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Titel
Paarbeziehungen in Ostdeutschland. Auf dem Weg vom Real- zum Postsozialismus


Autor(en)
Schäffler, Eva
Erschienen
Wiesbaden 2017: Harrassowitz Verlag
Umfang
VI, 307 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christopher Neumaier, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die zeithistorische Transformationsforschung untersucht, wie sich in Ostmitteleuropa der Übergang vom Spätsozialismus zum Postsozialismus vollzog.[1] Auch Eva Schäfflers Dissertation „Paarbeziehungen in Ostdeutschland“ wendet sich dieser Frage zu. Sie arbeitet detailliert heraus, wie sich das Private in der DDR bzw. in den östlichen Bundesländern zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren veränderte und welche Rolle hierbei wirtschaftliche Veränderungen, gesellschaftliche Werte und Normen sowie politische Rahmenbedingungen spielten. Für die Zeit zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren diskutiert sie insbesondere die Bedeutung politischer Vorgaben und staatlich propagierter Leitbilder. Mit Blick auf die 1990er-Jahre stehen demgegenüber die Folgen des neuen politischen und rechtlichen Settings sowie die Diskurse über die Wiedervereinigung im Mittelpunkt. Schäffler betrachtet jedoch nicht nur diese externen Einflussfaktoren. Sie fragt auch, wie die Eigendynamiken in Paarbeziehungen den Wandel vorantrieben und in welcher Austauschbeziehung diese mit den externen Faktoren standen. Allerdings muss hierfür auch das entsprechende Quellenmaterial vorliegen, und das lieferten umfassend erst die sozialwissenschaftlichen Studien der 1990er-Jahre, deren Befunde Schäffler diskutiert und historisch verortet.

Methodisch greift Schäffler auf das Konzept der historischen Pfadabhängigkeit zurück. Angewandt auf ihren Gegenstand besagt dieses Konzept, dass ein Entwicklungskorridor für soziale Veränderungen bestand, der parallel immer durch die staatlichen Vorgaben einerseits und die Eigendynamiken der Beziehungen andererseits beeinflusst wurde. Schäffler zeigt so überzeugend den „eigenen Entwicklungsweg“ (S. 2) ostdeutscher Paarbeziehungen auf, wobei sie mehrere verschieden verlaufende Pfade darlegt. Zugleich kontrastiert sie die Entwicklungslinien mit den zeitgenössischen Prognosen, welche vielfach eine Angleichung ostdeutscher Lebensmodelle an westdeutsche vorausgesagt hatten. So gelingt Schäffler eine differenzierte und abwägende Analyse der Transformationsprozesse in drei Bereichen: Erstens betrachtet sie die Rahmenbedingungen, die sie inhaltlich anhand der Themen Gleichstellung und Sexualität behandelt. Zweitens diskutiert Schäffler die „konkrete Situation der ostdeutschen Paarbeziehungen“ (S. 3) über die Aspekte ehelicher und nichtehelicher Beziehungen sowie Ehescheidungen. Abschließend befasst sich Schäffler mit dem Thema Reproduktion, das sie an den Beispielen Schwangerschaftsabbruch und Kinderbetreuung diskutiert.

Bevor aber Schäffler die drei Themen und deren Veränderungen auf dem Weg in den Postsozialismus behandelt, folgt ein vorgeschaltetes Kapitel zu den „Vorbedingungen“; gemeint sind die methodischen Zugriffe auf den Untersuchungsgegenstand der „heterosexuellen Paarbeziehung“, wobei sich Schäffler an der Familiensoziologie orientiert. Hier bietet die Autorin eine Begriffsdefinition und stellt ihren Zugriff auf Ehe, Liebe und Ehescheidung vor. Zu fragen bliebe aber, warum gerade in Bezug auf die Liebe „Emotionen“ als Analysekategorie ausgeklammert sind und an dieser Stelle nicht unter anderem auf den Arbeiten Eva Illouz aufgebaut wird.[2] Darüber hinaus kontextualisiert Schäffler ihren Untersuchungsgegenstand in der Geschichte der DDR und fragt, wie er sich in die Ära Ulbricht sowie die Ära Honecker einpasste, welche Rolle die von der Autorin so genannte „Scharnierzeit“ zwischen 1965 und 1975 einnahm und welche Bedeutung das Jahr 1989 als „Zwischenstufe in der Entwicklung der ostdeutschen Paarbeziehungen“ (S. 1) hatte. In diesem Zusammenhang betont Schäffler, dass gerade Transferprozesse das Verhalten von Paarbeziehungen nach der Wiedervereinigung beeinflussten. Zugleich kam es aber in den „Vereinigungsdiskursen“, gemeint sind die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse im Zuge der Wiedervereinigung, zu einer Abgrenzung der ost- von der westdeutschen Identität – und umgekehrt. Denn Ostdeutsche mussten ihre Lebensbedingungen an die neuen Rahmenbedingungen anpassen, rekurrierten jedoch auch auf tradierte Ideale, was einen „eigenen Weg“ entstehen ließ.

