Titel
Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium


Autor(en)
Hoerder, Dirk
Erschienen
Umfang
779 S.
Preis
€ 89,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Schunka, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Das vorliegende Buch schließt eine Lücke in der Migrationsgeschichte. Bislang existierte keine auch nur annähernd so umfassende, handbuchartige Darstellung zur Geschichte von Migration und Mobilität, schon gar nicht in einer derart weiten räumlichen und zeitlichen Perspektivierung. Selbst die für 2005 angekündigte internationale Enzyklopädie „Migration, Integration, Minderheiten seit dem 17. Jahrhundert“ mit ihren zahlreichen Einzelartikeln unterschiedlicher Autoren wird einen stärker neuzeitlichen und europäischen Zuschnitt besitzen. [1] Der Verfasser der zu besprechenden Untersuchung setzt sich hingegen zum Ziel, das weltweite Migrationsgeschehen der letzten 1.000 Jahre auf fast ebenso vielen Seiten überblicksartig darzustellen. Aufwendiges Karten- und Diagrammaterial sowie ein – allerdings etwas knapp gehaltenes – Register erschließen das Werk.

Der Autor ist Neuzeithistoriker an der Universität Bremen. Dass er sich im vorliegenden Buch nicht an die üblichen Epocheneinteilungen hält, sondern einer thematisch-geografischen Gliederung folgt, ist dem Untersuchungsgegenstand geschuldet. Migrationen gehören zu den Kernphänomenen menschlichen Zusammenlebens aller Zeiten und lassen sich entsprechend weder durch übliche Periodisierungen noch durch eindeutige räumliche Zuordnungen erfassen. Für die Analyse des weltweiten Migrationsgeschehens schlägt der Verfasser daher einen Zugriff mit Hilfe unterschiedlicher, sich bisweilen überlagernder „Migrationssysteme“ vor. Auf der Basis theoretischer Überlegungen der neueren angloamerikanischen, und zwar insbesondere der kanadischen Forschung wird dadurch eine Perspektive der Interaktion zwischen Migranten und Angehörigen der Aufnahmegesellschaften verfolgt, die vor dem Hintergrund gesellschaftlicher oder institutioneller Rahmenbedingungen vor allem die Optionen der Individuen in den Vordergrund treten lässt. Die Vorstellung von Migrationssystemen, die von Jan Lucassens Arbeit über das „North Sea System“ angeregt wurde [2], ist demnach bei kontinuierlichen Wanderungen zwischen bestimmten Regionen anzuwenden, und zwar in Verbindung mit der Verbreitung von wirtschaftlichen Mitteln und Informationen zwischen Ausgangs- und Zielregion, mit Ketten- und Rückmigrationen usw. Innerhalb dieser relativ offenen Systeme lassen sich die „migrants as actors“ (S. 15) mit ihren Optionen zur Migrationsentscheidung und zur Lebensbewältigung an den Zielorten angemessen berücksichtigen. Hoerder spricht von Migrationssystemen etwa bei der Sklavenmigration, bei der russischen Expansion nach Sibirien, bei der Migration von asiatischen Kontraktarbeitern seit dem 19. Jahrhundert im pazifischen Raum, bei der Gastarbeitermigration nach Mittel- und Westeuropa im 20. Jahrhundert oder – für die ausgehende Frühe Neuzeit – vom Baltischen, dem Franko-spanischen und natürlich dem Nordseesystem. Innovativ ist hier insbesondere der akteursbezogene Ansatz, der es ermöglicht, die Millionen von Migrantenschicksalen des letzten Jahrtausends aus ihrer Anonymität zu befreien. Wenn die Migranten manchmal doch nur in etwas leblosen Zahlen erscheinen, so ist dies letztlich der Darstellbarkeit geschuldet.

Schon die Nennung aller angesprochenen Themengebiete würde den Rahmen der Rezension sprengen. Das Buch lässt sich als die Geschichte interkulturellen Zusammenlebens, als eine Geschichte europäischer, asiatischer oder amerikanischer Expansion, als internationale Geschichte der Lebensbewältigung von Arbeitern und nicht zuletzt als Geschichte der Globalisierung lesen. Die Fachkompetenz des Verfassers schlägt sich dabei allerdings in der unterschiedlichen Gewichtung der behandelten Themen nieder. So entfällt die knappe Hälfte des Buches auf das 19. und 20. Jahrhundert; die Darstellung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bevölkerungsbewegungen wirkt daher streckenweise eher als Hinführung zu den späteren Massenmigrationen.

Es ist kaum verwunderlich, dass bei einem derart ambitionierten Unterfangen bestimmte Aspekte auf der Strecke bleiben müssen, je nachdem, welche Maßstäbe man ansetzt. Schon strukturelle Gegenüberstellungen von zwei oder drei Weltregionen leiden vor den Augen der jeweiligen Spezialisten fast zwangsläufig unter Simplifizierungen und Ungenauigkeiten, die zum einen aus Fragen der Vergleichbarkeit unterschiedlicher Phänomene resultieren, zum anderen der unüberschaubaren Spezialliteratur und zum dritten der Sprachkompetenz des Autors geschuldet sind. Der Verfasser gesteht bereits im Vorwort freimütig ein, dass ihm nur Werke in englischer, französischer und deutscher Sprache direkt zugänglich waren. Dies wirft natürlich für den Nahen und Fernen Osten, für die spanisch- und portugiesischsprachige und vor allem für die Forschung in slawischen Sprachen Probleme auf. Manche Kapitel haben somit eher Einstiegscharakter. So hätte man sich etwa eine stärkere Berücksichtigung der regionalen Rahmenbedingungen gewünscht: Die konfessionelle und administrative Situation im frühneuzeitlichen Mitteleuropa hatte ebenso wie die Koexistenz verschiedener Rechtssysteme im Osmanischen Reich (staatlich gesetztes Recht, islamisches Recht, lokale Gewohnheitsrechte) unmittelbaren Einfluss auf die Mobilität und das Zusammenleben unterschiedlicher Völkerschaften. Erschwerend kommt hinzu, dass es für einzelne im Buch angesprochene Teilgebiete offenbar zu wenige Vorarbeiten gibt, so dass der Verfasser manchmal über eine etwas allgemein gehaltene Darstellung nicht hinauskommen kann.

All dies soll und kann die imponierende Leistung des Buches jedoch nicht schmälern, das aus der Feder eines einzigen Autors eine vergleichende Zusammenschau des weltweiten Migrationsgeschehens im Sinne einer World History der letzten eintausend Jahre bietet. Als solche wird es wohl über lange Zeit konkurrenzlos bleiben.

Anmerkungen:
[1] Bade, Klaus J.; Emmer, Pieter C.; Lucassen, Leo; Oltmer, Jochen (Hg.), Migration, Integration, Minderheiten seit dem 17. Jahrhundert. Eine europäische Enzyklopädie, Paderborn 2005 (engl. Ausgabe Cambridge 2005).
[2] Lucassen, Jan, Migrant labour in Europe 1600-1900. The drift to the North Sea, London 1987.

Zitation
Alexander Schunka: Rezension zu: : Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium. Durham  2002 , in: H-Soz-Kult, 11.12.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2835>.