Sammelrezension: Dreißigjähriger Krieg

Rebitsch, Robert (Hrsg.): 1618. Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Wien : Böhlau Verlag  2017 ISBN 978-3-205-20413-8, 229 S. € 24,99.

: Der Krieg der Kriege. Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Stuttgart : Klett-Cotta  2018 ISBN 978-3-608-96176-8, 296 S. € 25,00.

: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. München : C.H. Beck Verlag  2018 ISBN 978-3-406-71836-6, 810 S. € 32,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Burgdorf, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das monumentalste Werk zum 400. Jahrestag des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges hat mit 1.143 Seiten der Brite Peter H. Wilson vorgelegt: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie.[1] Vom Umfang reicht nur Herfried Münklers Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma mit 974 Seiten an Wilsons Epos heran.[2] Aber das Opus des Berliner Politologen ist schwierig. Sein Hauptreferenzwerk stammt aus den Jahren 1889-1908, verfasst von Moriz Ritter.[3] Böhmen wird als Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation angesehen, das zudem ständig als „Kaiserreich“ bezeichnet wird. Neuere Literatur wie zum Beispiel das Werk von Wilson wurde nicht zur Kenntnis genommen. In den letzten Jahrzehnten sei „keine umfassende Darstellung dieses Krieges mehr geschrieben worden“ (S. 36). Zweifelhaft erscheint insbesondere, dass Kriege nach 1648 „kalkülrational“ geführt worden seien (S. 23). Im Interregnum führte im Übrigen nicht der Erzkanzler, sondern besorgten die Reichsvikare die „Amtsgeschäfte“ des Reiches (S. 130).

Auch zahlreiche österreichische und deutsche Historiker/innen haben den Jahrestag zum Anlass für Veröffentlichungen genommen. In dem von Robert Rebitsch herausgegebenen Band beleuchten sieben Historiker, die mit der Epoche bestens vertraut sind, die Ursachen, die politischen und militärischen Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Vorfeld und zu Beginn des dreißigjährigen Konflikts. Der Band schließt somit an Heinz Duchhardts Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Krisendekade 1608-1618 an[4] und behandelt die Zeit, die auch Andreas Bähr unter einem besonderen Aspekt betrachtet hat: Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg.[5]

In dem von Rebitsch betreuten Band analysiert Michael Rohrschneider internationale „neuralgische Zonen“ und Konfliktfelder vor dem Krieg. Axel Gotthard geht auf die konfessionspolitische Lage im Reich ein. Es sei dahingestellt, ob ein „pfälzischer Spitzendiplomat“, der 1611 in einem Brief von einer katholischen Verschwörung zur Vernichtung des Protestantismus schreibt, dies ganz ohne „propagandistische Absicht“ tat (S. 58). Die Politik der Casa de Austria während des Bruderzwistes betrachtet Lothar Höbelt. Michael Kaiser und Stefan Ehrenpreis beleuchten die beiden Militärbündnisse der konfessionellen Lager samt ihren Akteuren. Kaiser stellt Maximilian von Bayern und die katholische Liga vor und ruft in Erinnerung, dass die habsburgische Herrschaft in den Erblanden 1618 „vor dem völligen Zusammenbruch“ stand (S. 115). Ehrenpreis behandelt sehr kenntnisreich die Frage, ob es sich bei der protestantischen Union um „ein regionales Verteidigungs- oder antikaiserliches Offensivbündnis“ gehandelt habe. Jan Kilián führt die zentralen Ereignisse in Böhmen vor dem Fenstersturz vor, und Robert Rebitsch beschäftigt sich abschließend mit den ersten beiden Jahren des Krieges vornehmlich aus militärhistorischer Sicht. Der Aufstand in Böhmen scheiterte demnach am Unvermögen, die erforderlichen finanziellen Mittel für den Krieg aufzubringen (S. 183). Adressat des Bandes ist ein „breites, am Dreißigjährigen Krieg interessiertes Lesepublikum. In den verschiedenen Aufsätzen geht es daher nicht um eine akademisch umfassende Diskussion des Forschungsstandes“ (S. 13).

Mit ungeheurer literarischer Wucht beginnt Johannes Burkhardts Der Krieg der Kriege, indem er zunächst die Leiden der Bevölkerung darstellt: „Die Geographie des Schreckens – Entvölkerungsdiagonale und Katastrophengebiete“, „Die Trinität des Todes – Gewalt, Hunger und Seuchen“, „Die Lebensrisiken der Vergessenen – Kinder, Frauen und Soldaten“, „Kinderelend, sexistische Dauergreuel und Massengräber“ (S. 17). Für Burkhardt ist der Dreißigjährige Krieg mehr als ein Religionskrieg: Ein europäischer „Staatsbildungskrieg“ sowie deutscher „Verfassungskrieg“, ein „Musterbeispiel für die Bellizität der Frühen Neuzeit und ihre Ursachen“ (S. 11). Dieser „Krieg der Kriege“ habe „erstmals die europäische Zivilisation selbst bedroht (S. 51). Ob der Prager Fenstersturz nicht den Krieg, „wohl aber eine engagierte Friedenssuche“ auslöste (S. 54), wird man wohl noch diskutieren müssen. Diese Suche nach dem Frieden ist Burkhardts großes Thema. Zum ersten Mal werden die vielfältigen Friedensinitiativen seit 1618 eingehend gewürdigt, „denen eine größere Bedeutung auch für heutige Konfliktlösungen zukommt, als bisher bekannt war“. So formuliert es die Verlagswerbung.