Diesen zeigt Schäffler zunächst anhand der Gleichstellung auf. Entgegen der politischen Forderungen wurde diese in der DDR nie erreicht, da zum Beispiel die Sozialpolitik traditionelle Geschlechterrollen festigte. Zudem existierte bis zum Ende der DDR eine negative Korrelation zwischen der Geburtenförderung und der gewünschten Vollerwerbstätigkeit von Müttern. Überdies blieben zahlreiche ostdeutsche Mütter nach der Wiedervereinigung berufstätig und passten sich damit nicht an ihre westdeutschen Pendants an. Diese Entwicklung wertet Schäffler als Indikator dafür, dass die in der DDR propagierte Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft noch in den 1990er-Jahren nachwirkte. Bei der Sexualität arbeitet Schäffler zunächst den „instrumentalisierenden Charakter“ (S. 88) der staatlichen Sexualmoral heraus. Anschließend betont sie, dass die SED aufgrund bevölkerungspolitischer und ökonomischer Erwägungen einen Modernisierungs- und Liberalisierungsprozess initiiert habe. Wie bei der Sozialpolitik stand die Geburtenförderung im Vordergrund. Zugleich wollte die DDR „moderner“ als die Bundesrepublik sein. Dieser Topos fand sich überdies bei den Debatten um die gesetzlichen Bestimmungen beim Schwangerschaftsabbruch. Insofern ging es auch um eine Abgrenzung vom Westen. Abschließend verweist Schäffler darauf, dass nach 1989 Partnerschaft und partnerschaftliche Sexualität weiterhin einen hohen Stellenwert genossen haben und es entgegen der Prognosen zu keiner „Hypersexualisierung“ (S. 281) gekommen sei. Auch hier zeigte sich somit die Pfadabhängigkeit deutlich.

Diesen Aspekt betont Schäffler auch in den folgenden beiden Kapiteln immer wieder. Damit entfaltet sich dem Leser ein differenziertes Panorama, bei dem die Transformationsprozesse in Paarbeziehungen zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren abwägend dargestellt werden. Allerdings hätte es sich angeboten, detaillierter herauszuarbeiten, was sich im konkreten Fall hinter einem Sammelbegriff wie „Vereinigungsdiskurse“ versteckt und welche Akteure hier in Erscheinung traten. Auch bliebe zu hinterfragen, inwiefern „die Ehe in der späten DDR immer weniger als ‚Wert‘ angesehen wurde“. (S. 127) Schäffler betont dies mit einem Verweis auf die Tendenz, schneller zu heiraten und sich früher scheiden zu lassen. Aber kann dies nicht auch auf eine anhaltend hohe Wertschätzung der Ehe verwiesen? Schließlich haben Familiensoziologen und -soziologinnen immer wieder betont, dass von einer hohen Scheidungsrate nicht zwangsläufig auf eine niedrige Wertschätzung der Ehe geschlossen werden könne. Sobald die individuellen Erwartungen an eine Ehe, wie zum Beispiel eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung und gegenseitige Liebe, nicht mehr erfüllt wurden, beendeten Paare ihre Ehe durchaus mit der Hoffnung, dass sich ebendies in der nächsten Ehe einstellen werde. Diese Fragen drängen sich der Leserin bzw. dem Leser auf und zudem regen Schäfflers Thesen insgesamt zum Nachdenken an.

Die Frage, wie die Sozialpolitik den Trend zum Zusammenleben in nichtehelichen Lebensgemeinschaften in der DDR begünstigte, ist ein weiterer Schwerpunkt in Schäfflers Studie. Neben der Vollerwerbstätigkeit von Müttern und der ebenfalls behandelten Entwicklung der Ehescheidungen legt die Autorin auch hier dar, wie ein eigener ostdeutscher Weg entstand. Daraus leitet sie die These ab, dass bis in die 1990er-Jahre in Deutschland zwei „Familienregime“ (S. 283) existierten. Auch im abschließenden Kapitel zu den Themen Schwangerschaftsabbruch und Kinderbetreuung macht Schäffler dieses Argument stark. So galten im wiedervereinigten Deutschland bis 1996 zwei unterschiedliche Bestimmungen: In den neuen Bundesländern behielt das DDR-Recht mit der Fristenlösung weitgehend seine Gültigkeit, wohingegen in den alten Bundesländern das Indikationsmodell der 1970er-Jahre den rechtlichen Rahmen absteckte. Ferner hatte sich die ganztägige Betreuung von Kindern in der DDR zur Norm entwickelt, die auch nach der Wiedervereinigung nicht zur Disposition stand.

Schäfflers Studie zeigt überzeugend auf, wie im Sozialismus und Postsozialismus in Ostdeutschland die externen Einflüsse und Eigendynamiken von Paarbeziehungen in einer engen Austauschbeziehung standen und sich wechselseitig beeinflussten. Diese Verschränkungen ließen wiederum einen „eigenen“ ostdeutschen Pfad entstehen ließ, der sich in einer bis heute anhaltenden Ost-West-Differenz zeigt. Die Studie ist damit insbesondere für Historikerinnen und Historiker von Interesse, die zu sozial- und politikgeschichtlichen Themen im geteilten und wiedervereinigten Deutschland forschen. Zugleich verortet Schäffler dabei zeitgenössische Prognosen aus den 1990er-Jahren historisch. Damit leistet ihre Arbeit auch einen Beitrag zur Frage, wie Gegenwartsdiagnosen retrospektiv neu gelesen werden können.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa. Aktualisierte Aufl., Berlin 2016; http://zzf-potsdam.de/de/forschung/linien/die-lange-geschichte-der-wende-lebenswelt-systemwechsel-ostdeutschland-vor-waehrend (06.08.2018).
[2] Vgl. exemplarisch Eva Illouz, Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung, Frankfurt am Main 2012.

Zitation
Christopher Neumaier: Rezension zu: : Paarbeziehungen in Ostdeutschland. Auf dem Weg vom Real- zum Postsozialismus. Wiesbaden  2017 , in: H-Soz-Kult, 13.11.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28369>.
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Veröffentlicht am
13.11.2018
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