P. Lorcin u.a. (Hrsg.): French Mediterraneans

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Title
French Mediterraneans. Transnational and Imperial Histories


Ed.
Lorcin, Patricia M. E.; Todd Shepard
Published on
Extent
XII, 426 S.
Price
€ 51,57; $ 65.00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Stefan Preiß, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Ein osmanischer Münzer im Paris des 18. Jahrhunderts, der Einfluss der Dreyfus-Affäre auf die Juden der algerischen Sahara, das Erdbeben in Agadir 1960 und der Status der italienischen Kolonialsubjekte im französischen Protektorat Tunesien: All diese – auf den ersten Blick disparat erscheinenden Themen – haben Platz in dem Sammelband French Mediterraneans. Denn das Mittelmeer war für die meisten Bewohner seiner Ufer – so die einhellige Meinung der neueren Forschung – kein klar definierter Ort: Die Vorstellung eines zusammenhängenden mediterranen Raumes entstand vielmehr erst durch dessen imperiale Beherrschung, durch das römische Imperium in der Antike und das französische der Neuzeit. Die Rolle imperialer Ambitionen bei der Entstehung des französischen Raumkonzepts Méditerranée ist schon zuvor von verschiedenen Autoren herausgehoben worden.[1] Der Band verfolgt den Anspruch, durch die Einbeziehung verschiedener Disziplinen wie der Judaistik oder der Osmanistik einen multiperspektivischen Blick auf dieses „französische Mittelmeer“ zu gewinnen und zu zeigen, welche Rolle bisher meist ausgeblendete Akteurinnen und Akteure in diesem Prozess spielen. Frankreich selbst soll in diesen mediterranen Verflechtungsgeschichten nicht mehr allein im Zentrum stehen: „All of our contributions critique or nuance the argument that has shaped so many histories about the Mediterranean, which presents it as a place where diverse peoples looked to and benefited from France.“ (S. 9) In diesem Sinne trägt der Band auch zur Überwindung des Eurozentrismus bei.

Die Herausgeber Patricia Lorcin und Todd Shepard gehören zu den international führenden Experten zur Geschichte des kolonialen Algerien.[2] Die 12 Autorinnen und Autoren beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte des Osmanischen Reiches, des Judentums, des Maghreb und der Levante. Auffällig ist, dass kein einziger Forscher einer französischen Universität zu diesem Werk beigetragen hat – was eine Tendenz der Forschung zur französischen Kolonialgeschichte der letzten Jahre bestätigt, dass neuere methodische Ansätze vor allem aus dem anglo-amerikanischen Raum kommen, während sich die Geschichtswissenschaft des Hexagone mit diesen Zugängen schwertut. Chronologisch spannt sich der Bogen vom 18. Jahrhundert bis zur Epoche der Dekolonisierung der 1950er- und 1960er-Jahre. Beim Überblick über die Themen fällt außerdem auf, dass die Ägyptenexpedition Napoleon Bonapartes, die gemeinhin als Beginn des französischen Imperialismus im Mittelmeerraum galt, fehlt; auch die Geschichte des französischen Algerien spielt nur eine Nebenrolle. Stattdessen sollen weniger bekannte Fälle, Räume und Akteure in den Vordergrund treten.

So legen die Beiträge von Ali Yaycioğlu und Ian Coller dar, dass schon von Zeitgenossen die Ereignisse rund um den Sturz von Sultan Selim II. von französischen Beobachtern in einen Zusammenhang mit der Französischen Revolution gestellt wurden und die revolutionären Ereignisse einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklung der so genannten Barbareskenstaaten in Nordafrika hatten. Damit könne das Mittelmeer ebenso als „revolutionary sea“ gelten wie der Atlantik. Spencer Segalla beschreibt, wie das verheerende Erdbeben, das 1960 die Stadt Agadir zerstörte, und die anschließenden Bemühungen um den Wiederaufbau die Stadt ebenso nachhaltig veränderten wie die Beziehungen Marokkos zur ehemaligen Protektoratsmacht Frankreich im Kontext des Kalten Krieges. Mary Dewhurst Lewis erhellt in ihrem Beitrag über den Rechtsstatus der Bewohner des französischen Protektorats Tunesien auf eindrückliche Weise die lange Geschichte der Exklusion und Ungleichbehandlung durch die indirekte französische Herrschaft und betont dabei, wie durchlässig die willkürlich gezogenen Grenzen zwischen Europäern und Nicht-Europäern in Wirklichkeit sein konnten. Zugleich zieht sie Parallelen zum gegenwärtigen Grenzregime der EU in den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla: Hier wie dort ging der Beschluss europäischer Staaten, ihren Bürgern wechselseitig gleiche Rechte zu gewähren, Hand in Hand mit dem Ausschluss von Nicht-Europäern. Im tunesischen Fall führte die Forderung, dass die französische Verwaltung auch allen Bewohnern der italienischen Kolonien in Libyen, die sich in Tunesien aufhielten, den Rechtsstatus von „Europäern“ zuerkennen sollte, zu einer handfesten diplomatischen Krise zwischen Frankreich und Italien. Der politisch brisante Vergleich mit Ceuta und Melilla zeigt dabei beunruhigende Kontinuitäten auf, hat aber, wie die Autorin selbst zugibt, auch seine Schwächen.

