung, dass die Geschichte des (versuchten) Ausschlusses von Frauen aus der politischen Herrschaft weit älter ist als die Debatten der Revolutionszeit um die Frage der weiblichen Staatsbürgerschaft. Sie stammen tatsächlich aus dem späten Mittelalter, wo mit der „Erfindung“ des „Salischen Gesetzes“, einer angeblich aus dem Frühmittelalter stammenden Rechtskodifikation, die Thronfolge für weibliche Angehörige der Herrscherfamilie gleichsam verboten wurde, ganz im Gegensatz zur weitverbreiteten Praxis weiblicher Thronfolge in anderen europäischen Fürstenhäusern. Daneben betrachtet Offen auch die familienrechtlichen Bestimmungen im Code Civil bzw. genauer, dem Code Napoleon von 1804, der in höchst hierarchischer Weise die Rechte des Ehemannes und Hausvaters fortschrieb, welche schon während der frühen Neuzeit in Frankreich Gültigkeit hatten. Beides wirkte zusammen, um die Französinnen über mehr als ein Jahrhundert – und länger als in den meisten anderen europäischen Ländern – von den Bürgerrechten auszuschließen und dadurch letztlich den französischen Staatsbürger als Mann zu konzipieren. In Kapitel 3 steht dann, davon ausgehend, die Entwicklung der Bevölkerungs- und Sexualpolitik im Frankreich des 19. Jahrhunderts im Zentrum. Tatsächlich waren die französischen „médecins philosophes“ der Aufklärungszeit führend in Europa, wenn es darum ging, den „natürlichen“ Platz der Geschlechter in der Gesellschaft zu bestimmen und zu begründen. Noch Darwin oder Freud lehnten sich an deren Überlegungen und Erkenntnisse an, ebenso wie Rousseau oder Voltaire und die radikalen französischen Revolutionäre, denen das „Gesetz der Natur“ die Feder führte bei der Gestaltung der neuen „Ordnung der Geschlechter“, die nun von der „natürlichen Schwäche“ der weiblichen Konstitution ausging, welche durch Schutz und Bevormundung durch den Ehemann kompensiert werden musste. Bevölkerungspolitik wie Familienrecht des 19. Jahrhunderts folgten hier den revolutionären Vordenkern, deren höchstes Ziel konstantes Bevölkerungswachstum darstellte, das nach allgemeiner Überzeugung vor allem durch die Reglementierung von Mutterschaft und familiärer Ordnung zu sichern war. Im vierten Kapitel behandelt Offen die Frage der Frauenbildung und der diesbezüglichen Wissenspolitiken. Auch dieses Thema führt weit zurück in die Frühe Neuzeit und zu der eingangs genannten „querelle des femmes“, wo die Frage der weiblichen Bildungsfähigkeit schon seit den Anfängen intensiv diskutiert wurde. Bereits Christine de Pizan hatte in ihrer „Stadt der Frauen“ 1405 eine Verbesserung der Frauenbildung gefordert. Eine Gleichstellung der Bildungsinhalte für Mädchen und Frauen mit denen der Männer gab es dennoch durch die gesamte Epoche hindurch nicht und mehr noch, die modernen (Natur-)Wissenschaften entfalteten sich rasch als reine Männer-Wissenschaften, wie Offen mit Hinweis auf die Arbeiten von Londa Schiebinger deutlich macht, trotz aller Einwände gegen den Ausschluss von Frauen aus höherer (universitärer) Bildung und akademischer Forschung, die auch im 19. Jahrhundert nicht verstummten.

Im Zentrum des fünften Kapitels steht dann, etwas überraschend, die Geschichtsschreibung über Frauen und deren Nutzung als politisches Instrument im Kampf um Frauenbildung und Frauenrechte v.a. im 19. Jahrhundert – ein Kapitel, das man sich eher im Anschluss an die Debatte über die weibliche Beteiligung am „corps politique“ erwartet hätte, das aber durchaus auch an die Debatte um die Mädchen- und Frauenbildung anschließt, die ja im 19. Jahrhundert intensiv geführt wurde, wie Offen im 4. Kapitel zeigt. Hier analysiert Offen insbesondere die Schriften des berühmten Archivars und Historiographen der Französischen Revolution, Jean Michelet, der sich in seinen Werke sehr intensiv mit der „Frauenfrage“ beschäftigt hatte, aber als ein typischer Vertreter „romantischer“ Werte eine Gleichstellung von Frauen und Männern dezidiert ablehnte, um nicht dem weiblichen Geschlechtscharakter zu schaden oder gar „echte Männer“ zu verweichlichen.

