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Titel
Wiring the Nation. Telecommunication, Newspaper-Reportage, and Nation Building in British India 1850–1930


Autor(en)
Mann, Michael
Erschienen
Umfang
XXII, 298 S.
Preis
€ 44,40
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Volker Barth, Historisches Institut, Universität zu Köln

Michel Mann verfolgt mit seiner jüngsten Monographie gleich mehrere Ziele. Er will die Entwicklung von Telegrafie und Presse in Indien untersuchen, analysieren wie diese verschiedene indische Öffentlichkeiten formten und beeinflussten sowie deren Einfluss auf die Entstehung und Verbreitung einer indischen Nationalbewegung thematisieren. Diese verschiedenen Untersuchungsstränge sollen jedoch gerade nicht aus einer nationalstaatlichen, auf den Subkontinent begrenzten Perspektive zusammengeführt, sondern konsequent an ihre globalen Verflechtungen und Transferprozesse zurückgebunden werden. Dabei unterscheidet Mann sorgfältig zwischen „Globalgeschichte“ und „Geschichte der Globalisierung“, betont immer wieder die Besonderheiten der indischen Entwicklung, setzt diese in Bezug zu ähnlichen Phänomenen in anderen Weltregionen und schreibt sie zugleich in globale Entwicklungen des Ausbaus von Telekommunikationsnetzen ein.

Mann definiert Globalisierung als Veränderung von Räumen und Grenzen. Er beschäftigt sich weniger mit der Frage, inwieweit globale Phänomene zu einer Vereinheitlichung der Welt führten. Für den Spezialisten der Geschichte einer außereuropäischen Großregion sind Ideen einer westlich-europäischen Expansions- und Diffusionsbewegung von vorneherein verdächtig. Stattdessen thematisiert er dynamische Netzwerke grenzübergreifender Beziehungen und die daraus resultierenden asymmetrischen Machtstrukturen. Die gleichzeitige Formierung einer indischen Nationalbewegung zwischen den 1880er- und 1930er-Jahren und die Verstetigung der internationalen Anbindung Indiens durch Telegrafenkabel und Nachrichtenagenturen stellen für ihn keinen aufzulösenden Widerspruch, sondern das doppelte Resultat eines regional spezifisch verlaufenden Globalisierungsprozesses dar. „It seems reasonable to consider the telegraph and telegraphic communication as essential constitutive components in re-conceptualizing globalization as a part of global history.“ (S. 13)

Daher macht Mann nicht den britischen Imperialismus, sondern den globalen Kapitalismus zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Im Gegensatz zu anderen Studien beschreibt er den Ausbau des indischen Telegrafennetzes gerade nicht als eine Folge des Indischen Aufstands (1857–59), als die Briten sich der strategischen Nachteile unzureichender Kommunikationswege nur allzu bewusst wurden. Seine Darstellung beginnt mit der globalen Zusammenarbeit von Telegrafengesellschaften und Nachrichtenagenturen, die sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in globalen Kartellen organisierten, um ihre Geschäftsbereiche weltweit auszudehnen und mögliche Konkurrenz im Keim zu ersticken. Dabei griffen sie auf international operierende Firmen wie z.B. Siemens & Halske zurück, die 1870 die in der Folge wichtigste Telegrafenverbindung nach Europa verlegten. Mann stößt in ein bekanntes Horn der Presseforschung und Mediengeschichte, indem er zu Recht betont, dass diese Telegrafenlinien Nachrichten nicht einfach transportierten, sondern in ihrer Form und Bedeutung grundlegend veränderten. Exponentiell ansteigende Übertragungskapazitäten und -geschwindigkeiten führten nicht nur zu sich verändernden Erwartungshaltungen und Rezeptionsgewohnheiten, sondern brachten auch neue Zeitungs- und Pressestrukturen hervor. Telegrafennachrichten avancierten zu eigenen, prominent platzierten Rubriken, denen besondere Bedeutung beigemessen wurde. Ähnliches konstatiert Mann auch am Ende seines Untersuchungszeitraums für die Einführung des Telefons.

Diesen nachhaltigen strukturellen Veränderungen folgt der Autor in seinem dritten Kapitel, in welchem er die Auswirkungen dieser Umstrukturierungsprozesse auf indische Öffentlichkeiten diskutiert. Diese will Mann dezidiert im Plural (public spheres) verstanden wissen und unterscheidet sie in erster Linie geografisch, vor allem zwischen Delhi und Kalkutta. Diesen regionalen Schwerpunkten stellt er eine sich progressiv ausbildende britisch-koloniale Öffentlichkeit gegenüber, wobei er punktuell auf die in seiner Einleitung knapp zusammengefasste Kritik am Öffentlichkeitskonzept von Habermas zurückgreift. Dieses scheint auch Mann zu weiß und zu bildungsbürgerlich, zu männlich und zu literarisch. Letzten Endes gelingt es aber auch Mann nicht, ein eigenes alternatives Konzept zu formulieren. Die verstreuten Anmerkungen in diese Richtung werden im Gegensatz zum empirisch sehr dichten und sehr sorgfältig belegten Rest des Buches nicht durch zusätzliche Informationen gestützt. „In Bengal, as in other parts of the subcontinent, indigenous predecessors of public spheres were based on local-regional customary habits of gathering and conversation that were now transformed according to the political and social needs of the urban populace.” (S. 84) Hier begnügt sich der Autor mit einem Hinweis auf die Arbeiten von Sumanta Banerjee.[1] Dies überrascht insofern als „public sphere“, ein Begriff, der in vier der sechs Kapitelüberschriften des Buches auftaucht, hier gleichsam durch die Hintertür als hegemoniales (Forschritts-)Konzept wieder eingeführt zu werden droht.