Zu den Stärken des Bandes gehört es, bislang wenig beachtete Biographien von Frauen und Männern zu beleuchten und zu zeigen, wie deren Lebensweg durch die französische Kolonialherrschaft im Maghreb und in Teilen des Nahen Ostens geprägt wurde. Wie sehr diese spezifische Gruppen und Akteure zur Neuerfindung zwang, ihnen aber auch die Möglichkeit bot, sich neue Identitäten zu formen, zeigt Susan Gilson Miller am Beispiel der wenig bekannten Lebensgeschichte des marokkanischen Juden Moïse Nahon, der stellvertretend für eine ganze Generation von maghrebinischen Juden steht, die durch die Schulen der Alliance Israélite Universelle mit der französischen Sprache und Kultur in Kontakt kamen und in der Folge versuchten, das europäische Ideal der Modernität mit ihrer traditionellen Lebensweise in Einklang zu bringen. Julia Clancy-Smith demonstriert anhand der Lebenserinnerungen dreier maghrebinischer Frauen, welche Rolle die koloniale Schule, durch die zum ersten Mal die traditionellen Familienstrukturen infrage gestellt wurden, in ihrer Biographie spielen konnte und unter welchen Bedingungen diese Lebenswege möglich wurden.

Immer wieder gelingt es dem Band so, die Geschichte des französischen Mittelmeeres von den vermeintlichen „Rändern“ her zu denken und Denkschemata infrage zu stellen, die gerade in der französischen Geschichtswissenschaft noch festgefügt sind. In einigen Fällen wirkt der mediterrane Kontext dabei allerdings etwas konstruiert oder fasert sogar vollends ins Diffuse aus, etwa wenn im Falle von Agadir (S. 103) oder der algerischen Sahara (S. 267) explizit gesagt wird, dass diese geographisch keine mediterranen Orte waren, jedoch durch das Handeln der französischen Akteure als solche konstituiert wurden, ohne dass dieser Nachweis erbracht würde. Hier zeigen sich auch die Grenzen des Ansatzes: Die Pluralität der Perspektiven lässt die Synthese zuweilen bemüht wirken. Doch obwohl der gemeinsame Bezugsrahmen nicht immer erkennbar ist, hat man es als Leser durchweg mit empirisch reichen, stilistisch sehr gelungenen und anregenden Einzelbeiträgen zu tun, die neue Sichtweisen eröffnen und in hohem Maße anschlussfähig erscheinen für künftige Forschungen zum modernen Mittelmeerraum. Denn auch andere Europäer – Briten, Griechen, Italiener – suchten die Region im 19. und 20. Jahrhundert zu beherrschen. Der Band von Lorcin und Shepard bietet insofern einen guten Ausgangspunkt für vergleichende Studien zur Geschichte der modernen Diasporen und Imperien des Mittelmeerraumes.

Anmerkungen:
[1] Wolf Lepenies, Die Macht am Mittelmeer. Französische Träume von einem anderen Europa, München 2016.
[2] Patricia Lorcin, Imperial Identities. Stereotyping, Prejudice, and Race in Colonial Algeria, London 1995; Todd Shepard, The Invention of Decolonization. The Algerian War and the Remaking of France, Ithaca (NY) 2006.

Citation
Stefan Preiß: Rezension zu: Lorcin, Patricia M. E.; Todd Shepard (Hrsg.): French Mediterraneans. Transnational and Imperial Histories. Lincoln NE  2016 , in: H-Soz-Kult, 17.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28462>.
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17.05.2018
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