Im abschließenden Kapitel 6 geht es dann sehr konkret um die politische Debatte in Frankreich rund um die Frauenarbeit bis 1870. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Kapiteln zeigt sich hier, wie sehr die „Frauenfrage“ tatsächlich erst im 19. Jahrhundert zum Thema wurde. Hierbei ging es v.a. um weibliche Lohnarbeit und Arbeiter/innen-Schutz, wie sie erst im Kontext der Französischen Revolution nach 1789 erstmals systematischer diskutiert wurde. Denn zwar hätten Frauen, wie Offen einleitend betont, seit unvordenklichen Zeiten gearbeitet, eine allgemeine Debatte über Frauenlöhne und Frauen(-lohn-)arbeit taucht jedoch erst im Zeitalter der Industrialisierung auf. Letztlich fokussiert dieses Kapitel daher v.a. die Genese einer Arbeiterinnenbewegung als Teil einer breiter aufgestellten Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, die sich dann in der radikalen „Commune“ 1870 erstmals auch politisch Bahn brechen konnte, wenn auch nur für kurze Zeit.

Mit dem letzten Kapitel greift die Autorin nochmals die einleitend explizierte Titelgebung des gesamten Bandes auf und zeigt, wie bereits gegen Ende des Kaiserreiches, im Vorfeld der Dritten Republik, feministische Positionen in der Öffentlichkeit vertreten wurden und die „Frauenfrage“ zu einem Kernthema öffentlicher Debatten wurde.

Das laut Offen für ein allgemeineres Publikum geschriebene Buch gibt tatsächlich einen ausgezeichneten Überblick über die longue durée der Geschlechterdebatten (und -verhältnisse!) im frühneuzeitlichen Frankreich bis weit ins 19. Jahrhundert. Sein Fluchtpunkt liegt indessen klar im 19. Jahrhundert, wie auch der Titel schon sagt. Die Debatten der vorangegangenen Jahrhunderte kommen v.a. insoweit in den Blick, als sie Kontinuitäten und Entwicklungen im 19. Jahrhundert erklären helfen. Nicht selten springt Offen hier zwischen den Jahrhunderten hin und her, zitiert Autorinnen und Autoren, die kaum bekannt sind, gleichzeitig mit solchen, die auch ein breiteres Publikum kennt – wie etwa die oben genannten Rousseau, Voltaire, Darwin oder Freud. Für die weniger sachkundigen Leser/innen ist dieses Vorgehen vielleicht nicht immer ganz leicht nachvollziehbar; aber die Grunderkenntnis, dass sich geschlechterpolitische Entwicklungen (gerade auch) in Frankreich, trotz des grundstürzenden Umbruchs der Französischen Revolution, nicht ohne den Blick auf die vorangegangenen Jahrhunderte erklären lassen, ist wesentlich und wertvoll – und von Offen an vielen Stellen, etwa bei der Frage des „verspäteten“ Einbezugs der Frauen in die aktiven Bürgerrechte, sehr überzeugend argumentiert. Ihr im ersten Kapitel wortreich argumentiertes Statement, dass die französischen Geschlechterdebatten ganz anderen Regeln und Gesetzen folgten als im übrigen Europa, vor allem, weil hier, im Unterschied zu den übrigen Ländern Europas, die feste Überzeugung verbreitet war, dass die eigentliche Macht im Staat in den Händen von Frauen (insbesondere von verführerisch schönen Mätressen oder luxussüchtigen Königinnen) liege, erscheint mir dagegen, angesichts des polemischen Charakters der frühneuzeitlichen Debatte um weibliche Herrschaft, der spätestens seit dem 17. Jahrhundert die Diskussion um weibliche Sklaverei in der Ehe und die despotische Herrschaft der Ehemänner gegenüber steht, weniger überzeugend – auch wenn es sicherlich bemerkenswert ist und bleibt, dass im Frankreich des Ancien Régime das weibliche Geschlecht mit „Kultur“ und Zivilisierung gleichgesetzt wurde, nicht etwa mit „Natur“. Das ist keineswegs gänzlich falsch – belegt aber letztlich weniger den berühmt-berüchtigten französischen Sonderweg, der ja gerade auch in der #metoo-Debatte (scheinbar) wieder zum Ausdruck kam, als vielmehr die Notwendigkeit, solche Einstellungen und Deutungsmuster konsequenter (zeitlich und sachlich) zu kontextualisieren und sie v.a. auch mit denjenigen anderer europäischer Länder noch konsequenter als Offen dies tut in Beziehung zu setzen.

Zitation
Claudia Opitz-Belakhal: Rezension zu: : The Woman Question in France, 1400–1870. Cambridge [u.a.]  2017 , in: H-Soz-Kult, 19.06.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28344>.