Mann konzentriert sich in seiner Analyse ganz auf die Presse. Genauer: auf englischsprachige Zeitungen in Händen indischer Besitzer. Diese werden im vierten Kapitel exemplarisch vorgestellt und durch die Anführung der wichtigsten Nachrichtenagenturen, wie Reuters und der Associated Press of India, ergänzt. Obwohl dieser Abschnitt etwas zu sehr als Aufzählung daherkommt, leistet Mann hier wichtige Grundlagenarbeit. Vor allem werden die unterschiedlichen politisch-nationalen Ausrichtungen einzelner Blätter klar erkennbar, die immer wieder an ihre Nachrichtenquellen und Darstellungsformate zurückgebunden werden. Mann weist nach, wie insbesondere die Kriege um 1900 (Südafrikanischer Krieg, Boxeraufstand, Russisch-japanischer Krieg) die Berichterstattung in Indien veränderten. Der Widerstand gegen koloniale Beherrschung und das Mächteverhältnis zwischen europäischen und außer-europäischen Mächten avancierten zu zentralen Themen der öffentlichen Debatten. Besonders interessant sind die Passagen, in denen Diskussionen in der indischen Presse um konkrete Formen des Widerstandes, wie z.B. die Boykotte ausländischer bzw. kolonialer Produkte in China oder Ägypten, nachgezeichnet werden.

In diesen globalen Verflechtungen verortet Mann die Ursprünge einer eigenständigen, nationalen Öffentlichkeit auf dem indischen Subkontinent. Diese unterteilt er in den letzten beiden Kapiteln chronologisch in eine „Developmental Stage, 1904–21“ und eine „Mature Stage, 1928–31“. Während Erstere durch den Beginn der Swadeshi-Bewegung, die sich gegen den Teilungsplan in Bengalen um 1904 formierte, und die (sehr unterschiedlichen) Reaktionen auf das Amritsar-Massaker von 1919 abgegrenzt werden kann, beginnt Letztere mit der Einsetzung britischer Reformkommissionen am Ende der 1920er-Jahre. Diese Kapitel heben stark auf politische Ereignisse ab, die Berichterstattung in den Zeitungen tritt in den Hintergrund. Hier wird dem Leser die ganze Bandbreite politischer Haltungen in Indien vor Augen geführt. Es entsteht das Bild einer ausgesprochen komplexen und fragmentierten politischen Landschaft, die insbesondere von Exilgruppen aus dem Ausland nachhaltig beeinflusst wurde. Dabei, dies betont Mann an mehreren Stellen, hatten Exilanten in den USA eine besondere Stellung inne, da die Vereinigten Staaten bereits erfolgreich vorexerziert hatten, wie man sich von britischer Kolonialherrschaft befreien konnte.

Am Ende greift Mann mit Gandhis Salzmarsch eine der bekanntesten Episoden der neueren indischen Geschichte überhaupt auf. Nicht zufällig wird ab diesen Passagen der Begriff der „public sphere“ immer häufiger durch den der „imagined community“ ersetzt. Wie Anderson erzählt auch Mann die Geschichte einer Gesellschaft, die sich erst durch eine gemeinsame Schriftsprache als Nation zu imaginieren begann. Trotzdem gelingt es Mann, ein viel komplexeres und überzeugenderes Gesamtbild zu zeichnen als das einer graduell an Struktur und Durchsetzungskraft gewinnenden und letzten Endes erfolgreichen Nationalbewegung. Erst durch strukturelle Veränderungen der Presselandschaft, die auf das Engste mit der Einführung der Telegrafie und dem besonderen Stellenwert telegrafischer Nachrichten verbunden war, konnten bestimmte Themen, wie z.B. der Umgang mit kommunistischen Gruppen oder politischen Gefangenen durch die britischen Kolonialherren, zum Ausgangspunkt überregionaler Protestbewegungen werden.

Mann sieht im Telegrafen weniger ein Kontrollinstrument als ein Emanzipationsmittel, ja sogar „one of the all-Indian public sphere’s strongest strategic weapons“ (S. 252). Dass dabei auch am Ende nicht deutlich wird, was diese „public sphere“ genau von der veröffentlichten Meinung der Zeitungen unterschied, ändert nichts daran, dass Michael Mann eine methodisch innovative, vielschichtige und gedankenreiche Arbeit vorgelegt hat, die neue Schlaglichter auf die indische Geschichte in ihren globalen Bezügen wirft und hoffentlich viele Nachfolgearbeiten zur Auswirkung der Telegrafie in anderen Weltregionen nach sich zieht.

Anmerkung:
[1] Sumanta Banerjee, The Parlour and the Street. Elite and Popular Culture in Nineteenth-Century Calcutta, Kalkutta 1989.

Zitation
Volker Barth: Rezension zu: : Wiring the Nation. Telecommunication, Newspaper-Reportage, and Nation Building in British India 1850–1930. Oxford  2017 , in: H-Soz-Kult, 18.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28425>.