Diese intensiven Friedensbemühungen wurden zuvor bereits von Anja Victorine Hartmann in Von Regensburg nach Hamburg[6] und Siegrid Westphal in Der Westfälische Frieden[7] betont. Burkhardt unternimmt dies nun von Beginn des Krieges an. „Dieses Buch über den Krieg der Kriege rückt den Frieden ins Zentrum der ganzen Darstellung“ (S. 238). Ein erster geplanter Friedenskongress in Eger 1619 scheiterte am Tod Kaiser Matthias’. Eindrücklich beschreibt Burkhardt wie, abgesehen vom Reichstag, die Reichsinstitutionen, die Höchstgerichte und insbesondere die „herrschaftsübergreifenden regionalen Kreistage“ im Krieg tätig blieben und Erstaunliches leisteten, zum Beispiel die Überwindung der Währungskrise der „Kipper- und Wipperzeit“ (S. 119). Gleichzeitig brachte der Krieg neue Institutionen hervor, wie die stehenden Heere. „Diese ganze Institutionalisierung der Gewaltorganisation des Staates ist vor dem Hintergrund des Krieges der Kriege zu sehen“ (S. 133). Neben separatistischen Staatsgründungsversuchen wie in den Niederlanden, der Eidgenossenschaft und Böhmen wurde der Krieg aber auch durch universalmonarchische Ambitionen der Habsburger, Schwedens und Frankreichs am Leben erhalten, „die als Maximalziel“ ein „gemeinsames Europa unter ihrer politischen Führung anstrebten“ (S. 151). „Der Krieg ging weiter und zeigte immer offener sein wahres Gesicht als Kampf der Universalmächte um Europa mitten in Deutschland“ (S. 156).

Die Bewertung Wallensteins als „Friedensapostel“ (S. 164) dürfte Widerspruch erregen, ebenso die Würdigung des Prager Friedens von 1635 als „in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges der bedeutendste Beitrag zum Frieden“ (S. 193). Zumindest eine zeitgenössische Spruchweisheit hat auch heute noch uneingeschränkt Gültigkeit: „Ein Kriegsspiel fängt sich leichtlich an, schwer man beenden es dann kann“ (S. 158).

Die gewichtigste Neuveröffentlichung zum Dreißigjährigen Krieg eines deutschsprachigen Historikers stammt von dem Jenaer Frühneuzeitler Georg Schmidt. Wie Burkhardt hat sich Schmidt schon seit Jahrzehnten mit dem Thema befasst. Die Reiter der Apokalypse – sie stehen für Krieg, Hunger und Seuchen, die millionenfachen Tod brachten und weite Teile Mitteleuropas verwüsteten – sind meinungsfreudig und setzen deutlich andere Akzente. Schmidt „schildert die militärischen, sozioökonomischen und mentalen Dispositionen der Akteure und Betroffenen. Die traditionellen Charakterisierungen des Dreißigjährigen Krieges als deutscher oder europäischer Glaubens-, Freiheits-, Wirtschafts- und Mächtekrieg werden nicht zurückgewiesen. Das Tableau wird jedoch um vier Beobachtungen erweitert: „erstens die zeitgenössische Frage nach Gottes Wille und Strafgericht, zweitens die unbändige Angst, drittens den Kampf um die Freiheit und viertens den Zufall und das Rad der Fortuna“ (S. 22f.). Dieses Programm realisiert Schmidt in beeindruckender Weise. Vorrangig betrachtet er den Dreißigjährigen Krieg als „ein[en] aus dem Ruder gelaufenen Verfassungskonflikt“ (S. 688).

Auch die Geschichte der bisherigen Darstellung des Konfliktes wird nachgezeichnet. „Der ‚Superlativ des Entsetzens‘ findet sich in den Quellen, weil die Klagenden ansonsten kein Gehör mehr fanden. Die einzelnen Versatzstücke des Leidens wurden aber erst im 19. Jahrhundert zur Urkatastrophe und zum kollektiven Trauma verdichtet, um den preußischen Weg zum kleindeutschen Nationalstaat historisch zu legitimieren“ (S. 13, 684). Es kam zu „einer Kaperung und Borussifizierung der deutschen Vergangenheit“ (S. 679).

Auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen, Pamphleten, Gutachten, diplomatischen Relationen, Predigten und anderen zeitgenössischen Quellen schildert Schmidt das Geschehen souverän und sprachgewaltig. Sehr intensiv betrachtet Schmidt, ausgehend von der Renaissance und der Reformation, den Zeitgeist, der die Ereignisse grundierte. „Für das Luthertum war mit der Identifikation des Papsttums als Antichrist das letzte Zeitalter angebrochen“ (S. 17); „Angstfrömmigkeit“ (S. 35) war weit verbreitet. „Als im letzten Kriegsjahrzehnt der Tod mehr denn je wütete und die Verwüstungen ganzer Landstriche am größten waren, verschwanden die Berufungen auf die apokalyptischen Plagen und die Vorstellung eines gottgewollten Krieges oder gar eines Endkampfes gegen den Antichristen fast völlig. Die unter dem Krieg und seinen Folgen leidenden Menschen lösten das irdische Geschehen aus dem biblischen Horizont. Gott verlor seine Allzuständigkeit, und die Menschen wurden für ihre diesseitige Welt und ihre Kalamitäten selbst verantwortlich. Die Zukunft lag nicht nur in Gottes Hand. Das metaphysische Verweisgefüge brach als Instrument der Disziplinierung zusammen“ (S. 19, 29, 645, 673). Gottes Wille und Beistand hatten sich in der zweiten Hälfte des Krieges als „Argument der Siegeszuversicht verbraucht“ (S. 546). Der Krieg wurde zum Katalysator für Säkularisierung und Aufklärung. Das wäre auch dem heutigen Nahen Osten zu wünschen.

Die Thesen von Konfessionalisierung und Religionskrieg relativiert Georg Schmidt. Kirchenordnungen und territoriale Bekenntnisse suggerierten eine religiöse Einheitlichkeit, die es in der Realität nicht gab. In evangelischen Ländern lebten Katholiken, in altgläubigen Protestanten. Selbst Sekten wurden längst nicht überall konsequent verfolgt. Die zahlreichen Gemeindevisitationen dokumentierten indifferente, synkretistische und höchst krude Vorstellungen von gut lutherisch, katholisch oder calvinisch (S. 68). Der Konfessionsfundamentalismus, der auf die gewaltsame Durchsetzung der eigenen religiösen Wahrheit und daran gekoppelten machtpolitischen Interessen setzte und sich im großen Krieg entlud, „war ein Konstrukt der Propaganda“ (S. 151).

Der Heilbronner Bund war wohl weniger eine „wohlwollende Hegemonie“ als ein „von Deutschen finanziertes schwedisches Sicherheitssystem“ (S. 389). Ganz anders als bei Burkhardt wird Wallenstein von Schmidt als Intrigant charakterisiert (S. 439, 452). Auch der Prager Frieden ist für Schmidt keine Chance mit viel Potential, sondern eine „monarchische Provokation“, „ein verkapptes Kriegsbündnis gegen fremde Invasoren“ (S. 475, 692).

„Der Westfälische Friede war ein Meisterwerk, weil er die transzendentalen Ziele außer Acht ließ und sich auf das politisch Machbare konzentrierte“ (S. 548). Während Münkler ab 1648 vom „Westfälischen System“ der internationalen Beziehungen spricht, das bis in unsere Gegenwart reiche und Burkhardt ähnlich vom „Staatsbildungskrieg“ spricht, sieht Schmidt dies dezidiert anders: „Für das politische System Europas und des Reichs-Staates bedeuten der Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Frieden keine tiefe Zäsur“ (S. 634). Eine sehr entschiedene Feststellung, der mit guten Argumenten widersprochen werden kann. Die Reiter der Apokalypse sind ein unbedingt lesenswertes Buch.

Anmerkungen:
[1] Peter H. Wilson, Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Darmstadt 2017 (engl.: Europe’s Tragedy: A History of the Thirty Years War, London 2009); vgl. die Rezension von Michael Rohrschneider, in: H-Soz-Kult, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13303 (02.10.2009).
[2] Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648, Reinbek 2017; vgl. die Rezension von Jost Dülffer, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28820 (15.03.2018).
[3] Moriz Ritter, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges (1555-1648), 3 Bde., Stuttgart 1889-1908.
[4] Heinz Duchhardt, Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Krisendekade 1608-1618, München 2017; vgl. die Rezension von Robert Rebitsch, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27712 (11.07.2017).
[5] Andreas Bähr, Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg, Reinbek 2017.
[6] Anja Victorine Hartmann, Von Regensburg nach Hamburg. Die diplomatischen Beziehungen zwischen dem französischen König und dem Kaiser vom Regensburger Vertrag (13. Oktober 1630) bis zum Hamburger Präliminarfrieden (25. Dezember 1641), Münster 1998; vgl. meine Rezension, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-454 (07.02.2000).
[7] Siegrid Westphal, Der Westfälische Frieden, München 2015.

Zitation
Wolfgang Burgdorf: Rezension zu: Rebitsch, Robert (Hrsg.): 1618. Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Wien  2017 / : Der Krieg der Kriege. Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Stuttgart  2018 / : Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. München  2018 , in: H-Soz-Kult, 16.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28375>.
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16.10.2018
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